Zwischen den Welten

27.

Niels Schlaf wurde mitten in einem Traum jäh unterbrochen, als ihn jemand an der Schulter rüttelte. Um ihn herum raschelten Kleider, und flüsternde Stimmen und schleichende Schritte störten die Ruhe, die im nächtlichen Garten eigentlich noch lange erhalten bleiben sollte.

Niel blinzelte und gähnte übermüdet, dann fragte er flüsternd und ein wenig heiser "Was ist?"

Eine Novizin verbeugte sich leicht, dann deutete sie auf die Kleider, die auf dem Hocker für ihn bereit lagen. "Ihr müsst aufstehen, Priester."

Niel kniff die Augen einige Male zusammen, dann kroch er grummelnd an die Bettkante, deckte Milan fürsorglich zu und begann, sich in die leichte Kleidung zu winden, die man ausgelegt hatte.

Erst als er bei der Hose war und darüber ein wehendes Hemd ziehen konnte, stellte er fest, dass dies keine priesterlichen Roben waren. "Cahal? Muss ich schon los?" Unsicher sah er sich nach dem General um, der die Nacht im Sessel verbracht haben musste. Sein zweiter Blick galt gleich Milan. /Muss ich etwa schon fort? Von dir?/ Milan schlief noch, verständlich. Niel war selber zu erschöpft, um denken zu können und nahe am erneuten Einschlafen.

"Ja, Hoheit. Es ist das Sicherste. Ich verspreche Ihnen, Sie werden morgen ausschlafen dürfen", erklärte Cahal leise, auch wenn er wusste, dass es seinen Prinz kaum aufmuntern würde. Er war selber müde, hatte nicht viel geschlafen in der Nacht, auch wenn er schon die Nächte davor kaum dazu gekommen war.

Doch die Mischung aus Sorge, Wut, Schmerz und wie er gestehen musste brennender Eifersucht hatte ihn wach gehalten. Sorge, dass es vielleicht doch noch einen Anschlag geben könnte, auch wenn er hier war, um seinen Prinzen zu bewachen, auch wenn er unauffällig Wachen verteilt hatte. Wut darüber, dass es überhaupt hatte geschehen können. Dass er nicht damit gerechnet hatte, dass Niel so unvorsichtig sein würde, sich aus dem Tempel zu bewegen. Der Schmerz, den es ihm bereitet hatte, den kleinen Jumer und seinen Geliebten, diesen verdammten Menschen, so zu hören, als sie sich geliebt hatten. Als ob es ihn nicht gäbe. Er hätte am liebsten den Raum verlassen, als ihn die Eifersucht fast aufgefressen hatte. Aber er hatte nur weiter ins Feuer gestarrt, bis seine Augen gebrannt hatten.

Seiner beherrschten, ruhigen Stimme merkte man jedoch keinen seiner Gedanken an, als er weitersprach. "Auf dem Flug können Sie ja auch noch ein wenig ruhen. Wir werden eine Weile unterwegs sein."

Niel senkte den Kopf und wendete sich ab, während die Novizen flüsternd mit einigen Taschen mit Kleidung aus dem Raum huschten. Jemand musste Niel Kleidung gebracht haben. Am Rande seines Bewusstseins überdachte er, dass dieser Jemand den Feind zum Tempel geführt haben musste.

/Ich werde dich wirklich nicht wieder sehen... Juwel. Ich benehme mich kindisch, kindisch, kindisch.../ Niel krabbelte dennoch auf das Bett zurück. Er warf einen letzten Blick auf Milans schlankes Gesicht und kämpfte die Tränen entschlossen zurück.

Cahal stand steif hinter ihm, in Uniform, abweisend, seinen Vater und alles repräsentierend, das ihn nun von seinem Geliebten fort brachte. /Was kann ich dir nur...? Wie kann ich es nur erklären?/ Zögernd sah er sich um, aber die Gegenstände waren nur Dinge. Milan und ihn verbanden keine Sachen.

Endlich seufzte Niel noch einmal auf und hob hastig eine Hand, um sich einen Ohrring aus der rechten Seite zu entfernen. Vorsichtig öffnete er die leicht gekrümmten Finger seines Lieblings und platzierte den rötlich schimmernden Ring mit den Schriftzeichen, die Niel damals zu einem obersten Lehrer gemacht hatten, in die Handfläche, bevor er die Finger erneut darum schloss.

/Ich werde dich niemals vergessen... So lange ich lebe nicht./ Niel beugte sich vor und küsste Milan noch einmal auf den Mundwinkel, dann auf die Wange, bevor er sich hastig erhob und von dem Bett zurücktrat. "Ich bin soweit."

Cahal nickte. "Gut, Hoheit, dann lassen Sie uns gehen." Er wandte sich ab, sah sich nicht mehr nach dem Prinzen um, bis er die große Tür erreichte und sie leise öffnete, um Niel den Vortritt zu gewähren. /Er liebt ihn wirklich, und das war ein Abschied. Ein Abschied für immer. Du weißt, dass du ihn nicht wiedersehen sollst. Dass es nicht gut ist./

Eigentlich hätte er froh sein sollen, doch die Trauer im Gesicht des jungen Jumers, die dieser so mühsam zu verbergen versuchte, schnürte ihm das Herz zusammen. "Wenn Sie wissen, wo er die nächste Zeit verbringen wird, können Sie von meiner Villa aus gerne mit ihm sprechen", sagte er leise, als Niel an ihm vorbei in den Gang trat.

Niel stockte kurz, dann senkte er den Kopf und flüsterte "Ich hoffe, dass ich weiß, wo er sein wird, und dort werde ich ihn nicht stören." /Sein Leben ist ohnehin zu kurz, da darf ich die wenigen Tage Glück nicht noch weiter nehmen./

Er sah sich nicht mehr um, sondern ging schweigend zu dem unscheinbaren Transporter. Die Augen hielt er auf die Hände der Priester gesenkt, deren Fingerspitzen er zum Abschied leicht streifte.

Auf dem Flug saß Niel noch immer schweigend und den Blick leer zum kleinen Fenster hinaus gerichtet. Er konnte nicht einschlafen, weil er an Milan denken musste. An das Attentat, an den Abschied. Er dachte an die vielen schönen Momente, die sie zusammen gehabt hatte.

Halb lächelnd, halb unter Tränen fielen ihm all die Dinge ein, die Milan gelernt hatte, die erstaunte Freude, die sich auf dessen Gesicht so oft gezeigt hatte. Ihm fiel ein, wie Milan ihm ohne den Transmitter am Hals in der menschlichen Sprache vorgesungen hatte, Zungebrecher vorgesagt, und der Klang der Sprache, auch wenn Niel ihn kannte, war neu aus Milans Mund, da sein Gedächtnis nicht gelöscht worden war.

Er enthielt seine Erinnerungen an das Lernen der Sprache. Bei all den anderen Menschen waren die Worte nur Worte gewesen. Je weiter der Transporter ihn über enge Täler und Baumwipfel vom Tempel forttrug, desto mehr vermisste Niel Milan schon. Es fühlte sich an, als habe jemand ihm einen wichtigen Teil seines Körpers, seines Inneren entfernt, das hohle Gefühl bereitete ihm Übelkeit. Leise verlor er den Kampf gegen die Tränen und war nur froh, dass man ihm fürsorglich ein Taschentuch gegeben hatte.

Es war nur ein kleiner Transporter, der hauptsächlich auf Geschwindigkeit und Unauffälligkeit ausgerichtet war, weswegen der Prinz keine eigenen Räumlichkeiten hatte. Neben der Fahrerkanzel gab es schlicht nur diesen einen, der kaum groß genug war, dass drei Personen nebeneinander sitzen konnten, was Cahal die Möglichkeit gab, Niel unauffällig aus den Augenwinkeln zu beobachten. Er sah den Schmerz, der sich auf dem müden, kleinen Gesichtchen widerspiegelte, sah die Tränen, die seine Wangen nass glänzen ließen, und wünschte sich, irgendetwas tun zu können, um sie zu trocknen und die Fröhlichkeit zu ihm zurück zu bringen.

/Aber es gibt nichts. Ruhe ist das einzige, was ich ihm geben kann/, dachte Cahal verärgert. /Zwei Tage, vielleicht auch nur einen, je nachdem, in denen er sich von seinem Menschen innerlich verabschieden kann, und dann werde ich ihn ablenken. Irgendwie./

 

Eine kleine Hand auf seiner Schulter weckte Milan. Erschöpft blinzelte er, als er sacht geschüttelt wurde. Er hatte nicht gut, aber tief geschlafen und fühlte sich wie gerädert und als sei die Nacht noch nicht wirklich vorbei.

"Milan, wach auf." Es war eine leise Frauenstimme, die ihm vage bekannt vorkam, die er jedoch nicht auf Anhieb einordnen konnte. Die kleine Hand zog sich zurück, während er müde nach Niel tastete, doch die Stelle neben ihm war leer.

"Ihre Hoheit, Prinz Niel Aremeth Hashar, ist bereits vor drei Stunden aufgebrochen", erklärte die Stimme und holte Milan damit endgültig aus den Armen des Schlafes in eine unangenehme Wirklichkeit.

/Niel.../ Er öffnete die Augen und starrte auf das helle Laken vor sich, auf dem kein blonder, zerzauster Schopf ruhte. Keine violetten Augen sahen ihn an, kein weicher Mund empfing ihn mit einem sanften Guten-Morgen-Kuss. /Er ist weg, und er hat sich nicht einmal verabschiedet. Hat mich schlafen lassen. Was, wenn ich ihn jetzt wirklich nicht mehr wiedersehe? Wenn er jetzt wirklich.../

Seine Kehle wurde eng, und er ballte die Fäusten. In dem Moment spürte er den kleinen, harten Gegenstand, der sich in die weiche Haut seiner Hand bohrte. Mühsam die Tränen herunter schluckend, die ihm plötzlich in den Augen brannten, betrachtete er den kleinen, bronzefarbenen Ring, dessen winzige Schriftzeichen er noch immer nicht lesen konnte. Er erkannte ihn auf Anhieb wieder, und seine Sicht verschwamm, als die Tränen nun doch zu fließen begannen. /Niel... Ich vermisse dich... Sehe ich dich wirklich nie wieder? Das ist nicht wahr, oder? Ich liebe dich! Ich will dich nicht verlieren. Warum bist du ein Prinz? Warum bin ich ein Mensch?/

Mit einem unterdrückten Aufschluchzen schloss er die Hand wieder um den Ring, den er ohnehin kaum noch erkennen konnte, und vergrub sein Gesicht in den Kissen. Es tat weh, es tat so weh! Die leisen Geräusche im Hintergrund machten ihm klar, dass er nicht allein war, doch es war ihm das egal. Seine Gedanken galten allein dem kleinen Elf, über den er im Urwald so unversehens gestolpert war oder dieser über ihn; dem zierlichen Jumer, mit dem er diesen Gewaltmarsch bis zu Jeremis' Gutshof zurückgelegt und der ihm von Jume erzählt hatte, mit dem er nachts eng aneinander gekuschelt geschlafen hatte, um sich ein wenig warm zu halten.

Seinem fröhlichen Niel, mit dem er auf dem Weingut so viel gelacht hatte. Er dachte an Nächte voller Liebe, an geteilte Küsse, an seine blitzenden Augen. An das Gefühl von weicher Haut auf seiner. An die Geduld, die Niel immer wieder aufgebracht hatte, um ihm dies oder jenes zu erklären. An diesen so rebellischen Prinzen, der sich gegen den General, gegen die Priester gestellt hatte, um bei ihm zu sein.

/Das kann doch nicht einfach vorbei sein. Es ist ja nicht so, als ob er tot wäre! Er ist doch nur weg, bis der Aufstand niedergeschlagen ist!/, hielt er sich vor, während das Kissen unter seinem Gesicht nass wurde, aber es war schwer, daran zu glauben.

Die Matratze gab ein wenig nach, als sich jemand zu ihm setzte. Erneut spürte er die Hand auf seiner Schulter, leicht nur berührte sie ihn. "Milan, du musst aufstehen. Es tut mir leid, aber der Gleiter nach Jumelaan fliegt in einer halben Stunde. Ich habe dich so lange schlafen lassen wie möglich. Wenn ich gewusst hätte... Ich hätte dich ein wenig früher geweckt."

Dieses Mal erkannte er die Stimme. Es war Trishia, die ajester Novizin, die ihn am Vortag durch den Tempel geführt hatte. Angestrengt versuchte er, sein Schluchzen, seine Tränen wieder unter Kontrolle zu bekommen, ehe er sich zu ihr umwandte. Ihr rundes, weiches Gesicht sah besorgt aus, und ihre violetten Augen waren dunkel.

"Alles okay", murmelte er und wischte sich hastig über die Wangen, um die nassen Spuren zu entfernen. "Geht schon wieder."

Sie sah nicht überzeugt aus, doch sie sagte nichts weiter dazu, als sie aufstand. "Ich habe dir frische Kleidung gebracht, nichts Besonderes, aber immerhin trocken und sauber. Frühstück steht auf dem Tisch neben dem Kamin. Ich lasse dich jetzt allein, damit du dich anziehen kannst. Ich bin dann in zwanzig Minuten zurück, um dich zum Gleiter zu bringen, ja?"

"Danke." Milan versuchte zu lächeln, doch es misslang ihm vollkommen. Als die schwere Tür hinter der Ajesterin ins Schloss gefallen war, blieb er noch einen Moment sitzen, unfähig, sich zu rühren. Er sah sich in dem großen Zimmer um, dem Zimmer eines obersten Priesters, und mit einem Mal wollte er nur noch weg. Vorsichtig befestigte er den Ohrring an der Kette mit dem Vilastein, hoffend, dass er halten würde.

Dann stand er hastig auf, verschwand für eine Katzenwäsche ins Bad, ehe er sich die einfache Kleidung überzog, die Trishia ihm gebracht hatte. Unterwäsche, eine robuste, dunkelbraune Hose und ein weißes, grob gewebtes Hemd. Er packte die Sachen zusammen, die Jeremis ihm geschenkt hatte und die noch immer feucht waren. Neben dem Kamin wäre vermutlich der bessere Platz gewesen, um sie zu trocknen, doch da hatte der General gesessen.

/Jeremis.../ Unwillkürlich tastete er nach dem Vilastein und umfasste ihn mit der Hand. Der Gedanke an den kräftigen, stillen Mann beruhigte ihn ein wenig und spendete Trost. /Zu dir kann ich immer kommen, nicht wahr? Und jetzt kann ich dir auch endlich zurückgeben, was du mir gegeben hast. Und dir vielleicht doch noch lesen und schreiben beibringen. Wenn wir doch nur einfach hätten bei dir bleiben können. Es war so schön dort. Ich mag Kees und Hame, ich mag dich, Jer. Ich hoffe nur, dass das mit dem Kuss... mit den Küssen... Kann ich jetzt einfach zu dir gehen? Wie sieht das aus? Wie sieht das in deinen Augen aus? Aber ich muss. Ich werde das mit dir klären, und wenn... ich weiß nicht... Wenn du dann nicht mehr mit mir sprichst, gehe ich wieder nach Jumelaan und suche mir dort etwas. Etwas, wo ich arbeiten kann, wo ich leben kann, bis Niel wieder da ist./

Er presste die Lippen zusammen, bis es schmerzte. "Er wird wiederkommen", flüsterte er. "Er wird zu mir zurückkommen, egal was Priester und Generäle sagen. Er liebt mich. Und ich liebe ihn." Und er vermisste ihn schon jetzt so unwahrscheinlich, dass sein Herz mit jedem Schlag schmerzte.

 

Der Flug war lang, gerade, wenn man bedachte, wie schnell der kleine Gleiter des Generals war. Doch als die Sonnen den Zenit schon weit überschritten hatten, verlangsamte er endlich sein Tempo. Sie befanden sich über den ersten Ausläufern des westlichen Regenwaldes der Thajun-Ebene, der eine geschlossene, grüne Decke unter ihnen zu bilden schien. Gemächlich sank der Gleiter tiefer, bis er in die Baumwipfel eintauchte. Erst hier offenbarte sich, dass es keineswegs eine geschlossene Fläche war, sondern dass unter den Kronen sorgsam ein Weg freigehalten wurde, der zu der Villa des Generals führte.

Eingebettet in das lebendige Grün des Waldes und an einen Hang geschmiegt, lag das weiße Haus vor ihnen, das jedoch für die Villen, die Niel kannte, recht klein war. Es war zweistöckig, und im oberen Geschoss lief eine Balustrade entlang, die im unteren ihren Fortgang in einem kleinen, offenen Säulengang fand. Ein gepflegter, gepflasterter Weg führte von einer als Parkplatz genutzten Fläche direkt zum Haupteingang.

Sie landeten, und Cahal stieg sofort aus, um seinem Prinzen die Tür zu öffnen. "Das ist meine private Villa, Hoheit. Nur die wenigsten wissen, dass sie überhaupt existiert. Hier werden Sie die nächsten Wochen verbringen, in Ruhe und hoffentlich völliger Sicherheit. Ich habe eine große Bibliothek, und natürlich Anschluss an alles, was nötig ist."

Niel folgte ihm hinein, sah sich uninteressiert an, wie die Villa aufgebaut war, er bemerkte, wie einsam sie lag und wie geschickt der Garten in den Urwald umher integriert worden war. "Ruhig scheint es zu sein, General. Sehr einsam." Niel wollte keine Antwort, wendete sich schon einigen gerahmten Bildern zu.

Der General zeigte ihm das Haus, den Pool im hinteren Garten. Er wies ihn dezent auf Bäder hin, auf die Bibliothek, und er erklärte Niel, wie dieser Bedienstete rufen konnte, wenn er einen Wunsch hatte. Nachdem sie ihre Runde beendet hatte, lotste Cahal Niel über eine geschwungene Treppe in das Obergeschoss, Niel folgte seinem Hinweisen schweigend, dachte mehr an Milan, versuchte sein Vermissen aus dem Körper zu verdrängen.

Müde fühlte er sich, schlapp, lustlos. Der Schmerz war ja altbekannt, Liebeskummer. Die Mischung aus Magenschmerzen und Frieren. Er umschlang seinen Körper mit den Armen und tappte lustlos in den großen, und auch objektiv betrachtet, schönen Raum. Einige hochgewachsene Jumer in heller Kleidung kamen ihnen aus dem Zimmer entgegen. Sie hatten anscheinend die Taschen dorthin gebracht, während Cahal Niel das Haus gezeigt hatte.

Ein schweres, breites Bett aus dunklem Holz nahm die eine Seite des Raumes ein, daneben war zu Niels Überraschung ein Feldbett aufgestellt. "Sie nehmen die Bewachung ernst, wie es aussieht", stellte Niel freudlos fest, bevor er sich langsam auf dem Bettkanten niederließ. "Was soll ich tun?", fragte er endlich leise.

"Was immer Sie wollen, Hoheit", antwortete Cahal mit einem leisen Seufzen. Es tat weh, seinen Prinzen so voller Kummer zu sehen. Er war für Lachen, für Fröhlichkeit, für Sorglosigkeit gemacht, oder auch für die Verantwortung, die seine Stellung mit sich brachte. Aber nicht für diese Traurigkeit. "Ich weiß, dass Sie lieber in der Stadt sind, irgendwo, wo es Leben gibt. Doch dafür ist es hier sicher. Es ist ja nicht auf ewig." Er hob die Hand, legte sie kurz tröstend auf Niels Schulter, ehe er einen Schritt zurücktrat. "Wenn Sie wollen, lasse ich Sie erst einmal so weit allein, wie es mir möglich ist. Ansonsten sagen Sie, was Sie gerne tun würden."

Niel sank ein wenig mehr in sich zusammen. Er wusste nicht genau wieso, aber ein Protokoll, ein voller Terminkalender war das, was er zu brauchen geglaubt hatte. Nun fiel die Stille über ihm zusammen. Die Vogelstimmen, das Insektensummen und das leichte Rauschen der Bäume waren nicht geeignet, um seine viel zu lauten Gedanken zu übertönen.

"Wenn das so ist, mache ich mich frisch und gehe dann schlafen", murmelte er und sah Cahal kurz an. "Danke."

Mit sehr viel Mühe erhob er sich und begann seine Kleidung abzulegen, nachdem er sich auf den Weg zum Badezimmer gemacht hatte. Es war alles egal um ihn her. Das Bad war großzügig, mit einer verglasten Kuppel über der riesenhaften Wanne versehen, aber es interessierte ihn nicht, obwohl ein beeindruckender Sonnenuntergang zur Schau gestellt wurde.

In ein Handtuch gewickelt ließ Niel sich statt zu duschen auf eine Bank fallen und begann erneut in Gedanken versunken, mit dem farbenprächtigen Blättern einer Topfpflanze zu spielen. Er merkte nicht, wie es dunkel wurde um ihn her, wie es kühl wurde im Bad, wie es stiller wurde im Urwald um das Haus.

Langsam wurde Cahal unruhig. Er wartete vor der Tür zum Bad, wollte Niel wenigstens dort Ruhe für sich geben. Doch er brauchte so unendlich lange. /Er ist so schwermütig... Warum muss er diesen Menschen nur so sehr lieben? Denn das tut er. Was mache ich jetzt? Kann ich ihn wirklich so in seinem Kummer versinken lassen? Aber wie soll ich ihn hier ablenken? Dieses Haus ist hervorragend geeignet, um auszuspannen. Um Ruhe zu haben. Nicht um liebeskranke Männer abzulenken./

Er entschied sich, ihn an diesem Abend trotz allem sich seiner Trauer hingeben zu lassen. Am nächsten Morgen, nach einem guten Frühstück, würde die Welt vielleicht schon wieder anders aussehen. Und wenn nicht... /Ich kann ihn herumführen. Es gibt einige schöne Plätze in diesem Teil des Urwalds, wenn man sich erst mal dorthin durchgeschlagen hat. Oder ich trainiere mit ihm. Ganz aus der Übung kommen darf er ohnehin nicht. Außer der metallbeschlagenen Peitsche kann eine zweite Waffe nicht schaden. Vielleicht spielt er auch gerne. Ich werde sehen./

Er klopfte sacht an die Tür an. "Hoheit?" Als keine Antwort kam, öffnete er besorgt die Tür. Er presste kurz die Lippen zusammen, als er registrierte, dass Niel weder das Licht eingeschaltet hatte, noch die Aussicht auf die Sterne genoss, die sich jetzt am schwarzen Himmel zeigten. Sein Prinz saß auf einer Bank und starrte ins Nichts. Cahal schaltete das Licht ein, bemerkte, wie Niel leicht zusammenzuckte.

"Sie verkühlen sich, wenn Sie weiter nur mit einem Handtuch hier herumsitzen", sagte er leise. Er nahm den Morgenmantel des Prinzen vom Haken, den seine Diener bereits aufgehängt hatten, und legte ihn um die schmalen Schultern. /Was kann ich tun, damit es dir besser geht?/

Er wollte ihn tröstend in den Arm nehmen, wollte ihm durch das blonde, zerzauste Haar streichen, seine Hände um das blasse Gesicht legen, um ihn dazu bringen, zu ihm aufzusehen und ihm dann zu versichern, dass er nicht allein war.

"Soll ich Ihnen Wasser einlassen?", fragte er stattdessen.

Niel zuckte kurz zusammen, dann hob er den Kopf und lächelte ein wenig. "Danke, das ist sehr nett. Ich bin so unaufmerksam, entschuldigen Sie bitte."

Cahal stellte die Temperatur ein und gab Schaumbad dazu, etwas Entspannendes, was gleichzeitig müde machte. Schweigend wartete er, bis die Wanne voll gelaufen war und sich eine enorme Menge Schaum auf der Wasseroberfläche gebildet hatte. Er nahm Niel den Morgenmantel wieder ab und legte ihn neben ihn auf einen Hocker, dass er wieder hineinschlüpfen konnte, wenn er fertig war. Dann verließ er das Bad. Wenn nötig würde er seinen Prinzen auch in zwei Stunden aus der Wanne heben und ihn eigenhändig abtrocknen, um ihn dann ins Bett zu tragen, nahm er sich vor.

/Wenn er zornig ist, hat er wenigstens keine Zeit, traurig zu sein/, dachte er wenig ernsthaft mit einem kurzen, amüsierten Schmunzeln, als er sich an einen kleinen Tisch setzte und eine Zeitung durchblätterte, ohne wirklich darauf zu achten, was darin stand. /Aber wenn er wütend auf mich ist, wird er sich noch einsamer fühlen. Denn ich allein bin hier, um ihm Gesellschaft zu leisten./

Doch zum Glück war es nicht notwendig. Niel kam nach einiger Zeit von alleine aus dem Bad, und Cahal folgte ihm still in das Schlafzimmer. Er wandte sich ab, als sein Prinz sich zur Nacht umkleidete und seufzte leise, als er das Rascheln der Seidenbettwäsche hörte. /Nicht einmal zu Abend will er essen. Er hat doch den ganzen Tag nichts zu sich genommen./ Aber er ließ ihn gewähren. Einen Tag würde der junge Jumer das überleben.

Nach kurzem Zögern ging er zu seinem Schreibtisch in der Ecke, um etwas des Papierkrams zu erledigen. Um die Uhrzeit konnte er noch nicht schlafen. Doch nach einer halben Ewigkeit, in der er nur auf Papier gestarrt hatte, merkte er, dass daraus nichts wurde.

Seine Gedanken waren bei dem kleinen Prinzen, der nur so wenige Meter von ihm entfernt in dem viel zu großen Bett lag. Und dabei, wie er ihn nur aufmuntern können würde. Er, der kalte, unnahbare General, für den ihn der Prinz hielt. /Nun, ich werde den Tag damit beginnen, dass ich diese Uniform beiseite lege. Vielleicht... vielleicht ändert es etwas./

Er seufzte, stand auf und zog sich ebenfalls um, legte sich in das schmale Feldbett, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Tür abgeschlossen war. /Schlaf gut, mein Prinz/, dachte er.

Niel hatte sich gleich und schweigend in das Bett gelegt und darauf gewartet, dass es still wurde und einsam. Wie immer, wenn er allein in sein Bett ging, alle Bediensteten sich zurückzogen, die kühle Dunkelheit das einzige war, was ihm blieb. Deswegen war es Jashuun vielleicht so leicht gefallen, eine Beziehung zu ihm zu etablieren, in der Niel sich nicht wirklich wohl gefühlt hatte. Er hatte all die harschen Beschimpfungen und die harte Art seines Lehrers hingenommen, weil er so nicht allein war.

Anstelle der Dunkelheit und einsamen Ruhe kam etwas anderes. Am anderen Endes des Raumes wurde ein weiches Licht eingeschaltet, und gleich darauf begann ein leises Papierschaben, jemand las noch. Niel lächelte in sich hinein und drehte sich zu dem Licht, dem anderen Wesen. Mit einem Mal tat es ihm leid, dass er nicht hatte reden wollen mit dem General.

/Morgen reiße ich mich zusammen. Er ist nicht freiwillig mit mir hier. Hier... seine Villa.../ Die alte Neugierde erwachte, und in Gedanken um das Privatleben des abweisenden Generals verstrickt, schlief Niel ein.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh