Zwischen den Welten

37.

Wie auch die Tage davor wachte Cahal vor seinem Schützling auf. Er spürte dessen nackten Körper an seinem, den Arm, der vertrauensvoll über seiner Brust lag und wurde sich schlagartig dessen bewusst, dass er nicht geträumt hatte. Das Glücksgefühl, das ihn durchströmte, verlangte danach, dass er aufstand und etwas tat oder dass er das kleine Energiebündel in seinen Armen wach küsste.

Cahal entschied sich für eine Mischung aus beidem und wand sich vorsichtig unter Niel hervor, hoffend, dass dieser nicht aufwachen würde. Leise schlich er zur Tür und orderte ein Frühstück, dann verschwand er kurz im Bad, um eilig zu duschen, sich die Haare zu waschen und die Zähne zu putzen.

Als er fertig war, stand der kleine Servierwagen bereits vor der Zimmertür. Cahal holte ihn herein und schob ihn neben das Bett, ehe er sich wieder zu seinem Prinzen legte. Eine Weile lang betrachtete er ihn nur still lächelnd; das niedliche Gesicht, das im Schlaf wirkte, als könnte es kein Wässerchen trüben, war friedlich und entspannt, die vollen Lippen luden geradezu dazu ein, ihn zu küssen, und endlich gab Cahal dieser Einladung nach und beugte sich zu ihm. Eine feuchte Strähne streifte Niel, was diesen dazu brachte, seine kleine Nase zu rümpfen. Warm lachte Cahal auf, ehe er mit den Lippen die seines Geliebten berührte und ihn sacht küsste.

"Das Frühstück ist fertig, mein Liebling", flüsterte er auf dessen Mund und küsste ihn wieder, während er einen Arm um ihn schlang und ihn sacht an sich zog.

Niel rekelte sich ein wenig, dann erwachte er und streckte sich gähnend. "Hm, Cahal. Guten Morgen." Er ließ sich einen Moment lang noch streicheln, dann rollte er sich über seinen Geliebten und verschlang ihn mit zärtlichen Küssen, die er nur unterbrach, um ihn so erregend wie möglich zu berühren und an sich zu ziehen.

Noch bevor er überhaupt die Augen richtig aufgeschlagen hatte, begannen sie sich schon wilder zu küssen und zu necken. Niel war schon bald kurz vor dem Höhepunkt. Er war gerade damit beschäftigt, Cahals Haare durcheinander zu bringen, während er ihn immer drängender gegen sich presste, als das Sprechgerät auf einem gesicherten Kanal zu blinken und scharf zu pfeifen begann.

Aufstöhnend warf Niel sich zurück. "Oh nein, verdammt! Alles, nur das nicht! Das wird mein Vater sein!" Er beugte sich vor und küsste Cahal auf die Wange, dann sprang er aus dem Bett. "Wir müssen das hier später fortsetzen, ja? Ich gehe mich präsentabel machen, halt ihn bitte ein wenig für mich auf" Frech zwinkerte er seinem Geliebten zu und huschte aus dem Sichtfeld.

Fluchend versuchte Cahal, seine Haare irgendwie hastig in die strenge Frisur zu zwingen, die ihm eigen war, doch zwei Hände reichten nicht bei dem Chaos, das Niel angerichtet hatte. Mit einem Seufzen gab er auf und sprang aus dem Bett, um sich wenigstens eilig die Hose wieder anzuziehen und ein Hemd überzustreifen. Der König, wenn dieser es wirklich war, hatte das miserabelste Timing, das Cahal sich hätte vorstellen können. Wenn er wenigstens nur fünf Minuten später...

Der Gedanke führte zu nichts. Cahal schob ihn beiseite, um einmal tief durchzuatmen und seinen Körper mit bloßem Willen so weit wie möglich zu beruhigen, ehe er zum Schreibtisch trat, sich hinsetzte und das Gerät einschaltete, um seinen König zu begrüßen.

Niel riss eine Priesteruniform aus dem Schrank und verschwand hastig im Bad. Ihm fiel auf, dass Cahal auch nicht sonderlich präsentabel aussah, so zerwühlt und mit einem erhitzten Gesicht. Grinsend überließ er seinen Lehrer der Aufgabe und wusch sich das Gesicht, kämmte seine Haare und zog rasch die strenge Uniform über, die das Wappen der Hashar trug, eine geflügelte Raubkatze mit Feuerpranken. Niel senkte einmal kurz den Kopf, dann seufzte er tonlos, bevor er in den Raum zurückkehrte.

Cahal erhob sich, als sein kleiner Geliebter zurückkam und verneigte sich in seiner knappen Art vor dem Monitor. Man sah ihm nicht an, wie unangenehm es ihm war, so unpassend vor seinem König zu stehen. "Prinz Niel Aremeth Hashar, Majestät."

Er machte Niel den Platz frei und trat aus dem Sichtfeld. Erst dann sah er ihn aufmunternd an und lächelte ihm zu.

"Ich bin da", formten seine Lippen lautlos.

Niel wurde von einer kleinen, warmen Welle gestärkt, die von Cahals Nähe ausging. Er lächelte ihm leicht zu, dann setzte er sich vor den Bildschirm und verneigte sich angedeutet. Sein Vater sah aus, wie er ihn immer vor sich sah. Ein unterkühltes Gesicht, zurückgekämmte, kurze Haare, die schon fast weiß waren, sehr helle, schmale Augen, die den Violettton nur erahnen ließen. Er trug wie immer die Uniform der Hashar, hellgrüner Stoff, auf dem die fliegende Raubkatze mit den Feuertatzen am unteren Bildrand auf seiner Brust eben noch zu sehen war.

Niel schluckte seine Nervosität herunter und machte ein leeres Gesicht. "Guten Morgen, Vater."

Aremeth Leriun Hashar hatte zwei Vorteile an sich. Der eine war sein Ernst, der es ihm verbot, über unpassende Situationen zu lachen, der andere war seine direkte und knappe Art, die ihn stets nur die wichtigsten Dinge sagen ließ. Eine Strafpredigt an seinen Sohn war anscheinend noch nicht das Wichtigste in seinen Augen.

"Guten Morgen, Niel." Ein forschender Blick, dann nickte der König leicht. "Ich bin froh, dass Cahal nun für deine Sicherheit sorgt; Jashuun schien mir die Übersicht verloren zu haben."

Niel blinzelte angestrengt, dann erklärte er jedoch mit gepresster Stimme "Nein, er war perfekt gewesen wie immer. Ich war nur darauf aus, ihm zu entkommen. Aber auch ich bin froh, dass Cahal nun mein erster Offizier ist. Ich habe Eure Zustimmung vorausgesetzt und ihn für diese Übergangszeit zu meinem Lehrer ernannt."

Ein weiterer, scharfer Blick, dann senkte der König den Kopf und sah auf seine vorbereiteten Papiere. Endlich erklärte er abweisend "Das und deine Fehltritte werden wir persönlich ausdiskutieren."

"Natürlich, entschuldigt bitte."

"Ich werde General Kirale zu dir schicken. Er wird den Code holen, damit ich die Gewalt über meine Truppen zurückerhalten. Es war zwar richtig, Cahal zu vertrauen, aber ihm die komplette Verantwortung zu übertragen, war nicht in meinem Sinne, Niel!"

"Verzeihung, ich wusste nicht, dass es dabei eine Abstufung gibt, Vater." Niel saß zwar gerade vor dem Bildschirm, aber innerlich sank er immer weiter in sich zusammen. Er hatte nicht nur die Revolution hervorgerufen, sondern auch hinterher noch den Code falsch an den General weitergegeben. Was für eine Schande er nur war!

/Die Generäle werden dein Untergang sein, du darfst ihnen nicht vertrauen, Niel!/ Das waren Jashuuns Worte gewesen. Wie hatte er das gemeint? Hatte er damit gemeint, dass Niel Cahal nicht vertrauen sollte? War es nur die übliche Feindseeligkeit der Priester den Soldaten gegenüber gewesen? Niel dachte erschaudernd an seinen Traum zurück und hob den Kopf.

"Vater, ich würde Euch gern noch um etwas bitten."

"Ich glaube kaum, dass du zur Zeit in der Position bist, mein Sohn, aber gut."

"Danke. Ich würde gern meine Träume deuten lassen, könnt Ihr ein Medium schicken? Oder ein Orakel?"

Aremeth nickte knapp, dann sagte er steif "Wir werden uns bald wieder sehen, Niel. Wenn die Lage sich beruhigt hat, werde ich eine weitere Ehe mit dem ajester Königshaus eingehen. Zu der Feierlichkeit wirst du im Palast erwartet."

Niel verneigte sich leicht. "Natürlich, Vater. Ich danke Euch." Innerlich schnaubte er wütend. Sein Vater hatte schon die erste Ehe, die mit Niels Mutter, nur aus politischen Gründen arrangieren lassen, und nun sollte so etwas noch einmal geschehen? Wie verachtenswert es im Grunde war! /So werde ich niemals sein! Ich will fühlen, nicht verhandeln!/

Er warf einen kleinen Seitenblick auf Cahal, dann entschloss er sich und erhob sich aus dem Stuhl. "Ich werde nach meiner Rückkehr nach Jumelaan nicht im Palast wohnen, sondern in der östlichen Pyramide. Dort fühle ich mich sicherer."

Sein Vater starrte ihn einen Augenblick lang an, dann nickte er leicht. "Dafür wird alles vorbereitet werden. Gib mir Cahal, damit Kirale die Koordinaten bekommt."

Niel neigte ein letztes Mal den Kopf, trat dann von dem Schirm zurück und verschwand außer Sichtweite des Sprechfensters, vor dem sich Cahal nun wieder einigermaßen gefasst niederließ. /Ich hab nach nur einer Nacht mit ihm gesagt, dass ich bei ihm leben will! Mein Vater wird ihn als meinen Begleiter eintragen lassen! Oh nein! Ich hätte ihn fragen müssen! Niel, du Idiot! Kannst du nicht einmal etwas tun und zuvor vielleicht einmal nachdenken! Verdammt, verdammt!/ Wütend und von der anstrengenden Unterhaltung erledigt sank Niel im Bad auf den Fußboden.

Cahal klärte kühl und sachlich mit seinem König, wie seine Villa zu finden war und gab ihm den Code, um die äußeren Sicherheitsbarrieren mit einem Gleiter passieren zu können, besprach dann noch einiges andere, widersprach ihm ungehalten in mehreren Punkten, bis Aremeth Leriun Hashar von einem Diener vorsichtig an einen Termin erinnert wurde. Cahal verabschiedete sich höflich, verneigte sich wieder leicht und schaltete mit einem stummen Seufzer das Gerät aus.

Für einen Moment blieb er reglos sitzen, starrte auf den mittlerweile dunklen Monitor und ging in Gedanken die Punkte durch, die sie erörtert hatten. Dann hob er abrupt den Kopf, als ihm vollkommen unpassend eine Kleinigkeit einfiel, die Niel im Gespräch mit seinem Vater erwähnt hatte, und die alles andere für den Augenblick in den Hintergrund drängte.

Cahal stand auf und sah sich suchend nach dem Prinzen um. Durch die geöffnete Tür konnte er ihn im Badezimmer auf dem Boden sitzen sehen; er folgte ihm, blieb vor ihm stehen und sah auf ihn hinab. Nach wie vor trug Niel die Uniform, in die er sich so hastig geworfen hatte, und Cahal hatte das Verlangen, sie ihm gleich wieder auszuziehen. Doch er ging nur neben ihm in die Hocke und fuhr ihm durch das halbwegs ordentliche Haar, um es wieder zu zerzausen.

"Alles in Ordnung mit dir?", fragte er leise.

"Geht schon. Entschuldige, ich war einmal wieder so voreilig. Das kann ich jederzeit widerrufen, wenn du warten willst." Niel sah Cahal kurz an und seufzte auf. "Ich hätte nicht so reagieren dürfen auf diese dumme Einladung zu seiner Heirat." Unsicher suchte er in Cahals Gesicht nach dessen Meinung.

Natürlich zeigte der kühle General auch dieses Mal nicht, was er dachte, doch er nahm die Hand nicht aus seinem Haar. Die dunklen Augen betrachteten Niel forschend, suchten in seiner Miene, erfassten die langsam herabsinkenden Ohrenspitzen. Dann wanderten Cahals Finger sanft über Niels Wange, unter sein Kinn und hoben seinen Kopf leicht an, damit er einen zarten Kuss auf dessen Lippen platzieren konnte.

"Wenn es dir ernst ist und du gerne zu mir kommen möchtest, würde ich mich darüber sehr freuen", sagte er schließlich.

Niel seufzte und murmelte "Ich wünschte, dass ich einmal nur weniger ajester Unüberlegtheit an mir haben würde und mehr nachdenken und planen würde." Er runzelte die Stirn und knurrte unwillig. "Etwas an mir fühlt sich an, als sollte ich Kirale den Code nicht geben. Merkwürdig. Ich fühle mich in seiner Nähe immer wie beobachtet."

Unwillkürlich musste Cahal an die roten Augen aus Niels Traum denken, doch dann lachte er. "Er ist die rechte Hand deines Vaters und ein fähiger General. Natürlich beobachtet er dich, wenn er in deiner Nähe ist. Er beobachtet alles und jeden in seiner Nähe."

Er schob einen Arm unter Niels Knie, legte ihm den anderen um die Schultern und hob ihn mit Schwung hoch, um ihn zurück ins Schlafzimmer zu tragen. "Wir sind bei etwas unterbrochen worden, was ich nicht sehr angenehm fand. Aber wir können es gerne auch noch weiter nach hinten verschieben. Was wir jedoch nicht verschieben werden, ist das Frühstück; sonst beschwerst du dich nach dem Training wieder, dass du mir verhungerst."

Er setzte sich auf die Bettkante, ließ Niel auf seinem Schoß nieder, sah ihn dann jedoch ernst an. "Und nach dem Essen, wenn du dich nicht mehr so über die Hochzeit aufregst und darüber, dass du dort hin sollst, erklärst du mir, warum du Kirale nicht vertraust."

Niel fiel sein Traum erneut ein. "Merkwürdig, vielleicht wird mein Vater noch immer bedroht. Vermutlich träume ich von den Augen, weil mein Vater bedroht wird, weil ich den Code auf dich übertragen habe. Das war so eine Dummheit! Wie konnte ich nur vergessen, dass ich das nicht tun darf!" Er schlug die Hände vor sein Gesicht und biss sich auf die Lippen. "Das wird es sein, so habe ich meinem Vater noch einmal geschadet.

Sanft zog Cahal ihm die Hände weg und hob das kleine Gesichtchen an, um ihm in die Augen zu schauen. Es tat ihm weh, wie Niel sich quälte. Sicher, er hatte Fehler gemacht, aber er nahm die ganze Last dieser Revolution auf seine Schultern, und das war zu viel. Viel zu viel.

"Niel, das hieße, ich hätte mit diesem Code etwas angestellt, was ich nicht hätte tun dürfen. Oder ich hätte etwas eingeleitet, was deinem Vater schaden würde. Ich versichere dir, ich habe ihn nur benutzt, um ihn zu kontaktieren und keine anderen Bereiche angetastet. Und das war in seinem Sinne. Ebenso habe ich ihn niemandem, und das schwöre ich dir bei meiner Ehre, niemandem verraten. Nicht alles, was du tust, ist schlecht, und nicht alles, was du unternimmst, führt geradewegs in eine Katastrophe. Es gibt bestimmt eine ganz andere Erklärung dafür."

Niel schüttelte den Kopf. "Es geht nicht darum, dass du den Zugang zu etwas gehabt haben könntest. Es geht darum, dass nur einer diesen Zugang hat, Cahal." Er sah seinem Geliebten in die Augen und erklärte leise "Eine der Forderungen der ajester Könige. Eine Sicherheit für sie, denn ich bin der Verbündete der Ajester. Ohne mich kann man den Code nicht weitergeben, ohne mich verfällt die Möglichkeit, mit Ajest, mit der Edelgarde oder mit dem König selbst Kontakt zu erhalten. Deswegen versuchen die Feinde mich ja umzubringen, deswegen bin ich ja in Gefahr, ständig.

Jashuun hat das gewusst, du weißt es doch auch, Cahal. Ich kann nicht in Sicherheit sein, solange ich den Code trage. Deswegen wollte ich ja auch zur Erde. Ich hatte mir irgendwie eingebildet, dass ich dem allen, den Gefahren, dem Misstrauen und der ständigen Sorge einmal entkommen kann. Das war natürlich nicht so." Er senkte den Kopf wieder und endete leise "Stattdessen hab ich es nur schlimmer gemacht."

Cahal seufzte leise und drückte seinen Geliebten an sich, um ihn tröstend zu streicheln. "Wenn du nicht gegangen wärst, wärst du jetzt vielleicht tot, Niel. Jashuun mag ganz fähig sein, aber er ist nur ein Priester, und nicht mal ein besonders hochrangiger. Der Code wäre unter Umständen in den Händen von jemandem, der ihn noch zu ganz anderen Dingen missbrauchen würde. Natürlich konntest du davon nicht ausgehen, und es war eine Dummheit, wegzulaufen. Aber du hast es nicht schlimmer gemacht." Er sah zum Fenster hinaus, betrachtete die grünen Schatten des Urwaldes gedankenverloren. "Und du lebst, und so lange ich bei dir bin, werde ich alles tun, um dich zu schützen." /Mit allem, was mir zur Verfügung steht, und wenn es mein Leben ist./ Doch das sagte er nicht. Stattdessen küsste er ihn sacht auf den Scheitel. "Aber dann behagt mir der Gedanke, den Code Kirale zu geben, auch nicht. Ich würde dich lieber direkt zum König bringen."

"Das geht nicht, ich nehme an, dass er nicht einmal hierher kommen wird. Aremeth wird vermutlich in einem Versteck warten, dass Kirale ihm den Code bringt." Niel streckte sich ein wenig, dann wischte er das Thema mit einer Handbewegung fort und sagte fröhlicher "Aber jetzt ist Kirale noch nicht da und ich denke, dass er erst heute Abend hier eintreffen wird. Da haben wir noch viel Zeit für uns."

Er setzte sich auf Cahals Schoß auf und schlang seine Arme um dessen Hals, um ihn lange zu küssen und damit auch seine eigenen Sorgen zu vertreiben.

 

Cahal zog die schwarze Uniformjacke ein letztes Mal gerade, stellte mit einem kurzen Blick in den Spiegel sicher, dass er wieder der korrekte, schwarze General war und verließ dann das Bad. Niel hatte sich ebenfalls seine grüne Uniform angezogen, was Cahal bedauerte. Sein Geliebter wirkte strenger darin, ganz der Kronprinz, doch dann warf dieser ihm ein nervöses Lächeln zu, und Cahal konnte nicht anders, als ihn in dem Arm zu nehmen und noch einmal schnell zu küssen.

Er spürte, wie Niel sich an ihn schmiegte, fast haltsuchend erschien es ihm. Cahal schloss fest seine Arme um ihn und versuchte, ihm etwas von seiner Ruhe abzugeben. Doch in dem Moment kündigte von draußen einer seiner Bediensteten an, dass die äußere Zone um die Villa von dem erwarteten Gleiter überquert worden war.

Mit einem leisen Seufzen löste sich Cahal von seinem Geliebten.

"Auf geht's", sagte er mit einem kleinen Schmunzeln. "Kirale wird dir weder den Kopf abreißen, noch dich anderweitig umbringen. Immerhin bist du der Erbe des Reiches. Da würde er viel zu viel Ärger mit deinem Vater bekommen. Und nebenbei bemerkt, auch noch mit mir."

Cahal zwinkerte ihm aufmunternd zu und legte ihm dann eine Hand auf die Schulter, um gemeinsam mit ihm nach unten zu gehen und den ersten General des Königs zu empfangen. Er mochte es nicht sonderlich, offizielle Angelegenheiten in seine Villa zu bringen, dafür gab es schließlich die Pyramide direkt beim Palast, doch in dem Fall war es leider nicht zu ändern.

Die Sonnen näherten sich dem Horizont, und so war es draußen unter dem grünen Blätterdach des Dschungels bereits dämmrig. Cahal streichelte sacht Niels Schulter, während er seinen Blick über die Schneise gleiten ließ, durch die Kirale würde kommen müssen. Erst, als er die Positionslichter des Gleiters sehen konnte, ließ er den Prinzen los. Zärtlichkeiten vor den Bediensteten zu zeigen, war eine Sache; sie zählten nicht wirklich. Vor Mitgliedern des Adels oder des Militärs war es eine andere. Er vermutete, dass es zu einigen Diskussionen mit Niel führen konnte, doch dafür war später noch Zeit.

Der Gleiter, eines der neusten Modelle, landete in einem eleganten Bogen direkt vor ihnen. Fast lautlos glitt eine Tür beiseite, und Kirale stieg aus. Seine Uniform war wie die Niels grün, und natürlich trug auch er das Wappen der Königsfamilie.

Niel hatte sich wieder gefangen und sah Kirale nun gefasst entgegen. Doch nicht erwartet hatte er die zweite Gestalt, die sich nach dem großen Jumer aus dem Schatten im Inneren des Gleiters bewegte; seinen Vater nämlich. Erschrocken neigte Niel den Kopf und ließ den Blick auf den Fußboden gesenkt, bis er dort die Stiefelspitzen seines Vaters sehen konnte. Kirale blieb einen Schritt hinter dem König stehen, genau wie Cahal nun ein wenig hinter Niel stand.

Als Hausherr trat Cahal neben den Prinzen und begrüßte seinen König und den ersten General mit einer leeren Formel, Niel versuchte sich währenddessen zu konzentrieren, auf die möglichen Worte, auf die Erklärungen, auf die Entschuldigungen und auf das Akzeptieren der Einschätzung seines Vaters. Aber Aremeth Hashar legte lediglich eine Hand auf die Schulter seines Sohnes, auf die Stelle, auf der eben noch so warm und stärkend die Finger von Cahal gelegen hatten, bevor er erklärte "Guten Abend, Niel. Ich wollte den Code selber holen, damit ich meine Truppen ohne Umschweife befehligen kann."

"Ein wenig überraschend, Majestät, aber nicht ungelegen." Cahal lächelte leicht und machte eine einladende Geste zum Haus hin. "Lassen Sie uns reingehen. Drinnen bespricht sich alles besser als im Stehen zwischen Tür und Angel."

Als der König an ihm vorbei ins Innere gegangen war, warf Cahal Niel einen aufmunternden Blick zu. Immerhin sorgte der unerwartete Besuch Aremeth Hashars dafür, dass der Prinz nicht länger im Ungewissen sein würde. Zudem empfand es Cahal wirklich als Erleichterung, den Code direkt in den richtigen Händen zu wissen.

König Aremeth lächelte leicht, dann sagte er mit seiner dunklen, sicheren Stimme "Natürlich, General Cahal. Ich freue mich, dass ich ihr geheimnisvolles Privathaus einmal kennen lerne. Es ist in der Tat schwer zu finden. Wer hätte gedacht, dass es in diesem Dschungel noch schöne Ecken gibt."

Während sie in die Empfangshalle zurückkehrten, warf Niel immer wieder kleine Blicke auf das Gesicht seines Vaters. Er versuchte von der freundlichen, gelassenen Maske abzulesen, wie die wirkliche Stimmung des Herrschers sein mochte. Es stellte sich als unmöglich heraus.

Aremeth sah aus und gab sich wie immer auf einem halb offiziellen Treffen. Seine kurz geschnittenen silberblonden Haare saßen ebenso perfekt wie die hellgrüne Uniform. In dem schlanken Gesicht spiegelten sich nur die Emotionen wieder, die zu dem Treffen mit seinem Thronfolger und seinem zweiten General angemessen waren. Dort konnte man nichts über die vergangenen Strapazen, die er durch die Revolution hatte erleiden müssen, erkennen, und das verunsicherte Niel wieder.

War die Situation am Ende gar nicht so gefährlich gewesen? Was war denn in Jumelaan geschehen? Wieso hatte jemand Jashuun seinen Tod angedichtet und ihn dann auch noch versucht hinzurichten? Niel fühlte sich mit einem Mal, als sei er aus dem Geschehen zu Unrecht herausgerissen worden, als habe Cahal ihn nicht in Sicherheit gebracht, sondern ihm wichtige Informationen vorenthalten.

Aremeth unterbrach seine Gedanken, indem er an Cahal gewandt entschied "Ich werde nun erst einmal mit meinem Sohn allein sprechen. Warten Sie doch mit General Kirale nebenan, General Cahal."

Verwirrt spürte Niel die Hand seines Vaters erneut auf seiner Schulter. Er ließ sich ohne Wiederstand von ihm in das Arbeitszimmer schieben, mit einem leisen Laut schloss jemand hinter ihnen die Türen, und sie waren allein.

Mit einem Mal hatte Niel doch Angst vor dem, was sein Vater sagen oder tun würde. Er verhinderte mit Mühe, dass er zitterte, aber schaffte es dennoch nicht, sich umzudrehen, sondern starrte weiterhin in den dunstigen, dunkler werdenden Garten hinaus. Das Schweigen hinter ihm zerrte an seinen Nerven, wie nie etwas zuvor.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh