Zwischen den Welten

25.

Cahal presste die Fingerspitzen gegen die Schläfen und verfluchte seine Kopfschmerzen. Dafür war keine Zeit, ebenso wenig wie für seine Müdigkeit. Die zwei Stunden Schlaf, die er in dieser Nacht bekommen hatte, mussten ausreichen. Die Dusche hatte nicht allzu viel geholfen, ihm war trotzdem nur zu bewusst, dass er auch in der Nacht davor sein Bett kaum angesehen hatte.

Mit Hilfe des Codes von Niel war es ihm am Abend noch gelungen, den König zu kontaktieren. Das Gespräch mit ihm und General Kirale Hashar, dem ersten General seiner Majestät, hatte Stunden gedauert; es war nur kurz unterbrochen gewesen, als die beiden an Bord gegangen waren, um Ajest sofort zu verlassen und nach Jume zurückzukehren.

Rasch und präzise bändigte Cahal sein weißblondes Haar, dann zog er die schwarze Uniformjacke über, eine wesentlich einfachere Variante als die Galauniform des vergangenen Tages. Keine silbernen Troddeln und Kordeln, nur das Zeichen seines Ranges auf den Schulterklappen und das Abbild des Wappenbildes seiner Familie, der Panther der Maeldun. Er fühlte sich wesentlich wohler darin.

Nachdem er in die schwarzen Stiefel gestiegen war, atmete er tief durch und streckte sich, warf dem noch immer dunklen Himmel einen kurzen Blick zu, wobei er sein verschwommenes Spiegelbild in der Scheibe streifte. Cahal Maeldun, der schwarze General, war bereit für einen neuen Tag.

Er verließ sein Zimmer; der Laut seiner Schritte hallte in den leeren Gängen des Tempels wieder, als er auf das Haupttor zusteuerte, um zu seinem Gleiter zu gelangen. Der König würde in weniger als sechsunddreißig Stunden wieder in Jumelaan sein, bis dahin musste er einiges vorbereiten, musste die anderen Generäle in Sicherheit wiegen, musste...

Gefolgt von mehreren hoch gewachsenen Jumern überquerte eine kleine, schlanke Gestalt den Hof, der sich vor ihm auftat. Cahal hätte sie überall und in jeder Kleidung wiedererkannt, dessen war er sich sicher, und für einen Moment vertrieb der Anblick die Gedanken an seine Pflichten.

Ein leichtes, warmes Lächeln huschte über sein Gesicht, und er blieb stehen. Sie hatten Niel in Rosa gekleidet, was ihn kindlich und fast noch schützenswerter wirken ließ, als er ohnehin war. Das ruhige Licht der Tempellampen schimmerte weich in seinem blonden Haar und vertiefte den Violettton seiner Augen; der Prinz schien ein Vorbote der morgendlichen Sonnenstrahlen zu sein, die er gleich in einem feierlichen Ritual begrüßen würde.

Cahal erinnerte sich, wie spät es am Abend gewesen war, als er den Code geholt hatte, wie wirr und müde sein Prinz von den Dämpfen gewesen war. /Und dann war der Mensch noch bei ihm. Jetzt sind die Sonnen noch nicht einmal aufgegangen, und er ist schon wieder auf den Beinen. Das nächste Mal bringe ich ihn nicht in einen Haupttempel, wenn ich ihn in Sicherheit wissen will!/

Einen flüchtigen Moment lang fragte er sich, ob Niel wirklich sicher war. Auch wenn es abgeschieden war, so würde doch die Anwesenheit eines obersten Priesters schnell genug die Runde machen. Wenn nur zur falschen Zeit jemand am falschen Ort war... /Das ist lachhaft. Er ist so sicher, wie er nur sein kann./ Energisch verdrängte er den Gedanken daran, dass er gerne selber hier bleiben und persönlich für den Schutz seines Prinzen sorgen würde.

Erst, als der zierliche Jumer aus seinem Blick verschwunden war, setzte Cahal sich mit einem leisen Seufzen wieder in Bewegung. Doch seine Gedanken blieben bei dem Prinzen zurück und begleiteten ihn, bis Cahal seinen Gleiter erreichte. Dort erst konzentrierte er sich wieder auf das, was vor ihm lag. Nur ein kleiner Vorsatz hatte sich in seinen Kopf geschlichen. Er würde am Abend einen kleineren, schnelleren Gleiter nehmen und zurückkommen, um zu sehen, ob wirklich alles in Ordnung war. Um über den Schlaf seines Prinzen zu wachen.

Niel hatte seine Arbeiten im Halbschlaf erfüllt. Er fand sehr rasch in die Lieder, in die eintrainierten Handbewegungen hinein. Langsam gehen, sich würdig halten, sich vor allen Dingen nicht an vorwitzigen Bewegungen der Ohren anmerken lassen, dass man am liebsten gelacht hätte, wenn einem älteren Priester etwas herunterfiel oder jemand ein wenig schief sang.

Er verbrachte den gesamten Vormittag noch damit, die priesterlichen Tätigkeiten, die er so lange vernachlässigt hatte, wieder aufzuholen. Novizen und Novizinnen wollten begutachtet werden, die neuen Bücher sollte er mit Blicken und Händen anerkennend begrüßen, die Gesänge der Chöre mussten gehört werden, und dann musste er natürlich noch der politischen Diskussion beiwohnen, die sich um die tempelinternen Streitfragen drehte.

Das Üble an diesen Streitfragen war, dass sie immer und ausschließlich Grundsatzfragen waren, deren Entscheidung nur in langen ermüdenden Diskussionen und Erwägungen getroffen werden konnten. Oft hatten seine Entscheidungen dann auch noch eine Auswirkung auf das Volk, und gerade dann dachte Niel gern noch einen Tag länger darüber nach.

 

Als die Sonnen sich langsam wieder senkten und seine roséfarbenen Roben zerknittert waren vom vielen Knien und vom heimlichen Abstützen, ohne das er nicht durch die langen Reden und Gesänge hindurchkam, wurde Niel endlich entlassen.

Er wollte gern Milan rufen lassen, aber ein älterer Priester teilte ihm durch kryptische Reden und langatmige Ausführungen mit, dass man es im Tempel nicht gutheißen könne, wenn Niel einen Mensch mitbrächte. Niel versprach zerknirscht, dass es nie wieder vorkommen würde und ließ sich dann von einem Novizen hinter dem Rücken der alten Priester den Weg zu Milans Zimmer zeigen.

Auch wenn er auffiel und alle ihn befremdet ansahen, weil er in dem Teil des Tempels eigentlich nie auftauchte, lief Niel schnell zu der bezeichneten Tür und klopfte an. "Milan? Bist du da?"

Milan schreckte von seinem Bett hoch, als er die Stimme vernahm. Ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht, als er rasch aufsprang, um seinem Geliebten zu öffnen.

Er hatte den halben Vormittag damit verbracht, sich zu fragen, ob er das Zimmer verlassen durfte oder ob ihn dann irgendwelchen Priester wegen Blasphemie steinigen würden. Doch irgendwann war Trishia gekommen, eine ajester Novizin mit genauso ausdrucksstarken Ohren wie Niel. Sie war alles andere als abweisend gewesen, und Milan hatte viel mit ihr gelacht, als sie ihn durch die für ihn erlaubten Teile des Tempels geführt und ihm im Anschluss den Garten gezeigt hatte.

Er musste grinsen, als er die rosa Roben sah, in die sein Geliebter gehüllt war. Hastig blickte er auf den Gang, konnte keinen Priester und keinen Novizen entdecken und zog Niel in die Arme, um ihn zu küssen. "Endlich... Ich hab dich vermisst, Liebling. Du hast ja höllisch viel zu tun hier."

Niel lachte und schmuste sich rasch in Milans Arme. Er erwiderte die Küsse eine ganze Weile lang, die Vorwürfe und Blicke der Priester waren vergessen. Doch dann nahm er seinen Geliebten an der Hand. „Ich entschuldige mich vielmals, ich werde hier einfach nie in Ruhe gelassen. Jetzt will ich dir aber die Blumen zeigen und die Wasserfälle. Willst du? Es wird zwar schon dämmrig, aber das Licht müsste noch ausreichen.“

Milan nickte und lächelte, verschränkte seine Finger mit Niels. "Ja, auf jeden Fall." Dann stockte er und sah ihn unsicher an, sah den obersten Priester, den Prinzen in seinen roséfarbenen Roben. "Wenn es denn geht? Man hat mir gesagt, dass es... nicht gut ist, wenn man dich mit mir sieht." Ungebeten kamen Jashuuns Worte zurück. /Schande. Fehltritt./

"Ach, diese steifen alten Priester!" Niel blinzelte seinen Schatz einen Moment lang noch an, dann entschied er "Sollen die alten Krähen sich doch aufregen über mich! Mir doch egal!"

Er griff Milans Hand fester und zog ihn mit sich. Vor jedem Korridor spähte er vorsichtig um die Ecke, aber es war niemand zu sehen, und sie gelangten rasch auf die Pfade, die aus dem gepflegten Tempelgarten hinausführten und zu den Schluchten mit den Wasserfällen hin.

Niel seufzte auf und legte den Arm um Milans Hüfte, um sich an ihn zu lehnen, während sie nun langsamer über die kleinen Brücken und Pfade in Richtung des Rauschens der Wasserfälle gingen.

Als sie an dem Kliff ankamen, fand Niel die Stelle, die er suchte, ohne Probleme. Vorsichtig ging er an der Kante auf die Knie und beugte sich zu der zarten, hellvioletten Blumenranke, die mit einer Vielzahl Blüten bestückter Zweige über den Abhang wachsen ließ.

"Als ich Novize war, habe ich sie gepflanzt. Ist sie nicht hübsch? Die dort drüben, ganze Bäume schon fast, gehören den älteren Priestern. Der älteste Baum, in dem der alte Teil des Tempels noch immer mit zwei Räumen hinein geschnitzt wurde, ist von dem ersten Shaapriester gepflanzt worden."

"Wunderschön... Ja, das ist sie." Milan ließ seinen Blick von seinem Geliebten und dessen Blumen zu den anderen schweifen, ehe er wieder zurück zu ihm kehrte. /So alt schon... Und er wird auch so alt werden. Er ist jetzt schon doppelt so alt, wie ich vielleicht werden kann./

Ungebeten kamen Jashuuns Worte zurück und schmerzten, brachten eine andere Stimme zu ihm, die ihm das selbe, nur sehr viel freundlicher gesagt hatte. /Jeremis... Du hast es mir auch erzählt. Ich wünschte, du wärst hier. Ich will dich so viele Dinge fragen. Ich will mit dir reden.../ Ja, das wollte er, und all das andere, was sie gemeinsam unternommen hatten, erneut erleben. Er wollte wieder bei ihm sitzen, ihm aus dem Geschichtenbuch vorlesen. Das warme Schimmern in den grünen Augen sehen. Sein Lächeln. Seine Stimme hören. Sein Lachen. /Er ist in den paar Tagen ein so guter Freund geworden. Ich vermisse ihn./

Niel ließ sich auf dem Gras ein wenig entfernt von den Wasserfällen nieder und lehnte den Kopf in den Nacken, um in den Himmel zu blicken, in dem langsam die Sterne zu schimmern begannen. /Ich sollte nicht einfach so hier sein, die Priester suchen mich bestimmt schon. Wäre ich doch nur wieder so frei wie auf dem Gut./ Leise seufzend streckte Niel seine Hand nach Milan aus.

Dieser griff nach ihr, umschloss sie sacht mit seiner und ließ sich von Niel zu ihm ziehen. Er nahm ihn in den Arm und vergrub die Nase in dem duftenden Haar. Für einen Moment schloss er die Augen, genoss die Nähe seines Geliebten, seine Wärme, seinen Geruch... bis er plötzlich wieder das Bild von Jeremis vor sich sah, in dem Hinterhof hinter der Gartentür. Das weiche Lächeln, das schimmernde Glück in den grünen, hell gesprenkelten Tiefen, nur für ihn. Das Gefühl von lockenden Lippen auf seinen...

Das Kribbeln in Milans Magengrube war gleichermaßen unwillkommen wie angenehm. Er spürte, wie sich seine Wangen röteten und schalt sich gleichzeitig dafür. /Was soll das? Oh verdammt, ich muss es Niel sagen! Warum musste er nur gestern so schnell einschlafen, dann hätte ich es schon hinter mir. Aber bevor ihm sein arroganter General was sagt und hoffnungslos übertreibt... Mist, es ist so schön hier. Ich will die Stimmung nicht kaputt machen./

"Liebling?", murmelte er nahe an Niels Ohr, jedoch nicht zu nah. "Ich muss dir was sagen. Ich hätte es gerne verschoben oder gestern schon gemacht, aber da bist du eingeschlafen. Und bevor ich das nächste Mal Zeit mit dir allein habe, wer weiß, wann das ist. Ehe es dir jemand anderes erzählt und..." Er verstummte, sammelte in einem tiefen Atemzug Mut. "Ich habe... Ich habe Jeremis geküsst. Geküsst. Mehr nicht."

Niel hatte eben gerade seine Sorgen verdrängt und seine Müdigkeit, er fühlte sich eben gerade rundum sicher und gut, sah einigen Feuerkäfern zu, die sich leuchtend umtanzten und genoss das Kribbeln, das ihn durchschauerte, wenn Milans warmer Atem über seine Haut strich, als dessen Stimme begann, so unsicher zu klingen, unsicher und... schuldbewusst.

Ihm wurde gleich kühl, seine Finger zuerst, dann seine Ohrenspitzen. Es war im Prinzip nichts, was Milan ihm erzählte. /Ich wusste doch, dass Jeremis ihn mochte, na und? Niel! Was soll das heißen?!/ Niel seufzte auf und hörte Jashuuns ein wenig unterkühlte Stimme förmlich schon bei seinen Gedanken. /Aber wie ein kleines, verwöhntes Kind war es dir egal, was andere fühlen, solange du bekommen konntest, was du wolltest./

Er kontrollierte seinen Gesichtsausdruck und die Stellung seiner Ohren weitgehend, dann drehte er sich zu Milan um. Sachte küsste er ihn auf den Mund, dann fragte er flüsternd "Möchtest du ihn gern wieder besuchen? Ich habe hier ohnehin soviel zu tun. Du brauchst sicherlich noch eine Gelegenheit, um dich auszusprechen, nicht?"

"Niel..." Erleichtert drückte Milan seinen Geliebten an sich, schloss für einen Moment die Augen, ehe er ihn wieder ansah. Keine Szene, keine Eifersucht? "Du bist ein Engel", sagte er leise, schüttelte aber dann den Kopf. "Nein. Nein, ich möchte bei dir bleiben. Du hast wenig Zeit, ja. Und die Jumer hier mögen mich nicht besonders, aber das wird sich nie ändern, oder? Trishia – sie ist Novizin – hat mir erzählt, dass das immer so ist. Dass du selten Zeit hast, egal ob hier oder im Palast. Und auch da wird es jede Menge Leute geben, die auf mich herabsehen, weil ich Mensch bin. Du bist nun mal der Prinz. Und in Jumelaan hast du anderes zu tun. Ein Grund mehr, die Augenblicke zu genießen, die ich mit dir habe."

Liebevoll küsste er ihn. "Es wäre schön, wenn wir Jer eine Nachricht schicken könnten, dass es uns gut geht. Er macht sich Sorgen. Und irgendwann muss ich mich auch mit ihm aussprechen, ja. Ich mag ihn, er ist ein guter Freund. Das sollte so nicht zwischen uns stehen. Aber nicht jetzt." Er küsste ihn erneut und lächelte. "Oder willst du mich loswerden?", neckte er.

Niel lächelte Milan an, weil er wieder so enthusiastisch war und deutlich sagte, dass es ihm egal war, was andere denken mochten, dass er dennoch zu ihm stehen würde. Das wärmte Niel, aber die Gedanken an Jeremis machten ihn nachdenklich. Von Anfang an hatte er gespürt, dass der ruhige Mann seinen Schatz mit anderen Augen betrachtete, als dieser sich bewusst war. Gerade in der Zeit, als Jeremis sich so auffällig fern gehalten hatte, konnte man seine Blicke auf Milan, wenn dieser es nicht bemerkte, häufiger beobachten.

Es bereitete Niel ein schlechtes Gewissen. Er schmiegte sich zwar in Milans Arme und genoss das Zusammensein, aber zugleich wusste er, dass diese glücklichen Momente schon bald gezählt sein würden. /Sehr bald, sobald mein Vater von dem Menschen erfährt, bekomme ich noch mehr Ärger, als ich ohnehin schon wegen des Ausflugs zur Erde erwarte./

Laut sagte er jedoch "Natürlich könnten wir Jeremis eine Nachricht schicken, aber ich denke, dass es auch gut sein kann, dass du einige Tage ohne mich sein musst, wenn mein Vater zurückkehrt. Dann kannst du ebenso gut hinfahren oder bei dessen Freund Raoul vorbeischauen."

Milan seufzte. "Das mit deinem Vater... Das gibt Ärger, richtig?" Es machte ihn wütend, besonders, weil er so hilflos war und gar nichts tun konnte. Wenn er Niel zur Seite stand, wurde es vermutlich eher schlimmer als besser.

/Hier ist es nicht die Homosexualität, die verdammt wird, nicht einmal wirklich der Standesunterschied. Es ist einfach, dass ich ein Mensch bin! Das ist so unfair! Als sei ich ein Tier, bloß weil ich nicht so lange lebe wie sie./ Doch er sagte nichts davon. "Nun ja. Dann kann ich wirklich zu Jer. Ist vielleicht besser, wenn ich dir da aus den Füßen bin."

Er hatte noch nicht ausgeredet, als eine flimmernde, grellgrüne Lichtsichel suchend durch die Blätter hinter ihnen strich. Im nächsten Moment zischte es, und wo zuvor ein Baum gestanden hatte, schwelten nun die verkohlten Reste. Niel schrie auf und begann zu zittern. Hier, am Ort der Ruhe, dem sichersten Ort aller Zeiten wurde er angegriffen?

Unsicher um sich spähend, versuchte er den Herkunftsort des Angreifers zu erkunden. Mit dieser Art Sichel kämpften durchaus Shaapriester, aber es gab auch etliche Droiden, die damit bestückt waren. Einen Droiden konnte man von einem Transporter abwerfen und war selber weit weg, wenn dieser zuschlug.

Mit zitternden Fingern tastete Niel nach seiner Peitsche, die unter der obersten Robe versteckt lag. Rasch knotete er die Kordeln auf, noch immer um sich spähend. Der Nachteil der Sichel war ihre Ladezeit. Sie schlug vernichtend zu, aber brauchte zwischen zwei Angriffen eine lange Zeit, um genügend Energie gesammelt zu haben.

"Milan, bleib bitte hinter mir... bei den Bäume dort." Niel kniff die Augen zusammen und entdeckte endlich eine Bewegung in den Sträuchern und Blumen jenseits eines kleineren Wasserfalles.

Milans Herz raste, als er zu der Stelle hinsah, die Niel ihm bezeichnet hatte, doch er konnte nichts erkennen. Am liebsten hätte er das genaue Gegenteil gemacht von dem, was sein Schatz von ihm verlangte. Er wollte ihn in Sicherheit bringen, irgendwie, irgendwo, doch im Gegensatz zu ihm hatte er nicht einmal eine Waffe, mit der er was auch immer unschädlich machen konnte. /Verdammt, wo sind Niels Aufpasser, wenn man sie braucht?/ Wie er es hasste, so hilflos zu sein!

Niel entledigte sich seiner Robe und war nun froh, dass die darunter liegende Lage dunkelblau war. Wie der Nachthimmel, den er ja auch am frühen Morgen noch vertreiben wollte. Nun erwies es sich vermutlich als günstig. Vor allem, wenn es sich bei dem Feind um einen Droiden handelte.

"Komm, wir müssen versuchen, sicher zum Tempel zurück zu gelangen, Milan." Ungeduldig winkte er seinem Freund und huschte, über einige Steine springend, an den Wasserfällen entlang. Möglichst immer in Bewegung bleiben, das war wichtig.

Dabei war Niel nach dem langen Tag des Gehens und Stehens wirklich müde und würde gern schlafen. /Jetzt nicht! Reiß dich zusammen! Du musst Milan beschützen!/ Energisch entrollte er die Peitsche, das metallbespannte Blatt blitzte kurz gefährlich auf, dann duckte Niel sich hinter einen Steinvorsprung.

Mit einem unhörbaren Fluch biss Milan die Zähne zusammen und folgte Niel. Es war schwer, in der Dunkelheit seinen Weg zu finden; er konnte nur hoffen, dass ihr Angreifer – /Niels Angreifer/, korrigierte er sich in Gedanken – genauso wenig sah wie er. Niel war in der Dunkelheit für ihn kaum noch auszumachen, lediglich seine schlanken Hände und das Gesicht hoben sich ein wenig heller ab.

/Ich behindere ihn/, ging es ihm schlagartig durch den Kopf, als er über irgendeinen Vorsprung stolperte und fast hingefallen wäre. /Jetzt, im Tempel, im Palast./

Endlich hatte er ihn erreicht und hockte sich zu ihm, wagte aber nichts zu sagen, auch wenn er gerne gefragt hätte, ob er irgendetwas tun konnte, ihm irgendwie helfen. /Aber wenn meine Ungeschicklichkeit dem Angreifer nicht verraten hat, wo wir sind, dann tut es vermutlich meine Stimme./

Es war ein Droide. Er war simpel gemacht, aber sah auch von weitem schon teuer aus. Der runde Kopf war mit Sensoren für Hitze und Bewegung ausgestattet, drehte sich permanent. Die Zieleinrichtung saß geschützt auf der Seite auf, auf der anderen Seite war die Waffe angebracht.

Niel erschauderte, als er den schwachen Signalton vernahm, der Droide würde gleich erneut schießen, und dann waren sie noch dichter dran, die Hitze im Umkreis war ausreichend, um Milan und ihn zu verbrennen. "Ins Wasser! Jetzt!"

Niel warf sich gegen Milan und riss ihn mit sich in den eiskalten, kleinen See, aus dem ein klarer Wasserfall zwischen ihnen und dem Droiden hervor stürzte. Gleich darauf zischte es, und das Wasser erwärmte sich merklich um sie her.

Niel tauchte prustend auf und holte sofort mit der Peitsche aus. Er brauchte einige Schläge, um wenigstens einen kleinen Schaden anzurichten. Doch dann half ihm der Zufall. Die Nässe aus dem kleinen Pool, aus dem Milan sich hinter ihm zitternd und schnaubend in Sicherheit brachte, schadete der Sichel, der Waffe.

Einige elektrische Blitze begannen daran entlang zu tanzen. Die grüne Feuerklinge begann leicht zu flackern. Hastig brachte Niel sich auf die andere Seite des Droiden und schlug noch einige Male auf die Waffe direkt. Noch einige Momente der Furcht, als der Droide ein weiteres Mal ausholte, dann war es geschafft.

Mit einem Knall brannten die Energiezuschüsse zur Waffe durch und überluden den Droiden, der taumelnd voran fiel, auf der Kante zum Abgrund aufprallte, um dann gerade, als die Waffe erneut schussbereit war, über die Rand zu stürzen.

Der letzte Schuss des Gegners brachte einen Wasserfall zum Zischen und einige heiße Dampfwolken verbrühten Niels Hand, bevor er sich zum zweiten Mal in den eiskalten Pool fallen lassen konnte.

"Niel!" Milans Aufschrei gellte durch die Nacht. Im aufflackernden Licht des Schusses hatte er den Droiden fallen sehen, aber auch seinen Geliebten. "Niel!!" Sein Herz raste vor Angst, die Sorge um den kleinen Jumer machte ihn fast wahnsinnig. Ohne darüber nachzudenken, sprang er wieder zurück in das eisige Wasser und kraulte zu der Stelle, von der er den Aufschlag gehört hatte. Panisch sah er sich um, konnte aber nur die unruhige, schwache Reflektion des Sternenlichts auf der Oberfläche ausmachen. "Niel!!" Er tauchte unter, suchte in der Dunkelheit vergeblich, bis seine Lungen fast platzten und sein Kopf von der eisigen Kälte schmerzte. Keuchend kam er zurück an die Oberfläche. "Niel!"

Niel hatte sich an einen Rand gerettet und fuhr herum, weil er Milan so panisch rufen hörte. "Liebling! Ich bin hier! Ich bin hier!" Hastig krabbelte er aus dem Wasser und lief zu der Seite des kleinen Pools, an der auch Milan nun mit klappernden Zähnen auf die Steine kroch. Sie umarmten sich fest, und Niel küsste Milan einige Male, bevor er flüsterte „Mach dir doch um mich keine Sorgen. Mir passiert so schnell schon nichts, mein Juwel.“

Er strich Milan die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht und tippte ihm dann mit den kühlen Fingern gegen die blauen Lippen. "Wir sind erfroren. Was sagst du zu dem Vorschlag. Wir schleichen uns in den Tempel in meine Kammer, und dort nehmen wir ein heißes Bad, danach kuscheln wir eine Runde vor dem heißen Kamin und trinken einen heißen Tee, ja?"

Milans Zähne schlugen gegeneinander, so sehr fror er. Wie kalt konnte dieses Wasser nur sein? "Das... das klingt alles nach einer hervorragenden Idee", meinte er zitternd und drückte Niel an sich, wollte ihn nie wieder loslassen, während sein Blick versuchte, die Dunkelheit zu durchdringen. "Himmel, was war das? Ich habe so was noch nie gesehen! Und dann dieses grüne Feuer, was das Wasser zum Kochen gebracht hat! Ist es außer Gefecht? Bist du sicher?"

Niel seufzte und rappelte sich auf. "Das war ein Eliminationsdroide. Wenn man etwas eliminieren will, dem man sich aber nicht näher kann oder mag, dann schickt man so einen." Er zog Milan hoch und wrang seine Roben aus, die nun übermäßig schwer an ihm klebten. "Komm, lass uns im Trocknen und Warmen weiterreden. Aber sei leise, die Priester sollten uns besser nicht sehen."

Er war einen weiteren Blick die Schlucht hinunter und murmelte "Wenn mein Vater das erfährt, dann habe ich gleich einen Rundumdieuhrwachhund auf dem Hals. Hoffentlich bekommt das keiner mit."

Ohne Niel loszulassen, einerseits um ihn und sich zu wärmen, andererseits, um ihn bei sich zu haben, strebte Milan dem Tempel entgegen, soweit er den Weg in Erinnerung hatte.

"Das wäre vielleicht gar nicht so schlecht, wenn so etwas öfter vorkommt", murmelte er und drückte Niel fest an sich.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh