Zwischen den Welten

28.

Jeremis stellte die letzte Schale in den Geschirrreiniger und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. Die elegante Küche war fast wieder aufgeräumt, und von dem Balkon ertönte mittlerweile nicht mehr derart vielstimmiges Gelächter, weswegen Jeremis annahm, dass die Gäste weitgehend gegangen waren. Es war aber auch schon spät genug geworden.

Geduldig begann er Gläser zu polieren, während er Kennys Stimme vernahm, der sich gähnend ins Bett verabschiedete. Ein allgemeiner Aufbruch bei den restlichen Freunden begann, einige steckten den Kopf zur Küche hinein und verabschiedeten sich bis zum nächsten Mal oder bis zum Sommer, in dem Jeremis immer einige aus der Stadt zu deren Ferien bei sich hatte.

Ein schlanker Mann, der gerade erst die Freiheit erlangt hatte, kam noch zu ihm in die Küche und gab ihm seine Nummer. "Wenn du mal jemanden auf deinem Gut brauchst, der hilft, dann ruf mich einfach. Ich weiß noch nicht so genau, was ich machen werde."

Jeremis nickte und umarmte den anderen sogar, aber erwiderte kurzangebunden "Vor dem Frühjahr brauche ich erst mal keine Hilfe, danke für das Angebot."

Auf das eigentliche Angebot, das der andere ihm den Abend über vor allem während des Essens schon permanent gemacht hatte, wollte Jeremis schon gar nicht eingehen. Er wendete sich auch schnell wieder ab und nahm das Glas auf, um es noch einmal zu polieren, während er zuhörte, wie der Mann hinausging.

Er wollte niemanden kennen lernen, von niemandem angegraben werden. Es erinnerte ihn doch ohnehin alles nur daran, wie er Milan in die Augen geblickt hatte. Diese sonnenfarbenen Augen, die Blicke und die Art des jungen Mannes war auch feurig gewesen. Verbrannt hatte Jeremis sich oft genug an der hitzigen Art des unerwarteten Gastes. Aber dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen schrecklich verliebt in ihn.

Er hob das Glas gegen das Licht und betrachtete sein Abbild darin. /Du bist zu alt und zu langweilig für so einen Mann. Hättest ihn nie halten können. Er hatte nur Augen für den Jumer, den Prinzen gehabt... bis auf den Kuss... bis auf diesen Tag./

Versonnen strich Jeremis sich über die Lippen. Der eine Kuss. Er würde ihn nicht vergessen. Noch nie zuvor hatte er sich so versunken gefühlt, so in einer anderen, eigenen Welt wie in dem Moment, in dem Milan und er sich geküsst hatten.

/Da können Raoul und Kenny noch so viele Jungs einladen zu ihren Parties oder mitbringen zum Gut. Ich werde ihn doch nicht mehr vergessen können./

"Alle draußen." Mit einem Auflachen kam Raoul in die Küche. Er war ein wenig angeschwippst, wenn auch nicht wirklich betrunken. "Endlich. Ich feiere ja gerne, aber ich bin jedes Jahr froher, wenn ich es dann hinter mir habe. Ich werde alt, Jer." Er lehnte sich an die Anrichte und sah zu seinem Freund hin. "Danke, dass du hier Ordnung geschafft hast."

"War mir ein Vergnügen. Dann hast du morgen früh nicht den ganzen Kram hier rumstehen." Jeremis warf einen Seitenblick auf seinen Freund. /Älter... wieder ein wenig. Aber du hast doch alles erreicht. Hast den Laden, das Haus, du hast Kenny. Auch wenn der mir entschieden zu zickig wäre.../ Unbewusst lächelte er ein wenig.

"Was grinst du?" Raoul stieß ihm spielerisch in die Seite, griff dann nach einer nur noch halb vollen Wasserflasche, um sie an einem Zug zu leeren. Alkohol machte ihn immer entschieden zu durstig. "Wegen Mace, der gerade gegangen ist? Hat er sich bei dir ordentlich verabschiedet? Der hatte ja nicht nur ein Auge auf dich geworfen." Wieder lachte er.

Jeremis hob die Schultern und gab zu "Das ist mir aufgefallen. Aber ich fand ihn nicht... er war nicht... mein Typ." Wie kam es nur, dass er sich unwohl fühlte, zugleich als sollte er Raoul endlich mehr erzählen. Er hatte den Kuss nicht angesprochen, alles in Bezug auf Milan stets verschwiegen. Während er das letzte Glas fort stellte, wog er ab, ob es helfen könnte, wenn er einmal alles sagte, was ihn beschäftigte. Nach einem Seitenblick auf seinen Freund schlug er leise vor "Lass uns doch noch einen Moment lang auf den Balkon gehen."

Raoul musterte ihn für einen Moment prüfend, dann nickte er. Er folgte Jeremis durch die mittlerweile halbdunkle Wohnung und das noch immer unordentliche Wohnzimmer auf den Balkon. Im Vergleich zum Tag war die Luft draußen mittlerweile angenehm frisch geworden, der Lärm von der Straße war verstummt, und es war regelrecht ruhig. In der Ferne hörte man noch hin und wieder Stimmen, ansonsten war es still.

Raoul lehnte sich neben seinen Freund gegen das Geländer und sah zum Sternen übersäten Himmel empor, ehe er sich wieder zu Jer umwandte.

"Du denkst an den vilaäugigen Jungen, richtig?", fragte er leise.

Jeremis zuckte zusammen und ließ fast sein Glas fallen. "Woher weißt du, dass ich..." Verwirrt sah er Raoul ins Gesicht.

Beinahe amüsiert schnaubte Raoul. Kopfschüttelnd grinste er ihn an. "Ich bin dein bester Freund, Jer. Ich kenne dich seit... Wie lange ist das her? Seit fast zwanzig Jahren. Und so, wie du Milan angesehen hast, hätte ich blind sein müssen, um nicht zu merken, dass du für ihn mehr empfindest als nur Mitleid, weil er hier unregistriert, aber mit Gedächtnis gestrandet ist und einen Jumer als Geliebten hat. Außerdem", sein Lächeln verschwand abrupt, "hier sind Cahals schwarze Soldaten aufgetaucht, haben nach dem unregistrierten Sklaven gefragt, du bist mit ihm davongelaufen. Kommst wieder, er ist weg, du sprichst kein Wort mit mir und schließt dich im Zimmer ein. Hey, ich hab mich wirklich zurückgehalten... Aber was ist los, Jer? Was ist passiert? Ich... Ehrlich, ich hab mir scheiß Sorgen gemacht! Und die mache ich mir noch immer!"

Jeremis senkte den Kopf, dann murmelte er tonlos "Die Soldaten haben doch nur zu dem Prinzen gehört." Er seufzte. "Mit einem Mal wollte ich nicht, dass sie ihn mir wegnehmen. Ich hab seine Hand gegriffen, um ihn durch die Straßen zu ziehen, und ich konnte nicht mehr loslassen. Und kurz bevor die Soldaten uns eingeholt haben... haben wir uns geküsst."

Es klang zu flach für das, was wirklich passiert war. Jeremis hatte in Wirklichkeit vergessen, dass sie verfolgt worden waren, dass sie nicht zusammengehören sollten, dass Milan wenn nicht zu Niel, dann zur Erde wollte, dass sie immer stritten. Alles war verschwunden, als die weichen Lippen von Milan seinen Mund berührt hatten.

"Du hast... ihr habt... Ihr habt euch geküsst, und dann ist er mit den Soldaten gegangen, um zu dem Jumer zurückzukehren?", fragte Raoul nach und runzelte die Stirn. Zwischen seinen Brauen bildete sich diese kleine, senkrechte Zornesfalte, die er immer hatte, wenn er wütend war. Und jetzt war er zudem noch leicht betrunken.

Jeremis zuckte mit den Achseln, dann trank er sein Glas aus und vermutete "Er liebt ihn. Verdenken kann ich es ihm nicht. Ich hoffe, dass er glücklich wird." /Ich wünschte nur, dass es mich nicht so unglücklich machen würde./

"Dann hätte er dich nicht küssen dürfen! Das ist nicht fair", grollte Raoul ärgerlich und schlug mit der Faust auf das Geländer. "Was für ein Dreckskerl!" Er legte seinem Freund einen Arm um die Schulter, drückte ihn an sich.

"Hey, Jer", sagte er leiser, regelrecht weich und fuhr ihm mit der anderen Hand durch das wirre, dichte Haar. Warum nur musste ausgerechnet Jeremis immer so ein Pech haben? Es war so ungerecht! Raoul war der Auffassung, dass sein bester Freund etwas ganz besonderes verdient hatte. Stattdessen bekam er nur Männer ab, die seine Gutmütigkeit ausnutzten und seine Gefühle mit den Füßen traten. "Der ist es vermutlich nicht wert, dass du weiter an ihn denkst."

Jeremis machte sich unwillig frei und verwies Raoul mit dem ärgerlich gegrollten Satz "Du hast kein Recht, so über ihm zu reden!" Er wendete sich ab und fügte an "Es liegt nicht an ihm, wenn du die Wahl hättest zwischen einem Kronprinzen und einem langweiligen, alten Gutsbesitzer, wäre es dir auch nicht schwer gefallen."

"Pah." Raoul schnaubte. "Wenn ich die Wahl zwischen einem Kronprinzen und einem kleinen Schneider hätte, würde ich den Schneider wählen. Das hat doch nichts damit zu tun! Es gibt viel mehr Dinge, die für den Gutsbesitzer als für den Kronprinzen sprechen. Der Prinz ist Jumer, lebt 'ne halbe Ewigkeit und hat in spätestens zwanzig Jahren keine Lust mehr auf einen Menschen mit Falten und Runzeln. Er hat kaum Zeit, als menschlicher Geliebter wirst du nur angefeindet wenn du überhaupt lang genug lebst. Und die Wahl hin oder her, das ist kein Grund, dass er mit dir rumtändelt, um dann zu seinem Prinzen zu gehen. Das ist gedankenlos und unfair."

Er lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer, stützte sich mit den Ellbogen ab und sah zum dunklen Himmel empor. Eine Weile schwieg er, dann wandte er den Kopf zu Jeremis. "Entschuldige. Es hat mich nur wütend gemacht. Er hat dich verletzt. Aber irgendwas muss ja schon an ihm sein, wenn du dich in ihn verliebst. Und... hm... den einen Abend war er nett. Meinst du, er kommt wieder? Oder meldet sich wenigstens noch mal?"

"Ich weiß es nicht." Jeremis stieß sich vom Geländer ab. "Wenn er noch einmal zu mir kommen will, egal weshalb, ich werde ihn aufnehmen, freundlich, ohne Vorwürfe. Man kann sich nun einmal nicht aussuchen, in wen man sich verliebt." Er seufzte auf. /Das kann man nicht, leider./ "Ich gehe schlafen. Morgen fahre ich mit deiner Nachbarin bis zum Knotenpunkt mit. Ich bin also nicht mehr die Woche über hier, um dich und Kenny zu nerven."

"Das ist schade. Aber Jer, du weißt, dass du hier immer willkommen bist. Du gehst uns nicht auf die Nerven. Schlaf gut." Raoul legte Jeremis kurz die Hand auf die Schulter, lächelte ihm aufmunternd zu, ehe er sich abwandte und in die Wohnung zurückging, hinter der Tür des Schlafzimmers verschwand.

Langsam kehrte Jeremis in das Gästezimmer zurück und zog sich aus. Sein Blick fiel auf das Bett, auf die Seite, auf der Milan gelegen hatte. /Wie bei mir Zuhause. Ich sehe immer wieder nur ein Bett an, bei dem eine Seite kalt bleibt. Genau wie bei mir selber. Eine Seite bleibt immer unberührt./

Er setzte sich unter die Decke und zog die Füße an den Körper, schlang die Arme um die Beine und starrte an die Wand.

"Man kann sich nun einmal nicht aussuchen, in wen man sich verliebt", flüsterte er den Schatten um sich her zu, dann ließ er den Kopf auf die Knie sinken und versuchte, durch und durch so kalt zu werden, dass er sich nicht mehr allein fühlte. Vielleicht war es besser, wenn man gar nichts mehr fühlte.

Es gelang ihm nicht. Der Wunsch nach Wärme war stärker. Die Sehnsucht, die der eine Kuss in ihm geweckt hatte, trieb brennende Tränen in seine Augen. Er hielt sie erfolgreich zurück, bis er sich einfach zur Seite fallen ließ, um quer am Kopfende des Bettes liegend einzuschlafen.

 

Als Cahal aufwachte, begann das Licht, gefiltert durch die Baumkronen, gerade grau zu werden. Er streckte sich kurz, dann schwang er die Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Er brauchte kaum Zeit, um den Schlaf abzuschütteln. Mit einem leisen Gähnen streckte er sich erneut, dann strich er die Haare aus dem Gesicht und stand auf.

Der weiche Teppich dämpfte seine Schritte bis fast zur Lautlosigkeit, als er mit nackten Füßen das große Bett umrundete, in dem sein Prinz lag. Gedankenverloren ließ er seinen Blick über die schlanke, schmale Gestalt streifen, die sich unter der dünnen Decke abzeichnete.

Niel hatte sich zusammengekauert, die Beine an den Körper gezogen, die verschränkten Arme vor die Brust gepresst. Seine blonden Haare waren vollkommen zerzaust, und sein Gesicht schien, obwohl es entspannt war, doch irgendwie traurig zu sein. Vielleicht war es der Zug um den Mund oder die schmalen Brauen, die eine Winzigkeit zusammengezogen waren. Der kleine Prinz wirkte schutzbedürftig und hilflos, als suchte er Nähe und Geborgenheit.

/Die du ihm nie wirst geben können geben dürfen/, dachte Cahal und wandte sich ab. Er holte ein Oberteil in der Farbe seiner dunklen, blauvioletten Augen und eine weiße Hose aus dem Schrank, ehe er nach einem letzten prüfenden Blick durch das Zimmer und aus dem Fenster rasch ins Bad verschwand. In Rekordzeit hatte er sich geduscht und angezogen.

Mit nassem, offenem Haar und noch immer barfuß kam er ins Zimmer zurück. Er sah zu seinem friedlich schlafenden Schutzbefohlenen hin und lächelte weich. /Dich bekommen sie nur über meine Leiche./

Nachdem er nach einem Diener geklingelt und ein Frühstück bestellt hatte, das hoffentlich auch Niel schmecken würde, setzte er sich an den Schreibtisch, schaltete nach kurzem Zögern die kleine Lampe ein und zog sie tiefer, um den Lichtkegel zu dämpfen. Dann widmete er sich wieder den Berichten, die er noch durcharbeiten musste.

Als es kurz darauf leise klopfte, sprang er auf, um die Tür zu öffnen und einem leicht verwirrten Diener den Frühstückswagen abzunehmen, und die Tür auch gleich wieder zu schließen. Er schob den Wagen ans Fußende des Bettes, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass alles, was warm bleiben sollte, dank Wärmeplatten und isolierten Kannen warm bleiben würde, bis Niel aufwachte.

Mit einem weiteren Blick auf seinen kleinen Prinzen kehrte er zu seinen Berichten zurück, um die Zeit bis dahin sinnvoll zu nutzen.

Niel erwachte und war zuerst ein wenig durcheinander, da es schon später am Vormittag zu sein schien. Vorsichtig blinzelte er einige Male, aber es war niemand da, der ihn indiskret anstarrte. Es war still um ihn her, er wurde in Ruhe gelassen. Darüber erfreut streckte er sich und kroch dann zum Bettende, wo er einen Wagen mit Frühstück bemerkt hatte.

Die Decke um sich gerafft, obwohl es angenehm warm war, setzte er sich im Schneidersitz hin und goss sich von der warmen Schokolade etwas ein. Nachdenklich und ein wenig verspielt dippte er Früchte ein und probierte die verschiedenen Geschmackskombinationen, die sich ergaben.

Erst verspätet bemerkte er das leise Papierrascheln und sah erneut auf. Der General saß auf der anderen Seite des Raumes und schien in einen Bericht vertieft. Ohne die Uniform wirkte er so ganz anders. /Darf ich ihn überhaupt so sehen?/ Ungemütlich wendete Niel den Blick ab. So in die Privatsphäre einzudringen, auch noch auf Befehl seines Vaters hin, tat ihm nicht gut.

Außerdem erinnerte er sich mit einem Mal nicht mehr so richtig, wie er in das Bett gekommen war, wie er gebadet hatte. Er wusste nur, dass er sich hatte fallen lassen in das Vermissen. Er konnte Milan nicht so schnell vergessen, aber der Schmerz wich schon nach einem Tag dem Einsehen, dass er Milan geschadet hatte, nichts weiter als geschadet.

Er hörte ein etwas lauteres Rascheln und senkte den Blick auf die Tasse mit der Schokolade. Verstohlen nahm er eine Spur des bittersüßen Geschmacks mit der Zunge von den Lippen auf, dann sagte er leicht heiser "Guten Morgen. Vielen Dank für das Frühstück."

Als Cahal die leise Stimme vernahm, sah er auf und zu dem großen Bett hin. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Irgendwie wirkte sein kleiner Prinz ein wenig zerknautscht vom Schlaf, auch wenn er schon etwas länger wach war und frühstückte. Das blonde Haar stand wirr vom Kopf ab, und in die Decke gehüllt mit dem knittrigen Schlafanzug wirkte er wie ein Kind. "Guten Morgen, Hoheit. Lassen Sie sich nur Zeit beim Essen, hier ist niemand, der Sie hetzen würde. Ich hoffe, es schmeckt. Fehlt Ihnen etwas? Haben Sie gut geschlafen?"

Niel lachte vergnügt, dann antwortete er versteckt grinsend "Ja, ich lasse mir Zeit, danke. Stimmt, hier ist niemand außer uns. Ja, es schmeckt mir, nein mir fehlt nichts, ja, ich hab ganz gut geschlafen. Lange genug vor allen Dingen."

Heimlich warf er noch einige Blicke auf dem General, der mit dem weichen Hemd so ganz anders wirkte. Die offenen Haare wurden von dem Windhauch durch den sich stetig bewegenden Ventilator über der Sitzgruppe ein wenig verweht, es wirkte freier aus, als Niel jemals für den General passend gefunden hätte. Sowieso sah er anders aus, vermutlich konnte selbst Cahal ein Privatleben haben, selbst er konnte sich entspannen. Das war eine interessante Feststellung.

Niel nickte zu den Papieren hin, dann fragte er "Ich störe in Ihrer Arbeit, nicht wahr? Ich werde mich zurückziehen und im Garten unten ein wenig trainieren. Ich habe in der letzten Zeit zu viel gefaulenzt." Emsig krabbelte er aus dem Bett und blickte sich nach seinen Kleidern um, während er mit den Händen seine Haare glatt strich.

Cahal legte seinen Bericht beiseite und stand auf. "Dann werde ich Sie begleiten, Hoheit. Zum Training bin ich in den letzten Tagen auch selten gekommen, und ich vermisse es." Einmal abgesehen davon würde er den Prinzen ohnehin nicht allein lassen. Selbst wenn er ihm dabei auf die Nerven gehen würde. Die Befehle des Königs waren eindeutig gewesen. "Haben Sie Interesse daran, Schwertkampf zu erlernen?"

Niel stockte in der Bewegung zum Kleiderschrank. Er war es nicht gewohnt gewesen, dass die Kleider am Morgen nicht draußen lagen. Im Gutshof hatte er es lustig gefunden, am Morgen entscheiden zu können, welche Kombinationen er anziehen wollte. Nun drehte er sich zum General um und betrachtete ihn abschätzend. Jeder der Generäle war gut im Schwertkampf, Cahal war ausgezeichnet. "Wer würde es denn unterrichten wollen, haben Sie vor, einen Meister zu rufen?"

Cahal lachte leise auf. "Wenn Sie sich nicht mit Händen und Füßen wehren, könnte schlicht ich Ihnen die Kunst des Schwertkampfes beibringen." Den Rang eines Meisters hatte er immerhin schon seit ein paar Jahrzehnten.

Er holte Socken aus einer Schublade, zog sie an, dann schlüpfte er in helle, bequeme Schuhe. "Oder haben Sie keine Lust, sich ausgerechnet von mir durch den Park jagen zu lassen?" Sein Blick flog kurz über den Schreibtisch, bis er seine Spange gefunden hatte; mit geübten Bewegungen fasste er einen Teil seines Haars zusammen und bändigte es auf dem Hinterkopf, so dass es ihm nicht in die Augen fallen würde.

Niel grinste und wendete sich ab. /Jagen? Ich mich von ihm? Hm. Das wird doch vielleicht ein wenig spaßig./

"Oh, ganz und gar nicht. Ich wusste nicht, dass es Ihnen als eine geeignete Aufgabe erschien, ausgerechnet mit einem Prinzen die wertvolle Zeit zu vergeuden", erklärte er höflich, während er sich in eine bequeme dunkelgrüne Hose und ein enges ärmelloses Oberteil stürzte. "Wollen wir gleich anfangen, General?"

"Ausgesprochen gerne." Cahal öffnete ihm die Tür und wartete, bis er an ihm vorbei hinaus in den Korridor getreten war. "Und ich vergeude meine ach so wertvolle Zeit nicht mit Ihnen, Hoheit", erklärte er, während sie nach unten gingen. "Ihr Vater hat mich mit Ihrer Sicherheit beauftragt, und zwar direkt. Ich gedenke, diese Aufgabe zu seiner, meiner und hoffentlich ein wenig Ihrer Zufriedenheit zu erfüllen. Schwertkampf macht mir Spaß, wenn ich Sie dafür begeistern könnte, wäre uns beiden geholfen."

Niel nickte und folgte dem hoch gewachsenen General zu dessen Waffenschrank. Als Kronprinz hatte er natürlich schon eine Einführung in jeder erdenklichen Waffenart gehabt, aber abgesehen von der Peitsche konnte er Waffe nicht besonders gut beherrschen. Dazu hatte es ihm an einem Lehrer gefehlt.

Neugierig betrachtete er die verschiedenen Klingen, die der General zur Auswahl hatte und fragte sich, welche dieser ihm wohl zu Anfang zutrauen würde. Einige waren ohnehin zu groß für ihn. Ein wenig von diesem Gedanken verschüchtert warf Niel einen weiteren Blick auf den General neben sich. /Er tut das nur wegen des Befehls. Sei höflich, aber glaube nicht, dass du deswegen einen Vertrauten unter den Generälen gefunden hast./

Cahal musterte die Schwerter einen Augenblick, zog Größe, Gewicht und Balance in Betracht, dann entschied er sich für eine Klinge, die er dem Prinzen reichte.

"Ich denke, die ist für den Anfang angemessen, Hoheit", erklärte er, ehe er für sich seine Lieblingsklinge herausnahm, ein schlichtes Stück ohne jeden Schmuck, aber von exzellenter Qualität. "Diese hier ist aus dem Haus Jacaar, geschmiedet von einer wahren Meisterin der Kunst, von Kamista Jacaar. Wenn Sie irgendwann etwas besonderes wollen, wenden Sie sich an sie."

"Der Name war mir schon ein Begriff, aber ich verstehe nicht allzu viel von dieser Art Waffe. Ich hoffe, dass uns die Zeit bleibt, damit ich ein wenig mehr Einblick erhalte." Es sollte zwar nicht so klingen, aber Niel schaffte es einfach nicht, von dem üblichen Protokoll der nichtssagenden Sätze abzuweichen. Cahals strenges Gesicht, dessen Stellung im Ansehen des Königs schüchterten ihn zu sehr ein.

Während sie nach draußen gingen, erzählte Cahal seinem Prinzen knapp, aber sichtlich begeistert von den Vorzügen dieser speziellen Klinge. Doch zunächst wurde sowohl sie als auch die Niels für ein Aufwärmtraining beiseite gelegt. Erst danach focht der General mit dem Prinzen ein Übungsduell aus, um seine Stärken und Schwächen einzuschätzen und seinen Stand festzulegen. Und anschließend begann der wirklich anstrengende Teil.

Cahal war ein geduldiger, aber unbarmherziger Lehrer. Er zeigte, er erklärte und er ließ wiederholen, bis die Bewegungen wirklich perfekt saßen. Er sparte nicht mit Tadel, war kritisch und unangenehm ehrlich, doch immerhin vergaß er das Lob darüber nicht. Und er war so ausdauernd, dass er den Unterricht erst beendete, als Niel wirklich am Ende seiner Kräfte war.

"Dafür, dass Sie es nach recht langer Zeit wieder zum ersten Mal machen, haben Sie sich ganz wacker geschlagen, Hoheit. Die Kraft wird nie Ihre Stärke werden, aber Sie sind schnell; wenn Sie das ausbauen, können Sie durchaus sehr gut werden", erklärte er mit einem Lächeln.

vNiel ließ sich keuchend auf den Boden fallen, dann bemerkte er sich über die Stirn wischend "Sie sind fast so gnadenlos wie Jashuun. Und ich dachte, dass ich mich hier erholen könnte." Er zwinkerte dem General zu, der über ihm stand und einen angenehmen Schatten auf seinen erhitzten Körper warf.

Gleich darauf blinzelte Niel erstaunt, hatte Cahal gerade gelächelt? Freundlich gelächelt? Sonst war er doch immer eher für geringschätzige und arrogante Blicke bekannt.

"General, sagen Sie mir ohne Beschönigungen doch bitte, wie schlecht ich bin. Dann hab ich ein Trainingsziel für die nächsten Tage!", rief Niel rasch, um seine Unsicherheit zu verbergen, bevor er sich langsam zum Sitzen aufrappelte.

"Ich gehöre nicht gerade zu den Leuten, denen man nachsagt, sie seien in ihrem Urteil zu mild, Hoheit", schmunzelte Cahal, während er auf seinen Schützling hinabsah. Sein Herz schlug ein wenig schneller, was nicht vom Training kam; das hatte ihn nicht zu sehr gefordert. Aber das vergnügte Zwinkern, diese kleine, fast vertraut wirkende Geste, ließ ihn angenehm erschaudern.

In dem erhitzten Gesicht des Prinzen klebten blonde Strähnen, die Wangen waren gerötet, und das Leben und die Fröhlichkeit waren in die violetten Augen zurückgekehrt. Er wandte den Blick nicht von ihm, als er weitersprach, und auch das Lächeln wich nicht aus seinen Zügen. Seine Freude über diesen kleinen Erfolg war unverhältnismäßig groß.

"Wenn ich sage, Sie seien schnell, dann meine ich das. Das ist ihre deutliche Stärke. Kraft haben Sie leider nicht zu viel, aber wir werden sehen, wie weit Sie das ausgleichen können. Vor allem mangelt es natürlich im Moment noch arg in der Technik, wobei Ihr Defizit klar im Angriff liegt. Wer immer Ihr Lehrer für Schwertkampf war, hat mehr Wert auf Verteidigung gelegt. Des weiteren sollten Sie sich grundsätzlich immer zu Herzen nehmen, was ich Ihnen während der Übungen sage und auch darauf hören. Ich sage nichts ohne Grund. Wenn Sie etwas nicht einsehen, fragen Sie. Ich bin gerne bereit, meine Ausführungen zu erklären."

Niel seufzte und verdrehte die Augen ein wenig "Danke, danke. Ich bin gerade nicht bereit, mir mehr Regeln anzuhören, aber morgen machen wir ja weiter, nicht?"

Cahal hielt ihm die Hand hin, sah ihn fragend an. "Wollen Sie eine Dusche nehmen, Hoheit? Oder sich erst einmal ein wenig ausruhen?"

Niel schüttelte den Kopf und sprang mit Hilfe eines kleinen Rucks durch Cahals Hand wieder auf die Füße, aber strauchelte und musste sich an dem Unterarm des anderen kurz festhalten, um nicht zu fallen. Hastig ließ er ihn los und trat zurück. Den ernsten Jumer zu berühren, sendete einen kleinen Schauer durch ihn hindurch. Sonst hatten sie sich nicht einmal zugenickt, sonst hatten sie immer Handschuhe getragen. Die Hand hatte sich angenehm angefühlt, verlässlich. Niel war sich sicher, dass Cahal ihn niemals hätte fallen lassen.

Schon wieder zu fröhlich lachend sprang er durch den Garten davon, um seine von dem Gedanken erröteten Wangen zu verbergen und rief zurück "Ich trainiere noch ein wenig mit der Peitsche, bis später, General!"

"Aber hier, Hoheit!", rief Cahal ihm hinterher, schüttelte mit einem kleinen Seufzen den Kopf. Er fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, Niel allein ins Haus und wieder zurück laufen zu lassen. Ganz und gar nicht wohl. Rein theoretisch wusste er, dass hier niemand hinkommen würde. Der Sicherheitsstandard seiner Villa war hoch, hier kam so schnell niemand herein, der keine Befugnis dazu hatte. Aber es gab immer Mittel und Wege. Und der Befehl von Seiner Majestät war deutlich gewesen. 'Lassen Sie ihn nicht aus den Augen, General Maeldun.'

Niel lief so schnell und leise er konnte, um das Haus herum und kicherte in sich hinein. Jashuun hatte ihn mit einem Sack fliegender Ameisen verglichen, und auch der General hatte anscheinend unterschätzt, wie viel Energie Niel zur Verfügung hatte. Nach dem kurzen Verschnaufen fühlte er sich schon wohl genug, um, nachdem er seine Peitsche geholt hatte, in den Wald hinein zu laufen, bis er eine Lichtung fand.

Auf der Lichtung blieb er kurz stehen und holte Atem, dann begann er seine Handgelenke von der anderen Art der Bewegung auf den lockeren Schwung umzustellen, den es brauchte, um die Peitsche lautlos und sicher auf ihr Ziel zuzuschlagen. Das silberne Band zischte leise, vibrierte im Luftzug, und Niel genoss das gewohnte Gefühl der Kontrolle, das ihm diese Waffe nun, nach so vielen Jahren des unerbittlichen Trainings, verleihen konnte.

Cahal hatte das Schwert des Prinzen aufgesammelt und zurück in den Waffenschrank gebracht. Sein eigenes hatte er behalten, er wollte selber trainieren, während der Prinz mit der Peitsche übte. Doch seine Hoheit kam nicht zurück. /Wie lange braucht man, um in das Zimmer zu laufen, seine Waffe zu holen und zurück zu kommen?/ Nicht derart lange. Nicht einmal dann, wenn man sich noch ein wenig hinsetzte, um sich auszuruhen.

Lautlos fluchend folgte Cahal dem Prinzen ins Innere des Hauses, während sich allmählich ein flaues Gefühl in seinem Magen einstellte. /Ich hätte ihn nicht allein gehen lassen sollen. Ich hätte ihn nicht allein gehen lassen dürfen! Warum habe ich das getan?/ Befehl hin oder her, es war ihm albern vorgekommen, selbst diesen Weg Niels zu bewachen. Der Prinz war nicht mehr so deprimiert gewesen und durchaus in der Lage, für drei Minuten auf sich selber zu achten. Zumindest auf einem ohnehin sicheren Grundstück.

Aber als er ihn nicht in dem Zimmer vorfand, wusste er, dass er es besser getan hätte. Es war ein kalter Stich der Angst, den er verspürte, als er wieder nach unten hetzte. Er machte sich nicht die Mühe, die restlichen Räume abzusuchen. Wenn Niel nicht oben war, dann war er überhaupt nicht mehr im Haus.

/Ich versohle ihm den Hintern, wenn ich ihn wohlbehalten wiederfinde/, dachte er grimmig, als er nach draußen rannte.

Einer der Diener, der gerade dabei gewesen war, die Rillen des gepflasterten Weges von Unkraut zu befreien, wich zurück, als er herausgestürzt kam, um ihm den Weg freizumachen. Doch Cahal hielt an, sah auf den Menschen hinab, der noch von seiner Arbeit kniend am Rande des Weges hockte.

"Ist mein Gast hier entlang gekommen?", fragte er wesentlich ruhiger, als er sich fühlte. Seine Stimme klang kühl und unnahbar wie immer.

Der Mensch nickte und sah auf. "Ja, er ist nach dort gelaufen." Er wies in Richtung eines kleinen Pfades, der mitten in den Dschungel führte.

/Ich ziehe dir das Fell über die Ohren!/, schimpfte Cahal stumm, als er sich abwandte und Niel im Laufschritt folgte. /Was denkst du dir eigentlich? Was meinst du, warum ich auf dich aufpassen soll? Um dich zu unterhalten? Denkst du überhaupt?/

Es half weder, um sich zu beruhigen, noch um die Vorwürfe zum Verstummen zu bringen, die er sich selber machte. Wenn Niel durch sein Verschulden sterben würde, wäre die Strafe, die ihn erwartete, nur gerecht. Er presste die Lippen zusammen und betete, dass es dem Prinzen gut ging. Und dass niemand dessen und seine Dummheit ausnutzen würde.

Seine Augen huschten über den dichten Wall an Pflanzen zu beiden Seiten des Pfades, um sofort zu sehen, wenn Niel von diesem abgewichen sein sollte. Doch offensichtlich war dieser gedankenlos dem einfachsten Weg gefolgt. Es dauerte nicht lange, bis Cahal den charakteristischen Laut einer metallbeschlagenen Peitsche hörte. Ein wenig vor ihm, das wusste er aus seiner Erinnerung, lag eine kleine Lichtung, die sich ganz gut zum Üben eignen würde. Er verlangsamte sein Tempo, dämpfte automatisch den Laut seiner Schritte, als er dem Weg weiter folgte.

Nur kurze Zeit später tat sich vor ihm die kleine Lichtung auf, die alles andere als natürlichen Ursprungs war. Das ließ der Wald nicht allzu lange zu, weswegen seine Bediensteten die Pfade und kleinen Flecken immer sorgfältig freihielten, jedoch auf eine Art, dass man kaum bemerkte, dass es künstlich war.

Das Sonnenlicht drang hier bis zum Boden herunter und erhellte die schlanke Gestalt, die dort fleißig und mit einigem Geschick übte. Für einen Moment gestattete Cahal sich den Luxus, Niel nur zuzuschauen, seine geschmeidigen Bewegungen zu bewundern und die grenzenlose Erleichterung zu spüren, die durch ihn hindurch rann.

Doch dann verdüsterte sich sein Gesicht, und er trat entschlossen aus dem Schutz der Bäume heraus.

"Sie sind tot, Prinz Niel Aremeth Hashar", sagte er harsch.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh