Zwischen den Welten

38.

General Kirale schloss die schwere Tür zu dem Arbeitszimmer hinter Niel und dessen Vater und lächelte Cahal dann betont freundlich zu. Er streifte sich mit den behandschuhten Fingern vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht hinter seine spitzen Ohren zurück, dann fragte er in schon fast neckendem Ton "Nun, General, wie hütet es sich mit dem kleinen Prinzen ein?"

Der Blick aus seinen fast silberfarbenen Augen suchte auf der Anrichte nach Getränken. Als er sie entdeckte, ging er mit ausgreifenden Schritten darauf zu und goss sich ein Glas Saft ein, bevor er an Cahal gewandt fragte "Darf ich etwas anbieten, Maeldun?"

Cahal schüttelte nur den Kopf, ehe er in einem Sessel Platz nahm und mit einer einladenden Geste auf den anderen wies. "Setzen Sie sich, Hashar. Oder war der Flug zu lang?" Kurz drifteten seine Gedanken zu Niel, an dessen Seite er jetzt eigentlich hatte sein wollen. Er hoffte nur, dass Aremeth nicht zu streng sein würde. Sicher, der Prinz hatte einen Fehler gemacht. Aber er war jung und wäre unter Umständen tot, wenn er nicht verschwunden gewesen wäre. Andererseits hätte Cahal exakt das verhindert, mit allem, was in seiner Macht stand.

Doch seiner Miene sah man nicht an, was er dachte, als er wieder zu Kirale sah. "Ich habe begonnen, den Prinz im Schwertfechten zu unterrichten. Er stellt sich nicht ungeschickt dabei an, auch wenn man merkt, welches seine Hauptwaffe ist." In dem Moment fiel ihm ein, dass er den Ohrring des ersten Lehrers nicht mehr trug, und er war froh, ihn Niel gegeben zu haben. Die Antwort, wohin der des Prinzen verschwunden war, hätte dem König mit Sicherheit nicht besonders zugesagt.

Kirale nippte von seinem Getränk und ließ sich dann in einem der Sessel nieder. Er hatte den raschen Blick von Cahal zu der Doppeltür bemerkt, zudem wussten er um die Ankündigung von Niel, seinen neuen Wohnsitz betreffend.

"So? Niel macht sich, wie es scheint. Es freut mich, dass er in ihnen so einen ausgezeichneten Lehrer gefunden hat, Maeldun." Er nickte zur Tür hin. "Der König war mehr als nur wütend über das Betragen seines Sohnes. Ein unangenehmer Abend also. Zum Glück beruhigt er sich rasch wieder, sonst hätte er Niel vermutlich schon früher bei einer der zahlreichen Gelegenheit umgebracht."

Ausdruckslos betrachtete Cahal den anderen General. "Er ist zu streng mit ihm. Er gibt ihm nicht einmal die Möglichkeit, etwas richtig zu machen." Cahal war schon das ein oder andere Mal mit dem König darüber in Streit geraten, geändert hatte es nichts. Er schätzte ihn wirklich, doch einer Meinung waren sie nicht oft, was einer der Gründe war, warum er froh war, dass Kirale und nicht er den Rang des ersten Generals innehatte.

Aber wie er Niel behandelte, schmerzte ihn jedes Mal selbst, und er bewunderte, wie fröhlich der Prinz trotz allem sein konnte.

 

Niel hatte es zwar erwartet, aber erschrak dann doch über die Heftigkeit, mit der sein Vater zuschlug, ohne die Handschuhe auszuziehen, die zu seiner Uniform gehörten. Niels Gesicht brannte und sein Kopf dröhnte, so dass er die ersten der leise und mühsam beherrscht gezischten Worte seines Königs nicht so richtig verstehen konnte.

Dann vernahm er jedoch "... wünschte ich, dass ich es deiner Mutter nicht versprochen hätte, dass du nicht die einzig mögliche Chance auf einen längeren Frieden mit Ajest wärst! Als Sohn und als Thronfolger bist du für mich eine vollkommene Enttäuschung!"

Niel unterdrückte die Tränen, mit diesem Vortrag hatte er doch gerechnet. Er sah stattdessen auf den Fußboden und murmelte unterwürfig und zerknirscht "Verzeiht mir, Vater."

"Verzeihen, immer muss ich dir verzeihen! Es fängt an, meine Geduld zu ermüden, Niel! Die Sache mit dem Code hätte niemals passieren dürfen! Verdammt noch einmal!"

Sein Vater raufte ihm grob in die Haare und zischte ein "Halt still!" in seine Richtung, dann begann das Lesegerät die Zeichen abzulesen, die Cahal die Gewalt über die Armeen wieder nehmen und sie zu dem König und seinem General Kirale zurückerstatten würden.

Es dauerte viel zu lang, und Niels Nacken schmerzte ihn, seine Wange pochte und brannte, und er hatte das Gefühl, dass er die Tränen der Enttäuschung nicht mehr lange würde zurückhalten können. Cahals Fürsorge hatte ihn kurz vergessen lassen, dass es nicht immer so war, dass es auch nicht immer so sein würde. /Ich bin ein Versager, das bleibt nun einmal so. Alles, was ich tue, schadet meinem Volk./

Sein Vater unterbrach die Übertragung nach dem Signal und knurrte "Geh dich frisch machen, ich bin mir sicher, dass General Cahal uns noch ein Essen servieren wird, bevor ich nach Jumelaan fliege."

Hastig verneigte Niel sich und wollte die Tür gerade öffnen, als sein Vater ihn noch einmal aufhielt. "Hier. Das ist für deine Träume." Er legte einen Lederbeutel in Niels Hand, der sich sehr leicht anfühlte. Eine Pergamentrolle war daran geknotet. Er verzog den Mund ein wenig nach unten. "Jashuun hat es hinterlegt, vermutlich kennt er dich doch besser, als ich dachte. Ich überlege schon, ob er nicht doch der bessere Lehrer für dich wäre in Zukunft."

Niels Herz machte einen Satz. "Nein!" Erschrocken klappte er nach dem Ausruf seinen Mund wieder zu und senkte den Kopf. "Nein, bitte. Ich habe gerade erst begonnen..."

"Unsinn! Ich werde jetzt nicht solchen Unsinn diskutieren, Niel! Verdammt noch mal!"

Mit diesen Worten öffnete der König die Tür und bat Cahal mit einem kurzen Befehl hinein. Zu Kirale gewandt erklärte er "Entschuldige mich noch einen Augenblick lang, einige taktische Fragen."

So schnell er konnte, rannte Niel zum Schlafzimmer, das er in den letzten Tagen mit Cahal geteilt hatte. Dort angekommen warf er sich auf das breite Bett und weinte hemmungslos, bis er heiser war. Die Welt war wieder so schwarz geworden, sein Vater hasste ihn, er hatte alles falsch gemacht und das auch noch absichtlich. Aber was noch schlimmer wog, war das Misstrauen, das der König Cahal entgegenbrachte. Davon zu wissen, schwächte Niel noch viel mehr, denn er war in den ruhigen, ernsten General verliebt und fühlte sich sicher mit ihm.

/Tue ich das wirklich? Wieso hab ich von den Augen geträumt? Warum nur?/ Rasch kniete er sich auf das Bett und öffnete das Ledersäckchen. Es waren, wie er erwartet hatte, Blütenblätter darin. Auf dem Pergament stand die Beschreibung der Regeln, nach denen er vorgehen sollte. Merkwürdigerweise stand noch dabei, dass er das Ergebnis seiner Deutung auf gar keinen Fall mit einem General teilen durfte.

Niel begann die Deutung, nachdem er sich das Gesicht gewaschen hatte. Wieder und wieder stellte er seine Fragen und warf die Blütenblätter in die Luft. Am Ende, mit einem Mal, las er die Lösung, und seine Hände begannen zu zittern.

 

Fragen der Taktik mit Aremeth durch zu diskutieren, war eigentlich interessant und angenehm, es machte Cahal normalerweise Spaß. Doch der Anblick des Prinzen, der an ihm vorbei nach oben gestürzt war, hatte seine Laune eher sinken lassen. Es hatte ihn Mühe gekostet, seine Miene ruhig zu halten und sich auf den König zu konzentrieren. Aber er wusste, dass er es sich nicht leisten konnte und wollte sich von Liebesangelegenheiten ablenken zu lassen. Und so lange er nicht wusste, was zwischen Niel und seinem Vater vorgefallen war, würde er nichts sagen, zudem er nicht wusste, was sein

Geliebter davon halten würde, wenn er sich einmischte. Dennoch war er froh, als sie endlich alles besprochen hatten und der König sich zurückzog, um sich für das Essen frisch zu machen. Cahal folgte Niel nach oben und klopfte kurz an, um dann das Zimmer zu betreten, ohne darauf zu warten, dass der Prinz ihn hereinbat.

Sein Geliebter saß auf dem Bett, starrte einen wirren Haufen Blütenblätter vor sich an. Seine linke Wange war gerötet und geschwollen, was in Cahal das Bedürfnis erweckte, einerseits sofort umzukehren und dem König ein weiteres Mal seine Meinung zu sagen und andererseits den kleinen Jumer in den Arm zu nehmen und ihn einfach nur festzuhalten. Doch dessen zitternden Hände und das blasse, erschrockene Gesichtchen bewogen ihn dazu, die Tür leise zu schließen und zu ihm zu eilen. Er setzte sich an die Bettkante und legte eine Hand auf Niels. Unruhe beschlich ihn. "Niel? Was ist?"

Niels Augen zuckten unruhig zur Tür, dann zum Fenster. Er entzog Cahal langsam die Hand, dann murmelte er "Der Code... ich... Vielleicht hätte ich..." Er kam nicht weiter, denn in dem Moment huschte eine dunkel gekleidete und vermummte Gestalt aus dem Bad in den Schatten versteckt zu ihnen ins Zimmer.

Das Fenster hinter der großen Wanne hatte offen gestanden, daran erinnerte sich Niel nun wieder, während er den Feind mehr spürte, denn sah. Der Angreifer musste einen der Schattenanzüge tragen, welche die Figur verwischten, die Bewegungen versteckten und einen beinahe unsichtbar machen konnten.

Einen Augenblick später blitzte eine gleißende Waffe auf, ein Lasermesser, und Niel warf sich mit einem leisen Aufschrei gegen Cahal, warf seinen Geliebten und Lehrer um, vom Bett hinunter und rollte sich über ihn hinweg, um am Boden geduckt zu seinem Schrank zu kriechen.

Cahal war sofort wieder auf den Beinen, blieb aber fürs erste hinter dem Bett in Deckung hocken; sein Blick flog durch das Zimmer, während er hastig den Handlaser vom Gürtel löste. Für einen Sekundenbruchteil verfluchte er sich, weil er Niel überhaupt allein gelassen hatte, dankte gleichzeitig allen guten Geistern, dass er rechtzeitig genug im Zimmer gewesen war und vergaß dann alles, um sich auf den Gegner zu konzentrieren. Einen Moment lang konnte er einen Schatten erkennen, doch noch ehe er auch nur die Waffe hatte heben können, war er wieder verschwunden. /Schattenanzug! Verdammt!! Ich muss Niel hier rausbringen!/

Niel hatte eine seiner Peitschen dort zwischen den Schuhen, das wusste er noch. Hastig fummelte er an der Tür, die vermummte Gestalt bewegte sich weiterhin lautlos, weiterhin in den Schatten versteckt, und er wusste, dass Cahals Sicht im Dunkeln nicht ausreichen mochte, denn das ajester Blut verlieh Niel die ausgezeichnete Sicht in der Nacht und die guten Instinkte, auch wenn er es sehr selten nur zu erzählen wagte, weil Jashuun ihm verboten hatte, mit seinen Gaben anzugeben.

Gerade hatte Niel die Schranktür aufbekommen, als der Angreifer hinter ihm über Cahal herfiel. Niel wurde von einer merkwürdigen Panik befallen, die ihm sehr deutlich zeigte, dass er sich um seinen neuen Geliebten sorgte, weil er mehr für ihn fühlte, als er zuvor gedacht hatte.

Niel drehte sich nicht um, sondern kroch auf die andere Seite des Bettes durch, um den Feind von hinten anfallen zu können. Leise entrollte er seine Peitsche und nahm das Ende auf, um damit rasch zuschlagen zu können.

Cahal war der Laser bei dem Angriff entglitten. Lautlos fluchend versuchte er, die geschmeidige Gestalt zu fassen zu bekommen, die er kaum sehen konnte, wich einem Angriff aus; die Klinge war nicht sichtgeschützt, so dass er immerhin diese Chance hatte. Er bekam eine Hand voll Stoff zu fassen, zog den Angreifer ruckartig an sich heran und schlug gleichzeitig mit aller Kraft zu. Seine Faust streifte den anderen nur, der Schwung ließ ihn stolpern. Dann sah er wieder das Aufgleißen des Lasermessers, und er musste loslassen, weil er nicht riskieren wollte, seine Finger zu verlieren.

Er fiel, rollte sich ab und war fast sofort danach wieder auf dein Beinen. Hektisch schaute er sich sowohl nach dem Schatten als auch nach Niel um, und sein Herz machte einen schmerzhaften Satz, als er entdeckte, dass sein Geliebter, anstatt nach draußen zu flüchten, noch weiter von der Tür wegstand als zuvor.

Niel sah sich um und wollte gerade den Angriff vorbereiten, als er spürte, dass der Schatten ihm zuvorkam. Ein scharfer Schmerz brannte in seinem Arm auf, und er sank stöhnend zusammen. Eine vergiftete Klinge! /Verdammt! Verdammt noch mal!/

Mit einem eher aus seiner Wut und Angst entsprungenen Angriff rächte Niel sich und zerriss mit einem Schlag gegen den Gesichtsschild des Feindes dessen Schattenanzug, man konnte einen kleinen Anteil vom Gesicht des anderen erkennen, aber es reichte schon aus, um Niel zu zeigen, dass es ein Jumer war.

Für einen Moment konnte Cahal wieder etwas sehen, doch auch, wenn sein Herz vor Angst um Niel raste, wusste er, dass er so keine Chance hatte. Mit einem Satz war er auf dem Bett, schaltete das Licht ein. Helligkeit durchflutete den Raum und ließ den Schattenanzug nahezu wirkungslos werden. Der Attentäter wirbelte herum; Cahal konnte die zusammengepressten Lippen und ein spitzes Ohr erkennen, an der Stelle, wo Niel den Schild zerschlagen hatte.

Anstatt ihn anzugreifen, wich der andere zwei rasche Schritte zurück, dann warf er sich herum und flüchtete ins Bad. Cahal setzte ihm nach, doch als er die Tür erreichte, konnte er nur noch das offene Fenster sehen. Er gab sich nicht einmal die Mühe, dem Jumer zu folgen. Hastig zog er die Tür zu und schloss sie ab, um von dort jeden Angriff ausschließen zu können, dann kehrte er zu Niel zurück. Um nichts würde er ihn jetzt allein lassen. /Ich muss meine Leute zusammenrufen! Der König ist genauso in Gefahr wie Niel!/

Niel fluchte verhalten, dann rief er Cahal leise zu "Bring den König in Sicherheit! Ich komme schon zurecht!" Er machte ein Geste, um seinen Lehrer zu verscheuchen, dann drehte er sich um und huschte zum Bad, um durch das dortige Fenster auszusteigen.

Auf seiner Stirn sammelten sich bereits Schweißperlen, und er spürte, wie seine Finger zu zittern begannen, aber er wusste, dass der Feind nicht mit dem Code entkommen durfte, egal was dabei aus ihm selber wurde. Das Volk ging vor! Er taumelte ein wenig, als er auf der Rasenfläche in der Dunkelheit aufkam, zugleich wünschte er sich seine schwarze Robe herbei. Der Schattenanzug war nur an einer kleinen Stelle zerrissen, das reichte noch nicht aus./Verdammt! Hoffentlich findet Cahal meinen Vater! Hoffentlich wird alles gut!/

"Niel, du Narr!" Einen Moment lang wollte Cahal ihm einfach folgen. Aremeth hatte schließlich Kirale zu seinem Schutz; zudem wäre das sein nächster Gang gewesen mit Niel. Er wog kurz ab, was es ihn an Zeit kosten würde, den Prinzen einzuholen, über die Schulter zu werfen und mit ihm zurück zu laufen, um seine Leute zu alarmieren und den König zu warnen. /Zu viel.../

Andererseits... wenn Niel etwas passierte... /Er kann gut mit seiner Peitsche umgehen. Er sieht besser als ich in der Dunkelheit. Bis ich das Nachtsichtgerät geholt habe, ist ohnehin alles zu spät. Und weder der König, noch Kirale können wissen, dass sie hier in Gefahr sind./ Cahal atmete tief durch, presste die Lippen zusammen und schloss seine Gefühle aus, die alle danach schrieen, dass sein Geliebter Schutz brauchte. /Er hat gesagt, er kommt zurecht... Narr! Ich muss ihm vertrauen, bis meine Leute bei ihm sind./

Hastig trat er zum Schreibtisch, holte einen kaum handtellergroßen Kommunikator aus einer der Schubladen, aus einer anderen das Nachtsichtgerät. Er zog den Kopfreif über, klappte das Gerät vor sein rechtes Auge und schaltete es ein. Während er zur Tür eilte und im Vorbeigehen seinen Laser wieder aufhob, benachrichtigte er bereits sein Sicherheitsteam. /Der Angreifer muss mit Aremeth und Kirale reingekommen sein. Anders kann ich es mir nicht vorstellen./

Er stieß die Tür auf und sah sich um, doch weder mit dem Gerät, noch so konnte er einen Feind entdecken. Er nahm sich nicht allzu viel Zeit, rannte bereits zu dem Schlafzimmer, das er dem König gewiesen hatte, wo dieser sich frisch machen konnte. Ebenso wenig achtete er auf die Gebote der Rücksicht und der Höflichkeit, als er die Tür ohne anzuklopfen einfach aufstieß.

Das Zimmer war dunkel, doch durch das Nachtsichtgerät konnte er die leblose Gestalt seines Königs auf dem Boden erblicken. Cahals Herz schien einen Schlag auszusetzen. Eilig schaltete er das Licht an, als er sonst niemanden entdecken konnte und kniete auch schon bei Aremeth nieder. /Bitte, lass ihn nicht tot sein!/ Mit fliegenden Fingern tastete er nach dem Puls. Erleichterung durchfloss ihn, als er ihn schwach, aber deutlich spüren konnte. /Und wo verdammt noch mal steckt Kirale?/

"Schickt mir einen Arzt hoch!", befahl er harsch in das Sprechgerät.

 

Niel starrte angestrengt in die Dunkelheit, lange sah er nichts, hörte außer der normalen Dschungelgeräusche nichts, das den Feind verraten hätte. Er wollte sich gerade bewegen, als er einen leichten Luftzug spürte, reaktionsschnell duckte er sich unter einem aus dem Nichts kommenden Angriff hindurch und schlug einen Sekundenbruchteil später in die Richtung, aus der er attackiert worden war.

Natürlich war der Angreifer schon fort, aber nun bemerkte Niel eine Bewegung um ihn her und senkte die Hand. Es waren natürlich mehr als ein Angreifer. Er war in eine Falle gesprungen.

"Ich hätte es früher erkennen sollen, General Kirale", flüsterte er leise und betrachtete seine hellen Hände, die sich noch immer fest um den Peitschengriff schlossen.

Das Gift pulsierte durch seine Adern und begann, ihm Schwäche zu bescheren. Er schwankte leicht und hielt sich kurz die Stirn.

Seine Unsicherheit war bemerkt worden, die Angreifer traten auf ihn zu, und gleich darauf murmelte eine dunkle Stimme "Kronprinzchen Niel, sollte ich es endlich geschafft haben, dich auszulöschen?"

Kirale, er war es gewesen, der ihn in seinem Schlafzimmer angegriffen hatte! "Aber warum, Kirale?"

Der Schatten bewegte sich, die anderen teilten sich, und nun erkannten Niel auch, dass es nur drei waren insgesamt. Wäre er gesund, hätte er gute Chancen, sie noch zu besiegen. In diesem Zustand könnte es schwierig werden.

Kirale trat auf ihn zu und wand die Peitsche aus seinen schweißnassen Fingern, Niels Hände zitterten schon ein wenig, die Muskeln wurden bereits schwächer.

Kirale lachte leicht. "Warum?! Das fragst du noch?!" Er beugte sich dichter zu Niel hinunter, der bereits keuchend Atem holte, dann murmelte er "Du stehst zwischen mir und dem Thron. Jetzt, wo dein Vater mit Sicherheit in", er blickte auf einen kleinen Schirm, "wenigen Augenblicken mitsamt diesem Haus in die Luft fliegen wird. Nun, macht es gut, Hoheit."

Spöttisch verneigte Kirale sich, dann winkte er seinen zwei Männern und die Schatten entfernten sich rasch wieder. Sehr offensichtlich war sein Vertrauen in das Gift groß genug, um Niel dort unbeaufsichtigt liegen zu lassen, kein Gedanke, der Niel Zuversicht bescherte.

Er taumelte zwar, aber er folgte ihnen, so leise er konnte, bevor er durch ein Fenster einstieg. Es führte zu einer Besenkammer, in der Niel erst einmal hinfiel, weil er schon so unsicher auf den Beinen war. Verhalten fluchend legte er seine Finger kurz über die pochende Wunde, dann lauschte er in das Haus. Überall ertönten Schritte von Cahals Männern. Er hatte natürlich eine Garde in der Nähe, die auf ihn und den Kronprinzen achtete.

Das hätte Niel schon früher klar sein können. Vorsichtig öffnete er die schmale Tür vom Schrank und sah, wie Cahal den König vor zwei Schattenmännern verteidigte, die bereits zum Teil enttarnt waren. Er ging mit dem kurzen, schlanken Schwert so unglaublich geschickt um, dass die Feinde dem nicht viel entgegen zu setzen hatten.

Rasch stürzte Niel zu ihm hin und zerfetzte einem dritten Angreifer die Kleidung, dann kamen auch schon die Soldaten vom General zu ihnen in den Raum und keuchend, seinen Arm haltend rief Niel "Hier im Haus sind Bomben! Wir müssen so schnell es geht hier weg!"

Er sah Cahal in die Augen und flüsterte "Kirale ist der Verräter, ich habe es nur zu spät erkannte. Es tut mir leid, ich..." In dem Moment reichte seine Kraft nicht mehr aus, stöhnend sank Niel zusammen.

Cahal fing ihn im gleichen Augenblick auf, seine Augen weiteten sich. Zwei seiner Männer hatten dank Niels Warnung bereits den König hochgehoben, kaum dass die Angreifer leblos zu Boden gefallen waren. /Kirale! Kein Wunder, dass es kein Problem für die Angreifer war, hier rein zu kommen! Verdammt!/

Cahal warf den Prinzen über die Schulter, verschob die Sorge auf später.

"Raus hier! Weg vom Haus! Bombenalarm!", brüllte er in den Kommunikator und rannte schon hinter seinen Leuten her, während er im Kopf bereits die nächsten Schritte zurechtlegte, die er unternehmen musste. /Kirale! Das heißt, es kann hier nur so von seinen Leuten wimmeln! Er hat den Zugangscode!/

Sie stürzten zur Tür heraus, und Cahal betete, dass der andere General keine Truppen aufgestellt hatte, die auf alles schossen, was sich bewegte. Doch entweder hatten seine eigenen das verhindert oder Kirale hatte nicht daran gedacht, dass jemand fliehen würde; vermutlich hatte er nicht eingeplant, dass irgendjemand sie warnen würde.

Sie hatten gerade den als Parkfläche dienenden Platz erreicht, als die Bomben hochgingen. Cahal warf sich mit Niel hinter einem der Gleiter in Deckung, fing den Sturz ab und rollte gleich darauf über seinen Prinz, um ihn zu schützen. Die Hitze, die von der Explosion ausging, fegte mit der Druckwelle über ihn hinweg.

Als es vorbei zu sein schien, richtete er sich auf. Er gönnte dem Trümmerhaufen, der einstmals seine Villa gewesen war, keinen Blick, als er bereits die nächsten Befehle in seinen Kommunikator gab, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es auch dem König noch gut ging, der nur wenige Meter von ihm entfernt in Deckung gebracht worden war.

"Los, zu den Bäumen!", befahl er dann harsch.

Er hob den Prinzen erneut hoch und trug ihn im Laufschritt zum Waldrand, wo sie zumindest kein so offenes Ziel mehr boten. Niels Atem war viel zu flach, und Cahal konnte nicht anders, als um das Leben seines Geliebten zu fürchten. /Vergiftet.../ Vorsichtig legte er ihn ab und befahl den Arzt zu sich, während die Gegend um sie gesichert wurde und auch der noch immer bewusstlose König zu ihm gebracht worden war.

"Niel, gib bloß nicht auf", murmelte er und strich sanft über das zerzauste Haar, tastete immer wieder nach dem Puls, als ob das etwas helfen würde. Er hatte Angst. So viel Angst wie noch nie in seinem Leben, und er fühlte sich vollkommen hilflos. Das war nichts, dass er irgendwie beeinflussen konnte. "Der Arzt ist gleich da..."

Es erschien ihm jedoch wie eine Ewigkeit, bis dieser endlich eintraf, auch wenn nur wenige Minuten vergangen sein konnten. Für einen Moment zögerte Cahal noch unentschlossen, doch es gab nichts, was er in dem Augenblick für Niel tun konnte. Also überließ er ihn der Obhut des Arztes, atmete einmal tief durch und widmete sich dann voll dem, was ihm eindeutig mehr lag.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh