Zwischen den Welten

29.

Niel wirbelte herum, die Waffe in eine geeignete Position gebracht, um dem vermeintlichen Angreifer den Hals zu zerschneiden, zur gleichen Zeit duckte er sich und rollte unter einer eventuellen Attacke hindurch. Dann erst sah er, wer ihn so aus der Konzentration gebracht hatte und ließ die Peitsche erschrocken sinken.

Das Sonnenlicht flutete den kleinen Platz und erhellte die silberblonden Haare des Generals, von denen sich einige Strähnen aus der Spange gelöst hatten. Diese legere Frisur sah netter aus als die üblich streng gebändigten Haare. Die Augen jedoch waren düstere Schlitze in gewittrigem Mitternachtsblau, und schuldbewusst senkte Niel seinen Kopf, um auf die Strafe zu warten, auch wenn er nicht so ganz begriff, was genau er verbrochen hatte.

Er war zwar hier und der General sollte auf ihn achten, aber die wenigen Schritte vom Haus, die er in den Wald gelaufen war... Er stutzte und sah sich um. Eigentlich war er schon eine ordentliche Strecke gelaufen, und vielleicht war die Wut des Generals begründet.

Jashuun hatte ihn zu solchen Gelegenheiten schneller verhauen, als er sich derartige Gedanken machen konnte. Es hatte den Vorteil gehabt, dass er sich vor der Strafe nicht mehr fürchten brauchte. Nicht so, wie in dem Moment. Langsam und den Blick auf den Boden gesenkt rollte er die Peitsche auf und murmelte "Ich bin bereit."

Cahal zog die Brauen noch weiter zusammen. "Bereit für was?", knurrte er. "Dafür, dass ich Sie über das Knie lege wie einen kleinen Jungen? Ich gebe zu, das hätten Sie verdient. Aber dafür sind Sie ein wenig zu alt."

Und allein die Art, wie Niel regelrecht darauf zu warten schien, dass er ihn schlug, ließ seine Wut verrauchen und nur noch Frustration zurück. "Außerdem würde ich das nie tun, Hoheit. Es wäre jedoch angenehm, wenn Sie mir versprechen könnten, so eine Dummheit nie wieder zu versuchen. Es geht hier nicht darum, dass ich Sie konstant unter Kontrolle halten soll. Es geht um Ihre Sicherheit. Und die ist mir anvertraut. Es tut mir leid, wenn Ihnen das so überhaupt nicht zusagt, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Zwingen Sie mich nicht, Sie im Haus einzusperren."

Niel starrte den General an, dann senkte er den Kopf erneut und seufzte. "Wäre ja nicht das erste Mal. Können wir es also hinter uns bringen? Jashuun hat einfach nur zugeschlagen, das war angenehmer als erst zu diskutieren." /Sicherheit. Mir doch egal. Sicherheit, ist doch nur ein anderes Wort für Käfig./

"Jashuun! Vergleichen Sie mich nicht mit diesem Priester! Wenn es nach mir gegangen wäre..." Cahal unterbrach sich abrupt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man Jashuun aus dem Palast geworfen und nie mehr auch nur in die Nähe des Prinzen gelassen. Wie dieser Niel behandelt hatte, machte ihn noch immer zornig, und es tat weh. Warum nur hatte Niel sich das gefallen lassen?

"Ich werde Sie nicht schlagen. Auf keinen Fall", brachte er gepresst hervor. "Weder vor, noch nach irgendwelchen Diskussionen."

"Oh... Das hat mein Vater ihnen nicht erlaubt?" Niel atmete erleichtert aus und betrachtete den General dann eingehender. "Was sind wir dann? Sie sind jetzt nicht der General, nicht? Aber auch kein Lehrer, sonst hätten Sie mich längst... oder doch? Immerhin brauche ich einen neuen Lehrer, nachdem ich mich von Jashuun getrennt habe. Hat mein Vater ihnen befohlen, mir Schwertkampf beizubringen, Cahal?"

Frustriert betrachtete Cahal seinen Schutzbefohlenen. "Die einzige Anweisung von Ihrem Vater war die, dass ich Sie nicht aus den Augen lassen soll, Hoheit. Nichts weiter. Ich bin für Ihre Sicherheit zuständig. Aber ob erlaubt oder nicht, ich glaube, Sie verstehen nicht. Ich würde Sie niemals schlagen. Und nein, hier bin ich für den Moment nicht der schwarze General Cahal Maeldun, jedoch auch kein Lehrer. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn Sie in Erwägung ziehen würden, den Unterricht im Schwertkampf fortzusetzen."

Niel wippte auf den Zehen und betrachtete Cahal interessiert. "Sie machen das freiwillig, Cahal? Wollen Sie freiwillig mein Lehrer sein?" Irgendwie fand er es bemerkenswert, dass jemand aus der Garde seines Vaters seine Zeit ohne deutlichen Befehl und anscheinend gern mit ihm verbringen wollte. Der General hatte am Nachmittag wirklich so gewirkt, als hätte es ihm gefallen, Niel die Technik zu zeigen. /Niemals schlagen... kein schwarzer General, kein Lehrer.../

"Es wäre mir eine Ehre, Cahal. Aber dann wären Sie mein Lehrer." /Und ein Lehrer ist immer der Höhergestellte zum Schüler. Ich sollte meine Meister immer achten. Er dürfte mich dann nicht mehr mit Hoheit anreden... Ob er es jemals in Erwägung ziehen könnte... Ne, dazu ist er zu streng./

"Nur, weil ich Ihnen etwas beibringe, heißt es nicht automatisch, dass ich Ihr Lehrer bin. Nicht so, wie Sie es gerade betrachten." Cahals Ärger schwand mit dem neugierigen, leicht verwunderten Ausdruck in Niels schönen Augen. Es schien den Prinzen wirklich zu überraschen. "Ich könnte es Ihnen einfach so zeigen. Aber wenn Sie darauf bestehen, werde ich mich für die Zeit eben auch als Ihren Lehrer betrachten. Es ist Ihre Entscheidung, Hoheit. Und ganz egal, welchen Weg Sie wählen, die Ehre liegt ganz bei mir." Er verneigte sich, doch sein Lächeln ließ die leichte Verbeugung fast ein wenig neckend erscheinen. "Und auch die Freude."

/Auch die Freude?/ Überrascht sah Niel den General an. Waren das freundlich gemeinte Worte gewesen oder eine bloße Floskel? Aber diese neckische Art dabei erschien wie in einem Spiel.

Freudig rief Niel aus "Dann wähle ich Sie als meinen neuen Lehrer!" Er sprang über den schmalen Pfad, den er gekommen war, davon. "Kommen Sie, wir machen das offiziell!"

Rasch rannte Niel durch das Haus und zu dem Zimmer, in dem er untergebracht worden war. Dort kramte er sofort voller Elan in seinen Kleidern, brachte einige davon durcheinander und warf sie um sich her. Schließlich entdeckte er die grüngoldene Schärpe wieder und jubelte "Ja! Ich habe eine Schärpe! Herrlich!" Rasch legte er sie sich um und wendete sich zum General um, der ihm gefolgt war.

"Hiermit ernenne ich Sie, Cahal Maeldun, zu dem neuen ersten Lehrer des Kronprinzen Niel Aremeth Hashar", erklärte Niel laut und sicher und überreichte dem General die Schärpe von seinen Schultern. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und zupfte sie sorgfältig gerade. "Einen Ohrring für die Position eines ersten Lehrers haben sie ja schon, schade. Ich hätte hier aber auch keinen gehabt. Meinen hab ich ja..."

Niel erinnerte sich mit einem Mal wieder an Milan. Merkwürdig, den Nachmittag über hatte er sein Juwel schlicht vergessen können. "Ich hab nicht einmal selber einen solchen Ohrring mehr", murmelte er ein wenig betrübt. Dennoch, der alte Schmerz schlich sich nicht mehr ein. Es war nur ein Tag, aber das Sehnen und Vermissen war nicht mehr so drängen. Rasch wendete Niel sich von dem anderen ab und fragte "Gibt es bald etwas zu essen? Dann sollte ich mich vorher ein wenig herrichten."

Cahal warf einen Blick auf die Uhr und nickte mit einem kleinen Lächeln. "Ja, in einer Viertelstunde. Er unterbrach sich, noch bevor er den Prinzen mit seinem Titel bedenken konnte, und sein Lächeln vertiefte sich. "Niel."

Den kleinen, quicklebendigen Jumer jetzt regelrecht vertraut ansprechen zu dürfen, fühlte sich genauso gut an, wie ihn fröhlich zu sehen. Cahal konnte sich kaum erinnern, wann der Prinz das letzte Mal so ausgelassen gewesen war. Und das, obwohl dieser sich von seinem Geliebten hatte trennen müssen. /Vielleicht war es doch nicht so ernst, wie ich dachte. Immerhin war es nur ein Mensch./ Und wenn es ihm jetzt gut ging, hieß das... /Dass er meine Gegenwart nicht mehr als derart unangenehm empfindet./ Der Gedanke machte ihm gute Laune.

Niel grinste und ergriff ein Handtuch, während er zum Badezimmer ging. "Als mein Lehrer wirst du für mein leibliches Wohl sorgen müssen, Cahal."

Als er gebadet und in seiner Lieblingsbekleidung aus weicher Hose und knappem Hemdchen wieder in den Raum zurückkam, fand er dort auch schon eine Schale mit Obst und eine Karaffe mit Saft vor. "Wo essen wir denn heute Abend? Ich fühle mich, als hätte ich seit Tagen nichts mehr gegessen!"

"Nun, gestern hast du gar nichts gegessen." Cahal lachte, genoss das vertraute Du, das noch eine Grenze zwischen ihnen wegfallen ließ. "So falsch liegst du damit also nicht. Das Esszimmer ist zwei Türen weiter. Von dem Erker aus hat man einen schönen Blick auf den Teich und den Wald."

Er hoffte sehr, dass es ihm zusagen würde. Er selber saß gerne dort, abends auch schon mal ohne Licht, um nach draußen sehen zu können, das Farbspiel der untergehenden Sonnen zu betrachten oder Tiere zu beobachten, die sich auf die relativ freie Gartenfläche hervorwagten. Kurz legte er ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn auf den Korridor zu schieben, gab den ungewohnten Körperkontakt aber schnell wieder auf.

Ebenso wie alle anderen Räume hatte auch das Esszimmer einen Boden und Möbel aus Teakholz; und auch die Fensterrahmen setzten sich dunkel von den weißen Wänden ab. Der Tisch in dem kleinen Glaserker war schon gedeckt, eine einzelne, weiße Kerze brannte ruhig in einem schlanken Ständer. Schüsseln und Platten standen auf einem Wägelchen nebenan, und Cahal musste lächeln, als er bemerkte, dass seine Bediensteten keinen Unterschied dabei machten, ob er allein oder mit einem Gast hier war. Sie taten, was sie immer taten. Sie ließen ihm seine Ruhe und waren so unsichtbar wie möglich.

Er rückte Niel einen Stuhl vom Tisch ab und wartete, bis sich der Prinz gesetzt hatte, ehe er ebenfalls Platz nahm.

"Ich ziehe es vor, keine Diener um mich zu haben, wenn ich hier bin", erklärte er, während er Niel von dem schweren, dunklen Rotwein einschenkte. "Du wirst dir selber nehmen müssen. Hat den Vorteil, du kannst bestimmen, wie viel du von welcher Speise möchtest und wann du es willst." Er zwinkerte ihm zu und fühlte sich so entspannt wie schon seit Wochen nicht mehr.

Niel blickte auf dem Tisch umher und begann sich trotz seines knurrenden Magens ganz deutlich über den General zu wundern. Langsam nahm er sich von dem Gemüse und kleinen zurechtgemachten Gerichten. Er wartete, bis Cahal ebenfalls gewählt hatte, dann hob er das Glas vorsichtig am Stil umfasst an und blickte über den Tisch auf das von der Kerze milde beschienene Gesicht seines neuen Lehrers.

"Wollen wir auf die Lehrzeit trinken? Ich hoffe, dass du nicht aus Höflichkeit, sondern Interesse angenommen hast." Besorgt streifte er die Miene des anderen.

"Niel, wenn ich keine Lust dazu hätte, hätte ich kategorisch abgelehnt. Du weißt, dass ich nicht dazu neige, Dinge aus Höflichkeit zu tun." Cahal lächelte und hob sein Glas ebenfalls an. "Ja, trinken wir auf die Lehre. Und darauf, dass wir gut miteinander auskommen werden, egal wie lange dein unfreiwilliges Exil hier dauert."

Niel trank einen Schluck und bemerkte nebenbei "Angenehmer Wein", bevor er zu essen anfing und nur zwischen einigen Bissen antwortete, dass er das Exil in dieser Ruhe und ohne all die Priester, Regeln und Trosse ausgezeichnet aushalten würde.

Er merkte es nicht wirklich, aber erwischte Cahal dann endlich, als er beim dritten Nachtisch anlangte und die Vermutung zu hegen begann, dass er nur noch würde rumkugeln können, beim Weinnachschenken. "Cahal! Ich bin doch schon betrunken! Ich werde wie ein Stein schlafen heute Nacht! Das ist sicher!" Albern kullerte Niel einige helle Früchte über den Tisch und dippte eine davon in die Schokoladensoße, die er genüsslich ablutschte.

Cahal lächelte und füllte das Glas trotzdem auf. "Nun, einmal kannst du dir das durchaus erlauben. Wie gesagt, außer mir und dir ist niemand hier, der zählt, und du musst ja sonst immer formell genug sein." Und außerdem war Niel einfach nur zu süß, wenn sich seine Wangen vom Alkohol röteten, seine Augen leicht weggetreten zu glänzen begannen und er albern wurde. "Zudem scheint der Wein dir ja zu schmecken."

Er holte eine golden schimmernde Menjuk-Frucht aus dem Korb und schälte sie flink, um sie dann ebenfalls in Soße zu tunken und sie Niel hinzuhalten. "Und die Schokolade offensichtlich auch. Hier, probier das; das ist besonders gut."

Er gestand es vor sich selber ein, dass er einfach noch mal die kleine, geschickte Zunge sehen wollte, wie sie über die glatte Frucht glitt und die Soße ableckte, die Lippen, die sich... /Du bist unmöglich. Das ist dein Prinz und dein Schüler. Und er ist betrunken und nicht an dir interessiert./ Doch irgendwie war das in dem Moment gleichgültig, und Cahal begann zu vermuten, dass er ebenfalls ein wenig zu viel des Weins getrunken hatte; nicht genug, um auch nur stärker angeheitert zu sein, aber ausreichend, um sich nicht mehr wirklich zurückzuhalten. So viel, um wirklich betrunken zu sein, hätte er sich angesichts der Situation und seiner Stellung ohnehin nicht gestattet.

Niel lehnte sich vor und leckte erst misstrauisch, dann biss er von der Frucht ab und strahlte. "Das ist eine gute Kombination! Das muss ich gleich noch einmal probieren!" Er umfing Cahals Handgelenk, um sich auch noch den Rest zu schnappen, dann ließ er den anderen los und suchte den Tisch mit Blicken nach etwas ab, was er noch nicht versucht hatte. Da war noch viel zu viel!

Alles sah so lecker aus. Vor allem begann Cahal merkwürdig attraktiv zu werden. Dessen ebenmäßiges Gesicht wirkte von einem Lächeln erhellt so viel offener. Die Haare, die sich hier und dort aus der Spange gelöst hatten und die informellen Kleider, die dessen tiefe Augen betonten, trugen dazu bei, dass Niel seinen Abstand weitgehend verloren hatte, zudem begann er sich für die Dinge zu interessieren, die hinter diesen Augen vor sich gingen. /Was denkt er wohl über mich?/

In diese Überlegung versunken malte Niel die Zeichen seiner Namen auf das schwere Tischtuch und dippte seine Fingerspitze einige Male in die Schokosoße, bevor er es bemerkte und sie errötend herauszog. "Hups, ich bin unaufmerksam. Entschuldigung."

Cahals Lächeln vertiefte sich. "Ich glaube, bevor du mir platzt oder doch noch nette Muster auf die Tischdecke malst, geben wir den Dienern etwas Zeit, um den Tisch abzuräumen. Außerdem ist es schon spät, und der Tag war lang und anstrengend. Du siehst müde aus."

Er stand auf, ging zu Niel, in der Vermutung, dass sein kleiner Prinz allein nicht mehr allzu weit kam, und rückte ihm den Stuhl weg, als dieser unsicher aufstand. Hastig griff er dann nach ihm, als Niel taumelte, um zu verhindern, dass er fiel. "Geht es?"

Niel lehnte sich seufzend an Cahal an und schloss die Augen halb. "Jaha... so rundgefuttert war ich schon lange nicht mehr, herrlich!" Er hing mit einem Arm an dem des Generals, der eigentlich auch reichlich Wein getrunken hatte, aber noch steter in der Bewegung schien. Mit der freien Hand rieb er sich seinen bloßen Bauch und seufzte noch einmal. "Wo war noch einmal das Schlafzimmer? Ich glaube, jetzt würde ich den Weg doch nicht mehr finden."

"Ich bring dich hin", sagte Cahal leise. Niels Berührung war so angenehmen; er wünschte, ihn einfach nur in den Arm nehmen und küssen zu dürfen, doch er wusste, dass das keine gute Idee sein würde. Stattdessen führte er Niel durch den Korridor die zwei Türen weiter zurück in das Zimmer.

Die Luft dort war kühler und vertrieb den leichten Nebel, den der Alkohol über Cahal gelegt hatte. Kurz überlegte er, ob Niel vielleicht noch einmal duschen wollte, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Einmal abgesehen davon, dass der Prinz nicht mehr dazu in der Lage war für diese Nacht, hatte er das ja auch erst kurz vor dem Essen getan. Er half ihm, sich auf das Bett zu setzen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und suchte ihm dann seinen Schlafanzug hervor.

"Meinst du, du schaffst das noch allein?", fragte er leicht zweifelnd, aber amüsiert.

Niel ließ sich hilflos auf das Bett fallen und murmelte dann "Egal, es ist so warm hier, ich schlafe ohne Zeug." Mit unsicheren Bewegungen streifte er seine Kleider von sich herunter, um sie neben dem Bett fallen zu lassen. Als er nackt war, streckte er sich gähnend, dann kroch er unter das Laken und zog es sich um die Schultern, mehr als Schutz, als Schlafhöhle, als zum Wärmen. "Guten Nacht, Cahal."

"Gute Nacht, Niel." Cahal streckte unbedacht die Hand nach ihm aus, wollte ihm durch die Haare fahren, doch zog sie rasch wieder zurück, noch bevor er ihn berühren konnte. Unhörbar seufzte er, als er sich selber umzog, um sich dann in sein eigenes Bett zu legen. Sein Prinz hatte gewirkt, als ob er nicht allein sein wollte, als er sich in das Laken gewickelt hatte. Doch das war absurd, eine Ausrede, die er sich zurecht gelegt hatte, um ihn berühren zu dürfen.

Er zog die Decke hoch und drehte sich entschlossen um, sah zum Fenster hin, durch welches das milde Licht der Sterne hereinfiel. Er sollte schlafen. Wenn die Wirkung des Alkohols verflogen war, würde das alles wieder anders aussehen. Aber seine Gedanken beugten sich nicht der Vernunft. Dieses Mal nicht. Und so träumte er mit offenen Augen vor sich hin und lauschte auf die leisen Atemzüge des jungen Jumers im Bett neben ihm.

 

Der Rückflug vom Tempel nach Jumelaan dauerte wesentlich länger als der Hinflug. Man merkte eben, dass der Transporter an jeder Milchkanne hielt und auch zwischendurch längst nicht das Tempo des Gleiters des Generals erreichte. Es waren zwei Tage, die Milan fast nur in seiner kleinen Kabine verbrachte, an die Decke starrte und darüber nachgrübelte, ob das ein Abschied für immer gewesen war oder ob er seinen Geliebten jemals wiedersehen würde. Er weinte mehr in diesen Tagen als in den vergangenen zwei Jahren davor, und es waren nicht nur Tränen, die er um Niel vergoss.

Er fühlte sich vollkommen allein, ohne Freunde, ohne Familie und er hatte mehr Heimweh als in den fünf Wochen in Kolumbien. Es war das Wissen, dass es kein Zurück für ihn gab. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, das Vertrauen irgendeines Jumers zu gewinnen, der ihn zu einer Expedition zur Erde schicken würde, wäre das nicht in absehbarere Zeit der Fall. Und zu Hause wäre die Zeit nicht stehen geblieben. Wie sollte er seine jahre- oder zumindest monatelange Abwesenheit erklären? Denn so schnell würde es nicht gehen, dass er sich mit zwei Wochen verschwollen im Dschungel herausreden würde können. Und länger würde man ihm auch nicht abnehmen. Zudem wie sollte er sich für so eine Expedition qualifizieren, wenn er nicht einmal die Schrift beherrschte?

Doch als sie nach zwei Tagen Jumelaan erreichten, ging es ihm wesentlich besser. Das erste Mal seit seiner Ankunft auf diesem Planeten hatte er wirklich Zeit gehabt, nachzudenken und sich über seine Situation klar zu werden. Und festzustellen, dass er wesentlich besser dastand als zu Beginn.

Er hatte eine Idee von dem Planeten und seiner Kultur, er beherrschte die Grundzüge der Sprache und der Schrift, wenn auch noch nicht genug, um ohne den Transmitter klarzukommen. Er hatte Geld und einen Stand, er fing nicht bei Null an. Er war lebensfähig.

Und er hatte Freunde. Nicht viele, aber es gab sie. Er verstand sich gut mit Hame und Kees, den einen Abend hatte er sich auch mit Raoul verstanden. Und dann war da natürlich Jeremis...

Als Milan die Rampe hinablief und wieder in das bunte Leben des abendlichen Jumelaan eintauchte, tastete er unwillkürlich nach dem Vilastein, als sei er ein Talisman, der ihm Kraft geben würde. Er sehnte sich nach der Ruhe, die der ältere Mann ausstrahlte, nach dem Gefühl von Sicherheit, das er vermittelte. Nach seinem Lachen und seiner warmen Stimme.

Milan lächelte flüchtig, als er sein kleines Bündel fester packte und sich entschlossen in das Getümmel der großen Markthalle stürzte, die für die Haltestellen in Jumelaan charakteristisch zu sein schienen. Für die Nacht würde er sich in ein Zimmer einquartieren, um die Uhrzeit würde er nicht mehr bei Raoul und Kenny einfallen. Vielleicht waren sie schon ins Bett gegangen. Außerdem wollte er jetzt, wo er anders konnte, ihre Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.

Und Jeremis wäre auch am nächsten Tag noch da. Der Transporter in Richtung des Gutes würde laut seiner Rechnung erst in drei Tagen fahren. Das war genug Zeit, um miteinander ins Reine zu kommen, und vielleicht konnte er anschließend mit Jer mitgehen.

/Ich schulde dir noch mehrere Geschichten. Und die Schrift wollte ich dir auch noch beibringen/, erinnerte er sich und fühlte sich allein bei dem Gedanken an die gemütlichen Abende mit Jer warm und gut. /Ich kann dir zurückgeben, was du mir vorgelegt hast. Und vielleicht... ich weiß nicht.../

Es machte ihn ein wenig nervös, während er sich gleichzeitig unbändig auf das Wiedersehen freute. Das Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht, als er sich daran machte, ein Zimmer zu finden.

Er hatte Glück, das Hotel, das ihm der Ajester empfohlen hatte, den er kurzerhand angesprochen hatte, war gut, wenn Milan auch keine Ahnung hatte, ob es preiswert war. Aber die Bezahlung per Fingerabdruck war angenehm, und für eine Nacht würde er vermutlich auch etwas vollkommen Überteuertes überleben.

Am nächsten Morgen nahm er den nächsten Liniengleiter zu Raouls Haus, sein weniges Gepäck im Hotel zurücklassend. Dank Jeremis' ausführlicher Beschreibung für den Fall, dass sie getrennt werden würden oder er eine Anlaufstelle brauchte, fand er seinen Weg ohne Probleme.

Sein Herz schlug schneller, als er in die Straße einbog, in der Raouls Tuchhandlung lag. Er trug wieder die Kleidung, die Jer ihm geschenkt hatte; er hatte sie am Morgen in der hauseigenen Wäscherei abgegeben, die sie ihm auch gleich gebügelt hatte.

Der Himmel war strahlend blau wie an dem ersten Tag, als er nach Jumelaan gekommen war. Es war heiß, und als Milan an den kleinen Gasse vorbeikam, grad wie jene, in die Jer ihn gezogen hatte, als sie ihre kurze Flucht vor den Soldaten begonnen hatten, stieg ihm unwillkürlich das Blut in die Wangen. Mit einem Mal konnte er wieder Jers Lippen auf seinen spüren, seinen Geschmack schmecken. Er roch ihn wieder, und allein die Erinnerung ließ ihn ein wenig euphorisch werden, wenngleich sie auch sein schlechtes Gewissen wieder weckte.

Es wäre sehr viel einfacher, wenn er es nicht so genossen hätte. Doch das hatte er, und er musste sich eingestehen, dass er vollkommen darin versunken gewesen war. /Aber das ist nicht fair, weder Niel gegenüber noch Jer./ Einmal abgesehen davon war es bei Jer wirklich aus der Situation entstanden. Ob der ältere Mann es wiederholen wollte, war zudem eine ganz andere Frage.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh