Zwischen den Welten

26.

Sie schafften es in den Tempel, ohne von alten Priestern aufgehalten oder auch nur entdeckt zu werden, was Milan für ein kleines Wunder hielt. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihre Nasen überall hatten, dass nichts vor ihnen verborgen blieb. Er hatte keine Lust auf stechenden Blicke aus kalten Augen, die in ihm nur ein Schoßtier sahen oder ein Spielzeug. Alles, was er wollte, war wieder warm werden und mit Niel in Ruhe gelassen zu werden, kuscheln, fühlen, dass sein Geliebter sicher war.

Er sah sich nervös um, als Niel mit zitternden Fingern die große Tür zu seinem Gemach öffnete und ihn dann hastig in die warme Sicherheit zog. Aber erst, als die Tür ins Schloss fiel, atmete er erleichtert auf. Er drehte sich um und starrte in ein helles, zorniges Gesicht, umrahmt von weißblonden Haar. Das Herz rutschte ihm in die Hose, als er den schwarz gekleideten Mann erkannte. /Cahal!/

"Hoheit?" Die Stimme des Generals klang kühl und stand im Gegensatz zu der Wut, die in seinen dunklen Augen loderte.

Niel hätte beinahe geflucht, doch dann entschied er sich dagegen und hob selbstbewusst den Kopf, um dem Blick des Generals zu begegnen. "Ich war bei meiner Lebensblume, als ein Droide von der Laserklasse mich und meinen Freund angegriffen hat. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wären wir vermutlich beide jetzt tot."

In gewisser Weise nicht gelogen, denn vermutlich wäre Niel ohne Milan nicht so kämpferisch gewesen, sondern einfach zu müde und vielleicht der Sichel erlegen. Ja, das wäre alles anders ausgegangen, wenn er nicht den Instinkten der Verteidigung gefolgt wäre.

"Ich bin durchnässt bis auf die Knochen. In einen der Pools zu springen, war die einzige Möglichkeit, uns zu retten. Milan, kannst du im Bad Wasser in die Wanne laufen lassen, bitte?"

Milan entschloss sich, die Situation nicht noch dadurch zu verschärfen, indem er sich weigerte, sondern folgte Niels halb befohlener Bitte und verschwand im Nebenraum. In Gedanken verfluchte er den General, dass er ausgerechnet jetzt hier sein musste. Sollte er nicht in Jumelaan sein? Niel konnte jetzt alles besser gebrauchen als eine Diskussion mit Cahal. Wenn er noch lange in der nassen Kleidung blieb, würde er sich den Tod holen.

Niel begann seine Robe mit zitternden Fingern aufzuknoten und fluchte innerlich, seine Finger waren schon taub, und der warme Raum half ihm noch nicht, weil die schweren, kalten Sachen ihn umgaben wie eisige Fangarme. "Und was wünschen Sie zu berichten, General?"

"Ich wollte mich davon überzeugen, dass Sie in Sicherheit sind, Hoheit", knurrte Cahal und überspielte so den schneidenden Schreck, der ihm durch die Knochen gefahren war, als sein Prinz ihm von dem Anschlag erzählt hatte. "Aber Sie haben nichts besseres zu tun, als ihre sicheren Räume zu verlassen und mit einem Menschen in der Gegend herumzulaufen, vollkommen ungeschützt und ohne jemandem zu sagen, wo Sie sind! Halten Sie das für klug? Habe ich Sie dafür hierher gebracht?" Er machte eine harsche Geste. "Sie sind verantwortungslos, Hoheit!"

Niel zuckte bei den Vorwürfen innerlich zusammen, äußerlich pellte er gelassener, als ihm zumute war, die nassen Lagen von seinem zitternden Körper. Mit lautem Klatschen warf er die Roben, die Hemden, Gürtel, Schals und Hosen zu Boden, während er mit bebenden Lippen erwiderte "Es ist mein Recht und meine Pflicht nach der Blume zu sehen, die einen Teil meiner Seele enthält. Ich glaube kaum, dass man einem Shaapriester den Wunsch verwehren kann. Außerdem musste ich mich entspannen. Nach einem Tag in den Nebeln von verbrannten Kräutern und Harzen habe ich mich nach der frischen Luft gesehnt."

Endlich von der Kleidung befreit, holte Niel sich eines der großen Handtücher und begann, seine Haare zu trocknen, während er hörte, dass Milan das Wasser auf die Temperatur prüfte. Er war es gewohnt, nackt von anderen gesehen zu werden, weswegen ihm erst verspätet einfiel, dass Cahal noch nie in seinen privaten Räumen gewesen war.

Eilig schlang er das Handtuch um sich und nahm auf dem Bett Platz, dann senkte er den Kopf und gab zu "Ich habe mich sehr erschrocken, als der Droide schoss. Ich habe nicht für möglich gehalten, dass man hier im Tempel versucht, mein Leben zu beenden."

Es hatte Cahal Konzentration abverlangt, auf das zu hören, was sein Prinz sagte, als dieser sich immer weiter vor ihm ausgezogen hatte. Er wusste, dass es für seine Hoheit nicht ungewöhnlich war, schließlich hatte er ständig Personal um sich, doch ihn so zu sehen... diesen geschmeidigen Körper, den flachen Bauch. Die schlanken Arme und die langen Beine. Den sanften Schwung des Rückens... Hastig wandte er sich ab. Wie sehr wünschte er sich, ... Mühsam verdrängte er den Gedanken. Es war müßig.

Er drehte sich erst wieder um, als er das Rascheln der Bettdecken hörte, in der Hoffnung, dass sich der Prinz in die Laken eingewickelt hatte. Nun, zumindest hatte er sich ein Handtuch um die Hüften geschlungen, was seinen Anblick allerdings nicht weniger verlocken, nicht weniger begehrenswert machte. Cahal wollte ihm die nassen, dunkelblonden Strähnen aus der Stirn streifen, seine bläulichen Lippen wärmen, die kalten Hände in seine nehmen.

Stattdessen schüttelte er nur den Kopf. "Hoheit, Sie waren nicht im Tempel. Sie waren außerhalb. Ohne Wache, ohne Priester, ohne jemanden, der sie beschützen konnte. Nur mit diesem Menschen. Das ist kein Schutz." Er verkniff sich die Bemerkung, dass dieser Mensch eher noch eine Behinderung wäre. Niel würde das Folgende ohnehin nicht gerade begeistert aufnehmen.

Innerlich seufzte Cahal. "Und genau das wird sich ändern. Ich habe mit Ihrem Vater gesprochen, über viele Dinge, aber auch über Ihre Sicherheit. Er ist sehr besorgt um Sie, deswegen hat er mir aufgetragen, dafür zu sorgen, dass Ihnen nichts passiert."

Nicht, dass er nicht auch so dafür sorgen wollte. "Das heißt, dass ich jetzt immer an Ihrer Seite sein werde", sagte er entschieden. "Und damit meine ich immer, mein Prinz. Das bedeutet auch, dass wir hier nicht mehr lange sein werden. Nur noch bis morgen früh, denn innerhalb eines Rituals ist es zu leicht, dass sich Ihnen ein Attentäter nähert. Das ist einfach nicht zu überblicken. Und dass es nötig ist, haben Sie heute ja eindrucksvoll bewiesen."

Niel hatte erst genickt, weil er wusste, dass Cahal Recht hatte. Milan war keine Hilfe, Jashuun wäre das schon eher gewesen. Ja, ein General seines Vaters sicherlich auch. Doch einfach gehen? Er fragte sich gerade, wo er denn überhaupt jemals sicher sein konnte, wenn nicht in den Tempelanlagen, als er den letzten Satz vernahm. Dazu noch in einem so überheblichen Ton. Aufgebracht hob er den Kopf, um Cahal anzustarren.

Sein Blick begegnete den dunklen Augen, Entschlossenheit war darin zu lesen und... Sorge? Niel senkte rasch den Kopf, um das Gefühl abzuschütteln, dann sprang er auf, das Handtuch nachlässig um sich festhaltend. "So. Sie halten mich wohl für ein kleines Kind, das sich nicht zu verteidigen weiß, was?! Das bin ich nicht! Ich bin an meiner Waffe schon bald besser als Jashuun. Ich werde erst einmal ein Bad nehmen und mich umziehen, bevor ich entscheide, was zu tun ist." Wütend rauschte er ins Bad.

Cahal sah ihm hinterher, bis der Vorhang den Blick auf seinen Prinzen verbarg. /Nein, du bist kein Kind mehr, Niel. Das wäre leichter für mich./ Es war nur zu vorhersehbar gewesen, wie der junge Jumer reagieren würde, und trotzdem hatte er es nicht verhindern können. Wie jedes Mal. Wann immer sie zusammentrafen, gelang es Cahal mit unnachahmlicher Präzision, Niel gegen sich aufzubringen.

Der König schätzte seine offene Art, dass er das, was er sagte, nicht in schöne Worte kleidete, sondern sprach, wie er dachte. Doch Niel war anders. Er missverstand ihn oder wollte nicht hören, was er zu sagen hatte. Aber gleichgültig, was von beidem es war oder ob es vielleicht auch noch andere Möglichkeiten gab, das Ergebnis war dasselbe.

Seine Hoheit empfand seine Gesellschaft als ausgesprochen unangenehm, und Cahal zweifelte daran, dass sich das ändern würde, wenn er jetzt gezwungen wurde, die nächsten Wochen rund um die Uhr mit ihm zu verbringen. Er ignorierte den kleinen Stich im Herz, den er bei dem Gedanken empfand.

Der Anschlag, den sein Prinz ihm gestanden hatte, hatte ihn so sehr erschreckt, dass er Niel im Zweifelsfall auch für die nächsten Wochen komplett einsperren würde, selbst wenn dieser ihn dafür hassen würde. /Aber ich werde es so erträglich wie möglich gestalten, mein Prinz./

Niel ließ sich neben Milan, der noch in seiner nassen Kleidung steckte, auf der flachen Bank dort fallen, um ihm bei der Wahl der Badezusätze zuzusehen. Lächelnd bemerkte er, dass der schöne Mensch noch immer nicht gelernt hatte, die Zeichen zu lesen.

Milan sah auf und erwiderte das Lächeln ein wenig schief. "Wenn Trishia morgen wieder etwas Zeit für mich hat, werde ich sie bitten, mir Unterricht im Lesen und Schreiben zu geben. Ich fühle mich so hilflos, dass es zum aus der Haut fahren ist. Außerdem passt es nicht mit der Rolle zusammen, die Cahal mir zugedacht hat."

Er warf dem geschlossenen Vorhang einen Blick zu und schnitt eine Grimasse. "Der hat sich aber auch ein perfektes Timing ausgedacht, um auf dich zu warten. Meinst du, er hat auch nur ein Wort von dem Geschichtchen geglaubt, dass du ohne mich tot wärst? Der weiß doch vermutlich fast genauso gut wie ich, dass ich keine Waffe habe und damit auch nicht umgehen könnte."

Niel vernahm die Worte 'tot' und 'Waffe' und sah Milan an, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. "Hm? Nein, mach dir keine Sorgen", murmelte er langsam. Seufzend warf er einen Blick umher. Die matten, sandfarbenen Fliesen mit den goldenen Zeichen, die riesenhafte steinerne Wanne und die überall verteilten exotische Pflanzen und schlanken, zierlichen Möbel, neben denen Milan riesig wirkte, kannte Niel schon seit seiner frühsten Kindheit. Damals war er noch mit seiner Mutter hier gewesen.

Niels Ohren begannen sich abwärts zu neigen, als ihn diese Erinnerung erfasste. Sie hatte ihn wenigstens geliebt und nicht nur als eine lebendige Versicherung des für Jume überlebenswichtigen Friedensvertrages mit Ajest gesehen. Mehr war er für seinen Vater sicherlich nicht.

/Ich bin erwachsen. Cahal hat kein Recht, mir solche Vorschriften zu machen! Er hat kein... Mein Vater hat es befohlen./ Niel sank ein wenig weiter in sich zusammen. /Wenn ich hier weggebracht werde von Cahal, dann kann Milan vermutlich nicht mit, oder doch? Aber dann muss Milan die gesamte Zeit ertragen, dass dieser impertinente General ihn ansieht, als sei er ein Übel, das man entfernen muss. Warum ist mein Leben immer gleich so kompliziert, wenn ich mich verliebe?/

Erschaudernd dachte er an den Menschen, den Jashuun umgebracht hatte. Einfach so. Nebenbei. Hinterher, nachdem Niel einige Wochen nicht mehr mit ihm geredet hatte, sich dann langsam wieder mit ihm vertragen hatte, gab Jashuun an, dass Niels Vater verlangt hatte, dass für diesen Menschen eine zufriedenstellende Lösung gefunden würde, bei der dieser für immer aus der Nähe seines Sohnes entfernt würde. Und dass das Umbringen weitaus netter gewesen sei, als der Vorschlag, den der ersten General des Königs, Kirale gemacht hatte.

/Er wird Milan nicht im Palast zulassen. Er wird mir seine Strafpredigten halten, vermutlich vor seinem General Kirale, der ist noch schlimmer als Cahal. Der ist doch sogar irgendwie mit uns verwandt und bildet sich darauf was ein... Verdammt!/ Mit Kirale konnte man noch weniger anfangen als mit Cahal, und für gewöhnlich sah er Niel an, als ob er sich wünschte, dass dieser sich in Luft auflösen könnte, als wäre er unzufrieden, weil Niel dazu nicht fähig schien. "Verdammt!"

Milan sah von seinen Flaschenstudien auf, die gerade begonnen hatten, anhand von Farbe und Geruch zu einem Ergebnis zu führen. "Was ist, Liebling?"

"Nichts, ich bin gleich wieder da." Mit raschen Schritten lief Niel in den Schlafraum zurück und suchte gar nicht erst nach Cahal, sondern verkündete mit wütend an den Kopf angelegten Ohren "Mir ist es egal, wohin ich gebracht werde, aber Milan darf nach Jumelaan zu seinen Freunden zurück und zwar in Sicherheit! Meinen Vater geht er nichts an und ich.... und ich will Kirale nicht sehen!"

Cahal hatte gerade die Vorhänge vorgezogen, um eventuellen Attentätern das Zielen unmöglich zu machen, und wandte sich um. Er würde froh sein, wenn Niel endlich bei ihm in der Sicherheit seiner... Der Gedanke verschwamm erst einmal im Nichts, als er sich seinem jungen Prinzen gegenüber sah. Er trug noch immer nicht mehr als dieses Handtuch, das ihm so knapp auf die Hüften gerutscht war, dass man einen Anflug von dessen Scham sehen konnte. Und in seinem Zorn war er fast noch schöner als sonst. Die dunkelvioletten Augen blitzten, seine Wangen hatten sich gerötet, und er war so voller Leben, so voller Energie! Nur mit Mühe konnte Cahal sich auf die Worte konzentrieren.

"Es freut mich, das zu hören, Hoheit", antwortete er scheinbar unbewegt. Niels Wunsch empfand er als ausgesprochen günstig. Wenn er nicht mehr mit dem Menschen zusammen war, würde er vielleicht von allein einsehen, dass es keine glückliche Verbindung war. Oder der Mensch würde sich in der Zwischenzeit jemand anderen suchen. "Es wird einfacher sein, wenn Ihre Majestät nichts davon erfährt. Ob Sie allerdings mit Kirale zusammentreffen oder nicht, ist nicht meine Entscheidung. Ich werde Sie in meine Villa bringen; wenn Ihr Vater Sie dort besuchen möchte, wird der erste General ihn vermutlich begleiten."

"Ihre...?" /Seine Villa?! Seine? Er hat..?!/ Niel starrte den kühlen General vor sich einen Augenblick lang an, dann formte sein Mund ein überraschtes 'Oh', bevor er vergnügt grinste. Zum einen, weil sein Wunsch ohne erwartete Widerworte angenommen war, zum anderen, weil er nun unglaublich neugierig wurde auf das Privatleben des Generals.

Er hatte schon immer heimlich gerätselt, ob hinter den undurchdringlichen Blicken und harschen Worten von gerade Cahal auch etwas steckte, das noch annähernd als gefühlvoll bezeichnet werden konnte. Nun schien es, dass er die Chance bekam, einen sehr interessanten Einblick in das Leben des Generals erhalten würde. "Ich wusste nicht, dass Sie noch ein Haus haben, von der Pyramide in Jumelaan einmal abgesehen. Wo liegt es?"

"Zwei Stunden mit einem schnellen Gleiter von Karmerian entfernt, am Rande des Urwalds und somit ziemlich abgelegen." Das Lächeln hatte Cahal überrascht, und er erwiderte es kaum merklich. Der unverhüllt neugierige Blick jedoch ließ ihn innerlich seufzen. Die Unternehmungslust und den Tatendrang des jungen Prinzen auch nur annähernd zufrieden zu stellen, würde schwer sein, wenn er daran dachte, dass er ihn nicht allzu weit von der Villa und deren Wachen weglassen konnte. Doch dass er keinen Zorn hervorgerufen hatte und keinen Widerspruch, löste ein unvernünftiges, warmes Glücksgefühl in ihm aus. "Ich hoffe, es wird Ihnen dort gefallen, Hoheit."

Niel hob die Schultern, dann entgegnete er "Vermutlich darf ich dort auch nicht ausschlafen und muss trainieren, Haltung bewahren und mich würdig aufführen. Es wird also genauso gut oder schlecht sein, wie überall sonst. Ich bin im Bad."

Schnell lief er zu Milan zurück, denn nun war ja klar, dass sie sich wenigstens für eine Weile voneinander verabschieden mussten. Lächelnd betrachtete er Milans Rückseite, während dieser sich aus den nassen Sachen quälte, die an ihm klebten. "Liebling, das tut mir leid, ich musste noch mit dem General reden."

Niel warf das Handtuch von sich und kletterte in die geräumige Wanne. Erschrocken zischte er auf, als seine unterkühlten Füße sich über die unerwartete Hitze des Wasser beschwerten. Doch dann ließ er sich seufzend immer tiefer hineingleiten und wartete endlich bis zum Mund verschwunden auf seinen Freund. /Jetzt müssen wir uns schon wieder trennen./ Der Gedanke machte Niel ein wenig traurig, auch wenn er wusste, dass es ohnehin sein musste, früher oder später.

"Mit dem General? Ist der immer noch nicht weg? Hat der vor, die ganze Nacht hier zu bleiben?" Unmutig tastete Milan sich mit einem Zischen in das ihm kochend heiß erscheinende Wasser vor, bis auch er schließlich darin sitzen konnte. Er rutschte neben Niel und zog seinen Geliebten an sich, küsste ihn auf die nackte Schulter. "Dann darf ich es vermutlich als große Ehre auffassen, dass ich überhaupt mit dir zusammen baden darf", meinte er trocken und versuchte, seinen Ärger zu unterdrücken, als er die gemeinsame Nacht mit Niel in weite Ferne entschwinden sah.

Niel kicherte, dann entgegnete er flüsternd "Er wird die ganze Nacht dableiben, mein Vater hat ihm den Auftrag erteilt, auf mich zu achten." Er küsste Milans Ohr entlang und begann dann, dessen Hals zu erforschen. "Aber vergiss ihn einfach, der ist drüben im Zimmer gut aufgehoben." Niels Finger glitten über Milans Brust, dann lehnte er sich gegen ihn und schloss genießerisch die Augen. "Hm, das ist endlich einmal genau das, was ich tun wollte."

/Wenn jetzt nur noch dieser General aus dem Nebenraum verschwinden würde.../ Milan war sich nicht gerade sicher, ob er sich würde entspannen können, wenn der große Jumer mit der unnahbaren Miene und dem kalten Verhalten nebenan war.

Doch das Wasser war angenehm, ihm wurde endlich wieder warm, und seinen Geliebten bei sich zu haben, war wundervoll. /Jeden Moment genießen, den ich mit dir habe.../ Ja, das wollte er. Zart küsste er Niels Schläfe, streichelte langsam seinen flachen Bauch. "Ich fürchte, die nächsten Tage werden dann noch anstrengender werden, wenn ich dich nicht mal abends für mich habe. Ich hätte es mir nicht so anstrengend vorgestellt, Prinz zu sein."

Niel seufzte kurz auf, dann küsste er Milan lange, bevor er leise gestand "Wir werden uns in den nächsten Tagen nicht sehen können, Liebling." Er sah Milan betrübt in die schönen Augen und erklärte "Mein Vater wird es nicht erlauben und er kann sehr... nachdrücklich sein. Ich habe den Befehl erhalten, morgen früh mit dem General zu einem sicheren Ort zu fahren, bis die Revolution niedergeschlagen wurde."

Es tat weh. Milan schloss die Arme fester um seinen kleinen Geliebten und drückte ihn an sich. "Scheiße", murmelte er. /Schon wieder, weil ich Mensch bin, nicht wahr? Immer und immer wieder deswegen./ Er presste die Lippen zusammen, versuchte, seinen Zorn unter Kontrolle zu bekommen, der in ihm aufflackerte. Niel konnte nichts dafür. Niel am Allerwenigsten. Es war nicht fair, wenn er deswegen unleidlich werden würde. Nicht heute, wenn das für einige Zeit ihr letzter Abend sein würde. "Wie lange, meinst du, wird das dauern?"

Niel schloss die Augen, in denen Tränen brannten. Schweigend drängte er sich gegen Milans warmen, schon so vertrauten Körper, bis kaum noch Wasser zwischen ihnen war. Er kroch seinem Freund förmlich auf den Schoß, dann flüsterte er leise "Ich weiß es nicht."

Niel wusste es schon, aber er wollte nicht einmal daran denken. /Für immer... Wir werden nie wieder zusammensein können, ist es nicht das, was alle wollen? Kann ich sie wirklich so leicht gewinnen lassen?!/ Doch das wollte er nicht jetzt sagen, nicht wissen und auch nicht daran denken. Jetzt war Milan noch bei ihm, er konnte ihm noch durch die Haare streichen, konnte ihn anfassen, ihn fühlen, seinen Herzschlag, seinen Atem und seine Gefühle. "Ich liebe dich, du wirst mir unendlich fehlen..." Niel driftete fort und küsste Milan stattdessen lieber, schlang seine Arme um dessen Hals und krabbelte nun vollends auf seine Schoß.

Milan schloss die Augen, als er den Kuss so innig erwiderte, als wäre es der letzte. /Ich liebe dich auch/, dachte er, während seine Hände sacht über die weiche Haut von Niels Rücken glitten, dort zärtliche Bahnen beschrieben. /Ich liebe, liebe, liebe dich, mein kleiner Prinz./ Er konnte ihn spüren, seine Wärme, seinen schlanken Körper, der sich gegen ihn presste, an ihn schmiegte. Seine Zunge, die seine in einen so liebevollen und doch fast verzweifelten Tanz verwickelt hatte. Schmeckte ihn. Roch ihn.

"Ich liebe dich auch. Ich werde die Tage zählen, bis wir uns wiedersehen", flüsterte er, als sich ihre Lippen für einen kurzen Augenblick trennten, nur um sich sofort wieder zu finden.

Niel erwiderte die Küsse so liebevoll und begehrlich er konnte, wollte Milan so sehr zeigen, was dieser ihm bedeutete, dass es ihn mit jeder Minute mehr schmerzte. Er spürte, dass ihm Tränen über die Wangen liefen, doch das kümmerte ihn nicht mehr, während er seine Finger mit einem festen Griff in Milans Haare vergrub, während er seine Bewegungen und ihre Begegnung von zärtlich zu leidenschaftlich änderte. Anders wollte er nicht in Milans Erinnerung bleiben. Nur so. Wild in ihn verliebt und sich nicht um die anderen kümmernd. Unbesorgt stöhnte er auf, während er sich an seinen Geliebten drängte, die Umgebung, die Zukunft und alles andere, was ihn eben noch gestört hatte, waren vergessen.

Milan zuckte zusammen, als Niel lauter wurde. Für einen Moment kam ihm der General im Nebenzimmer in den Sinn. Doch er wurde unwichtig, als Niel drängender wurde und ihn mitzog in einen Taumel an Lust und Erregung, als er die Tränen bemerkte, die über die Wangen seines Geliebten hinabliefen. Er küsste sie weg, während er sich den Bewegungen anpasste, die seine Sorgen, seine Ängste davon schwemmten. Für diesen Moment gab es kein Gestern und kein Morgen, nur noch das Jetzt. Niel und ihn und ihre Liebe.

Der Taumel währte nicht lang. Erschöpft sank Niel sehr bald schon gegen Milan und schnüffelte ein wenig. Endlich schafften sie es, aus der Wanne zu steigen. Das Bad war natürlich ziemlich überflutet. Niel trocknete sich ab und zog sich dann im Schlafraum eine Hose über, das Oberteil ließ er fort, da Milan ihn ja wärmen würde. Er löste die Aufhängung für die Vorhänge, die ihre Liegefläche umgeben würden. Nicht vollkommen die Sicht blockierend, aber wenigstens etwas Schutz. Gähnend sah er sich nach dem General um, während er unter die Laken kroch. Cahal saß in einem der Sessel am Kamin, hatte sich abgewandt und sah auch nicht auf, starrte nur in das flackernde Feuer. Er rührte sich nicht, fast schien er zum Inventar zu gehören, eine reglose Statue.

Milan hatte nur sich nur ein Handtuch um die Hüften gewickelt, als er in den Schlafraum kam. Er hatte nichts zum Anziehen. Noch immer nicht. Seine nassen Klamotten hatte er sorgfältig im Bad drapiert, damit sie bis zum nächsten Tag vielleicht wieder halbwegs trocken sein würden. Andernfalls würde er eben die kratzige Robe tragen müssen, die er noch immer in dem schmalen Schrank der Zelle hängen hatte.

Unsicher huschte sein Blick durch das Zimmer, fand den General, blieb kurz an ihm hängen. Erleichtert stellte er fest, dass der Jumer nicht zu ihm hinsah, als er hastig zu Niel in das große, bequeme Bett schlüpfte. Er kroch zu ihm unter die Decke, zog den schlanken, warmen Körper an sich. Zart küsste er ihn auf den Mund, einmal, zweimal, dreimal.

"Ich liebe dich", flüsterte er. "Schlaf gut, mein kleiner Elf."

Niel sank gleich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf. Er schaffte es nicht einmal, ebenfalls "Ich liebe dich" zu sagen, bevor ihn die Müdigkeit nach einigem Gähnen wegdämmern ließ. Er schmiegte sein Gesicht in Milans Halsbeuge und brachte seinen Körper Haut an Haut, aber auch das tat er nur im Halbschlaf, dann wurde alles weich und angenehm um ihn herum.

Milan schlief nicht so schnell ein. Er hielt Niel in seinen Armen, spürte die vertraute Wärme, roch den vertrauten Duft und starrte an die Decke empor. Dort draußen, nur durch eine dünne Stoffbahn von ihm getrennt, saß der General, der seinen Geliebten morgen früh von ihm wegbringen würde, für eine unbestimmt lange Zeit. Und wer wusste, ob er ihn überhaupt jemals wieder sehen würde. Ob sie ihn wieder zu ihm zurücklassen würden, wenn sie sie erst mal getrennt hatten.

Seine Augen begannen zu brennen und füllten sich schließlich mit Tränen, die lautlos seine Wangen hinab rannen, während seine Kehle vor unterdrückten Schluchzern schmerzte. /Ich liebe dich... Ich liebe dich so sehr. Warum muss das nur so schwer sein? Warum wollen sie uns unbedingt trennen?/

Als er endlich einschlief, waren die Sonnen nicht mehr fern davon, sich über den Horizont zu erheben.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh