Zwischen den Welten

31.

Niel erwachte von einigen Sonnenstrahlen, die sein Gesicht streiften, wenn die Palmenblätter vor dem Fenster sich im Wind bewegten. Er gähnte und streckte sich wohlig. Ausgeschlafen. Das war er schon so lange nicht mehr für soviele Tage nacheinander gewesen.

Nachdenklich durchkämmte er seine Erinnerung nach weiteren Ereignissen und Neuerungen. Die letzten Tage in der Villa von Cahal waren von einer herrlichen Ruhe durchzogen worden. Niel erinnerte sich daran, wie freundlich der General zu ihm gewesen war. /Mein Lehrer. Wir sind einander so schnell so nahe gekommen. In einer Woche nur ist er mir vertrauter, als Jashuun es jemals werden konnte. Und das, obwohl wir uns nie berühren. Hoffentlich ist das kein Traum, er kann ausgezeichnet fechten./ Lasziv streckte Niel seine Beine und Arme noch ein letztes Mal, dann gab er nach und schlug die Augen auf.

"Guten Morgen, Niel", begrüßte ihn eine gut gelaunte Stimme; der General saß wieder hinter seinem Schreibtisch, einige Stapel Papier vor sich, in denen er blätterte, die er jedoch jetzt beiseite legte. Er lächelte und stand auf. "Was macht dein Kopf? Du warst gestern mal wieder reichlich beschwippst."

Niel seufzte und neigte dann seinen Kopf. Die Abendessen mit Cahal und dessen guten Weinen waren eine Prüfung, schon wieder hatte sein Lehrer ihn zu Bett bringen müssen. "Verzeihung. Es tut mir leid, das kommt nicht wieder vor."

Cahal lachte auf und setzte sich zu ihm ans Bett. "Du musst dich nicht entschuldigen. Wenn du jetzt einen schweren Kopf hast, bist du bestraft genug. Wenn nicht, hast du Glück gehabt. Wenn es mich stören würde, hätte ich dir nicht nachschenken dürfen oder dich vom Trinken abhalten müssen, oder?" Außerdem war Niel einfach nur niedlich gewesen, derart angeheitert. Cahals dunkle Augen blitzten auf. "Bist du fit genug, um heute zu trainieren?"

"Oh ja, sehr gern!" Niels Augen leuchteten auf. "Darf ich zuerst noch etwas frühstücken? Außerdem würde ich gern..."

Er zögerte und begann zu grübeln. Er hatte darum bitten wollen, Milan anrufen zu dürfen. War das im Sinne eines sicheren Versteckens? Vermutlich nicht. Zudem, wo sollte er beginnen? /Bei Jeremis und bei Raoul natürlich. Einer von beiden wird Milan schon gesehen haben, genau. Das mache ich./

"Wäre es mir erlaubt ein privates Gespräch zu führen? Mit Menschen, keinerlei Gefahr, sie sind fernab von der Stadt, ja?"

/Mit Menschen... Dieser spezielle Mensch./ Die gute Laune wich aus Cahals Gesicht, es wurde wieder zu der formellen, unberührten Maske, die ihn sich abwenden ließ, um sie zu verbergen. /Warum stört es dich? Du weißt doch, dass er mit ihm zusammen ist. Er liebt ihn nun mal./ Aber für ein paar schöne Stunden hatte er sich der Illusion hingegeben, dass es nicht wirklich ernst war.

"Natürlich kannst du. Der Kanal ist so sicher, wie er nur sein kann. So lange du nicht weitergibst, wo du dich gerade befindest." Er räumte die Berichte zusammen und legte sie in eine Schublade. "Hier, du kannst das Gerät benutzen. Ich bestelle derweil das Frühstück."

"Vielen Dank. Ich wollte mich noch einmal bei dem Gutsbesitzer bedanken, der mich aufgenommen hatte, als ich mich aus dem Urwald gerettet habe. Eigentlich verdient der Mensch einen Orden. Er war so selbstlos." Seufzend tappte Niel zu dem Schreibtisch hin und nahm in dem Sessel davor Platz.

Cahal nickte steif und verließ das Zimmer. Vor der Tür blieb er stehen und erlaubte sich das Fallenlassen der Maske. Düster starrte er zu Boden, ärgerte sich über seine Hoffnungen, die er sich nach wie vor machte. Das hier war sein Prinz, sein Schüler. Niemand, von dem man derartig träumen sollte, wie er es so gerne tat.

Er gab einem wie aus dem Nichts auftauchenden Diener den Auftrag für das Frühstück, wobei er sich ziemlich sicher war, dass es nur noch hierher gebracht werden musste. Fertig war es vermutlich in weiten Teilen schon, so dass nur noch auf die Sonderwünsche eingegangen werden musste.

Niel gab die ungefähren Koordinaten von dem Gut ein und korrigierte noch einige Male, dann konnte er nach einer Weile das Freizeichen für Jeremis' Apparat sehen. Nach einem weiteren Moment tauchte Jeremis selber auf, fragte nach dem Wunsch.

Jeremis' Bildschirm war nicht so gut wie seiner, weswegen Niel den Gutsbesitzer nur leicht verschwommen sehen konnte. Niel lächelte trotzdem strahlend, während der andere sich leicht verneigte. "Guten Morgen, Jeremis. Ich wollte Ihnen noch einmal persönlich für die freundliche Aufnahme und all ihre Mühe mit mir danken."

Jeremis lächelte verbindlich, wenn auch nicht übermäßig freundlich. "Nein, es war mir ein Vergnügen, Herr."

"Und dann wollte ich dir noch sagen, dass es Milan gut geht, ich habe ihn mit einem Transporter nach Jumelaan zurückbringen lassen."

Niel konnte trotz der schlechten Qualität des Bildes erkennen, dass Jeremis zögerte, dann senkte er jedoch den Kopf einmal kurz. "Das weiß ich schon, Herr. Milan ist gestern Abend hier auf dem Gut eingetroffen."

Niel war äußerlich der unbesorgte Jumer, aber innerlich begann er sich zu schämen. Er wusste doch schon so lange, wie sehr Jeremis Milan mochte, wie gut die beiden für einander wären, und dennoch hatte er Milan für sich beansprucht, ihn suchen und holen lassen, ihn dem Mann weggenommen. Er war kurz davor, sich zu entschuldigen, als Jeremis leise sagte "Ich möchte euch noch einmal danken, dass Ihr für Milans Freiheit gesorgt habt. Das war sehr freundlich."

Niel seufzte tonlos, dann entgegnete er, so fröhlich er konnte "Nein, das war selbstverständlich."

Jeremis nickte noch einmal und murmelte "Einen Moment bitte, Hoheit. Ich rufe Milan."

Er trat von dem Schirm zurück, und es wurde eine kurze Zeit lang still. Als nächstes konnte Niel an den leisen Stimmen hören, dass der Gutsbesitzer seinem Geliebten erklärte, wie das Gerät zu bedienen war.

Milans Herz schlug schneller, seine Wangen waren vor Freude gerötet, als er sich vor den Bildschirm setzte. Dass er so bald etwas von seinem Liebling hören würde, hätte er im Traum nicht gedacht. Das Bild war nicht klar, doch es reichte, um das süße Gesicht zu sehen, die großen violetten Augen, den niedlichen Schmollmund. "Niel! Wie geht es dir, Schatz? Ist es sicher, dass du hier... äh, wie nennt man das? Anrufen?" Er lachte, beugte sich ein wenig vor. Wie gerne würde er ihn jetzt einfach in den Arm ziehen, ihn küssen, ihn einfach nur festhalten. "Ich... ich freue mich so“, sagte er leise. „Ich vermisse dich."

Niel lächelte krampfhaft, während ihm all die Dinge durch den Kopf gingen, die er Milan nun sagen musste und sagen wollte. Wie nur konnte er es besser machen für ihn? Wie war es am Einfachsten für den jungen Menschen mit den wunderschönen Augen?

"Milan, ich hab dich auch vermisst... Es ist nur... Ich..." Niel schaffte es kaum noch, die Tränen zu unterdrücken, noch bevor er weiterreden konnte, begann sie sich aus seinen Augen zu lösen und über seine Wangen zu laufen. Seine Sicht verschwamm, und er redete gegen das unscharfe Abbild des Mannes, den er noch immer zu sehr liebte. Die Stimmen der Priester, von Jashuun, von seinem Vater wirbelten befehlend in seinem Kopf, trieben ihn zu den Worten, bevor er sich dagegen wehren konnte.

"Ich muss dir etwas Wichtiges sagen, Milan. Ich habe leider nicht viel Zeit." /Ich kann ihn nicht anlügen, muss es ihm sagen, jetzt, heute. Er ist bei Jeremis. Dort ist er nicht allein, dort ist jemand, der ihn trösten kann.... Und hier? Bei mir?/

Niel senke den Kopf, dann erklärte er so sicher, wie seine verheulte Stimme es noch zuließ "Wir können uns nicht wiedersehen. Es ist nicht erlaubt, und ich kann mich nicht gegen die Gesetze sperren, die uns den Kontakt verbieten. Ich werde eine längere Zeit in einem Versteck bleiben müssen, und deswegen will ich dir das zuvor schon sagen." Er holte mühsam Luft und wagte es nicht, auf den Bildschirm zu sehen. "Es tut mir leid", flüsterte er leise und wischte sich über die Wangen.

Milan starrte auf den Bildschirm, wollte nicht glauben, was Niel ihm da erzählte. Er fröstelte, kämpfte gegen das enge Gefühl in seiner Kehle und seine mit einem Mal unerträglich brennenden Augen an.

"Das... das meinst du nicht ernst", wisperte er und schluckte hart. "Es ging doch die ganze Zeit! Es... Wir waren doch zusammen! Du kannst doch nicht einfach... Wieso..."

/Ich wusste es. Ein Abschied für immer. Warum... tut es so weh? Ich habe doch damit gerechnet. Ich... wollte es nicht glauben./ Der Druck auf seine Augen wurde stärker, als er die glitzernden Spuren auf Niels Wangen sah, die sich der Jumer vergeblich wegzuwischen versuchte. Er legte eine Hand auf den Bildschirm, als könnte er ihn so berühren.

"Niel", hauchte er erstickt. "Ich liebe dich." Es schmerzte so furchtbar! Er wollte den Blick abwenden und konnte doch nicht. "Gibt es keinen Weg? Gar keinen?"

Aber was für eine Zukunft hatte das schon? Er würde alt werden in einer Zeitspanne, die für diesen Jumer noch lange im Bereich dessen lag, was für ihn Jugend bedeutete. Und Niel war ein Prinz. Der Priester hatte ihm schon zu deutlich klar gemacht, dass es ein Fehltritt war, dass der Prinz sich mit ihm eingelassen hatte. Fehltritt...

"Ich..." Er verstummte wieder, wusste nicht, was er sagen sollte. Er wollte bei ihm sein, wollte ihn lieben dürfen. Aber es war vergeblich. Alles sprach dagegen, und er war von Anfang an gewarnt worden, dass es nicht gut gehen konnte. /Warum bin ich nur so ein Narr, der denkt, dass Liebe alle Hindernisse ausräumen kann? Es tut so weh, und ich kann nichts tun, um dich zu trösten, mein Liebling. Oder um es irgendwie leichter zu machen.../

Niels Ohren senkten sich herab, während er schnüffelnd über sein Gesicht rieb.

"Ich werde dich nie, nie, nie vergessen, mein Juwel!", rief er verzweifelt. "Ich wünschte, wir könnten alles ändern, die Politik, unsere Unterschiede, alles einfach! Aber es geht nicht, verzeih mir bitte..." Hastig schnippte er den Schalter um, der den Bildschirm erlöschen ließ.

Sobald er Milan nicht mehr erkennen konnte, der in einer kleinerwerdenden Spirale verschwand. Er schlug seine Hände vor das Gesicht und schluchzte auf, konnte es nicht länger unterdrücken. Schon in den letzten Tagen hatte Niel ja gewusst, dass er und Milan sich würden trennen müssen, aber musste es so weh tun? Dennoch so viel Kälte und Einsamkeit in ihm hinterlassen?

Fröstelnd schlang Niel die Arme um sich und schlich sich, lediglich mit der leichten Schlafanzughose bekleidet, in den Garten hinaus, wo er unter einem überhängenden Baum gleich an einem kleinen Zierteich die gewünschte Ruhe für sich fand und sich einfach fallen ließ, um in trübe Sehnsucht versunken zu weinen. Schon wieder. /Cahal muss denken, dass ich unmöglich bin. Er hasst mich sicherlich bald und ist froh, wenn er mich wieder los ist./

Die Tränen seines Prinzen schnitten Cahal ins Herz. Der Mensch musste ihn sehr verletzt haben, so wie er weinte! Der General hatte an die Wand gelehnt gewartet, bis Niel sein Gespräch in Ruhe beendet hatte, doch mit dem Häufchen Elend, das leise und fast unsichtbar das Zimmer verließ, hatte er nicht gerechnet.

Cahal folgte ihm mit schlechtem Gewissen, doch er würde ihn nicht mehr allein lassen. Er konnte einfach nicht riskieren, dass ihm etwas geschah, nur weil er ihm Ungestörtheit gönnte. /Das würde ich mir viel weniger verzeihen, als seine Gefühle zu verletzen, weil ich ihn beobachte./ Er presste die Lippen zusammen und suchte die Umgebung mit Blicken ab, nicht wirklich damit rechnend, irgendeine Gefahr zu entdecken.

So weit entfernt wie möglich blieb er stehen, wo er ihn noch gut im Augen behalten konnte. Doch das Schluchzen drang trotzdem bis zu ihm vor. Er schluckte, machte einen Schritt auf ihn zu und blieb wieder stehen. /Was tue ich? Er wird nicht wollen, dass ich ihn störe!/ Andererseits konnte er ihn dann immer noch wieder wegschicken.

Noch ehe er etwas dagegen tun konnte, war er bereits zu Niel getreten. Er ging in die Hocke und legte ihm eine Hand auf die bebende, schmale Schulter, eine sanfte, kaum spürbare Berührung. "Niel?"

Niel hatte sich nicht beruhigen können, auch wenn er sich wieder und wieder vorwarf, dass er hysterisch reagierte. Alles war einfach zu viel auf einmal gewesen. Es war seine Schuld, dass es zur Revolte gekommen war, es war sein Verschulden, dass die Generäle nun Krieg gegen seinen Vater führten, er hatte nicht bedacht, dass er die Verantwortung hätte übernehmen müssen. Er wollte sie auch nicht! Er wollte wieder mit Milan, mit einem warmen, liebenden Wesen zusammen sein, mit jemandem, der ihn berührte, ihm nah war und nicht hinter Zeremonie versteckt, hinter der Maske eines kalten Lehrers, eines starren Priesters. Er wollte so gern wieder zu demjenigen, der ihn so gemocht hatte, wie er war. Nur ein kleiner Halbjumer, dessen Ohren seine Laune verrieten und der zu klein war, um in einer Parade eine gute Figur zu machen.

Als eine warme Hand ihn berührte, drehte er sich zu der anderen Person und lehnte sich in die Berührung, brauchte etwas oder jemanden, der ihm nun Halt und Zuversicht geben konnte. Er schloss die Augen und sank weiter in sich zusammen. "Es tut mir so leid..."

Überrascht weiteten sich Cahals Augen, doch dann umfing er den bebenden, kleinen Körper und zog ihn einfach an sich, während er sich zu ihm setzte. Es war ihm gleichgültig, ob es sich gehörte oder nicht, gleichgültig, ob es irgendwelchen Protokollen ent- oder widersprach.

"Schhhh", murmelte er. "Ich bin da..."

Tröstend streichelte er Niel über den Rücken und durch das wirre Haar, hielt ihn an sich gedrückt, während er ihn sacht in seinen Armen wiegte und beruhigende Worte in sein Ohr flüsterte.

Niel wurde sich erst nach und nach bewusst, dass er sich von dem General, nun seinem Lehrer, trösten ließ. Zugleich fiel ihm auf, dass Cahal wirklich ausgezeichnet trösten konnte. Er fühlte sich geborgen und sicher, während der andere immer wieder über seinen Rücken strich. Dankbarkeit erfüllte Niel, und er hörte auf zu weinen, seine Anspannung war von ihm abgefallen. Nach einer Weile konnte er sich aufsetzen und dem anderen ins Gesicht sehen.

"Danke..." Er zögerte, doch dann lächelte er nur schüchtern und stand langsam auf, um zum Haus zurück zu gehen.

"Immer wieder gerne." Cahal folgte ihm, noch ganz überwältigt von diesem scheuen, kleinen Lächeln, das Niel ihm aus dem von Tränen verschmierten Gesicht geschenkt hatte. /Und er hat sich bedankt, fand es nicht anmaßend von mir./ Das war vielleicht sogar noch schöner. /Möglicherweise fängt er doch an mir zu vertrauen? Mich... zu mögen?/ Er wollte ihm eine Hand auf die Schulter legen, doch er wagte es nicht, wollte den Bogen nicht überspannen.

"Das Frühstück ist mittlerweile mit Sicherheit fertig", erklärte er stattdessen. "Möchtest du erst duschen oder gleich essen?"

Niel sah an sich herab und errötete. "Ich sollte mich erst einmal präsentabel machen, denke ich."

Er beeilte sich jedoch mit dem Duschen und zerrte sich seine Kleidung ungeduldig über seinen noch immer ein wenig nassen Körper. Beim Haarebürsten, als er trotz des Ziepens nur wuschig hier und dort durch die zerzausten Fransen fuhr, fiel ihm auf, wieso er das tat.

/Um nicht allein zu sein, um Cahal wieder neben mir zu haben, deswegen bin ich so hektisch. Um ihn... Er hat mich eben getröstet und aufgebaut, wie peinlich ich mich benehme! Er muss ja ein schreckliches Bild von mir haben! Gleich entschuldigen! Sofort! Ohne Umwege!/

Rasch lief Niel in den Raum zurück und fand Cahal an dem bereits wundervoll gedeckten Tisch vor. Er trat ernsthaft zu ihm und legte eine Hand auf die Schulter des Generals, um ihm ins Gesicht zu sehen. "Ich entschuldige mich für mein Benehmen. Ich möchte dich bitten, als mein Lehrer die Vorkommnisse nicht in deinem Bericht zu erwähnen. Von nun an werde ich mich zusammenreißen und wie ein würdiger Thronfolger benehmen."

Cahal sah zu ihm auf und konnte rein gar nichts dagegen tun, dass er den Wunsch verspürte, Niel auf seinen Schoß zu ziehen und ihn wieder so dicht zu spüren wie am Teich. Er kam ihm nicht nach, natürlich nicht, doch er gestattete sich den Luxus, seine Hand auf die kleine, kühle des Prinzen zu legen.

"Niel, dieses Haus hier ist zur Entspannung gedacht, zum Ausruhen. Zum Abschalten von all den Formalitäten, die in der Hauptstadt warten." Er schmunzelte. "Wenn du dich zusammenreißt und dich wie ein würdiger Thronfolger benimmst, zwingst du mich dazu, das gleiche zu tun und der korrekte General zu sein. Das kannst du mir nicht antun. Und natürlich werde ich das nicht im Bericht erwähnen. Der Bericht ist nicht dazu da, dass ich erwähne, was du zum Frühstück gegessen und ob du regelmäßig geduscht hast. Er ist dazu da, um deine Fortschritte im Fechten festzuhalten. So etwas wie das eben gehört nicht hinein." Sacht drückte er die schlanken Finger, ehe er ihn wieder losließ. "So lange du hier bist... sei einfach nur du."

Die Geste, mit der Cahal seine Hand berührt hatte, stärkte Niel und mit einem Mal fühlte er sich bedeutend besser. Rasch nahm er neben seinem Lehrer Platz und zog sich seinen Teller von der anderen Tischseite heran. "Ich bin nur so unausgeglichen, weil ich mir permanent Vorwürfe mache. Warum habe ich nur den Wusch gehabt, in einen der Transporter zu gehen? Ich verstehe es jetzt selber nicht mehr. Dann habe ich auch noch die unglückliche Beziehung zu diesem Menschen aufgenommen! Wie konnte ich nur so unfair sein zu ihm... und zu mir?" Er seufzte und senkte den Blick auf seinen dekorierten Teller, auf dem Quark und exotische Früchte gemeinsam mit süßen Gewürzen und Honig zu einem Bild arrangiert worden waren.

"Ich wusste doch die ganze Zeit schon, dass er nur ein Mensch ist, dass ich der Kronprinz bin, dass ich jetzt schon viel, viel älter bin als er. Wieso habe ich das nur so vergessen? Diese Gedanken kommen immer wieder, und ich kann nicht damit aufhören, dass ich mir wünsche, ich könnte die Zeit zurückdrehen, alles ungeschehen machen... obwohl..." Er sah zu Cahal hinüber, der seine zierliche Tasse in der Hand hielt und ihm augenscheinlich zuhörte, obwohl er Unsinn erzählte. "... obwohl, dann hätte ich nun keinen neuen Lehrer." Er lächelte noch einmal und nahm dann seinen Löffel auf, um ihn in den kleinen Honigsee zu tauchen. "Dann ist es ja doch zu etwas Gutem gekommen."

"Danke." Auch Cahal lächelte ein wenig verhalten. /Heißt es, dass du froh bist, von Jashuun weg zu sein? Mich als Lehrer zu haben? Oder schlicht beides? Ich werde anmaßend./ Aber der Gedanke gefiel ihm, und er ließ ihn zu. "Mach dir keine Vorwürfe. Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt. Und ihr hattet bestimmt eine schöne Zeit zusammen." Selbst wenn es nur ein Mensch war. Jetzt, wo sie getrennt waren, stelle Cahal ein wenig irritiert fest, dass er darüber hinweg sehen konnte.

Niel nickte nachdenklich. "Das stimmt. Aber es war auch noch etwas anderes. Ich hab mich bei ihm nützlich gefühlt, nicht wie die Last, nicht wie der dumme, verwöhnte Prinz. Ich hab ihm das Leben gerettet. Das war ein schönes Gefühl."

"Du bist keine Last." Cahal stellte seine Tasse ab. /Du bist einzigartig und wundervoll und machst, dass ich dich immer beschützen will, auch wenn dein Vater es mir nicht befiehlt./ Vermutlich hätte es ihn ärgern sollen, dass der König ausgerechnet ihn abstellte, um auf den Prinzen aufzupassen wie ein gewöhnlicher Leibwächter. Doch er tat es nicht, und wer konnte schon wissen, was sich seine Majestät dabei gedacht hatte. Vielleicht hatte er gemerkt, dass sein General mehr für seinen Sohn empfand.

Niel umschloss sein großes Saftglas mit beiden Händen und nippte von dem kühlen Kaktussaft, den er auch in Jumelaan so gern trank. /Man kann mit Cahal wirklich gut reden. Er ist nicht so ungeduldig wie Jashuun oder so schnell kritisch wie Milan und auch nicht unsicher, überhaupt nicht./ Niel warf einen kleinen Blick zu seinem Lehrer hin, um festzustellen, dass dieser ihn ansah; Fast hätte Niel gedacht, dass er ihn beobachtete.

Niel stellte seine Ohren aufmerksam in Richtung des anderen auf und fragte möglichst munter "Was steht heute an? Soll ich weiter fechten lernen?"

"Natürlich. Schließlich bin ich deswegen dein Lehrer. Irgendwie muss ich dieses Privileg ja auch rechtfertigen." Cahal lächelte, als er das Ohrenspiel bemerkte. Das war auch etwas, was er an dem kleinen Prinzen liebte. Er war so gefühlsbetont, ganz anders als er selber. Und wenn sich Niel nicht konzentrierte, konnte man ihm alles aus dem Wechselspiel seiner Miene, dem Ausdruck in den Augen und den Ohren ablesen.

Jetzt erst fiel ihm die Lücke in Niels Ohrringen wirklich auf, der des obersten Lehrers fehlte. Ohne weiter darüber nachzudenken, griff er nach seinem eigenen und löste ihn. "Hier, nimm den so lange, bis du einen neuen hast. Du bist der Prinz, du solltest deine Orden beieinander haben." Er legte den kleinen, kupferfarbenen Ring in Niels Handfläche.

"Wenn du magst", fuhr er dann ohne Übergang wieder fort, "kann ich dir anschließend an die Übungen ein wenig die Gegend zeigen. Es gibt ein paar nette Flecken hier."

Verblüfft sah Niel in seine Hand und lächelte dann. "Ja, ich würde gern die Umgebung besser kennen lernen! Ich war hier noch nie. Und Cahal... Danke für den Ring!" Rasch steckte er den Ohrring an die zuvor leere Stelle und strich sich die hellen Haarsträhnen hinter die Ohren, bevor er mit dem Essen begann.

Nach dem Frühstück bewies der General, dass er befehlen konnte, trainieren und dass er nicht umsonst unter den Truppen gefürchtet war. Niel wankte nach den Fechtstunden schlapp, aber zufrieden zu seinem Bad, wo er unter der beeindruckenden Kristallkuppel in der riesenhaften Wanne versank, bis nur noch seine Nasenspitze aus dem Schaum heraus sah.

Cahal gönnte sich währenddessen nur eine kurze Dusche, ehe er in Gedanken die schönsten Stellen seiner Besitzung durchging, die er seinem Prinzen gerne zeigen wollte. Er war mehr als zufrieden mit dem Ablauf des Tages. Immerhin war es ihm gelungen, Niel von seinem Kummer abzulenken, und die ruhige Atmosphäre des Hauses und die Entfernung zur Hauptstadt mit ihren Verpflichtungen bewirkte, dass er Niel doch ein wenig näher kam.

Es war vielleicht nicht fair, in Anbetracht dessen, dass der Prinz erst vor wenigen Stunden seine Beziehung zu dem Menschen und nur wenige Tage davor die zu seinem ehemaligen Lehrer beendet hatte, aber das erste Mal in der Zeit, in der er sich bewusst war, dass er viel mehr für Niel empfand als ein General es gegenüber einem Kronprinzen für gewöhnlich tat, machte er sich Hoffnungen, dass vielleicht sogar noch mehr möglich wäre.


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