Zwischen den Welten

33.

Jeremis blinzelte einmal, zweimal, dann stand er langsam auf und ging zu Milan hinüber, der noch immer direkt vor der Tür stand. Er wollte eigentlich etwas sagen, irgendwelche diplomatischen Worte finden. Aber seine Stimme versagte ausgerechnet in dem Moment, in dem Milan ihm in die Augen sah und etwas so Unglaubliches sagte, als sei es ein leichter Entschluss gewesen.

Endlich gab Jeremis es auf, um Worte zu ringen und vernichtete die Distanz zwischen ihnen, um Milan zu umarmen. Genau danach war ihm ohnehin die ganze Zeit gewesen, und sein Körper sagte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln 'Danke'. Jeremis wurde regelrecht schwindelig.

Ein warmer Schauer rann durch Milan, als er die Umarmung erwiderte und sich an den kräftigen Körper des anderen Mannes schmiegte. Es fühlte sich so gut an, und in dem Moment wusste er, dass es richtig gewesen war. Richtig, hierher zu kommen, richtig, ihm das zu sagen. Er lehnte den Kopf an Jeremis' Schulter und vergrub das Gesicht an dem warmen Hals, atmete tief den herben, frischen Geruch ein, unter den sich der Duft von Pfeifentabak und Holzfeuer mengte.

Jeremis strich Milan einige Male über den Rücken und umfing dann wieder dessen Schultern, um sie leicht zu drücken.

"Schön, dass du hier bist", murmelte er und lächelte befreit. Er fühlte sich mit einem Mal leicht und glücklich. Raoul hatte Recht gehabt, zu viel Einsamkeit war nicht gut. Aber andererseits hatte Raoul wiederum nicht Recht behalten, denn es war sehr wohl gut, wenn man auf den Richtigen wartete. Das Warten hatte sich gelohnt. Ganz sachte lehnte Jeremis die Lippen an Milans Schläfe und schloss die Augen, wollte sich nie wieder bewegen.

Eine Ewigkeit standen sie so da, und Milan genoss die Ruhe und den Frieden, die sich von Jeremis ausgehend in ihm verbreiteten. Sein Lächeln vertiefte sich, als er schließlich den Kopf hob und kurz Jeremis' Mund mit den Lippen streifte, in einer flüchtigen Berührung, die nicht wirklich ein Kuss war.

"Ich fühle mich, als sei ich nach Hause gekommen", sagte er leise.

Jeremis lächelte erneut und nickte. "Ja, als ob du endlich wieder nach Haus gekommen wärst, so fühle ich mich auch." /Als hätte jemand alle Lichter entfacht, Musik würde spielen, als wäre mit einem Mal wenigstens eine Sonne aufgegangen. Vilaaugen, eigentlich leuchten mir ja zwei Sonnen. Wenn er mich weiter so freundlich ansieht, kann es gar nicht mehr kalt werden und gewiss nie wieder dunkel./

Die Berührung von Milans Lippen auf seinem Mund hatte Jeremis aus dem Traumzustand gerissen. Nun stritten Vernunft und Verlangen in seinem Inneren darum, ob es schlauer sein würde, Milan zu küssen oder eher, ihm mehr Zeit zu geben.

Das Verlangen schummelte und gewann. Er beugte sich kurz vor, legte eine Hand an die Wange des jungen Mannes und küsste seine geschlossene Lippen ein wenig fester als dieser ihn zuvor berührt hatte, jedoch noch lange nicht so wie in Jumelaan. Dann trat er langsam von ihm zurück. /Ich sollte ihm genügend Zeit einräumen. Er hat erst heute erfahren, dass Niel nicht mehr mit ihm zusammensein kann./ "Darauf sollten wir anstoßen, nicht?"

Milan nickte und berührte mit den Fingerspitzen seine Lippen, einem Nachschmecken gleich. "Ja, das finde ich auch." Dass Jer ihn nicht gleich so innig geküsst hatte, sondern nur regelrecht flüchtig, tat ihm wohl. /Du nimmst Rücksicht auf mich, nicht wahr?/ Er schenkte ihm ein warmes Lächeln.

Jeremis holte Milan ebenfalls ein Glas mit dem mittlerweile eher warmem Wein und schlug vor "Nehmen wir diesen hier. Ich mag die Kombination aus Wein und Früchten sehr gern. Wenn du etwas anderes lieber hättest, dann sag es bitte. Es gibt hier sicherlich für jeden das Richtige."

Mit einem leisen Lachen nahm Milan das Glas entgegen, streifte Jeremis' Finger dabei sacht. "Dass hier für jeden das Richtige zu finden ist, glaube ich gerne. Ist ja immerhin ein Weingut, nicht? Nein, das ist schon okay." Er nahm Jers freie Hand in seine und zog ihn zu dem Sofa, um sich mit ihm zu setzen, ohne ihn loszulassen. Sich ihm zuwendend hob er das Glas. "Auf... uns?"

Jeremis hob seine Brauen und stupste sein Glas gegen Milans, sah ihm dabei lächelnd in die schönen Augen. "Ja, auf uns."

Milan ließ seine Hand nicht nur nicht mehr los, sondern begann nach einer Weile, die sie eher schweigend zusammen saßen, auch wieder damit, ihn sachte zu streicheln, wie in Jumelaan, als sie in Raouls Haus nebeneinander auf dem Bett gelegen hatten. Langsam löste Jeremis seine Hand von Milan, als dieser sein Glas auf den Tisch abstellte, um den Arm um dessen Schultern zu legen und ihn dichter an sich zu ziehen.

Sie redeten von den Plänen der Freunde von Jeremis, die sich innerhalb der nächsten Tage vermutlich anmelden würden, um die Lichterzeit im Schnee zu verbringen. Die Stimmung war gelöst, und Jeremis dachte einfach nicht mehr über die Dinge nach, die er nebenbei tat, während er redete. Er streichelte Milan über die Schultern und Arme, aber eher aus Reflex und weil er es nicht verhindern konnte, und er lehnte sich neben Milan an die Rückenlehne an, so dass sich ihre Köpfe beinahe berührten.

Es war eine verträumte, unwirkliche Atmosphäre, in die Milan sich wie eingehüllt fühlte. So dicht bei Jeremis zu sein, an ihn geschmiegt und zu wissen, dass er mehr für ihn empfand als Freundschaft, während dieser ihn streichelte, ihm nah sein wollte...

/Mir geht es so gut. Und Niel? Wie mag es meinem kleinen Elfen gehen?/ Mit einem Mal fröstelte er, spürte den kleinen Stich seines schlechten Gewissens. /Er ist mit diesem eisigen, unfreundlichen General eingesperrt und hat niemanden, der ihn trösten kann, während ich hier bin und... Mein armer, kleiner Prinz. Das ist so ungerecht!/

Der Abend wurde viel zu schnell zur Nacht, während Jeremis und Milan doch nur nebeneinander saßen. Als sie sich vor den Zimmer trennten, wagte Jeremis lediglich, Milan sachte zu küssen und ihm eine gute Nacht zu wünschen. Danach zu fragen, ob eine Chance bestünde, dass Milan vielleicht bei ihm im Zimmer schlafen wollte, wollte er nicht.

Als er dann in seinem Bett lag und glücklich zum Fenster blickte, dachte er auch bei sich, dass er es besser so fand. Nicht zu stürmisch, sondern Schritt für Schritt. Milan war Niels Art gewohnt und auch dessen Körper. Jeremis legte keinen Wert darauf, mit dem quirligen Prinzen verglichen zu werden.

 

Cahal sah auf das in verschiedenen Brauntönen karierte Spielfeld des Kash'melef hinab und konnte jetzt schon sagen, dass Niel binnen drei Zügen verloren haben würde. Taktisches Geschick besaß sein neuer Schüler noch nicht besonders viel, aber sie hatten ja die nächsten Wochen Zeit, daran zu feilen. Er bewegte seine Figuren und blickte zu Niel hin, dessen Gesicht zu einer konzentrierten Miene geworden war, und lächelte.

Der Tag war anstrengend gewesen, anstrengend und herrlich. Cahal hätte nichts nennen können, was ihm in der letzten Zeit derart viel Spaß gemacht hatte, wie mit Niel durch den umliegenden Dschungel zu streifen, oder eher dessen zivilisierteren Teil, und ihm die Plätze zu zeigen, die er so liebte und an denen er sich erholte und ausspannte. Der kleine Prinz war für alles zu begeistern gewesen, und Cahal hatte sich doppelt angestrengt, um ihn seinen Kummer vergessen zu lassen.

Besonders liebte er einen abgelegenen kleinen See, an dessen Ufern man wunderbar trainieren konnte, um sich anschließend im kühlen Wasser zu erfrischen. Dies bei Gelegenheit auszuprobieren, war bei Niel auf fröhliche Zustimmung gestoßen, und Cahal freute sich bereits jetzt schon darauf.

Er streckte den Arm aus, als Niel einen Zug machen wollte und hielt ihn auf, indem er seine Hand umfing. "Wenn du das machst, bist du gleich in der nächsten Runde besiegt. Überdenk das noch mal."

Niel drehte sein Handgelenk und umfasste die Finger des Generals auf diese Art geschickt seinerseits, um ihm lächelnd in die dunklen Augen zu sehen. "Von dir besiegt zu werden, stellt eine Ehre für mich dar, Cahal."

Er betrachtete das Spielbrett vor sich erneut und runzelte die Stirn, ohne Cahals Hand gehen zu lassen. Endlich zog er seine Hand zurück und setzte die Steine anders als zuvor, genauso töricht, wie er wusste, aber durch einige Fehler am Anfang des Spiels hatte er sich sämtliche andere Chancen vertan, das wusste er schon seit einer Weile. "Dein Zug. Immerhin mache ich es dir schwer, auch wenn ich mich selbst dabei dumm anstelle, nicht?"

Cahals Haut prickelte an der Stelle, an der Niel ihn berührt hatte und festgehalten. Und dann dieser lächelnde Blick! Er räusperte sich, um seine Kehle wieder freizubekommen und sah vom Spielfeld zu Niel auf. "Ich wünschte wirklich, du würdest nicht ständig so gering von dir denken, Niel! Kash'melef ist mein Lieblingsspiel, und ich bin sehr viel älter als du. Es ist nicht verwunderlich, dass du gegen mich verlierst. Warum denkst du ständig, dass du unfähig, eine Last bist? Das bist du nicht!"

Niel senkte den Kopf und murmelte eine Entschuldigung. Dann sah er Cahal erneut an und erklärte leise "Ich mache mir noch immer Vorwürfe. Ich hab diesen Menschen hierher gebracht und unglücklich gemacht. Ich hab eine Revolution unterstützt, und ich war so..."

Er merkte, dass er lamentierte, und er bemerkte den Blick von seinem Lehrer. Dieser gab sich so viel Mühe, ihn all die Vorkommnisse vergessen zu lassen, aber dennoch wachte Niel nachts auf, erinnerte sich in jedem Moment der Ruhe und dachte darüber nach, wie viel durch sein Verhalten verändert und beeinflusst worden war. "Cahal? Meinst du, dass es auch ein Gutes gehabt haben könnte? Ich mache mir Tag und Nacht Sorgen, habe Angst vor dem Tag, an dem mein Vater und Kirale hier auftauchen werden. Was kann ich nur zu meiner Verteidigung sagen?"

"Du hast keine Revolution unterstützt. Die Revolution begann, als dein Vater ging. Wenn du nicht verschwunden wärst, wärst du vielleicht bereits tot. Und deinen Menschen wirst du wohl kaum persönlich ausgesucht und mitgenommen haben, oder? Im Gegenteil, was den betrifft, hast du ihm sogar noch geholfen. Er hat sein Gedächtnis, er hat Geld und eine Herkunft, ohne dass er seinen Dienst hat ableisten müssen." Cahal verstummte, sah ihn ernst an, ehe er ruhig fortfuhr "Ich will nicht sagen, dass es gut war, dass du gegangen bist, ohne dir Gedanken darum zu machen, was dein Fortbleiben bewirken könnte. Aber du bist auf keinen Fall dafür verantwortlich. Niel, du hast keine Stimme im Rat, dir obliegen keine großen, politischen Verantwortungen im Moment noch nicht. Was die Generäle beseitigen wollten, war der Kronprinz als künftige politische Macht, das Symbol des Friedens zwischen Ajest und Jume. Und die Möglichkeit, den König zu kontaktieren. Wenn du magst, bin ich dabei, wenn du Kirale und deinem Vater entgegen trittst. Wenn du magst, helfe ich dir. Oder, wenn dir das lieber ist, kann ich dir auch einfach nur zur Hand gehen, wenn du überlegst, was du ihnen sagen willst. Was du auf ihre Vorwürfe antworten kannst."

"Es wäre schön, wenn mein Vater gleich sieht, dass sogar ein General seines Vertrauens zu mir steht. Aber ich hätte dich gern als meinen Lehrer bei mir. Jashuun war auch immer bei mir, wenn ich Entscheidungen treffen musste." /Jashuun... Cahal kann ihn nicht leiden, warum eigentlich?/ "Cahal, darf ich etwas fragen?" Nervös spielte Niel mit den geschlagenen Steinen auf dem Spielbrett.

"Immer." Cahal griff nach seinem Weinglas und nahm einen kleinen Schluck.

/Immer... Aber nicht alles, oder doch? Egal, ich bin doch bekannt dafür, dass ich indiskret bin./ Niel holte Luft und sah Cahal an. "Warum hast du Jashuun nicht gemocht... gehasst vielleicht sogar? War etwas mit ihm?"

Cahal dankte seiner Selbstbeherrschung, die es ihm ermöglichte, keine Überraschung bei dieser Frage zu zeigen, mit der er nicht im Geringsten gerechnet hatte. Nach einem kurzen Moment zog er nur die Brauen in die Höhe, ehe er einen weiteren Schluck nahm und beiläufig seinen Zug auf dem Spielbrett machte. "Nun, wenn du eine ehrliche Antwort willst... Es war mir zuwider, wie er mit dir umgesprungen ist. Er hat sich zu viel herausgenommen. Das stand ihm auch als dein Lehrer nicht zu." /Du hast so selten gelacht... Wenn ihr zusammen wart, fast nie./ "Zudem hatte er einen zu großen Einfluss auf dich und damit auf den König." Auch wenn das nur der wirklich geringste Teil war.

Niel betrachtete die Spielsteine und seinen verlorenen Posten kritisch, dann murmelte er "Jashuun hat mich nicht geliebt. Er war nur ein Lehrer, der den Auftrag hatte, immer um mich zu sein, das hab ich zu spät bemerkt."

Erschrocken hob er den Kopf und schlug eine Hand vor den Mund. "Das war kein Vergleich mit dir, Cahal! Ich meinte nur... wollte damit nur sagen..." Unglücklich setzte Niel seinen Spielstein in die einzig logische Richtung weiter. "Es ist ohnehin nicht zu vergleichen, seine Position und deine."

Cahal seufzte unhörbar; wieder langte er über das Brett, um seine Hand auf Niels zu legen, dieses Mal allerdings nicht, um dessen Zug aufzuhalten. Er drückte sie kurz, ehe er ihn wieder losließ. "Niel, ich weiß nicht, wie Jashuun wirklich zu dir stand, aber ich schätze dich sehr. Nicht den Kronprinzen, sondern dich. Ich bin nicht nur hier, weil ich es muss, sondern auch, weil ich es wollte. Dein Vater mag mir den Befehl gegeben haben, doch ich habe keinen Widerspruch eingelegt."

Dann lehnte er sich wieder zurück, änderte die Position seiner Figuren und blockierte damit erfolgreich jeden weiteren Zug von Niel. "Das war es. Wenn du magst, kann ich dir auch hier ein wenig beibringen, dir ein paar Kniffe verraten."

Niel strahlte seinen Lehrer an, denn dieser konnte ihm auf seine ernste Art am allerbesten vermitteln, dass es doch auch außer Milan jemanden gab, der ihn um seinetwillen gern hatte. Er baute eifrig ein neues Spielbrett auf und verteilte die Steine auf deren Anfangspositionen.

Sie spielten noch vier Runden, und Niel lernte etliche Winkelzüge hinzu, von deren Existenz er noch nichts geahnt hatte. Es machte ihm außerdem wirklich Spaß, auch wenn Cahal ihn immer wieder schlug. Das zeigte ihm jedoch, dass sein Lehrer es ernst meinte mit ihm und ihn nicht vorzog oder verhätschelte.

Anders als Jashuun war Cahal jedoch warm und unterstützend, lobte Niel, wenn er etwas richtig gelernt hatte und erzählte frei über die Gegend, über den Urwald und auch über persönliche Ansichten. Das war bei Jashuun nie der Fall gewesen.

Als Niel zum letzten Mal die Aufgabe verkündete, gähnte er gleich darauf auch schon recht deutlich und nicht mehr zu unterdrücken. "Ich denke, ich sollte ins Bett gehen, bevor die Sonnen wieder aufgehen, Cahal. Danke für die Spiele."

Cahal lächelte und erhob sich. "Die Freude lag ganz meinerseits. Es hat auch mir Spaß gemacht." Rasch stellte er die Figuren auf ihre Ausgangspositionen zurück und schob den Spieltisch an den Rand des Glaserkers, in dem sie gesessen hatten, um seinem Prinzen dann zu folgen.

Niel machte sich gähnend bettfertig und schlurfte mit kleinen Augen zu dem prächtigen, breiten Bett aus dunklem Holz, in dem er nun schon seit einigen Nächten schlief, wenn auch von Albträumen geplagt. /Manchmal wünschte ich, dass ich nicht allein in diesem elend großen Bett liegen müsste./ Das hatte Niel nur selten gemusst. Eigentlich war immer jemand mit ihm im Schlaflager gewesen. Zuerst seine Mutter, dann eine Kinderfrau, dann die ersten Lehrer. Es war einfach so üblich, dass diese auch für seinen persönlichen Schutz zuständig waren und auch so dicht wie möglich bei ihm blieben.

Jashuun hatte dann ja auch aus anderen Gründen sein Bett geteilt, so auch Milan. Nun fühlte er sich immer ein wenig allein in der Nacht, auch wenn er die Atemzüge des anderen von Zeit zu Zeit hören konnte.

"Gute Nacht, Cahal." Er kroch unter die Laken und streckte sich lang aus, wackelte ein wenig mit den Zehen und streckte dann noch seine Schulter. Seit er Fechten lernte, tat ihm die linke Schulter immer am Abend etwas weh. Schließlich drehte er sich gähnend auf die Seite und rollte sich zu einem Ball zusammen, um einzuschlafen.

Mitten in der Nacht, schreckte Niel mit einem lauten Schrei aus dem Schlaf hoch. Das war ihm noch nie passiert. Er war nass geschwitzt und konnte sich doch nicht an den Traum erinnern, der ihn so aufgeregt hatte. Er wusste, dass glühende Augen von einem Feind darin vorgekommen waren. Wer oder was der Feind war, konnte er nicht mehr sagen.

Schwer atmend setzte sich Niel auf und hustete einmal, dann zog er seine Kleider aus und warf sie neben das Bett, bevor er in das Bad huschte. /Wie ein Baby träume ich von Monstern! Verdammt!/ Niel klatschte sich kühles Wasser ins Gesicht und trocknete seinen Körper ab, dann schlich er sich wieder in das Schlafzimmer zurück.

Cahal empfing ihn an der Tür, er hatte das Nachtlicht eingeschaltet und gedimmt, so dass nur ein sanftes Schummerlicht herrschte. Als Niel geschrieen hatte, war er aufgeschreckt, sofort hellwach, um Gefahren zu begegnen, die es nicht gab, denn der Prinz hatte offensichtlich nur einen Albtraum gehabt.

Trotzdem hatte Cahal das Zimmer hastig durchsucht, während Niel im Bad verschwunden war. Selbst aus dem Fenster hatte er einen Blick geworfen, um sich zu vergewissern, dass es dort nichts gab, was dem jungen Jumer gefährlich werden konnte. Besorgt sah er in das noch immer blasse Gesicht, in die großen, verschreckten Augen, welche die seinen suchten.

"War es sehr schlimm?" Sacht strich er ihm sacht eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. Er hätte ihn am liebsten in den Arm genommen, so hilflos und verletzlich wie er wirkte.

Niel senkte den Kopf, auch wenn ihm die Sorge in Cahals Stimme gut tat. "Entschuldigung, ich habe dich geweckt." Er sah sich blinzelnd um und fügte hinzu "Und dann hast du auch noch nach Gefahren gesucht? Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gibt."

Er krabbelte auf das Bett und schlug die Beine in einen Schneidersitz unter. "Cahal, gibt es ein Orakel, eine Orakelquelle oder ein Medium hier in der Nähe?" Er runzelte die Stirn und klopfte mit der flachen Hand auf die Kissen neben sich. Als Cahal in seiner Nähe saß, krabbelte er noch dichter zu ihm heran und flüsterte "Ich sehe immer dasselbe, seit Tagen schon, jede Nacht. Es muss eine Bedeutung haben, wenn es mir so sehr den Schlaf raubt."

"Warum hast du mir nichts gesagt?" Besorgt musterte Cahal den Prinzen, der seine Nähe zu suchen schien, Schutz. Er zögerte, registrierte, dass Niel vollkommen nackt war und legte trotzdem seinen Arm um die schmalen Schultern. "Und sag nicht, dass du mich nicht beunruhigen wolltest oder dir albern vorkamst. Wenn es dich derart beunruhigt..." Tröstend drückte er Niel, legte ihm dann eine Hand an die Wange und brachte ihn sacht dazu, den Kopf zu heben. Ernst sah er ihn an. "Es gibt kein Orakel in der Nähe. Wie wichtig ist es dir?"

Niel war unendlich erleichtert, dass Cahal ihn ernst nahm. Er sah ihm ins Gesicht und suchte in dessen Miene nach einer Antwort auf die Frage, während er sich in die Hand schmiegte und die Nähe genoss, die ihm so sehr gefehlt hatte. /Wie wichtig ist es mir? Ich würde schon gern wissen, wie es sein kann, dass ich von rot glühenden Augen... Vielleicht weiß er etwas, er ist so viel älter als ich, hat schon so viele Dinge gesehen./

Er wendete den Blick nicht von Cahals Gesicht ab, während er leise und ernsthaft erwiderte "Ich bin zwar noch jung, aber seit meiner Geburt bin ich schon der oberste Priester der Shaa. Ich bin verpflichtet, meine Träume und Visionen ernst zu nehmen. Es ist meine Pflicht, sie täglich zu deuten oder deuten zu lassen, wenn ich scheitere.

In jeder Nacht, seit ich hier schlafe, habe ich geträumt, dass ein Wesen mich verfolgt. Es hat rote, glühende Augen, mir wird jedes Mal heiß, ich kann nicht atmen, kann mich nicht mehr bewegen, nur hoffen, dass ich aufwache. Mir fällt nichts ein zu diesem Traum, zu seiner Bedeutung. Weißt du einen Rat, Cahal?"

Cahal fühlte einen kühlen Schauer seinen Rücken hinablaufen, als er den Ernst in den tiefen, violetten Augen sah und den Nachhall der Angst dahinter. /Was kann ich dir sagen? Rot, glühend... ein Feind... kein Atem... Hitze... Bewegungslosigkeit./ Bedächtig schüttelte er den Kopf. "Ich bin in erster Linie Soldat, Niel. Mit so etwas kenne ich mich nicht aus. Ich würde einfach sagen, dass du Angst hast. Vor dem Gespräch mit deinem Vater zum Beispiel. Aber das ist es nicht. Nicht bei dem Ausdruck in deinen Augen. Und ich nehme an, du wüsstest es, wenn es so etwas wäre."

Kurz streichelte er mit dem Daumen Niels Wange. "Vielleicht geht es wieder, jetzt, wo du davon gesprochen hast? Wir könnten noch eine Nacht abwarten und wenn nicht, bringe ich dich zu einem Orakel?"

Niel schüttelte den Kopf. "Es ist nicht mein Vater, in meinen Träumen ist er immer eine... Wolke gewesen, weit oben, unnahbar und nicht zu greifen. Rot glühend habe ich noch nie etwas gesehen. Ich habe einmal etwas blassorange glühen sehen, und das war dann im Endeffekt der Mörder meiner Mutter gewesen, ein einfacher Mörder, der nicht einmal politische Absichten verfolgt hatte. Ich hab es im Traum vorhergesehen, aber war noch keine zwanzig, zu klein, als dass man mir Glauben geschenkt hat damals." Er senkte den Kopf und murmelte "Merkwürdig war nur, dass sie es nicht gesehen hatte, von ihr hab ich die Gabe doch."

Zweifelnd sah er seinen Lehrer an und seufzte dann "Heute Nacht können wir ohnehin keine Entscheidung mehr treffen, aber", er spürte, dass er rot wurde, "aber könntest du hier schlafen? Näher bei mir? Ginge das?"

Cahal hatte noch etwas zu dem Traum sagen wollen, doch das neuste Ansinnen seines Prinzen ließ das vollkommen in den Hintergrund treten. Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, doch er verbarg es. /Wie viel Angst musst du haben, um mich das zu fragen?/

Vorsichtig streifte er die rote Wange, als er die Hand wegnahm und langsam nickte. "Ja, natürlich. Wenn es dich beruhigt." Er drückte ihn noch einmal kurz, dann ließ er ihn los und stand geschmeidig auf und ging zum Schrank. "Aber du solltest dir wieder etwas anziehen. Wenn du wieder schwitzt, holst du dir den Tod, auch wenn es so warm erscheint." Er zog einen trockenen Schlafanzug hervor und warf ihn dem Prinzen zu. /Und ich bekomme sonst keine Minute Schlaf mehr, wenn du nackt neben mir liegst./

Niel zog sich artig den Schlafanzug an und wagte nicht einzuwenden, dass er die Nächte davor auch nicht selten nackt geschlafen hatte. Dann krabbelte er unter sein Laken und wartete, bis Cahal sich neben ihn legte und das Licht erneut dimmte.

Er wartete eine ganze Weile, in das Dunkle um sie her blickend, doch sein Lehrer blieb anscheinend auf der äußersten Kante, kam nicht näher. Das fand Niel zum einen befremdlich, weil er sich zu fragen begann, ob Cahal seine Gesellschaft als unangenehm empfand, zum anderen, wie er denn nun beruhigt sein sollte. Er brauchte die Anwesenheit von einer anderen Person, um nicht wieder so schrecklich zu träumen. Wenn, dann wollte er sich schon berauschen und den Traum mit einem Medium oder Orakel auswerten.

"Cahal, kannst du näher kommen? So kann ich dich nicht spüren, das hilft mir nicht, so träume ich mit Sicherheit gleich noch einmal. Bitte..." Er streckte seinen Arm aus und tastete über das Betttuch nach seinem Lehrer, erreichte eben gerade dessen Schulter.

Ein Kribbeln lief durch Cahal, und er schluckte. Egal ob nackt oder nicht, unter diesen Umständen würde er nicht zu viel Schlaf kommen. Doch er zögerte nur minimal, dann rutschte er zu seinem Schüler, legte einen Arm um ihn und zog ihn an sich. /Er braucht mich. Egal, was es mit mir anstellt. Er weiß es nicht./ Das Gefühl war gut, viel zu gut, ihn so dicht bei sich zu spüren, an der ganzen Länge seines Körpers, nur getrennt durch zwei dünne Laken.

"Besser so?", fragte er leise; leise genug, um zu verbergen, dass seine Stimme ein wenig heiser war.

Niel rollte sich in Cahals Armen zusammen und seufzte gähnend. "Danke, ich weiß nicht, wie sehr ich danken soll. Es tut mir leid, dass ich solche Umstände bereite." Er zog den kräftigen, sicheren Arm ein wenig weiter um sich und sackte gleich in tiefen, traumlosen Schlaf, das Handgelenk seines Lehrer mit den Fingern umfasst, die Fingerkuppen auf dessen Puls liegend. /Merkwürdig schneller Puls, für sein Training.../, war der letzte Gedanke, den Niel fassen konnte.

Cahal lag reglos da, spürte die viel zu angenehme Wärme seines geliebten Prinzen, roch seinen zarten Duft, unter den sich der von Seife mengte, spürte den Herzschlag unter seiner Hand. Hörte die regelmäßigen Atemzüge, die ihm sagten, dass Niel bereits eingeschlafen war. Es kostete ihn Selbstbeherrschung, sein Gesicht nicht in den weichen, feuchten Haaren zu vergraben, ihn sanft zu streicheln. Doch alles, was Niel gewollt hatte, waren Nähe, Trost und Schutz.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh