Zwischen den Welten

32.

Minutenlang starrte Milan den leeren Bildschirm einfach nur blicklos an. Sollte das alles gewesen sein? Ein kurzes Durchklingeln wie bei einem unverbindlichen Telefonat und ein Abschied, der den Namen nicht einmal wirklich verdiente?

Von einem Moment auf den anderen sollte es keinen Niel mehr in seinem Leben geben? /Nicht von einem Moment auf den anderen... Ich habe es doch schon in dem Moment gewusst, als wir uns das letzte Mal geliebt haben./ Aber warum, warum hatte er es nicht wirklich akzeptieren können? Warum tat es jetzt so weh?

Die Leere in ihm wurde mit jedem Augenblick größer, bis sie in einem leisen Schluchzen platzte. Milan verbarg das Gesicht in den Händen, während Tränen unaufhaltsam seine Wangen hinab zu rinnen begannen. Himmel, er vermisste ihn! Noch immer sah er das nasse, schöne Gesichtchen vor sich, den Schmerz in den violetten Augen, den auch die schlechte Bildverbindung nicht hatte verbergen können, als Niel ihm die letzten Worte zugerufen hatte. /Unterschiede. Das ist alles so lächerlich! Warum geht das nicht? Warum müssen sie so dumme Gesetze haben? Ich liebe dich doch! Mein Niel... mein Schatz... mein Liebling.../

Jeremis hatte eigentlich gar nichts von dem Durchruf mitbekommen wollen. Allein die Stimme und das Gesicht von Niel erinnerten ihn wieder daran, dass Milan kein Interesse an ihm, sondern nur an dem zierlichen Prinzen gehabt hatte. /Wenn er diese zarten Wesen gern hat, wie soll er dann über jemanden so großes und kräftiges denken? Ich bin nur ein Freund für ihn, wenn überhaupt./

Doch Milan kam und kam nicht aus dem kleinen Raum heraus, in dem das alte Gerät stand und zu den wenigen Rufen durch Freunde verwendet wurde. Meistens wurde es doch ohnehin überhört. Endlich ging Jeremis zu seinem Gast hinein und stockte an der Tür. Milan weinte. Er hatte den Kopf gesenkt, das Gesicht versteckt und schluchzte.

"Oh nein! Milan! Was ist geschehen?! Ist ein Unfall passiert?!" Rasch war Jeremis voller Sorge an seiner Seite und legte eine Hand auf die bebende Schulter des jungen Mannes. "Milan... bitte, was ist denn?" /Ist etwas mit dem Prinzen? Dann wirst du wieder fort müssen./ Unruhig sah Jeremis seinem Freund ins Gesicht, während er mit der einen Hand leicht über die Schulter strich und mit der anderen in seiner Tasche nach einem Taschentuch suchte, das er Milan vorsichtig hinlegte.

"Nein... nein, kein Unfall..." Milan tastete nach dem Tuch und wischte sich das Gesicht ab, was vollkommen überflüssig war, denn neue Tränen kamen sofort nach. Es half auch nichts, dass er die Augen zusammenkniff und die Lippen zusammenpresste. Schließlich tat er einfach, wonach er sich fühlte. Er lehnte sich gegen die warme, sichere Hand, gegen den kräftigen Körper neben ihm.

"Es geht ihm..." Nein, gut ging es Niel nicht. "Er hat... ich bin... Wir sind nicht mehr zusammen... die beschissenen Gesetze... weil er Jumer ist und ich nur Mensch... und..." Seine Stimme erstickte fast. "Ich habe es ja eigentlich gewusst, aber..."

Jeremis konnte sich ohnehin nicht abhalten, und sein Körper hatte schon reagiert, bevor sein Kopf es verhindert hätte. Er schloss seine Arme um Milans Schultern und strich ihm vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Da er keine tröstlichen Worte kannte, schwieg er lieber. /Der Schmerz geht vorbei, und nach einer Zeit ist man wieder froh? Nein, ich weiß doch, dass es schwer ist, sich einen ajester Geliebten abzugewöhnen./

Leise seufzend nahm er das Taschentuch und wischte Milan über die Wangen, während er mit der anderen Hand seinen Rücken auf und ab strich, um ihn zu beruhigen. /Ich werde jetzt lieber nichts sagen, wie 'es ist besser so', darauf reagiert Milan bestimmt nicht so günstig./ Stattdessen blieb er einfach stehen und rieb ihm über die Schultern und den Rücken, den Blick leer auf den schwarzen Bildschirm seines veralteten Rufgerätes gerichtet.

Milan schluchzte eine ganze Weile leise vor sich hin, ehe er registrierte, dass er sich mal wieder bei Jeremis ausweinte. Dass Jer sich mal wieder Zeit für ihn nahm. Dass er ihn tröstete. Dass er da war. Und Milan war ihm dankbar dafür, unendlich dankbar.

Auch als seine Tränen schon eine Weile versiegt waren, rührte er sich nicht weg aus der tröstlichen, beruhigenden Wärme der Umarmung, wollte am liebsten einfach nur so sitzen bleiben und die Welt aussperren. Doch schließlich löste er sich trotzdem von Jeremis, wischte sich die Tränen ab. Er wollte sich entschuldigen, wollte etwas sagen, dass seinen Ausbruch herunterspielte... und ließ es bleiben. Irgendwie war es bei dem ruhigen Mann nicht nötig.

"Danke", murmelte er nur und sah zu ihm hoch. Jer vermittelte immer das Gefühl, dass er ihn verstand. Dass man sich bei ihm anlehnen konnte, egal wegen was, ohne dass er geringschätzig wurde oder lachte.

Jeremis ließ Milan zögerlich gehen. Es verschuf ihm ein warmes Gefühl im Magen, wenn er Milan einfach nur umarmte. Wenn er einfach dessen Körper an seinem spüren konnte. Er lächelte auf die schwarzen Haare des anderen hinunter und erwiderte leise "Gerne, Milan. Ich weiß sehr gut, was du fühlst." Damit drehte er sich um und ging zu seinem Arbeitszimmer zurück, aus dem er ursprünglich gekommen war.

Milan stand auf und folgte ihm eilig. Er wollte jetzt nicht allein sein. /Aber er wird arbeiten wollen. Ich werde ihn stören!/ Seine Schritte wurden langsamer, und in der Tür blieb er stehen.

"Jer, kann ich... Hättest du etwas dagegen, wenn ich mich einfach... zu dir setze? Hast du vielleicht irgendwas für mich zu tun?", fragte er und schluckte, kam sich in dem Moment, in dem er die Frage stellte, dumm vor. /Ich wünschte, Jens wäre hier. Bei ihm wäre es... Ich wünschte, ich wäre zu Hause./ War es wirklich am Abend zuvor gewesen, dass er dem Gutsbesitzer gesagt hatte, dass er auch für immer hier bleiben könnte? In dem Moment wuchs sein Heimweh schlagartig wieder an.

Jeremis blieb in der Tür zu seinem Arbeitszimmer stehen und zog die Brauen zusammen. Er wollte eigentlich ein wenig Abstand zu Milan gewinnen. Dieser hatte noch kein Wort über den Kuss... die Küsse verloren, und es tat Jeremis weh, wenn er ihn um sich haben musste, aber nicht umarmen konnte, so wie eben. Zugleich dachte er dann vermutlich mal wieder an nichts anderes mehr als an Milans Lippen, an den leicht salzigen Geschmack, an die Wärme zwischen ihnen, an das Kribbeln, das ihn durchfahren hatte. Er wollte nicht wirklich mit Milan in einem Raum sein, aber der flehentliche Tonfall des jungen Mannes erweichte sein Herz.

Während er die Tür zum Arbeitszimmer ganz öffnete, streckte er einen Arm nach Milan aus und umfing seine Schulter, um ihn mit sich zu ziehen und kurz noch einmal zu drücken. Es war einfach zu herrlich, Milan zu spüren. "Nein, ich habe nichts für dich zu tun, es sei denn, du hast Lust, diese Listen zu Ende zu schreiben. Aber das ist eine schrecklich langweilige Aufgabe, das kann ich dir eigentlich nicht zumuten, Milan."

Jeremis trat zu seinem Schreibtisch und ließ den Blick missmutig über die Listen gleiten. Es waren jumenische Zeichen, aber eigentlich nur fünf verschiedene, keines war besonders schwierig zu lernen. Statt nach den Listen griff Jeremis jedoch nach der Pfeife, die Milan ihm mitgebracht hatte und die er sich schon gestopft in den großen Aschenbecher zurechtgelegt hatte.

Ein Lächeln huschte über Milans Gesicht, als er sah, dass sein Geschenk wirklich Verwendung fand. Es machte ihn glücklich, verdrängte ein wenig die Düsternis, die sich dank Niels Anruf über seine Laune gelegt hatte.

"Wenn du meinst, es sei mit meinen Jumenisch-Kenntnissen zu schaffen, mache ich das gerne. Ich glaube, ich finde Papierkram nicht halb so schrecklich wie du. Wenn ich die Schrift besser beherrschen würde, würde ich dir da wirklich gerne zur Hand gehen." Er grinste und sah ihn herausfordernd an, während seine noch leicht vom Weinen geröteten Augen aufblitzten. Dankbar griff er nach dieser Möglichkeit, sich von dem Abschied ablenken zu können. "Bring sie mir bei, und ich nehme es dir ab."

Dann seufzte er und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. "Wenn es nur die Schrift ist und das ein wenig andere Rechensystem, das ich dafür beherrschen muss, dürfte das wirklich kein Problem sein, Jer. Wenn ich mich mal auf meinen Hintern setzte und mich reinknie, müsste ich das schneller hinbekommen als die ganze Zeit, wo ich... abgelenkt war und mir tausend Sachen um die Ohren geflogen sind. Ich würde mich ehrlich gerne nützlich machen. Mit irgendwas, was dir wirklich hilft. Wie ein Teil des Papierkrams eben. Wenn du überhaupt magst und mich da reinschauen lassen willst. Und die Zeit dafür da ist, dass ich mich reinarbeiten kann." /Und du mir überhaupt soweit vertraust. Ich hab ja keine Ahnung, was du da erledigen musst./

Jeremis setzte sich in seinen Ledersessel und zeichnete die Symbole für die Zahlen von null bis neun ungeschickt und zu langsam auf ein Blatt Papier, dann fügte er die kleinen Symbole für die Zehner und Hunderter an. "Diese Liste hier besteht nur aus den Auftragszahlen. Es ist einfach, wie bei den Menschen auf der Erde von zehn ausgehend. Zum Glück. Die Ajester zählen immer zum nächsten Fünfer, deswegen ist es so schwierig, mit ihnen Geschäfte zu machen. Siehst du diese Zeichen hier?"

Innerhalb der nächsten zwei Stunden zeigte Jeremis Milan die Zahlensysteme, und dann erklärte er ihm noch die Rechenformel, nach der er berechnete, wie viel der Kunde zahlen musste. Als sie die Listen ausgefüllte und einige Blätter Papier mit Symbolen versehen hatten, rief Kees zum Essen.

"Oh, Mit dir ging es einfacher als allein. Das sollten wir immer... Na ja, ich kann dich nicht dazu zwingen, dies öfter zu machen, nicht?" Jeremis legte die Pfeife ab und stand rasch auf, um ans Fenster zu treten. /Immer.... Wieso denke und sage ich auch nur 'immer'? Das darf ich nicht. Er wird zur Erde wollen; sobald er kann, wird er fahren, und dann trennen sich unsere Wege. Immer.../

"Oh, es schneit. Das ist reichlich früh in diesem Jahr." Der Schnee, der leise fiel, noch nicht liegen blieb, aber dennoch den Geruch von Kälte und Winter mit sich brachte, lenkte Jeremis ein wenig ab.

"Natürlich zwingst du mich nicht. Aber ich hab es dir doch angeboten." Milan sah auf Jers kräftigen Rücken und seufzte lautlos. Manchmal hatte er das Gefühl, seit Jumelaan würde der andere Mann mehr Abstand zu ihm halten und dann wieder, als sei er ihm besonders nah. /Warum kann es nicht so sein wie davor? Nein, lieber wie in der Stadt. Keine Streitereien mehr, keine Missverständnisse. Ganz einfach, du hast ihn geküsst. Und er dich... Ob es das ist, ob er überhaupt noch daran denkt?/

Er trat neben ihn, sah ebenfalls hinaus. "Zu Hause schneit es jetzt wohl noch nicht... Sag mal, feiert ihr hier Weihnachten?" Der Anblick der dicken, weißen Flocken erinnerte ihn an Plätzchen, Lichterglanz und Christbaumkugeln. /Warum sollten sie? Hier wurde kein Christus geboren. Erinnert sich überhaupt jemand daran, um es zu feiern?/

"Lichterfest? Meinst du das? Wir hängen überall Zweige auf und schmücken diese und haben einen Kranz mit fünfundzwanzig Lichtern für die Wochen, in denen es dunkler und kälter hier ist." Jeremis zwinkerte Milan zu. "Und Kees ist immer außer sich, weil er dann endlich die Gelegenheit bekommt, all die neuen Rezepte auszuprobieren, die er so gesammelt hat. Es gibt eigentlich täglich was besonderes zu essen und zu trinken, und Freunde aus Jumelaan kommen zu einer Feier zu Besuch. Das ist aber noch einige Zeit hin."

Milan lachte leise. "Nun ja, so eine Art Weihnachten. Das klingt schön. Beschenkt ihr euch? Das ist bei uns so Brauch." Gerade die Erinnerung daran bewirkte, dass er sich an Jer lehnen wollte. Oder ihn umarmen.

/Das ist nicht Jens, hör endlich damit auf, Milan. Er wird es vielleicht anders auffassen. Aber er hat ja auch nichts zu den Küssen gesagt. Weder in Jumelaan noch jetzt. Ich aber auch nicht./ Jumelaan brachte den Gedanken an Niel zurück, und das tat weh. Für einen Moment noch starrte Milan in den Schnee, ehe er sich von dem Anblick löste. "Und wo du gerade von Kees sprichst, der wird sicher sauer, wenn wir hier noch länger stehen und das Essen derweil kalt wird."

Jeremis schreckte aus seinem Tagtraum hoch und lächelte leicht. "Stimmt, wollen wir ihn besser nicht warten lassen." In seinem Kopf wirbelte noch den ganzen Nachmittag über die Frage herum, ob es schlau war, Milan nach den Küssen zu fragen oder ob es dumm war.

Er wusste, dass Milan nichts sagen würde. Immerhin war er bis vor einigen Stunden noch mit einem Jumer zusammen gewesen, und Milan machte den Eindruck, als sei es ihm wichtig, dass er nur mit Niel zusammen war, auch wenn Jeremis um die Auffassung von Treue der meisten dieser kleinen Wesen wusste. Der ajester Anteil in Niels Blut hatte ihn bestimmt auch beeinflusst.

Als er dann am Nachmittag aufhörte mit dem Arbeiten und es sich in seinem Kaminzimmer mit einem heißen, starken Tee bequem machte, während draußen immer dichter der Schnee fiel, dachte Jeremis fieberhaft über eine Wortwahl nach. /Es steht zwischen uns, wird immer zwischen uns stehen, wir müssen darüber reden./

Er starrte in das Feuer, in die Hitze und erinnerte sich wieder und wieder an die Momente mit Milan, an die Echtheit in dem Kuss, an das Gefühl, das absolut Richtige zu tun, das Jeremis die Kraft gegeben hatte, es überhaupt zu tun. /Das Richtige. Es war das Richtige und wird so bleiben. Ich würde es nicht zurücknehmen./

Milan hatte Kees noch in der Küche geholfen, auch wenn ihm der Halbling versichert hatte, dass es absolut überflüssig war. Doch davon hatte er sich nicht abhalten lassen, und das Herumalbern und Geblödel mit dem fröhlichen Mann hatte ihn aufgemuntert. Hame hatte sich nach einer Weile dazugesellt und ihm vorgeschlagen, die Reitstunden am nächsten Tag fortzusetzen. Das Wetter wäre optimal dafür, die weiche Schneedecke würde seine Stürze bestens dämpfen.

/Ich wünschte, ich könnte hier bleiben/, dachte er, als er in das Kaminzimmer ging, in dem er Jeremis wusste. /Ich fühle mich hier so wohl. Aber es wäre wirklich zu unverschämt, danach zu fragen, ob er nicht einfach einen Job für mich hat. Ob er mich hier auf dem Gut brauchen kann. Er würde es bestimmt aus Freundlichkeit tun. Er ist immer so nett, kann irgendwie nie etwas abschlagen. Doch was kann ich hier nützliches machen? Ich hab von Weinbau keine Ahnung. Ich sollte machen, dass ich in die Stadt zurückkomme und dort schaue, was ich arbeiten kann./

In der Tür blieb er stehen und sah zu dem kräftigen Mann, der in einem großen Sessel sitzend in den Kamin starrte. /Aber was will ich machen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, was ich will. Jenseits davon, wieder zur Erde zurückzukehren... Und das ist doch unmöglich./ Leise schloss er die Tür hinter sich.

"Soll ich dir wieder vorlesen?", fragte er munterer, als er sich fühlte.

Jeremis zuckte zusammen, dann sah er Milan nachdenklich an. "Später vielleicht. Wir sollten jetzt vielleicht erst einmal darüber reden", er zögerte einen Moment lang, dann beendete er langsam, "was du vor hast. Wohin es dich zieht. Ich kann jemanden auf dem Gut wirklich gut gebrauchen. Jemanden, der meine Papiere in Ordnung hält und mir mit der Führung der Bücher hilft. Allerdings kann ich nicht glauben, dass du damit allein zufrieden wärst. Hier ist es immer sehr ruhig, der Weg zur Stadt mit den Geschäften und Menschen ist weit."

Er lehnte sich ein wenig vor, um Schnapper zwischen den Ohren zu kraulen. "Ich würde es trotzdem gern wissen, Milan. Damit ich nicht so schockiert bin, wenn du dann doch wieder gehst", endete er leise. /Damit ich jetzt schon mit dem Vermissen anfangen kann? Ja? Und überhaupt, Jeremis, wolltest du nicht über etwas ganz anderes reden mit ihm? Verdammt!/

Unsicher sah er zu Milan auf, dessen Gesicht in weiches, unruhiges Licht getaucht jedoch zu intensiv wirkte, als dass er dem hätte standhalten können. Hastig stand Jeremis auf und goss sich ein Glas heißen Wein mit Früchten ein, wozu er umständlich viel Zeit brauchte.

Als Jeremis seinen Satz begonnen hatte, hatte Milan ein unangenehmes Ziehen in der Magengrube gespürt, ein wenig Angst, ob er den Kuss ansprechen würde. Doch es war verschwunden, als der andere Mann weitergesprochen hatte, und einem warmen Glücksgefühl gewichen. "Eben habe ich überlegt, dass es das wäre, was ich am liebsten tun würde. Hier bleiben. Bei dir, Hame und Kees. Ich dachte nur, es wäre vermessen, danach zu fragen. Aber wenn du wirklich jemanden brauchen kannst... Ich würde mich riesig freuen!"

Dann verstummte er, musterte Jers Rücken, die kräftigen Schultern, die ein wenig angespannt wirkten, das kurze, zerzauste Haar mit den ersten, silbernen Strähnen. "Wenn du das nicht nur sagst, weil du mir helfen willst. Ich mag dich unheimlich gerne, Jer, ich will nicht, dass du... dir meinetwegen etwas aufbürdest, was du nicht brauchen kannst. Ich will dich nicht ausnutzen."

Erst jetzt fiel ihm Jeremis' Wortwahl auf. /Schockiert, wenn ich weggehe?/ Wieder glitt sein Blick über den ruhigen Mann, und das Ziehen in seiner Magengrube setzte wieder ein. Doch er konnte nicht sagen, ob es unangenehm oder wohlig war. /Ich sollte endlich die Sache mit den verdammten Küssen klären! Aber was mache ich, wenn er mich wirklich mag? Oder was, wenn es ihm egal war? Himmel, aber so kann das nicht weitergehen! Ich bin hierher gekommen, um das zu klären!/ Er nahm sich fest vor, es anzusprechen, sobald das mit dem neuen Job besprochen war. Wenn Jer ihn wirklich brauchte... Denn wenn er hier blieb, war es nötig, dass sie darüber redeten. Zumindest von seiner Seite aus.

"Nein, ich schlage das nicht nur vor, weil ich nett sein will. Ich brauche wirklich jemanden, der hier im Gutshaus die Anrufe annimmt, der die Bücher führt und der mir mit den Rechnungen hilft, damit ich das nach einem langen Tag draußen nicht noch am Abend machen muss. Ich würde mich auch freuen. Erst recht, wenn es das ist, was du gern tun würdest."

Er drehte sich zu Milan um und betrachtete dessen Gesicht noch einmal, dann sagte er nach einer Atempause "Ich hatte nur gedacht, dass du es vielleicht gar nicht für eine so gute Idee halten würdest, weil ich dich geküsst habe." /Ha, das war leicht. Merkwürdig, jetzt fühlt es sich so richtig an, mit ihm darüber zu reden. Richtig. Genau wie es richtig war, ihn zu küssen./

Milan konnte spüren, wie ihm das Blut in die Wangen stieg und sein Gesicht mit Röte überzog. /Er hat es nicht vergessen... aber... Das sagt noch immer nichts. Und ich weiß noch immer nicht, was ich will. Dass es einfach so passiert ist oder dass.../

Er wandte den Blick von ihm ab, spürte wieder diesen schrecklichen, nervösen Stich im Magen. "Dieser... Kuss... Das ist eigentlich auch ein Grund, warum ich hier bin. Weil ich dachte, wir sollten..." Seine Stimme wurde leiser, und er unterbrach sich, um dann doch wieder zu Jer aufzusehen. "Ich würde mich trotzdem freuen, hier bleiben zu können. Wenn es dir recht ist. Wenn... Was hat es dir bedeutet, Jer?"

So direkt hatte er nicht fragen wollen, und er erschrak im gleichen Moment, in dem er es aussprach. /Dass du immer sofort mit der Tür ins Haus fallen musst! Ach, was soll's/, verteidigte er sich störrisch. /Dann weiß ich wenigstens, woran ich bin. Ob das überhaupt Taug hat, dass ich hier bleibe./

/Was hat es mir bedeutet? Herrje! Wie kann er nur so etwas fragen?/ Ein wenig gereizt war Jeremis von der Andeutung, dass Milan es nicht verstehen konnte, schon, denn was sie gefühlt hatten, hatten sie beide gefühlt. Die Stimmung zwischen ihnen im Museum fiel ihm wieder ein. Vor allen anderen hatten sie sich zum ersten Mal geküsst. Sie hatten die Umgebung vergessen!

/Andererseits sagt er 'trotzdem hier bleiben'. Als ob es ein Hindernis ist, also wollte er es nicht? Verdammt noch mal, wieso muss immer ich in solche Geschichten geraten, obgleich ich schon mehr als nur versuche, mich von allen fern zu halten./ Jeremis wurde sich der Spannung und des Blickes von Milan bewusst. Jener war rot im Gesicht und sah noch netter aus. Zudem war der Ausdruck in seinem Gesicht der von Sorge und nicht Irritiertheit über die direkte Art, mit der Jeremis die Sache angesprochen hatte.

"Eine schwierige Frage, wie viel es bedeutet hat, Milan." Jeremis nahm langsam Platz und begann wieder damit, die Hündin zu streicheln. Er blickte ins Feuer. "Es ist mir noch nie passiert, dass ich jemanden einfach so geküsst habe. Wieso sollte es mir bei dir also gleich zwei Male nacheinander passieren?" Er hob den Kopf und sah zu Milan rüber. /Weil man dich einfach küssen muss./

Milan schluckte und wich Jers Blick aus, als sein Herz heftiger zu schlagen begann. /Okay, du hast es gehört. Ihm ist das noch nie vorher... nein, noch nie... passiert, dass er einfach so... Er hat dich nicht einfach so geküsst. Das hättest du dir aber auch vorher denken können! Jer macht nie etwas einfach so./ Aber das hieß auch... /Er mag mich. Mag mich wirklich gerne. Und ich? Was ist mit mir?/

Mit einem Mal war seine Kehle trocken, und er wünschte sich sehnlichst eine Tasse Tee oder etwas anderes zu trinken. Schweigend starrte er auf seine Hände. Bis zu dem Telefonat am Morgen war er noch mit Niel zusammen gewesen, und Himmel noch mal, es tat nach wie vor weh, dass er ihn nie wiedersehen sollte.

Andererseits war da Jeremis. Sie hatten sich geküsst, und es war wunderschön gewesen. Auch wenn er anschließend ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, sowohl seinem Geliebten als auch Jer gegenüber, in dem Moment hatte es sich so passend, so richtig angefühlt. Er erinnerte sich an seine Freude darauf, ihn wiederzusehen. An die bittere Enttäuschung, als Raoul ihm gesagt hatte, dass Jer schon abgereist war.

/Ich bin... in ihn verliebt/, dachte er und musste ein wenig lächeln. Aber gleichzeitig... /Warum muss das so kompliziert sein? Warum muss in mir so ein Chaos sein?/

"Jeremis... ich...", begann er und verstummte wieder. 'Einfach so' wäre für den Augenblick die einfachere Antwort gewesen, erkannte er. Dann hätte er vermutlich irgendwie gegrinst, hätte gesagt, dass dann ja alles in Ordnung wäre und wäre zehn Tage später mit dem nächsten Transporter wieder nach Jumelaan gefahren, trotz des Jobs hier.

Die Vorstellung ließ ihn den Kopf heben und wieder Jeremis' Blick suchen. Er konnte den Ausdruck in den grünen Augen nicht deuten, doch er wurde sich bewusst, wie sehr er darauf reagierte. Wie sehr er es mochte, ihn anzuschauen, wie viel es ihm bedeutete, ihn lachen, lächeln zu sehen. Das glückliche Leuchten wie in dem Hinterhof in der Hitze von Jumelaan in den grünen Tiefen hervorzurufen.

"Ich mag das Gut, Jeremis", sagte er leise und fühlte sich auf einmal sicher, ohne Zweifel. "Ich lebe gern hier. Ich mag dich, Hame und Kees. Den Papierkram würde ich dir abnehmen, ohne mich zu Tode zu langweilen dabei. Ich könnte durchaus damit zurecht kommen, dass man eine halbe Weltreise unternehmen muss, um in die Stadt zu kommen. Ich brauche das wirklich nicht um die Ecke. Ich mag die Gegend. Ich fühle mich hier wohl. Doch das alles würde ich ohne zu zögern aufgeben, wenn sich mir eine Chance bieten würde, zur Erde zurückzukommen." Er atmete tief durch. "Aber ich würde bleiben... gerne bleiben und ohne es zu bereuen, wenn... wenn es bedeuten würde, bei dir zu bleiben."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh