Zwischen den Welten

35.

Niel erwachte nach einem seit Tagen endlich wieder erholsamen Schlaf. Die Albträume der vergangenen Nächte waren nicht wieder aufgetreten, und er fühlte sich sicher und gut. Nachdem er sich einmal versucht hatte aufzusetzen, wurde ihm bewusst, dass er noch immer in Cahals Umarmung lag. Zufriedenheit breitete sich in ihm aus, ohne dass er hätte sagen können, woher genau sie stammte. Vermutlich war es einfach das Gefühl, dass er gehalten wurde, dass er nicht allein war.

Vorsichtig drehte er sich ein wenig unter Cahals Arm herum, um ihn anzusehen. Lächelnd fiel ihm auf, dass dessen Haare ein wenig wuschelig waren, dass sein Gesicht entspannt im Schlaf eher zu lächeln schien, nicht so düster und ablehnend wirkte wie sonst immer, oder lächelte der General wirklich?

Unsicher fragte Niel sich nun, ob Cahal vielleicht wach war und sich über Niels Alpträume lustig machte. Bei Tageslicht sah seine Angst wirklich lächerlich aus, Recht hätte er also schon dazu. Niel legte die Ohren an den Kopf zurück und schmiegte sein Gesicht auf seinen Arm, um Cahals Miene weiterhin zu beobachten. Unaufmerksam in seine Gedanken verstrickt tastete er dabei mit der freien Hand nach dem Ohrring, den ihm der General gegeben hatte.

Cahal hätte gerne länger so gelegen, seinen kleinen Prinzen im Arm haltend, ihn spürend, doch er fühlte, wie Niel wach wurde, sich zu regen begann. Eine Weile blieb er noch ruhig liegen, dann schlug er schließlich die Augen auf, nicht bereit, ihm Schlaf vorzugaukeln. Womit er nicht wirklich gerechnet hatte, war, direkt in die großen, violetten Augen zu blicken, die ihn nachdenklich ansahen. Sein Magen schien einen kleinen Salto zu schlagen, und Cahal brauchte einen Moment, um sich zusammenzureißen.

Dann lächelte er, bewegte sich jedoch nicht aus dieser sehr angenehmen Position weg, selbst wenn die leise, strenge Stimme in seinem Hinterkopf danach verlangte. "Guten Morgen."

Niel wurde aus seinen Überlegungen herausgerissen und spürte doch tatsächlich, wie er ein wenig errötete, während er den Blick von Cahals Gesicht förmlich fortreißen musste.

"Guten Morgen, Cahal", sagte er leise, dann hob er den Blick jedoch wieder. Seine Ohren stellten sich fröhlich auf, bevor Niel sich ein wenig abstieß, um seinen Lehrer zu umarmen. Er presste sein Gesicht für einen kurzen Moment an dessen Wange, bevor er mit leiser Stimme "Danke" murmelte.

Niel sah Cahal ein letztes Mal in die Augen, dann rollte er sich herum und hüpfte ins Bad hinüber. Während er sich auszog, fragte er gut gelaunt in den anderen Raum hinüber "Wollen wir heute zu dem See zum Trainieren? Dann muss ich ja nicht baden, das können wir doch dort machen, nicht?"

Cahal lächelte zur Decke empor, spürte der Umarmung, der Berührung seines Prinzen nach, der weichen Haut, welche die seine gestreift hatte, dem Kribbeln, das die leise Stimme bei ihm ausgelöst hatte. Dann schalt er sich einen Narren und setzte sich auf, strich sich energisch das Haar aus dem Gesicht.

"Sicher, Niel", rief er und stand auf, streckte sich gähnend. "Aber stell dich drauf ein, das Wasser dort ist kalt."

Er holte sich Wäsche, eine schwarze, enge Hose und ein ebenfalls enges, blaugraues Oberteil, das ihn beim Training nicht in seiner Bewegungsfreiheit einschränken würde, aus dem Schrank, dann zog er sich rasch um. Sein Haar wurde im Nacken in einem Zopf gebändigt, der schon nach kurzer Zeit einigen Strähnen die Möglichkeit gab, ihm zu entfliehen und Cahal ins Gesicht zu fallen.

Nach einem schnellen, im Gegensatz zu den vergangenen Tagen regelrecht spartanischen Frühstück brachen sie auf.

Niel hatte auch an diesem Vormittag unter Cahals energischer Art zu leiden. Sein Lehrer scheuchte ihn zuerst in einer Art Verfolgungsjagd durch den Urwald zu dem See, doch als sie an der malerisch schönen Stelle an dem Ufer des klaren Sees, der von einige Wasserfällen gespeist wurde ankamen, bekam Niel keinerlei Gelegenheit, den Anblick zu genießen, denn dort begann das Training erst recht.

Niel war schon um einiges besser geworden, aber noch immer fühlte er sich mit seiner Stammwaffe, der Peitsche, viel wohler als mit der starren Klinge. Diese passte jedoch wesentlich besser zu Cahal. Sein Lehrer konnte derart elegant und nebenbei Bewegungen ausführen, die Niel noch immer unmöglich waren, Manöver, die Niel in kürzester Zeit entwaffneten.

"Ich werde mit der Klinge niemals so unglaublich sicher und gut werden wie du, Cahal!", rief er endlich schwer atmend aus und ließ sich am Strand fallen. Müde wendete er den Kopf und bestaunte das Glitzern der Sonne auf der Wasseroberfläche mit einem kleinen Lächeln.

Cahal lachte auf und setzte sich zu ihm, betrachtete den verschwitzten Prinzen mit dem von der Anstrengung geröteten Wangen viel lieber als die Schönheit der Natur um sich herum, die er doch ohnehin schon kannte. "Nun, bestimmt wirst du es nicht in den nächsten zwei Tagen." Er grinste, beugte sich vor und tauchte die Hand in das kalte Wasser. "Aber mit der Peitsche warst du auch nicht binnen drei Stunden soweit, wie du es jetzt bist, nicht wahr?" Er wandte sich um und spritzte Niel ein paar Tropfen in das erhitzte Gesicht. "Dazu gehört nun mal Ausdauer – und natürlich Spaß an der Sache."

Niel quietschte vergnügt auf und schüttelte dann den Kopf. "Stimmt, mit der Peitsche bin ich erst seit zehn Jahren ungefähr so gut wie Jashuun, seit kurzem erst bin ich besser als er. Jashuun war davon besessen, dass ich sie immer bei mir tragen und täglich mit ihr trainieren sollte. Er hat mir immer gesagt, dass mein Leben allein davon abhängen wird eines Tages."

Verlangend sah Niel zum See mit den sprudelnden Quellen und Wasserfällen, bevor er leise fragte "Können wir nicht trotzdem erst einmal baden? Ich werde mich danach auch wieder anstrengen." Er schlug seine Augen zu einem seiner besten Bettelblicke auf, die bei Jashuun ja leider immer versagt hatten, und sah zu seinem Lehrer auf.

"Was ein Ärger, ich muss Jashuun doch wirklich mal zustimmen." Cahal schmunzelte, als er sich vorbeugte und Niel mit der Hand durch die Haare fuhr. "Aber wie gesagt, du bist hier auch zum Vergnügen, nicht nur zur Arbeit. Also machen wir eine Pause, die hast du dir verdient." Auch wenn er die leise Befürchtung hegte, dass der Prinz nicht im geringsten daran dachte, auch nur irgendetwas an Kleidung anzubehalten. Allein der Gedanke daran bescherte Cahal ein warmes Prickeln in der Magengrube.

"Ja! Danke!" Niel sprang sofort auf, als hätte das leichte Streicheln über seinen Kopf ihm die Energie zurück gegeben. Er suchte sich einen Stein in der Nähe und begann, sich gleich von seiner grünen Hose und dem schwarzen Hemdchen zu befreien, nachdem er seine leichten Stiefel sorgfältig aufgeschnürt hatte.

Cahal hatte ihn in der Nacht auf seinen Wunsch hin umarmt, das war ihm klar, aber irgendwie bekam er mehr und mehr das Gefühl, dass der General ihn wirklich mochte. Mehr als nur mochte. Und dieser Gedanke begann ein leichtes Kribbeln in seiner Magengegend zu erzeugen. /Er ist zu weit oben, zu alt und erfahren, um mich zu mögen. Das kann nicht sein, Niel. Werd nicht albern! Obwohl... Er sieht so gut aus, und er hat sich letzte Nacht verdammt gut angefühlt./

Nachdenklich streckte Niel seinen Körper, gleich darauf wurde ihm bewusst, dass er sich mit Cahal verhielt wie mit Jashuun. Er vertraute ihm, ging offen mit ihm um, wollte ihm alles sagen und zeigen können, das ihn beschäftigte. Unsicher sah er zu Cahal rüber, ob dieser sich auch ausgezogen hatte.

Cahal stieß sich in eben dem Moment vom Strand ab und sprang mit einem flachen Kopfsprung in den kleinen See. Angenehm und beruhigend umfing das kalte Wasser seinen erhitzten Körper, und er verfluchte sich für die Dummheit, zu Niel gesehen zu haben, während er sich auszog. Erst, als dieser sich so verlockend gestreckt hatte, hatte er bemerkt, dass es keine gute Idee gewesen war, ihn zu beobachten, auch wenn er es fast unbewusst getan hatte.

Mit kräftigen Zügen glitt er weiter, bis das aufgewirbelte Wasser ihm anzeigte, dass er einen der kleinen Wasserfälle erreicht hatte. Er wendete und tauchte nur Momente später in der Nähe des Ufers wieder auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht. Sofort suchte sein Blick den blonden Prinzen, der nach wie vor am Strand stand, von den Sonnen beleuchtet, die ihn in warmes Licht tauchten, nackt, begehrenswert und wunderschön. /Wie kannst du nur so verführerisch sein, ohne es auch nur zu ahnen? Ohne auch nur das geringste dafür zu tun?/

Cahal war unendlich dankbar für die Temperatur des Wassers, als er sich ein wenig aufrichtete und grinste. "Komm rein! Es ist angenehm! Wie lange brauchst du denn noch?"

Niel hatte erstaunt zugesehen, wie Cahal recht rücksichtslos gegen seinen Körper, der sicherlich überhitzt war, in den sehr kühlen See gesprungen war. Er selber hatte sich erst einige Male nass gespritzt und war dann langsam hinein gewatet.

"Bin schon unterwegs!", rief er fröhlich, dann stieß er sich ebenfalls vom sandigen Ufer ab und schwamm auf seinen Lehrer zu.

Als er Cahal erreichte, hatte dieser sich gerade unter einem Wasserfall zurückgelehnt, um sich die Haare aus dem Gesicht zu spülen. Wie schimmerndes Metal umflossen sie seinen Kopf und betonten die kleinen, spitzen Ohren, und Niel wünschte sich einmal mehr, dass er auch nur jumenisches Blut in sich tragen würde.

Er stürzte sich von Cahal unbemerkt auf ihn, klammerte sich an ihm fest und versucht ihn mit seinem Schwung unter Wasser zu drücken. Lachend kämpfte er gegen seinen Lehrer an, auch wenn dieser trotz seiner Größe erstaunlich wendig reagierte und es ihm denkbar schwer machte.

Schließlich gab Cahal nach und ließ sich halb unter die Wasseroberfläche drücken, halb gleiten, schlang jedoch gleichzeitig die Arme um Niel und zog ihn mit sich. Der Prinz war noch warm, und die glatte, nackte Haut fühlte sich gegen seine mittlerweile abgekühlte wundervoll an. Cahal ließ die Augen offen, betrachtete das lachende Gesichtchen, die wehenden blonden Haare, die so weich wirkten.

/Es ist so schön, ihn hier zu haben, bei mir. So schön, dass er jetzt mit mir lachen kann, mir vertraut. Und gleichzeitig ist es so schwer.../ Einen Moment länger noch hielt er ihn fest, dann ließ er ihn los, seine Fingerspitzen streiften seine Seiten, er konnte die Rippen spüren, den Ansatz der Brustmuskeln... und ließ endgültig von ihm. Mit ein paar schnellen Beinschlägen erreichte er die Oberfläche, durchbrach sie und schnappte nach Luft.

Niel schnappte auch nach Luft und prustete eine Weile. "Nicht fair, Cahal! Ich bin bestimmt total entkräftet! Ich kann nicht mehr schwimmen!", krähte er gut gelaunt, bevor er die Arme von hinten um Cahals Hals schlang und sich mit den Beinen um dessen Taille festhielt. "Bringst du mich wieder zum Ufer? Ich friere jetzt schon", schnatterte er ihm direkt ans Ohr und lehnte sich seufzend an den warmen Rücken an, dann legte er den Kopf seitlich auf die Schulter seines Lehrers und erspürte, wie dessen Muskeln sich bewegten.

"Dann solltest du dich bewegen und dich nicht abschleppen lassen." Für einen Moment erwog Cahal ernsthaft, Niel einfach abzustreifen, konnte es dann aber doch nicht über sich bringen. /Jashuun war da deutlich konsequenter/, dachte er. /Warum kann ich ihm nichts abschlagen? Ich bin ein Idiot!/ Die Gedanken halfen nicht, und so stieß er sich mit seiner leichten Last ab und schwamm gemächlich zurück. "Aber wenn du so schrecklich entkräftet bist, kann ich natürlich nicht verantworten, dass du mir unterwegs auf dieser schrecklich langen Strecke ertrinkst, nicht wahr?"

Als er flacheres Wasser erreichte und wieder stehen konnte, hielt er jedoch Niels Füße fest und kitzelte die Sohlen. "Aber jetzt runter mit dir, Herr Oberbequem!"

Niel kreischte und ließ sich sofort in das seichte Wasser fallen. "Ah, zu Hilfe!"

Es war herrlich gewesen, mit Cahal durch das Wasser zu treiben, fast hätte Niel sich versucht gefühlt, ihn zu streicheln. Niel rappelte sich durch den Absturz aus seinem Tagtraum gerissen auf und hüpfte an seinem Lehrer vorbei auf die Wiese am Ufer, um sich dort fallen zu lassen, wo er einen ausgezeichneten Blick auf Cahals nackten Körper hatte, während der General ebenfalls zum Ufer watete.

/Hm... sehr nett. Ich wusste ja schon immer, dass er so ausgezeichnet gebaut sein muss, aber es so vor sich zu sehen... Wieso ist mir das früher nie aufgefallen?/ Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf erinnerte ihn an Jashuun, in dessen immerwährenden Gegenwart Niel nur selten mit anderen auch nur geredet hatte.

Sein erster Lehrer hatte ihn wirklich abgeschirmt vom Hof, von den Generälen, vor allen anderen überhaupt. /Ob er mich nun freigegeben hat? Aber wieso hat er mich zuvor so eingesperrt?/ Zum Glück war Cahal ja anders. /Ob er auch eifersüchtig wäre? Auf einem Ball zum Beispiel? Ob er tanzen kann?/ Niel beschloss, dass er genau das an diesem Abend herausfinden wollte. Das und noch viel mehr über seinen Lehrer. "Was machen wir heute Abend, Cahal?"

"Fast alles, was du willst." Cahal lachte und zog sich nass, wie er war, wieder an, warf dann auch Niel gleich seine Kleidung zu. "Anziehen, aufstehen, weiter trainieren", kommandierte er und zwinkerte ihm zu. "Schließlich habe ich meinen Ruf als Leuteschinder nicht grundlos erhalten!"

Niel stöhnte zwar sehr theatralisch, tat dann aber doch, was er sagte. Cahal jagte ihn noch einige Male quer über den Strand, ließ ihn kleinere Manöver unbarmherzig wiederholen, bis sie tadellos saßen und ließ sich anschließend zu noch einem abschließenden Bad überreden, das hauptsächlich aus Herumalbern, Lachen und einer Art Fangenspiel bestand.

Cahal kam sich vor wie ein verliebter Jungspund, als sie schließlich gut gelaunt nebeneinander wieder zum Haus zurückkehrten. "Beim nächsten Mal nehmen wir etwas zu essen mit", beschloss er und fuhr Niel durch das nasse Haar, ließ dann für einen Moment die Hand auf dessen Schulter ruhen. "Ich habe einen Bärenhunger. Du auch?"

Niel hatte das Gefühl, dass er sich im nächsten Augenblick an seinen Lehrer anlehnen musste, doch der General nahm seine Hand schon wieder von seiner Schulter. Deswegen lächelte Niel ihm nur leicht zu. "Ja, schon seit heute Morgen, da hab ich nicht genug gegessen."

Sie kehrten mit schnellem Schritt zu dem Sommersitz des Generals zurück, und Niel verschwand dort erst einmal im Bad, um seine vollkommen verwuschelten Haare zu ordnen. Anschließend wendete er sich seinem Kleiderschrank zu, während der General sich schon um das Abendessen kümmerte.

Entschlossen, einmal Anerkennung für Cahals Mühe mit allem zu zeigen, wählte Niel besonders schöne Kleider aus sehr dunklem, weichen Stoff, der mal violett, mal schwarz und dann wieder dunkelgrün schimmerte, wenn Niel sich bewegte. Die Hose lag eng an seinen Beinen an und war mit einigen Zierknöpfen versehen. Das zum Teil durchsichtige Hemd umwehte ihn bei jedem Schritt. Es war noch mit einer Jacke zu kombinieren, doch dafür war es Niel zu warm, auch in der Nacht noch, weswegen er sie fort ließ.

Als er in den geräumigen Eckraum mit den dunklen Teakholzmöbeln trat, hatte Cahal schon dafür gesorgt, dass alles vorbereitet war. Kerzen warfen ihren goldenen Schimmer von Windlichtern aus auf die Schalen mit gedämpftem Gemüse und gegrilltem Fleisch, dessen Duft Niel das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. In bauchigen Gläsern schimmerte bläulicher Wein, und leise Musik untermalte den Sonnenuntergang, den man von den Erkerfenstern besonders gut beobachten konnte.

Cahal hatte sich ebenfalls umgezogen, trug wieder bequeme, helle Hosen und ein blaues, leichtes Hemd. Sein Blick hing unverwandt an Niel, seit dieser den Raum betreten hatte. Das dezente Farbspiel von dessen Kleidung, der perfekte Sitz, das durchscheinende Oberteil, dazu das helle Gesicht mit dem leichten Lächeln, die großen Augen, die Ohren, die gerade in dem Moment wieder vergnügt zuckten... Cahal atmete tief durch und erwiderte das Lächeln.

"Das steht dir ausgezeichnet", sagte er fast ein wenig atemlos und verkniff sich die enthusiastischere Variante, die insgesamt eher den ganzen Prinzen als umwerfend bezeichnet hätte.

Niel lächelte leise und neigte den Kopf einmal, ganz der Prinz in dem Augenblick. Er nahm neben Cahal Platz und wartete, bis jener es sich ebenfalls bequem gemacht hatte. Äußerlich war er locker und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Essen, suchte den Tisch mit Blicken nach seinen Lieblingsspeisen ab, innerlich waren alle seine Sinne auf den General neben sich gewendet.

Cahal sah ihn mit Blicken an, die anders waren als die eines Generals zum Prinzen, als die eines Lehrers zu seinem Schüler. Er betrachtete ihn schon seit einigen Tagen mit einer mehr und mehr zu Tage tretenden Bewunderung, so empfand Niel es.

In dem Moment, als sie die Gläser hoben und sich nach einem leisen "Auf Jume." in die Augen sahen, wurde Niel bewusst, dass er sich die Bewunderung nicht einbildete, sondern sie eher im Gegenteil zu spät zu bemerken schien.

Dennoch wendete er sich seinem Essen zu und behielt den Blick für die Dauer der Gänge auf seinen Teller gerichtet. Er hielt sich gerade, sprach wenig, lobte Cahal als ausgezeichneten Gastgeber, war dabei jedoch die gesamte Zeit über distanziert und wohlerzogen, genau, wie er sonst auf einem großen Bankett gewesen wäre.

/Wenn er in mir nur den Prinzen sieht, dann wird er sich mit mir als Prinz, so wie ich jetzt bin, am wohlsten fühlen. Wenn er in mir mehr sieht als den Prinzen, auf den er aufpassen muss, dann wird er sich verraten müssen./ Unter halb gesenkten Lidern beobachtete Niel Cahals Reaktionen auf seine Art, während er sich der Weinschaumcreme widmete, in die er sich mit einem zierlichen Messerchen einige Obststückchen hinein schnitt.

Sie redeten nicht, sie plauderten – oder sie betrieben Konversation, zumindest empfand Cahal es so. Von einem auf den anderen Moment war aus Niel wieder der Kronprinz des Reiches geworden, und Cahal fragte sich, ob es an ihm lag. /Vielleicht hätte ich ihm dieses Kompliment nicht machen sollen. Aber er sieht so gut aus, ich wollte... Er ist nicht freiwillig hier, und selbst, wenn du es ihm erträglich machst, ihn ablenkst, heißt das noch gar nichts. Er lacht mit dir, sei froh darum. Jetzt ist er wieder so sehr Prinz. Er hat etwas gemerkt, natürlich, wie sollte er nicht. Und das ist jetzt seine Art, Grenzen zu ziehen. Ich bin nach wie vor nur der alte, kalte General. Sicher, wenn er solche Liebhaber wie diesen dunkelhaarigen Menschen bevorzugt.../

Er griff nach seinem Weinglas, bemüht, alle Bewunderung aus seinem Blick zu verbannen, und nahm einen Schluck, dann gleich einen zweiten, ehe er zu Niel hinsah, der so schmerzlich schön neben ihm saß. Äußerlich unberührt lächelte er. "Warum plötzlich wieder so formell, Niel? Habe ich einen Feiertag verpasst, der das gebietet? Oder hast du gerade beschlossen, dass sich der lockere Umgangston nicht einem Lehrer gegenüber geziemt, der gleichzeitig General ist?"

Niel senkte seine Wimpern eine Spur tiefer über die Augen und lächelte ein wenig. Langsam erhob er sich und umrundete den schweren Tisch, dabei ließ er seine Fingerkuppen über die Stuhllehnen streichen. Nebenbei sah er zu dem Musikspieler und änderte das Programm, dann wendete er sich halb zu Cahal um und warf ihm einen längere Blick zu.

"Vielleicht haben wir ja einen nationalen Feiertag. Tanzt man hier auch zu solchen Anlässen?", fragte er leise, während die ersten Takte des nationalen Tanzes erklangen, der auf ganz Jume zu den großen Festtagen gespielt wurde.

Niel betrachtete seinen Lehrer eingehend, während er langsam die Hände hob, bis er sie auf ungefährer Schulterhöhe hatte, dann drehte er die Handflächen nach außen und tanzte einmal im Kreis, Cahal weiter abwartend beobachtend.

Cahal rutschte mit seinem Stuhl ein Stück vom Tisch zurück und schlug ein Bein über das andere. Langsam schwenkte er das bauchige Weinglas, ehe er einen weiteren Schluck nahm. /Oder er macht es absichtlich, um mich zu provozieren/, dachte er mit einem Mal amüsiert. /Wenn ich nur wüsste, was du wirklich von mir denkst.../

"Nein, hier tanzt man im Allgemeinen nicht zu solchen Anlässen. Hier kümmert man sich um gar nichts, was draußen ist. Aber vielleicht willst du das ändern?", schlug er vor, empfand die Idee als sehr verlockend, egal was dahinter stehen mochte.

Niel seufzte und verdrehte die Augen. "Cahal, ich würde mir niemals anmaßen, die Regeln im Haus eines anderen zu ändern. Wenn es nicht üblich ist, dann würde ich es natürlich niemals..." In dem Moment änderte sich die Musik ein wenig, und er lachte auf. „Das ist meine Lieb-lings-stelle!" Er drehte sich bei jeder Silbe um sich selber.

Die Musik nahm mit jedem weiteren Absatz an Geschwindigkeit zu, das wusste er, und er wusste auch, dass er hinterher wieder schwindelig und erschöpft sein würde. Aber in dem Augenblick fühlte Niel sich so übermütig, dass er sogar Cahal und seine Überlegungen zu dem ernsten General für die Dauer des Tanzes vergaß, während er den reichlichen Platz vor dem Tisch ausnutzte und sich juchzend austobte. Am Ende, als die Musik wieder langsamer wurde, taumelte er nur noch, aber lachte dabei und hob die Arme übermütig über den Kopf.

Niels Begeisterung war ansteckend, und Cahal merkte, dass er schon wieder ein paar Schluck Wein zu viel getrunken hatte. Nichts, was ihn behinderte, aber genug, um Entscheidungen leichter zu machen, die gegen seine kühle Art liefen. /Er ist so atemberaubend schön./ Es half auch gar nichts, sich auf Lohnlisten und ähnlich langweilige Dinge zu konzentrieren. Nicht, wenn man es nicht wirklich wollte.

Noch ehe Niel sich wieder setzen konnte, hatte er das Glas beiseite gestellt und war geschmeidig aufgestanden. Mit zwei Schritten stand er hinter dem sich drehenden Prinzen und legte ihm sacht die Hände auf die Taille, hinderte ihn am Taumeln, am Stolpern. Er sah in das erhitzte Gesicht, als Niel sich ihm zuwandte, und lächelte wieder. "Hm, aber vielleicht gefällt mir diese Änderung? Wenn du weiter tanzen willst... Das nächste Stück ist ruhiger und ein Paartanz."

Niel nickte einmal und trat noch immer heftig atmend einen weiteren Schritt auf Cahal zu. Langsam legte er seine Hände auf die Oberarme seines Lehrers und senkte den Kopf ein wenig, begann schon bald, ruhiger zu werden.

Als sie so dicht voreinander standen, fiel Niel einmal mehr auf, wie sehr er Cahal vertraute, wie wohl und sicher er sich in der Nähe seines neuen Lehrers fühlte. Die Bewegungen mit ihm waren einfach, sie kamen einander nicht ins Gehege, Niel ließ sich aber von Cahals sanften Hinweisen gern führen und schloss die Augen.

Er war schon ziemlich schläfrig, der schwere Wein, der zu jedem Gang zuvor serviert worden war und das harte Training der letzten Tage hatten ihn ermüdet. Nach und nach sank seine Stirn gegen Cahals Brust. Niel seufzte leise und genoss die Musik, während er das Gesicht drehte, so dass nun seine Wange am Revers von Cahals weichem Hemd lehnte, wo er dessen Herzschlag spürte. "Hm, das hab ich schon viel zu lange nicht mehr gemacht."

Ungesehen vertiefte sich Cahals Lächeln, als er den Prinzen ein wenig enger an sich zog. Er genoss das Vertrauen, das Niel ihm entgegen brachte, fast noch mehr als dessen Nähe und den zarten Geruch, der von ihm ausging. Gleichgültig, was danach sein würde, wenn die politische Lage wieder stabilisiert sein würde und der Prinz zurückkehren konnte in die Hauptstadt und zu seinen Pflichten, die Tage oder Wochen hier in seiner abgelegenen Villa würde er in wundervoller Erinnerung behalten. Denn sie hatten es ihm ermöglicht, Niel näher und ganz anders kennen zu lernen als am Hof und in all seiner Förmlichkeit.

Sie drehten sich ein letztes Mal, als die Musik leiser wurde und verklang, doch Cahal ließ ihn danach noch immer nicht los. Fast unmerklich streichelte er die schlanken Seiten mit den Daumen, ehe er die Hände wieder einfach nur ruhig ruhen ließ.

"Bist du sehr müde, Niel?", fragte er leise und beugte den Kopf ein wenig hinab, um die weichen Haarspitzen zu spüren und den sanften Duft intensiver zu riechen.

Niel seufzte leise, dann schlug er die Augen wieder auf und hob die Schultern. "Ach, der Tag war schon lang, nicht?" Cahals Finger streichelten ihn, das hatte er gemerkt. Er fühlte sich nicht betrunken, aber dennoch von der ganzen Situation ein wenig verunsichert.

Einer der höchsten Generäle, der immer kalt und unnahbar gewesen war, gab sich nun verspielt, offen, bewundernd und zudem auch noch sehr intim. Er schlief mit Niel im selben Bett, und nun hatten sie getanzt.

Niel ließ seine Hände an den Armen seines Lehrers herunter streifen, dann schlang er, entschlossen diese Chance zu nutzen, einen Arm um Cahals Taille und schmiegte sich an ihn an. "Bist du auch schon müde? Würdest du mich zum Schlafzimmer begleiten?"

Cahals Herz begann schneller zu schlagen, als es das ohnehin schon tat, und nur, weil Niel sich nach wie vor an ihn schmiegte, ihn umfangen hielt. Müde war er nicht, aber das war ihm gleich, als er seinem Prinzen einen Arm um die Schultern legte und ihn leicht an sich drückte.

"Ich werde dich bringe", entgegnete er nur und beschloss im gleichen Moment, dass es an der Zeit für Entscheidungen war.


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