Zwischen den Welten

39.

Klein und blass wirkte Niel in dem großen Bett, doch er sah schon wesentlich besser aus als noch am Vortag. Cahal saß auf der Kante, hielt die schmale Hand in seiner und streichelte sie sacht mit dem Daumen. Die Ärzte hatten ihm versichert, dass sein Geliebter nicht mehr in Lebensgefahr schwebte, sondern auf dem Weg der Besserung war, doch noch immer war er nicht aufgewacht. Der König war wesentlich schneller wieder bei Bewusstsein gewesen, noch auf dem Gelände der Villa.

Cahal seufzte leise und beugte sich vor, um Niel auf die Stirn zu küssen. Drei Tage schon lag sein Prinz hier in der östlichen Pyramide und rührte sich nicht; doch der General war dankbar, dass er überhaupt noch lebte. Es hätte auf des Messers Schneide gestanden, wie man ihm erklärt hatte, was ihm noch immer ein Gefühl bescherte, als würde ihm jemand das Herz zusammendrücken.

Man hatte befunden, dass er bei ihm sicherer wäre als im Palast oder gar einem Krankenhaus, und medizinisches Gerät konnte nicht helfen. Das was Niel brauchte, war hierher gebracht worden.

"Wach wieder auf, mein Liebling", flüsterte Cahal. "Bitte, wach wieder auf..."

Niel war in einem Nebel gefangen gewesen. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war der Anblick von seinem Vater, auf dem Boden, das Wissen, dass Kirale derjenige gewesen war, der sie verraten hatte, der die Revolution angezettelt hatte und der Niel hatte töten wollen. Von Zeit zu Zeit lichtete sich der Nebel ein wenig, und verschwommen nahm er wahr, dass Cahal mit ihm sprach, bei ihm war. So gern wollte er sich bei seinem Geliebten bedanken, wollte so gern bei ihm sein, aber er schaffte es einige Tage lang einfach nicht, auch nur die Augen zu öffnen.

Endlich eines Vormittags reagierten seine Finger wieder, reagierten seine Augenlider, und er konnte sich bewegen. Es schien, als sei das Gift endlich aus seinem Körper gewaschen worden. Er fühlte sich, als würde seine Kraft mit jedem Atemzug zu ihm zurückkehren, und als er Cahals Stimme wieder hörte, schaffte er es, seine Augen aufzuschlagen, um ihn endlich wieder anzusehen.

"Ca-hal..." Niel erschrak, seine Stimme war heiser, nur ein Flüstern, aber immerhin seine Stimme. Er hatte sie gehört, hatte Cahal ihn auch vernommen? War er wirklich wieder wach? Unsicher öffnete und schloss Niel seine Hand einige Male, die Bewegungen waren noch mühsam, anstrengend. Aber seine Sicht von dem hellen Raum wurde besser, langsam drehte er den Kopf, um Cahal anzusehen.

Freudiger Schreck durchrieselte Cahal in kleinen, prickelnden Explosionen, die ihm für einen Moment alle Kraft zu rauben schienen, als er die leise Stimme hörte, der eine schwache Bewegung der schlanken Hand folgte, die er noch immer in seiner hielt. Rasch hob er den Kopf und sah von den sich wirklich rührenden Fingern in das blasse Gesichtchen und direkt in Niels dunkle, müde Augen.

"Niel." Der Schreck verwandelte sich in überströmende Erleichterung, als Cahal die Hand an seine Lippen zog und sie küsste, ohne den Blick von seinem Geliebten zu lassen. Erst jetzt merkte er, wie viel Angst er davor gehabt hatte, dass Niel vielleicht doch nicht aufwachen würde. Sacht strich er ihm über die Wange, streichelte seine Haare. "Ich bin so froh... Wie fühlst du dich, Liebling?"

/Wie gestorben und nicht wieder aufgewacht./ Er lächelte schwach und erwiderte in Cahals Gesicht blickend "Also... bin ich am... Leben?" Seine Stimme war noch immer zu rau, zu leise.

"Das will ich doch hoffen", erwiderte Cahal schmunzelnd. "Du und auch dein Vater; Kirale wartet auf seinen Prozess." Er legte ihm die Fingerspitzen auf die Lippen, spürte eine unglaubliche Freude, als er fühlte, wie sie sich wieder zu einem winzigen Lächeln verzogen, einfach, weil Niel reagierte, weil er nicht mehr wie tot war. "Ich bin glücklich, dass du wieder unter den Lebenden weilst, mein Schatz, mehr als du dir vorstellen kannst. Aber jetzt musst du dich vor allen anderen Dingen erholen. Schlafen, essen, trinken, mehr musst du nicht tun die nächste Zeit. Ich werde zu dir kommen, so oft ich kann."

Als Niels Augen wieder zufiel, konnte er nicht anders, als sich vorzubeugen und ihn noch einmal sanft zu küssen.

"Ich liebe dich", flüsterte er und zog ihm die Decke ein wenig höher, damit er nicht auskühlte im Schlaf. Er blieb bei ihm und hielt seine Hand, wie schon all die Tage davor, bis er wieder gehen musste, weil die Pflicht rief.

 

In den nächsten Tage wurde Niel rasch stärker und fühlte sich von Tag zu Tag gesünder. Er lag in einem großen, hellen Zimmer in Cahals Pyramide. Der schwarze General war selten da, hatte sehr viel zu tun, denn er musste einige Verräter enttarnen, die Truppen neu ordnen, und er war nun die erste Hand des Königs, der zwar auch vergiftet worden war, jedoch schneller mit einem Gegengift versorgt werden konnte, zudem als Jumer gegen das Gift resistenter gewesen war als Niel.

Trotz seiner vielen Aufgaben kam Cahal täglich mehrmals zu Niel ans Bett, später zu dem Sofa, auf dem der Kronprinz lag und sich langweilte, um ihn zu besuchen, seine Hand zu halten, ihm zu erzählen, dass er mehr essen musste, dass er schon wieder weniger weiß im Gesicht war. Doch erst, als Niel schon aufstehen und allein zum Sessel gehen konnte, als er dort auch länger sitzen konnte, kam sein Vater zu ihm.

Der König war mit der strengen, hellgrünen Uniform bekleidet, dagegen kam sich Niel mit der leichten Hose und dem weichen, langen Hemd, das verdeckte, wie dünn er geworden war, viel zu inoffiziell vor. Sein Vater hinderte ihn jedoch mit einer Handbewegung am Aufstehen, und dann, als sie voreinander saßen, lächelte Aremeth Hashar.

Verwirrt starrte Niel ihn an. Sein Vater beugte sich vor, nachdem die seinen Sohn stets umgebenden Diener sich still zurückgezogen hatten und legte eine Hand auf die Schulter des Thronfolgers. "Du siehst kräftiger aus."

Niel lächelte scheu zurück. Sein Vater hatte ihn noch nie ohne Handschuhe angefasst. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Doch Aremeth ging noch weiter. Er strich Niel eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann murmelte er "Ich muss mich bei dir entschuldigen. Du hast von Kirales Niederträchtigkeit doch schon immer gewusst, und du hast mein Leben gerettet in Cahals Haus. Damit hast du auch dein Volk gerettet. Die Revolution ist nur niedergeschlagen worden, weil es dich gibt und weil du zur Erde gefahren bist."

Niel öffnete und schloss den Mund einige Male, dann fragte er doch nach. "Warum?"

Sein Vater seufzte auch, schien ein wenig ungeduldig, aber erklärte doch ungewöhnlich freundlich "Jashuun hat dich natürlich extra entkommen lassen. Er hat in seinen Träumen gesehen, dass es für alle besser ist, wenn er dich allein gehen lässt und genau in der Nacht, in der du fort warst, hat Kirale versucht, dich umzubringen."

Niel wollte etwas sagen, aber sein Vater hob seine Hand. "Das hat seine Pläne durcheinander gebracht, denn so konnte er den Code nicht bekommen und musste gute Miene zum falschen Spiel machen und mit mir nach Ajest fahren, um die Heirat vorzubereiten. Er hatte durch deinen Impuls zu verschwinden keine andere Wahl, als zu versuchen, dies auszunutzen. Er hat arrangiert, dass du für tot erklärt wurdest, dass Jashuun angeklagt wurde, und dass das Volk in Aufruhr geriet."

Aremeth betrachtete seinen Sohn einen Augenblick lang. "Es war mir nicht klar, aber während der Zeit deiner Krankheit habe ich es bemerkt. Du bist dermaßen beliebt beim Volk, dass von dir allein der größte Antrieb ausging, meine Position im Palast erneut zu stärken. Das Volk hat sich allein deinetwegen für mich entschieden, Niel. Alle Ajester sowieso, weil du so sehr bist wie sie. Die Jumer auch, weil du ihr oberster Priester bist und als ein solcher jedem von den großen Feiertagen bekannt warst und die Menschen ebenso, was mich besonders verwundert hat. Die Menschen mögen dich."

Niel bekam rote Ohren und knibbelte an seinen Fingern herum. Aber sein Vater war noch immer nicht fertig. "Und nun hast du dich entschieden, nicht? Du hast dich für Cahal entschieden, ja? Sei ehrlich. Wenn du dich nur zu ihm gewendet hast, weil du denkst, dass es in meinen Augen besser ist, dann will ich das nicht."

Helle, schmale Augen blickten ihn kühl und forschend an. Niel blinzelte einige Male, dann murmelte er "Danke, ich danke Ihnen, dass Sie mir all diese Dinge gesagt haben. Es bedeutet mir sehr viel, nicht versagt zu haben, Vater." Unsicher zupfte er an seiner Decke. Dabei bemerkte er wieder, wie dünn und spitz seine Finger aussahen. Schließlich hob er den Kopf wieder. "Was Cahal Maeldun angeht... ich..." Er zögerte und rang ein wenig um Worte, dann nickte er für sich selber einmal und erklärte fest "Ich liebe ihn, deswegen will ich mit ihm zusammen sein. Ich bewundere seine Fähigkeiten im Kampf, seinen Verstand und seinen Takt, deswegen möchte ich ihn als meinen Berater und Lehrer behalten."

Der König nickte und sagte dann leise "Gut, ich bin froh, dass es sich so entwickelt hat. Ich bin zwar ein wenig traurig, denn mein erster General hat sich als eine Enttäuschung herausgestellt und dein erster General als ein Held, aber in der Gardetruppe sind einige Jumer und Ajester, die mir fähig erscheinen. Innerhalb der nächsten Jahre wird sich schon zeigen, wem ich in Zukunft vertrauen möchte."

Aremeth stand langsam auf, dann sagte er über Niels Kopf hinweg "Danke, Cahal. Sie haben gut auf meinen Sohn geachtet, sorgen Sie auch in Zukunft für sein Wohl."

Niels Kopf fuhr hoch. Hinter der hohen Lehne hatte er nicht sehen können, dass auch Cahal im Raum war. Er errötete, weil er so frei über seinen Gefährten geredet hatte, aber sagte seinem Vater zugleich auf Wiedersehen.

"Das werde ich, Majestät." Cahal verneigte sich leicht in Richtung des Königs und schloss die Tür hinter ihm, als er den Raum verlassen hatte. /Schon allein, weil ich nicht anders kann./ Er lächelte. Ein Gefühl wie von prickelndem Sekt perlte durch seinen Körper. Es war das erste Mal, dass Niel wirklich von Gefühlen gesprochen hatte. Von Liebe...

Zudem bedeutete es ihm sehr viel, dass Aremeth Niel endlich gesagt hatte, dass er nicht nur Ballast war. Wie oft hatte er sich schon mit ihm deswegen gestritten! Und er wusste, dass er es Niel noch so oft hätte versichern können, es wog bei weitem nicht auf, dass er jetzt von seinem Vater endlich diese Anerkennung ausgesprochen bekommen hatte.

Cahal drehte sich zu seinem Geliebten um, musterte dessen rote Wangen und lachte leise auf. Mit ein paar Schritten war er bei ihm, zog ihn in die Arme und küsste ihn sacht. /Ich bin so froh! Und so stolz auf dich./

Niel hatte Tränen in den Augen. Sein Vater hatte ihm gesagt, dass das Volk ihn liebte, dass er richtig gehandelt hatte, dass er... gut war, dass ein König stolz sein konnte auf ihn. Seine Augen leuchteten Cahal entgegen, und sobald sein Geliebter bei ihm saß, schmiegte er sich in seine Arme und genoss den Kuss, genoss die Zärtlichkeiten noch viel mehr. Er wusste, dass er sich nur langsam erholen würde, aber in der Pyramide, bei Cahal, in seinen Armen fühlte er sich so wohl, dass er alle Zeit dazu brauchen wollte, die es gab.

 

Jeremis wachte mit einem leichten Kater auf und gähnte verhalten, bevor er sich zu Milan herum rollte. Die Feiern zum Lichterfest waren längst abgeklungen. Es waren die fröhlichsten und zugleich wundervollsten Tage seines Lebens gewesen.

Mace war mit Raoul und Kenny gekommen und hatte Jeremis schon das eine oder andere nicht gerade zaghafte Kompliment gemacht. Das hatte Milans hitziges Blut zum Kochen gebracht, und die folgenden Tage und vor allem Nächte waren erfüllt gewesen mit den energischen Besitzansprüchen seines Geliebten.

Milan war verdammt eifersüchtig, aber Jeremis fand gerade seine Eifersucht derart schmeichelhaft, dass er sich wie im Himmel fühlte. Milan war nicht nur leidenschaftlich, wenn er sich erst einmal entschieden hatte, er war außerdem einfallsreich, unternehmungslustig und bei all seinen Unternehmungen stets mit demselben Enthusiasmus dabei, der auch im Streit für ihn typisch war.

Insgesamt hatte Milan in Jeremis' Freunden ebenfalls Freunde gefunden, nachdem er sich an den langen Abenden mit ihnen unterhalten hatte, sich von ihnen hatte erzählen lassen. Einige hatten Milan auch Geschichten von Jeremis erzählt, so dass Jeremisí Hauptaufgabe in den Tagen nach den Feiern war, Milan die Geschichten zu erklären, die Abenteuer zu dem zu machen, was sie gewesen waren, wenn seine Freunde einmal mehr zu viel ausgeschmückt hatten.

Am vergangenen Abend waren sie dann einen Monat zusammen gewesen. Einen Monat. Eigentlich eine kurze Zeit, aber dennoch fand Jeremis den Tag für eine Feier mehr als angebracht. Nur leider hatten sie nach einem wundervollen Abendessen von Kees noch etwas getrunken, einiges getrunken.

Jeremis drehte sich weiter zu Milan um und bemerkte den Kater nun deutlicher.

Er streichelte seinem Geliebten trotz der Kopfweh über die Schultern, bevor er zu ihm unter die Decke rückte und den noch im Schlaf gefangenen Körper in seine Arme zog. Zufrieden schlief Jeremis wieder ein, das Gesicht in Milans Haare vergraben.

Milan spürte Jers Arme um sich, dessen mittlerweile vertrauten Körper an seinen geschmiegt, warmen Atem in seinem Nacken. Ein schläfriges Lächeln huschte über sein Gesicht, als er nach Jeremis' Hand auf seiner Brust tastete und sie in seine nahm. Auf diese Art aufzuwachen war wundervoll, und er genoss es jedes Mal wieder. In verspielten Mustern streichelte er Jers Unterarm mit den Fingerspitzen, spürte die kleinen Härchen darauf.

Erst als er gähnte und sich etwas streckte, bemerkte er das leicht flaue Gefühl in seinem Magen und verzog das Gesicht, nur um dann erneut zufrieden zu lächeln, als er sich an den Grund dafür erinnerte. /Einen Monat... Und ich liebe ihn mit jedem Tag mehr./

Er drehte sich in Jeremis' Armen um, betrachtete das friedliche Gesicht des anderen Mannes. Wie viel dieser ihm bedeutete, hatte er während der Feiern nur zu deutlich gemerkt, als dieser Mace Jer am laufenden Band Komplimente gemacht hatte. Milan schnaubte leise. Und das, obwohl es ja wohl offensichtlich war, dass Jeremis sich jetzt in festen Händen befand!

Er beugte sich vor und küsste ihn sanft erst auf die Wange, dann auf die Lippen. Jers glatte Haut machte ihm mal wieder deutlich bewusst, wie stachelig er jeden Morgen war. /Ich sollte auch endlich in eine Dauerrasur investieren. Das ist wirklich praktisch!/

Jeremis seufzte leise, dann schlug er die Augen auf. "Guten Morgen, mein Schatz. Hast du auch so einen Kater?"

Milan grinste und küsste Jers Nasenspitze. "Sehe ich das richtig, dass heute Morgen nichts mit dir anzufangen sein wird? Nein, mir ist nur leicht flau, aber das wird sich nach einem ordentlichen Frühstück wieder legen." Dann biss er ihn sacht in die Nase und lachte. "Ja, ja, das ist das Alter, Liebling. Du verträgst nichts mehr."

Jeremis stöhnte und raffte Milan dichter an sich heran, auch um seine Attacken abzuwehren, bevor er grummelig erwiderte "Du hast ja die letzte Flasche nicht noch geleert, sondern bist nach dem einen Glas ins Bett gefallen." Er streckte sich einen Moment lang noch, dann schlug er schon wacher vor "Lass uns doch baden, vielleicht bin ich ja danach doch noch zu etwas zu gebrauchen, hm?"

Nach einem leichten Wuscheln durch Milans Haare sprang er aus dem Bett und zog sich seinen Morgenmantel über den nackten Körper. Merkwürdig, er konnte sich gar nicht erinnern, dass er sich ausgezogen hatte, was hatte er denn noch alles vergessen?

Milan grinste und stand ebenfalls auf. "Vielleicht."

Er gab sich nicht damit ab, sich irgendetwas überzuziehen, sondern ging gleich nackt ins Badezimmer rüber, um das Wasser auf die richtige Temperatur zu stellen und in die Wanne laufen zu lassen. Währenddessen holte er das Rasierzeug aus dem Spiegelschrank und streckte dem Mann mit dem dunklen Schatten auf Wangen und Kinn, der ihm dort entgegen sah, die Zunge raus.

"Beim nächsten Besuch in der Stadt ist definitiv eine Dauerrasur fällig!", rief er ins Schlafzimmer rüber. "Oder hat ihre Lordschaft, der Herr dieses Gutes, etwas dagegen, weil er darauf steht, beim Küssen gestachelt zu werden?"

Jeremis war damit beschäftigt, seinem Geliebten auf den knackigen Hintern zu starren. /Kommt darauf an, wo er mich stachelt./ Manchmal war es ja gar nicht so übel. Er lächelte über Milans Grimassen, dann entgegnete er gähnend "Wie du dich besser fühlst, Liebling. Wenn du magst, können wir vor dem Frühjahr gern noch einmal zu Raoul und Kenny fahren. Die beiden freuen sich bestimmt über einen Besuch." Vorsichtig versenkte er sich in dem angenehmen Wasser.

Milan beendete die Rasur und wusch sich die Reste des Rasierschaums ab, ehe er neben der Wanne in die Hocke ging und sich mit den Unterarmen auf deren Rand abstützte, das Kinn auf die Hände gelehnt. Er schmunzelte. "Gerne. Jetzt ist Kenny auch nicht mehr so eifersüchtig, hm? Wo du endlich jemanden hast und keine Gefahr mehr besteht, dass du dir vielleicht doch noch Raoul schnappst."

Er betrachtete Jeremis' durch das Wasser leicht verschwommen Körper, genoss den Anblick, kehrte dann wieder zu dem Gesicht seines Geliebten zurück. Abrupt richtete er sich auf und beugte sich vor, um ihn zu küssen.

"Aber ich gebe dich nicht mehr her", sagte er leise. "Ich liebe dich von Tag zu Tag mehr." Dann lachte er. "Ob mit oder ohne Kater."

Jeremis schnappte sich seinen Geliebten und zog ihn zugleich mit einem ordentlichen Kuss zu sich in das Wasser, eine Menge davon schwappte in das Badezimmer umher, aber er lachte nur und verschlang Milan mit einem weiteren Kuss. "Und ich gebe dich nicht mehr her, mein Lieblingsweindieb!" Entschlossen umfing er den Hintern von Milan mit einer Hand und presste ihn gegen sich.

Milan erwiderte den Kuss leidenschaftlich, während sich seine Hände bereits auf eine Wanderung über Jeremis' Schultern und Rücken begaben. Jer schaffte es mit nur wenigen, aber so verdammt richtigen Berührungen immer, dass er ihn sofort wollte. Er drängte sich enger gegen ihn, als er dessen Hintern erreichte und ihn forsch mit einer Hand zu streicheln begann, die andere zwischen ihre Körper gleiten ließ, um durch das Haar auf dessen Brust zu kraulen.

Jeremis genoss die Zärtlichkeiten seines Geliebten einen Moment lang, dann wand er sich frei, auch wenn er es schade fand. Er hatte einfach einen zu großen Kater für mehr als ein wenig Zärtlichkeit. Als Entschuldigung begann er Milan die Haare zu waschen und wurde, während er sich von Milan abtrocknen und eincremen ließ, auch wach genug für ein fröhliches Gesicht.

Kees und Hame hatten schon längst gefrühstückt, aber der Halbling hatte ihnen den Erkertisch nett gedeckt, sogar mit Kerzen und Zweigen als Dekoration. Die beiden freuten sich auch um jeden Tag, den Milan mit ihnen verbrachte.

Während Milan sich noch umzog, nahm Jeremis, sich einen dicken Wollpullover über den Kopf ziehend, bereits am Tisch Platz. Er schenkte für sich und seinen Schatz schon einmal Tee ein und strich ihm ein Brötchen mit süßem Weingelee fertig.

Dann nahm er sich die Meldungen von der Woche auf und platzierte den Würfel in dem neuen Lesegerät, das Raoul ihm zu dem Lichterfest geschenkt hatte. Das erste, was Jeremis jedoch sah, als das Wappen vom Königshaus Hashar nicht mehr grüngolden in der Mitte des Sichtschirms glänzte, war das Gesicht von Niel Aremeth Hashar.

Der zierliche Thronfolger sah blass aus und mager, seine Priesterroben schienen an seinen viel zu knochigen Schultern eher herabzuhängen, aber er lächelte und seine violetten Augen schimmerten fröhlich, während er eine Frage zu seinem Befinden beantwortete.

Jeremis blinzelte erstaunt, denn auf dem Gut hatten sie nicht einmal geahnt, was so alles in Jumelaan vor sich ging. Nun, aus dem Interview, erfuhr er nebenbei, dass die Revolution von dem ersten General Kirale ausgegangen war, dass Niel von jenem vergiftet worden war, dass die Revolution nur durch den Einsatz des Kronprinzen und durch die Umsicht und das taktische Geschick des nun ersten Generals Cahal Maeldun niedergeschlagen worden war.

Verblüfft sah Jeremis zu, wie der König einige Orden an seine oberen Offiziere verteilte, die ebenfalls einen Beitrag geleistet hatten. Dann verneigten sich alle, die Nachrichtensprecherin kam ins Bildfeld, während die Königsfamilie sich im Hintergrund einzeln bei den Offizieren zu bedanken schien.

Die Sprecherin erklärte einige Dinge, aber Jeremis beachtete eigentlich nur Niel. Seine Gedanken, die bis zu dem Augenblick leicht gewesen waren, wurden ihm schwer mit einem Mal. Er begann sich ernstlich zu fragen, was nun vielleicht werden konnte, wenn Niel wieder Zeit und Freiheit hatte, um sich gar an seinen menschlichen Geliebten zu erinnern. /Nimm ihn mir nicht fort... bitte nicht... bitte, bitte.../

Doch gerade, als die Zeremonie zu Ende ging und der König zu seinem Thron zurückkehrte, um weitere Ankündigungen zu machen, bemerkte Jeremis, wie Niel Aremeth Hashar leicht strauchelte. Er fand keine Gelegenheit, sich weitere düstere Gedanken zu machen, denn in dem Augenblick, in dem Niel stolperte, war auch schon der große, stets ein wenig zu kühl und düster aussehende erste General Cahal Maeldun an seiner Seite und umfing seinen Arm mit einem sanften Griff, um ihn zu stützen.

Das Gesicht des Generals blieb weitgehend unbewegt, aber das Leuchten in Niels Augen, als er zu dem anderen aufsah, sprach für Jeremis Bände. Ein wenig beruhigter versenkte er seine Nase in die Teetasse und sah sich nach Milan um, der doch eigentlich längst die Haare getrocknet und sich angezogen haben müsste.


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