Zwischen den Welten

30.

Der Laden war leer, als Milan ihn betrat, doch von oben hörte er Raouls Stimme. "Einen Moment bitte, ich komme gleich." Milan lachte. "Hetz dich nur nicht. Ich bin es. Milan."

"Milan?" Überraschung klang in dem Ausruf mit. Nur Augenblicke später kam der große, schlanke Mann die Treppe herunter geeilt. "Tatsache!" Sein breiter Mund verzog sich zu einem Grinsen, die dunklen Augen hinter der Brille blitzten auf, als er ihn in eine herzliche Umarmung zog. "Schön, dich so schnell wiederzusehen. Geht es dir gut? Du suchst Jer, nicht wahr?"

Aus irgendeinem Grund schien ihm das ausgesprochen gut zu gefallen, was ein kleines, nervöses Kribbeln in Milans Magen hervorrief. Er erwiderte die Umarmung unsicher, dann nickte er. "Ja. Wo steckt er? Ist er oben?"

Kopfschüttelnd schnitt Raoul eine Grimasse. "Nein, er wollte leider nicht länger bleiben. Eine Freundin von mir hat ihn zum nächsten Knotenpunkt mitgenommen. Von dort aus bringt ihn ein früherer Transporter zurück zum Gut."

Milan war beim besten Willen nicht auf die Welle der Enttäuschung vorbereitet gewesen, die ihn bei diesen Worten überrollte. Es tat regelrecht weh, und schwemmte seine gute Laune mit einem Schlag davon.

"Oh", murmelte er nur. Mit einem Mal hatte er das Gefühl, dass die Sonne nicht mehr so hell schien wie noch Augenblicke zuvor. Die Hitze, die ihn eben noch an versteckte, innige Küsse erinnert hatte, wurde drückend und schwül.

Mit einem Schmunzeln wandte Raoul sich halb ab, wie um es zu verbergen, und rückte ein paar Stoffballen zurecht.

"Ich bin mir sicher, wenn er gewusst hätte, dass du hierher kommst, wäre er noch länger geblieben", erklärte er. Doch dann verdunkelte sich sein Gesicht, und er drehte sich abrupt wieder zu Milan um. "Du hättest wenigstens mal eine Nachricht schicken können, wie es dir geht! Wir haben uns Sorgen gemacht!"

Leises Schuldbewusstsein regte sich in Milan, gemischt mit Verärgerung über den Vorwurf. Er hatte ja daran gedacht! Es war nicht seine Schuld gewesen, dass es nicht möglich gewesen war.

"Tut mir leid. Aber in den ersten Tagen hatte ich nicht die Mittel dazu", grummelte er. "Und dann war ich auch schon wieder auf dem Weg zurück."

"Hm. Das ist ein Grund." Nachdenklich betrachtete Raoul ihn, während er sich über das glatte Kinn rieb. "Der nächste Transporter in Richtung Weingut kommt in drei Tagen. Wenn du hinfahren magst, kannst du so lange gerne bei uns wohnen. Du bist herzlich eingeladen. Oder hast du andere Pläne?"

Ein wenig überrumpelt schüttelte Milan den Kopf. Jer hinterher fahren? Einfach so? Doch der Gedanke war verlockend. Er würde ihn wiedersehen, und reden musste er ja ohnehin mit ihm. "Nein. Nein, ich habe keine anderen Pläne."

Mit einem Mal überzog ein breites Grinsen Raouls Gesicht. "Super. Dann lernst du auch mal meinen Schatz kennen. Kenny ist schon ganz neugierig auf dich."

"Ist er das? Was habt ihr ihm denn erzählt von mir?" Milan schnitt eine gespielt unbehagliche Grimasse. "Was von einem unregistrierten Sklaven, hm?" Dann erwiderte er das Grinsen breit und zog das Halstuch beiseite, um Raoul einen Blick auf den Transmitter zu ermöglichen. "Ist nicht mehr."

Überrascht wanderten Raouls Brauen in die Höhe. "Noch zweieinhalb Wochen, dann bist du frei? Du bist ein Glückspilz! Gratuliere." Er lachte und klopfte Milan auf die Schulter. "Wie hast du denn das geschafft? War das dein Schatz? Und wo steckt der jetzt? Warum bist du hier?"

Milans Gesicht verdunkelte sich ein wenig bei den Fragen, als er an seinen Geliebten denken musste, der nun irgendwo weilte, wo er ihn nicht erreichen konnte. "Ja, es war Niel. Einer der Generäle hat es für ihn erledigt, weil es in dem Tempel, in dem wir waren, ohne Identität ein wenig zu gefährlich für mich gewesen wäre. Aber wo Niel jetzt steckt, weiß ich nicht. Sie haben ihn woanders hin und in Sicherheit gebracht, nachdem ein Anschlag auf ihn verübt worden ist."

"Oh." Nachdenklich schob Raoul seine Brille hoch und betrachtete Milan, und fast vermeinte dieser, so etwas wie Mitleid in seinen Augen zu erkennen. Er schien noch etwas sage zu wollen, doch in dem Moment ging die Türglocke, und ein Kunde betrat den Laden.

Mit einem Seufzen legte Raoul Milan kurz die Hand auf die Schulter und drückte ihn aufmunternd. "Bring deine Sachen einfach her und fühl dich wie zu Hause. Jetzt muss ich erst mal ein wenig arbeiten und meinen Unterhalt verdienen." Er zwinkerte aufmunternd, dann wandte er sich dem Kunden zu.

Während Raoul den Mann in ein Gespräch über Stoffqualitäten, Muster und Farben verwickelte, verließ Milan den Laden wieder. /Noch drei Tage, bis der Transporter kommt. Zwei Tage Fahrt. Das heißt, ich sehe Jer erst in fünf Tagen wieder!/ Fünf Tage. Die Zeit kam ihm erschreckend lang vor. Viel zu lang.

Als er wesentlich weniger beschwingt als noch vor einer halben Stunde den Weg zurücklief, den er gekommen war, stellte er fest, dass er Jeremis in dem Moment wesentlich mehr vermisste als Niel. /Natürlich. Ich habe mich ja auch damit abgefunden, dass ich meinen Liebling vermutlich für mehrere Wochen nicht sehen kann. Aber ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass Jer nicht hier sein würde. Ich hatte mich so auf ihn gefreut!/

 

Die nächsten Tage vergingen rasend schnell und doch nicht schnell genug. Milan sah sich noch mal den botanischen Garten und das Minenmuseum an, suchte den Hinterhof, in dem er und Jer sich geküsst hatten und war frustriert, als er ihn nicht finden konnte, auch nicht nach stundenlangem Herumirren durch die verwinkelten Gassen des Ajesterviertels. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass es ohne den ruhigen Mann ohnehin nicht dasselbe sein würde, aber das bewirkte nur, dass er ihn noch viel mehr vermisste.

Und natürlich kaufte er ein. Selbst wenn er das Geld nicht selber verdient hatte, es gehörte ihm. Und es war mehr als angenehm, es ohne schlechtes Gewissen ausgeben zu können, ohne daran zu denken, dass er jemandem auf der Tasche lag. In aller erster Linie holte er Dinge, die er brauchte. Kleidung natürlich, simple Dinge wie Zahnbürsten und einen Rasierapparat, ein Sortiment an schlichten Haargummis, eine Spange, eine Bürste und tausend andere Dinge, die ihm gefehlt hatten.

Zudem kaufte er eine Kleinigkeit für Raoul und Kenny als Dankeschön, etwas für Hame und Kees als Mitbringsel und verbrachte sehr viel Zeit damit, ein Geschenk für Jer zu finden.

Am Morgen des dritten Tages brachte Raoul ihn zum Transporter; er half ihm mit seinem Koffer und der Tasche, die er ihm geliehen hatte, weil er mit einem Mal zu viele Sachen besaß, als dass sie in den neu erstandenen Koffer gepasst hätten.

Dieser Flug in Richtung des Weingutes weckte ein ganz anderes Gefühl in Milan als die Fahrt von dem Tempel weg oder auch vom Gut nach Jumelaan. Dieses Mal war er allein, und er freute er sich auf den Zielort, konnte es kaum erwarten anzukommen. Was von beidem es war, vermochte er nicht sagen, aber seine gute Laune und seine offensichtliche Einsamkeit schienen ein wahrer Ajestermagnet zu sein. Am ersten Abend flirtete er noch ausgelassen, ließ das jedoch ganz schnell bleiben, als es ihm zu mühsam wurde, die zum Teil mehr als eindeutigen Angebote abzulehnen.

Als er endlich aus dem Transporter stieg und mit seinem Koffer, der dankbarer Weise neben ihm herschwebte und nur gelenkt werden musste, und der Tasche auf das Gut zuging, war er trotz seiner Freude nervös und aufgeregt. Raoul hatte ihm zwar versichert, dass Jer glücklich sein würde und dass es außerhalb der Postsendungen schwer war, ihn zu erreichen, weil das Gut sehr ungünstig lag, aber er kam sich trotzdem ein wenig dreist vor, sich einfach so bei ihm einzuladen.

 

Jeremis war schon beinahe fluchtartig von Raoul und Kenny geflohen. Beide hatten ihm beim Frühstück noch einmal erzählt, was er doch nicht hören wollte. Dass es eine Unverschämtheit von Milan war, sich nicht zu melden und dass er sich nun wirklich mal mehr um Maces Angebote kümmern solle, und dann berichteten sie ihm von dem Lichterfest, das sie in einem Monat ausrichten wollten, auf seinem Gut, weil es dort Schnee und genügend Gästezimmer gab. Hame und Kees hatten in ihrer Wohnung auch ein Gästezimmer frei und er ebenso, dort könne man also wie in jedem Jahr ordentlich feiern und frieren und natürlich heißen Punsch und Wein trinken.

Jeremis war ungern zurückgekehrt zu Hame und Kees. Ungern, weil er allein zurückkam, ohne Milan. Die beiden schienen es gar nicht anders zu erwarten, hatten vielleicht gar nicht so recht mitbekommen, wie er zu fühlen begonnen hatte, und wie er und Milan sich immer besser verstanden hatten, nachdem die anfänglichen Streitereien überstanden waren.

Die tägliche Arbeit in der folgenden Woche fiel ihm dennoch schwer, und er konnte sich nicht konzentrieren, denn immer und immer wieder sah er die golden-braunen Augen des jungen Mannes vor sich, roch die Mischung aus den Gartenblumen, dem Holz der Tür und dessen Haut, und er konnte ihn noch immer schmecken. /Das hat er nicht wirklich gewollt, es war nur eine Kurzschlussreaktion. Wenn ich das doch von mir auch so sagen könnte!/

Abends saß Jeremis eigentlich immer am Kamin, die Füße an Schnappers Fell vergraben und das Buch auf den Knien und träumte sich Milans lebendige Stimme zurück, mit der er die Märchen vorlas und damit ebenfalls zum Leben erweckte, wie Jeremis' Gefühle, die dieser doch schon so sicher erloschen geglaubt hatte. Erfolglos versuchte Jeremis sich nachts nicht mehr an das Gefühl von Milan neben sich zu erinnern, während er in seinem Bett, auf seiner Seite lag und nicht schlafen konnte.

/Er ist glücklich mit dem Jumer zusammen. Was bin ich schon gegen einen Prinzen, und für ihn glücklich zu sein ist mir wichtiger, als für mich nicht mehr einsam. Solange es ihm gut geht, bin ich auch zufrieden./ Doch das Wünschen und Sehnen ebbte nicht ab.

 

Schnapper kam Milan schon am Tor entgegen und begrüßte ihn mit einem fröhlichen Schwanzwedeln. Milan nahm sich Zeit, sie ausführlich zu streicheln und zu kraulen, ehe er weiterging. Sein Herz schlug schneller, als er endlich die Tasche abstellte und an die Tür zum Gutshaus klopfte. Es dauerte ein wenig, ehe von drinnen Schritte ertönten und schließlich die Tür geöffnet wurde.

Kees sah ihn erst einigermaßen verdutzt an, umarmte ihn dann aber um so strahlender. "Milan! Das nenne ich eine gelungene Überraschung. Ich hätte nicht damit gerechnet, dich so schnell wiederzusehen."

Erleichtert erwiderte Milan die Umarmung. Ganz offensichtlich war er hier auch dann willkommen, wenn er einfach hereinplatzte. Nicht, dass sein erster Besuch etwas anderes als ein vollkommen unerwartetes Hereinplatzen gewesen wäre.

"Es ist einiges geschehen, was nicht ganz vorhergesehen war", erklärte er mit einem schiefen Grinsen. "Aber ich freue mich, wieder hier zu sein. Mal sehen, wie lange ich bleiben darf."

Kees lachte, griff nach der Tasche, die noch auf dem Boden stand und hob sie in den Flur, ehe er die Tür hinter Milan schloss. "So lange du willst, denke ich. Du bist ein gern gesehener Gast. Jer ist übrigens in seinem Arbeitszimmer. Brütet mal wieder über den Rechnungen."

Milans Wangen röteten sich ein wenig, und sein Herzschlag beschleunigte sich erneut. Himmel, wie sehr er sich freute!

"Gut, dann werde ich ihn mal ein wenig ablenken und ihm Hallo sage", erklärte er ablenkend.

Mit einem leisen Kichern hielt Kees ihn auf. "Moment, lass mich dich vorher ankündigen." Er lief voran, klopfte an die Tür zum Arbeitszimmer und öffnete sie einen Spalt nach einem gegrummelten, durch das Holz gedämpften "Ja?"

Der Halbling zwinkerte Milan zu, um dann den Kopf in das Zimmer zu stecken. "Hier steht ein junger Mann vor der Tür und möchte dich gerne sprechen. Er kommt direkt aus Jumelaan, muss den nächsten Transporter genommen haben, der geflogen ist, nachdem du weg bist. Kann ich ihn zu dir reinlassen?"

Jeremis hatte ohnehin seit einer Stunde in Gedanken versunken auf seine Papiere gestarrt und hob lediglich kurz den Kopf, um zu erwidern "Nein, ich komme gleich rüber in das Kaminzimmer, gib ihm doch einen Tee oder Kaffee, Kees. Danke." Seufzend ordnete er die Auftragsmappen zusammen und rieb sich die Augen. "Ein Kunde? Jemand, der um eine Stelle anheuert? Ich hab doch gar nichts ausgeschrieben. Im Winter ist doch nichts los hier", murmelte er für selber.

Verschwörerisch blinzelte Kees Milan zu, als er die Tür wieder leise schloss, und legte einen Finger auf die Lippen.

"Er hat keine Ahnung", erklärte er leise und sichtlich vergnügt. "Geh schon mal ins Kaminzimmer vor, er kommt gleich."

Ein wenig unsicher folgte Milan dem Halbling, bis dieser in der Küche verschwand, und ging dann weiter. Als er den großen, gemütlichen Raum betrat, musste er lächeln. Alles war so vertraut hier. Er ließ sich in einen der großen Sessel fallen und seufzte leise auf. /Wenn Jer sich jetzt nur wirklich freut und nicht verärgert ist.../

Nur einige Augenblicke später kam Kees zurück. Er brachte eine große Kanne Tee und zwei Becher mit und schenkte Milan ein, ehe er die Kanne auf ein Stövchen stellte. "Ich hoffe, du bleibst ein wenig länger als das letzte Mal. Aber das kannst du ja mit Jer ausdiskutieren. Und glaub bloß nicht, du kommst heute Abend davon, ohne uns alles ausführlich zu erzählen!"

Milan musste lachen, er nickte. "Klar, sonst spießt mich Hame mit ihren Blicken auf, und du hast einen unangenehmen Abend. Das kann ich dir nicht antun."

Mit einem fröhlichen Auflachen verließ Kees den Raum wieder, nahm im Vorbeigehen ein altes Glas aus einem Regal mit. Milans Lächeln vertiefte sich, als er den zarten Duft des heißen Getränks roch. Es war bizarr, aber hier fühlte er sich zu Hause.

 

Jeremis rieb sich über die Augen und schloss seufzend seine Verträge in den Safe ein. Bevor er sich hätte abwenden können, fiel sein Blick erneut auf die Geschichtensammlungen, aus denen Milan ihm vorgelesen hatte. /Nachher, wenn alles ruhig ist im Haus, kann ich noch ein wenig darin blättern./ Er klemmte sich das Buch unter den Arm und ging mit Schnapper an seiner Seite zum Kaminzimmer, um sich dem Gast zu widmen.

Als er die Tür langsam geöffnet und der Hündin den Vortritt gelassen hatte, fiel sein Blick auf Milan. Er lächelte sofort, dann runzelte er die Stirn, als ihm klar wurde, wer vor ihm saß. /Aber... das kann doch nicht.../

Verwirrt blieb er an der Tür stehen. Der junge Mann war ein wenig zu dünn bekleidet für die Verhältnisse auf den mittlerweile mit Frost überzogenen Bergen, aber ansonsten schien er wohlauf zu sein. Jeremis blinzelte einige Male, aber schaffte es nicht, sich zu fassen. Wortlos starrend stand er neben der geöffneten Tür und blickte auf Milan, dessen Haare und Haut durch den flackernden Schein vom Kaminfeuer hervorgehoben wurden.

"Du... bist... wirklich..." Verwirrt blinzelte Jeremis und kam sich vor wie in einem seiner Träume. Rasch zwickte er sich in den Unterarm, bevor er die Tür schloss und mit Blick auf den Knauf verharrte. "... wieder da?"

Unsicher stand Milan auf. Ganz egal, was Raoul und Kees gemeint hatten, Jer sah alles andere als begeistert aus. Mit einem Mal kam es ihm wie eine ganz schlechte Idee vor, hierher gekommen zu sein. Und er hatte nicht gedacht, dass es so weh tun würde.

"Uh ... ich... ja, ich dachte... hallo Jeremis." Er schluckte und versuchte ein schiefes Lächeln. "Wenn... wenn es dir nicht passt, wenn ich ungelegen komme, gehe ich so schnell wie möglich wieder. Ich dachte nur... Ich wollte dir doch lesen beibringen und schreiben. Und... ich schulde dir noch Geld... und ich hatte doch keine Möglichkeit..." Er verstummte, als er merkte, dass er stotterte und unzusammenhängende Sachen faselte. "Aber ich freue mich, dich wiederzusehen."

Jeremis fuhr zu ihm herum und starrte ihn an. "Ich freue mich auch... Es ist nur so... plötzlich und..." Er trat zwei schnelle Schritte auf Milan zu und legte das Buch ab, bevor er ihn nach einem letzten Zusammenreißen einmal kurz umarmte. "Vergiss das Geld, darum ging es mir doch ohnehin nicht." Er warf einen Blick auf das Registrierfeld des Halsbandes "Außerdem scheinst du mehr als ich zu haben, wenn ich das richtig lese."

"Ich habe keine Ahnung", gestand Milan und lächelte. Genauso groß, wie seine Enttäuschung gewesen war, war jetzt seine Freude, dass er Jer doch willkommen war. "Ich weiß, dass es dir nicht um das Geld ging, und ich bin dir sehr dankbar dafür. Aber wenn ich mehr habe als du, ist es nur fair, wenn ich es dir zurückgebe, oder? Ich habe doch keinen Finger dafür krumm gemacht." Am liebsten hätte er sofort einfach los gesprudelt und ihm alles erzählt, was passiert war, seitdem man sie so gewaltsam getrennt hatte, doch er riss sich zusammen. "Ich bin froh, wieder hier zu sein. Hier fühle ich mich sehr viel wohler als in der Stadt", gestand er.

"Ehrlich? Das ist schön zu hören. Mich erklären Raoul und Kenny immer für verrückt." Jeremis verzog den Mund ein wenig. "Na ja, Kenny erklärt mich ohnehin immer für verrückt."

Er warf einen Blick über den Tisch, auf dem schon der Tee stand und dampfte. "Ich hole mir eben noch etwas zu Trinken, dann musst du mir alles erzählen, was passiert ist. Was hast du erlebt? Wie kommt es, dass du nun frei bist? Wie geht es dem Kronprinzen?" Er sah Milan nicht direkt an, aber suchte in dessen Gesten und Gesicht schon nach einer Reaktion.

"Niel geht es gut, hoffe ich." Ein kurzer Anflug von Trauer huschte über Milans Gesicht, verschwand aber sofort wieder. "Ich habe keine Ahnung, ob ich ihn jemals wiedersehen werde... Aber vielleicht..." Dann schob er seine wehmütige Laune beiseite und grinste. "Ich glaube, es ist besser, wenn du dir erst mal holst, was du holen willst, und wir es uns dann gemütlich machen. Dann fang ich einfach von vorne an."

Jeremis nickte und ging zur Tür. "Es tut mir leid, dass es so kompliziert sein musste für dich", murmelte er leise, dann holte er sich einen Tee und eine Flasche von seinem Cognac, weil er gedachte, sich davon mindestens einen zu genehmigen. Hame begegnete ihm in der Küche und sagte schläfrig 'Gute Nacht'. Sie schien von Milans Ankunft nicht überrascht, oder sie wusste es noch nicht.

Während Jer in der Küche verschwand, hastete Milan zu seiner Tasche, die nach wie vor im Flur stand; den Koffer hatte Kees schon nach oben getragen. Eilig suchte er in deren Tiefen nach dem kleinen Päckchen, dass er für Jer mitgebracht hatte, und huschte nur etwas später wieder zurück ins Zimmer. Als Jeremis mit einem Tablett mit Tee und Cognac zurückkam, hielt er es ihm mit einem verlegenen Grinsen entgegen. "Hier, ich hab dir ein kleines Dankeschön mitgebracht. Ich hoffe, du magst es."

Neugierig setzte Jeremis das Tablett ab und nahm Platz, bevor er das Päckchen in den Händen drehte. Er sah Milan in das Gesicht. "Danke, das ist... sehr nett, damit hab ich nicht gerechnet." /Genauso wenig damit, dass du überhaupt jemals wieder zu mir zurückkommst... Jer, hör auf, so zu denken! Er ist nur da, um seine Rechnungen zu begleichen. Der Kuss ist ihm vermutlich peinlich, wenn er sich überhaupt daran erinnert!/

Langsam wickelte er sein Geschenk aus, freute sich darüber, dass Milan überhaupt an so etwas gedacht hatte. Es war eine Pfeife, zierlicher als die anderen, die er hatte und mit einem schönen Rankenmuster verziert. "Das ist ein wundervolles Geschenk! Danke!" Jeremis drehte die Pfeife in den Fingern und lächelte leicht. /Ein Geschenk. Denkt er, dass ich das erwarte?/

Milan strahlte, erleichtert und glücklich darüber, dass es angekommen war. Er hatte wirklich lange gebraucht, um etwas zu finden, von dem er dachte, dass es dem anderen Mann gefallen könnte. /Warum nur ist mir das so wichtig?/ Aber das war es. Er betrachtete Jeremis, dessen warmes Lächeln ihn wieder an den Augenblick in dem Hinterhof erinnerte, als sie so dicht beieinander gestanden hatten, kurz vor dem Kuss. Unwillkürlich errötete er, als er sich bei dem Gedanken ertappte, ihn wieder küssen zu wollen. Er räusperte sich kurz, um seine Kehle zu klären, dann nahm er seine Tasse und lehnte sich in seinem gemütlichen Sessel zurück. "Das freut mich, wirklich. Ich hatte schon Angst, du erklärst mir, dass du nicht noch eine brauchst."

"Oh, die kann man immer gebrauchen. Ich hab noch gar nicht genug, das ist sicher. Jetzt kann ich meinen neuen Tabak ausprobieren!" Jeremis verschob das Austesten der neuen Pfeife jedoch auf einen anderen Tag und widmete sich erst einmal seiner älteren Pfeife, die er schon gestopft hatte.

Milan lachte und nahm einen Schluck, ehe er zu berichten begann, was passiert war, nachdem er in den Gleiter gezerrt worden war.

Jeremis hörte fasziniert zu, was Milan alles für Einblicke bekommen hatte. Wie die Shaapriester waren, wie der Tempel aussah, in den Menschen nicht hinein durften. Er fühlte Mitleid mit dem kleinen Prinzen, und er fühlte tiefes Mitgefühl mit Milan, denn dessen Liebeskummer konnte er nur zu gut verstehen.

"Das war eine ganze Menge. Und jetzt bist du vermutlich erst einmal erschöpft von all der Aufregung und dem Durcheinander, nicht? Was du alles erlebt hast, seit..." /Seit dem Kuss./ Er senkte den Kopf und kraulte Schnapper, nicht fähig den Satz zu beenden. /Verdammt./

/Jetzt. Sag was. Irgendwas. Etwas, dass den Kuss belanglos erscheinen lässt./ Doch Milan konnte nicht. Was, wenn er für Jer wirklich nichts gewesen war? Nur eine Gelegenheit, ein Zufall, etwas, das aus der Situation heraus entstanden war und keine Bedeutung für ihn hatte? Was, wenn es das nicht war? Wenn er mehr für ihn empfand? Milan wusste nicht, welche der beiden Möglichkeiten er vorziehen würde; er wusste nur, dass sie ihm beide ein komisches Gefühl im Magen bescherten.

"Oh, ich... ich hatte ja Zeit, mich auf dem Transporter zu erholen. Wenn man mal das Abwimmeln der Ajester vergisst, die mir Avancen gemacht haben. Das scheint ein Lieblingssport von denen zu sein, oder?" Er lachte unsicher und verfluchte sich gleichzeitig für seine Feigheit.

Jeremis zuckte ein wenig zusammen, dann nickte er leicht und lächelte müde. "Stimmt. Jungen, hübschen Menschen jagen sie gern nach." /Hübsch./ "Jedenfalls kannst du hier tun und lassen, was du magst, Milan. Gibt es etwas, das ich für dich tun kann? Brauchst du Hilfe mit etwas, einen Tipp? Was hast du vor?"

Wieder errötete Milan. /Er findet mich hübsch. Hör auf, das ist... Das meint er nicht so. Das.../ Er unterbrach sich in Gedanken. "Danke, Jer. Nein, ich brauche keine Hilfe im Moment. Ich bin eigentlich hier, um..." Er verstummte. /Um mit dir wegen den Küssen ins Reine zu kommen/, vollendete er seinen Satz, doch er brachte ihn einfach nicht über die Lippen. "Um Danke zu sagen, um dich wiederzusehen, um dir lesen und schreiben beizubringen. Und vielleicht, um dir mit den Rechnungen zu helfen, wenn du dich sehr beeilst und mir vorher beibringst, wie das überhaupt geht", neckte er, halb und halb in dem Versuch, ihn von seiner Verlegenheit abzulenken.

Jeremis lächelte gezwungen, aber nickte schließlich. "Das mache ich gern. Ich nehme an, dass du die Schriftzeichen lesen lernen willst, nicht? Ohne diese wäscht man sich nun einmal aus Versehen mit Schnappers Shampoo."

Er lachte zwar über die Erinnerung, aber innerlich glitten seine Gedanken zu der Möglichkeit ab, die er brauchte, um Milan nach dem Kuss zu fragen. /Habe ich in dem Torweg nur geträumt, ist es wirklich geschehen? Wie kann ich ihn nur fragen, ohne ihn zu vertreiben. Es ist so gut, dass er wieder da ist. Viel zu gut./ "Du bist also nicht müde? Ich habe leider einen anstrengenden Tag hinter mir, wollen wir morgen früh mit dem Lernen beginnen? Heute Abend bin ich nicht mehr aufnahmefähig, leider. Ich sollte nur noch nachsehen, ob Kees sich um dein Bett gekümmert hat." Mühsam erhob er sich.

"Ich bin mir sicher, dass er das getan hat. So, wie ich das gesehen habe, hat er sogar schon meinen Koffer hochgetragen. Er hat sich gefreut, mich wiederzusehen." Milan stand ebenfalls auf. Er fühlte sich wirklich unendlich wohl, wieder hier zu sein. Er hätte nicht gedacht, dass es ihn so erleichtern, ihn sich so glücklich fühlen lassen würde. /Zu Hause... Dabei ist zu Hause doch eigentlich auf der Erde, nicht auf einem Gut auf Jume./

Mit einem Seufzen streckte er sich. "Nun, sagen wir mal, ich bin nicht total erschöpft. Aber es ist mittlerweile spät geworden. Müde bin ich jetzt schon ein wenig." Und das Bett würde groß und leer sein. Zu groß und zu leer. Aus den Augenwinkeln sah er zu Jeremis hin, ertappte sich schon wieder bei dem Gedanken, dass er gerne mit ihm... Er schob ihn energisch beiseite. /Du bist mit Niel zusammen. Was soll das? Niel... Vielleicht sehe ich ihn nie wieder./ Es machte ihn traurig, aber nicht mehr so deprimiert wie noch ein paar Tage zuvor. Jers Nähe schien alles leichter zu machen. /Fels in der Brandung. Ein Ruhepol. Ich bin so froh, dass.../

"Ich bin so froh, dass ich dich kennen gelernt habe", sagte er leise und lächelte. "Du hast mich hier so warm willkommen geheißen. Wegen dir und Niel ist es längst nicht so schlimm wie es sein könnte, hier auf Jume zu sein." Er wandte sich ab und öffnete die Tür. "Und allein wegen euch kann ich mir auch vorstellen, dass ich hier leben könnte." Kurz wandte er sich noch einmal zu ihm um. "Auch für immer."

Die kühle Luft des Korridors war angenehm auf seinen erhitzten Wangen, als er die Treppe empor stieg, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.

Jeremis blieb mit offenem Mund am Fuß der Treppe stehen und sah Milan hinterher, der nach dieser doch sehr merkwürdigen letzten Aussage einfach zu dem Gästezimmer gegangen war. Dann lächelte er auch ein wenig und schließlich, als er dabei war, die Kellertreppe zu verschließen, lachte er leise.

"Für immer... hat er gesagt", flüsterte er Schnapper zu, bevor auch er in sein Schlafzimmer ging, um dort eine weitere schlaflos verträumte Nacht zu verbringen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh