Zwischen den Welten

40.

Milan stand in der Tür und starrte auf den Bildschirm, wo jetzt von Niel und Cahal weg und zu anderen Personen umgeblendet wurde. "Oh Gott! Er sieht schrecklich aus! Wirklich wie gerade dem Tod entronnen. Wenn ich das geahnt hätte!"

Er strich sich durch die nassen Haare, schüttelte den Kopf und ging langsam zu seinem Platz. /Dann hätte ich auch nichts machen können. Immerhin hat dieser General auf ihn aufgepasst... Und er lebt noch, es scheint ihm sogar gut zu gehen./

Blicklos starrte er für einen Moment auf den Teller, ehe er dort das bereits geschmierte Brötchen bemerkte. Er musste lächeln; Jers kleine Gesten, mit denen er ihm zeigte, dass er ihn liebte, dass er sich kümmerte und sorgte, machten ihn immer wieder aufs Neue glücklich. "Danke, Schatz."

Jeremis lächelte Milan nun auch wieder erleichtert zu und senkte den Blick auf seine Tasse. Da war tatsächlich der kleine Moment der Spannung gewesen, als Milans Gesicht sich kurz verdüstert hatte. Niel Aremeth Hashar sah in der Tat schlecht aus, es wurde in dem Augenblick noch einmal von einer Sprecherin erklärt, während der kleine Prinz in seinem Thron Platz nahm. Der schwarze General blieb hinter der hohen Rückenlehne stehen, wich ihm nicht von der Seite. Mit abweisenden, düsteren Blicken wurden die umstehenden Offiziere und Sekretäre von ihm fern gehalten.

"Der Prinz war eine ganze Weile krank, haben die Sprecher gerade gesagt", bemerkte Jeremis leise und legte seine Finger über Milans Hand. Er streichelte ihn leicht mit dem Daumen. "Es scheint, als hätte der erste General Kirale ihn vergiften wollen. Schrecklich. Er war also wirklich in Gefahr gewesen."

Milan schauderte. "Natürlich war er in Gefahr! Es gab ja im Tempel schon diesen Anschlag auf ihn. Ich hoffe nur, dass das jetzt gebannt ist." Er drehte seine Hand, erwiderte Jers Zärtlichkeit, während er wieder zu dem Prinzen hinsah, seinem kleinen Elf, der so weit weg und unerreichbar war.

"Ich würde ihn gerne anrufen, mit ihm sprechen", murmelte er und musterte das kleine Gesichtchen, das so blass und eingefallen war, doch die dunklen Augen sprühten von der gleichen Lebendigkeit wie vor dem Zeitpunkt ihrer Trennung. Trotz Jeremis' Nähe spürte er einen kleinen, traurigen Stich, und eilig wandte er den Blick wieder ab und zu seinem Geliebten hin. Unwillkürlich umfasste er dessen Hand fester. "Aber dazu wird es wohl kaum eine Möglichkeit geben."

"Bestimmt. Und wenn nicht, dann werden wir uns einen Grund denken, der uns dringend in die Stadt führt. Ich würde sehr gern einmal wieder mit dir im ajester Viertel frühstücken gehen, Liebling." Jeremis' Augen suchten Milans Gesicht ab, während er sich an den Kuss im Hof erinnerte.

Der König wurde nun in Großaufnahme gezeigt. Seine schmalen Augen funkelten, sein strenges Gesicht wirkte an diesem Tag deutlich weniger humorlos, während er sich langsam erhob und nach einem kleinen Blick zu seinem Sohn erklärte "Ich will den Tag der Feiern auch dazu nutzen, eine viel größere Feier anzukündigen. Das Königshaus Hashar wird sich erneut mit dem Haus Kahaan verbinden. Ich werde die Fürstin Min Kahaan ehelichen und so neben der persönlichen Verbindung auch die Verbindung der Völker erneuern. Heute in zwei Monaten wird hier in Jumelaan die Hochzeitsfeier stattfinden, mit allen Bräuchen, die von Ajest bekannt sind. Eingeladen ist natürlich das gesamte Volk."

Über den Applaus der umgebenden Gesellschaft, im Ton typisch durch Handschuhe gedämpftes Klatschen hinweg, erklärte die aufgeregte Sprecherin nun die verwandtschaftlichen Verhältnisse zwischen Niel und Min Kahaan.

Jeremis hob eine Augenbraue, dann lächelte er. "Na, da haben wir doch einen wunderbaren Grund, um in die Stadt zu fahren. Dort gibt es eine Stelle, bei der man sich eine Audienz beim Thronfolger besorgen kann. Ich bin mir sicher, dass sie dir sofort gewährt wird, wenn du deinen Ohrring zeigst... Du hast den doch noch, oder, Milan?"

Milan nickte mit einem Lächeln. "Ja, natürlich." Er drückte Jeremis' Hand und zog sie dann kurz an seine Lippen, um sie zu küssen. "Du bist ein Engel! An die Möglichkeit hätte ich nicht mal im Traum gedacht."

Fast augenblicklich fühlte er sich besser. Er wollte wirklich gerne noch einmal mit Niel reden. Diese Beziehung mochte keine Zukunft gehabt haben, und mit Jeremis war er jetzt fast schon unanständig glücklich, würde ihn auch auf gar keinen Fall aufgeben, aber der Abschied von dem jumenischen Kronprinz war kein wirklicher gewesen. Zudem mochte er ihn noch immer sehr und würde ihn auch einfach so noch gerne treffen. Nur in wie fern es möglich war, als Mensch mit dem Prinzen freundschaftliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, war nach wie vor die Frage. Doch unversucht wollte er es nicht lassen.

Mit einem zufriedenen Ausdruck biss er von dem Brötchen ab und genoss die Süße des Gelees, ehe er Jeremis wieder ansah. Er zwinkerte ihm zu. "Und keine Sorge, mein Herz gehört ganz allein dir, mein Schatz."

Jeremis senkte den Blick mit einem Lächeln auf seinen Teller und drückte Milans Finger noch einmal, bevor er ihn in Ruhe frühstücken ließ. Er konnte ohnehin keine Worte finden für das Herzschlagen, das ihn jedes Mal erfasste, wenn Milan ihn derart liebevoll ansah.

"Ich werde Raoul schreiben, dass wir für eine Woche kommen, wenn die Feiern zur Hochzeit sind. Ich bin mir sicher, dass er Platz hat, und Kenny war ja unheimlich von dir angetan. Er war hellauf begeistert, dass der gefährliche Single Jer endlich bewacht wird und seinen Raoul nicht anfassen kann!" Jeremis lachte auf, denn die Vorstellung war einfach zu blöd. Raoul und ihn hatte nie etwas anderes als Freundschaft verbunden.

Milan fiel in das Lachen mit ein. "Und ob ich dich bewachen werde." Er zwinkerte Jeremis zu. "Niemand wird sich dir auf zwei Schritt nähern können, besonders nicht dieser Raoul, der könnte ja was von dir wollen."

Während Neckereien dieser und anderer Art frühstückten sie gemütlich, besprachen Angelegenheiten, die das Gut betrafen, und Milan freute sich, dass Jer ihn wirklich einbezog und ihn auch um seine Meinung oder um Rat fragte.

Noch immer vermisste er seine Familie und seinen besten Freund, würde das vermutlich auch immer wieder, doch mittlerweile war er hier zu Hause, und sein Schatz machte es leicht für ihn. Mit jedem Tag spürte er aufs Neue, wie sehr er ihn liebte und dass er bei ihm bleiben wollte. Für immer.

 

Milan war in Jers Arbeitszimmer mittlerweile derart heimisch, dass es schon fast mehr sein Schreibtisch als der seines Geliebten war. Er hatte sich recht schnell in den Papierkram und die Schrift eingearbeitet, und auch wenn sein Halsband inzwischen abgefallen war, trug er den Transmitter weiterhin bei sich, um seine mangelnden Sprachkenntnisse auszugleichen. Noch fühlte er sich nicht sicher genug, um alles ohne Jers Hilfe zu erledigen und ließ diesen immer alles kontrollieren, doch bald würde er ihm nicht einmal mehr diese Mühe machen müssen.

Er sah von seinen Listen hoch, als sich die Tür öffnete, und lächelte, als Jeremis das Zimmer betrat, die Wangen rot von der eisigen Winterluft, doch mit fröhlich blitzenden Augen. Milan legte den Stift beiseite und stand auf, um hinter dem Schreibtisch hervorzukommen und Jer zu begrüßen, der ihm entgegen kam. Er umarmte ihn, spürte die Kälte, die ihn noch immer umgab, roch den Duft von Schnee und Jer, ehe sie sich küssten.

"Hallo, mein Schatz." Milan zauste ihm durchs Haar. "Ist die Mauer jetzt wieder okay, oder musst du morgen deswegen noch mal raus?"

Jeremis seufzte und verdrehte die Augen. "Schrecklich ist das. Und ausgerechnet bei dem Hundewetter! Nichts gegen Schnapper natürlich. Ich muss morgen noch mal raus, aber in einer Stunde müsste dann alles fertig sein."

"Wir haben übrigens Post bekommen, vom königlichen Hof. Ein richtig altertümlicher Briefumschlag." Milan lachte. "Der Bote war ganz verwirrt, als er das Siegel sah und hat die Adresse dreimal geprüft." Ohne Jeremis loszulassen, griff er hinter sich und angelte nach dem großen Umschlag. "Ich hab's noch nicht geöffnet, er ist an uns beide adressiert."

Jeremis runzelte die Stirn und sah Milan dann auffordernd an. Innerlich betete er, dass es nicht Niel war, der Milan eine tolle Stelle anbot oder gar etwas Persönlicheres. Er ließ es sich nicht anmerken, aber seine Blicke hingen mit gemischten Gefühlen an Milans schlanken Fingern, in denen dieser den Umschlag aus schwerem Papier, mit großem Siegel abwägend drehte.

Milan spürte, wie Jer sich verspannte. Er küsste ihn sacht auf die Wange, ehe er sich in seinen Armen umdrehte, um, sich an ihn lehnend, den Brief zu öffnen. /Ich liebe dich, mein Jeremis. Und ich werde bei dir bleiben, egal, was da drin steht./

Ein wenig ungeschickt holte er den dicken Papierbogen heraus, der übersäht war mit den jumenischen Schriftzeichen. Es war Handschrift, und Milan brauchte etwas, bis er sich eingelesen hatte. Dann lachte er auf. "Einladung zur Hochzeit vom König, Niel lädt uns ein, beide. Da hätte ich mir gar keine Gedanken machen müssen, wie wir zu ihm kommen."

Jeremis starrte verblüfft auf die Schriftzeichen. Unter Milans Anleitung hatte er nun auch alle zu lesen gelernt. Wie ein Berserker hatte Milan sich das Lesen und auch Schreiben der Zeichen in den vergangenen Wochen selber beigebracht, zum Teil auch beibringen lassen von den Freunden, die zu Gast waren.

Nachdenklich betrachtete er die freundliche, aber distanzierte Formulierung der Gruß- und Abschiedsworte. Es erleichterte ihn, dass der Brief nicht von Niel persönlich zu kommen schien.

An die Einladung angeheftet waren auch noch Pässe, die Milan und Begleitung in die Räume zu der Königsfamilie lassen würden. "Na, eines ist sicher, Milan. Wir werden rechtzeitig zu Raoul fahren, allein um uns neu einzukleiden. Herrje, wir sind ja unter den obersten Gästen, die mit der Königsfamilie persönlich feiern werden. Das hätte ich mir niemals träumen lassen!"

Er betrachtete Milans Gesicht, dann zog er ihn in seine Arme und küsste ihn, bevor er leiser hinzufügte "Ich hab aber auch niemals vermutet, dass die Geräusche aus meinem Keller nicht von einem Weindieb, sondern von der Liebe meines Lebens stammten." Er küsste ihn noch einmal und fügte lachend an "Und von dem vollkommen betrunkenen Thronerben aus der Hasharfamilie!"

Milan spürte bei Jeremis' Worten ein warmes Kribbeln im Bauch, und ohne auf den Brief und die Pässe zu achten, schlang er die Arme um seinen Geliebten und küsste ihn heftig und lange, bis ihm die Luft ausging. Dann sah er ihn grinsend und außer Atem an.

"Was soll ich denn erst sagen? Ich hätte niemals vermutet, dass ich von Aliens entführt würden müsste, um die Liebe meines Lebens kennen zu lernen." Er küsste ihn wieder. "Aber mittlerweile bin ich eigentlich ganz froh darüber." Und wieder. "Richtig glücklich." Und wieder. "Ich habe nicht vor, dich jemals wieder loszulassen." Ein weiterer Kuss folgte, dann wand sich Milan aus seinen Armen. "Im übertragenen Sinne zumindest", schmunzelte er, als er die Einladung auf den Schreibtisch zurücklegte.

Jeremis lachte glücklich auf und murmelte "Und ich habe nicht vor, dich jemals wieder loszulassen."

Er ging zum Rufgerät hinüber, um seinen Freund Raoul auf den Besuch vorzubereiten.

 

Niel ließ sich auf sein breites Bett fallen, das leicht unter ihm schwankte. Ein Wasserbett, auf dem Unmengen von Seidenkissen ihn auch mal verschwinden lassen konnten. Nun wünschte er es sich fast, denn dann würden die Novizen seines Ordens, die ihm bei der Zeremonie stets halfen, ihn nicht belästigen.

Die beiden Novizen kamen jedoch gnadenlos mit den Wassern, mit den Ölen und schälten ihn nach einem indignierten Blick auf seine Lage, immer noch ausgestreckt auf dem Bett, aus den Roben heraus, um ihn dann zu waschen, einzuölen, in weiße Roben zu hüllen und hinterher mit den roséfarbenen Tüchern zu umgeben. Die Zeremonie zum Aufgang der Sonnen.

Es war schon fast soweit, die vergangene Nacht war von grausam langweiligen Gesängen angefüllt gewesen und davon abgesehen sehr einsam, weil Cahal seine neuen Rekruten ausbilden musste. Im letzten Monat waren Cahal und er nur sehr selten zusammen gewesen, meistens waren beide dann viel zu müde, um auch nur zu reden, geschweige denn andere Dinge zu unternehmen.

Schweigsam, jedoch eher zu müde zum Gehen als ausnahmsweise einmal ruhig, nahm Niel den Weg durch die Gärten auf sich, berührte Glöckchen, Finger von Priestern, führte symbolische Akte aus und versteckte sein Gähnen. Die steifen Roben hielten ihn aufrecht und daneben auch noch die Überlegungen zu der bevorstehenden Hochzeit seines Vaters.

Wieder mit demselben Haus, aus dem auch er stammte, zur Hälfte wenigstens. /Kahaan. Ich gehöre ja eigentlich nicht wirklich zu ihnen./ Die Delegation war schon eingetroffen, Tücher, Blumen, Windspiele und Musik umgab ihre Gemächer stetig. Die Fürstin war kleiner als Niel, eher rundlich, sehr fröhlich und ausgesprochen lebhaft.

Schon in der ersten Nacht hatte Aremeth seine Mühe gehabt, ihre Neugierde zu bändigen und ihren Willen, etwas zu unternehmen. Die Gruppe um die Fürstin war schon am zweiten Morgen in dem ajester Viertel verschwunden und kam erst betrunken in der Nacht zurück. Und so sollte es nun wohl weitergehen. Aremeth waren die Hände gebunden, die Ajester waren die größere Macht zwischen den beiden.

Endlich war die Zeremonie überstanden, und Niel ging mit seinen Priestern zum Gleiter, der ihn in die östliche Pyramide bringen würde. Er würde sich dort aus der Robe befreien und dann den Geruch der Öle von sich waschen, um hinterher einen Tag durchzuschlafen.

Als sie am Palastgarten vorbei flogen, blickte Niel noch einmal auf die Festzelte, die sich zwischen den kleinen Wäldchen, den Rabatten und exotischen Teichlandschaften verteilten. Auf dem größten der Teiche war eine Festinsel errichtet worden, auf der getanzt werden sollte.

Das kühle Design der Jumer vermischte sich mit dem trubeligen Flair der Ajester, die sich überall in die Dekoration der Zelte und Plätze einzumischen begannen. Niel lächelte müde und fing an, sich mit einem Mal doch auf die Feier zu freuen. /Ob Milan wohl kommt?/ Er hatte eine schöne Überraschung für seinen ehemaligen Geliebten.

Endlich in seinem Zimmer angekommen, wurde Niel sich wie üblich selbst überlassen, genau in dem Moment begannen die Drogen auch zu wirken. Er zog sich unsicher taumelnd aus und fiel in Cahals breites Bett, um nackt und quer darüber verteilt einzuschlafen, bevor er sich noch zudecken konnte.

Als Cahal die östliche Pyramide betrat, erwartete ihn schon ein Diener, um ihm mitzuteilen, dass der Prinz bereits eingetroffen war. Cahal seufzte leise, er hatte kaum Zeit, war nur hier, um ein paar Unterlagen zu holen, die sicher in seinem privaten Safe verschlossen waren. Die letzten Wochen hatten sie kaum Ruhe für sich gehabt, und er wusste, das würde noch eine ganze Weile so bleiben, zumindest, bis der König verheiratet war, und die Lücken ordentlich geschlossen waren, die durch die Verräter hinterlassen worden waren.

"Ich brauche etwa eine halbe Stunde", informierte er trotzdem seinen Fahrer. Wenigstens begrüßen wollte er seinen Geliebten und ein paar Worte mit ihm wechseln.

Doch das große, helle Wohnzimmer war leer, ebenso die Bibliothek. Als er das Schlafzimmer betrat, entdeckte er, dass Niel friedlich schlief. Ein Lächeln huschte über Cahals Gesicht, als er das entspannte, müde Gesicht betrachtete und wieder die Wärme fühlte, die der Gedanke mit sich brachte, dass sie zusammen waren. Er beugte sich über ihn und küsste sacht seine Stirn, dann deckte er ihn behutsam und sorgfältig zu.

"Ruhe dich aus", wisperte er kaum hörbar. /Vielleicht schaffe ich es ja, heute Abend ein wenig früher nach Hause zu kommen./

Mit einem letzten Blick zurück verließ er das Schlafzimmer, um sich wieder in seine Arbeit zu stürzen, nicht aber ohne den Befehl zu geben, ein ausgiebiges Essen für seinen Geliebten zuzubereiten, wenn er aufwachte.

Am Abend war er ziemlich erschöpft, doch es war ihm gelungen, einen Termin abzusagen und einen weiteren in der Hälfte der veranschlagten Zeit abzuhandeln, so dass er wesentlich früher als erwartet zurück zu Niel konnte. Er ließ die Bediensteten und den Stress hinter sich, wenn auch nicht die Müdigkeit, als er die Tür zu seinen Privaträumen hinter sich schloss.

Mit einem erleichterten Aufseufzen streifte er die Stiefel von den Füßen, entledigte sich seiner Uniformjacke und überließ sie einem Diener. Dann schlich er nahezu lautlos ins Wohnzimmer, aus dem er die leisen Stimmen irgendeiner Unterhaltungssendung oder eines Filmes hören konnte. Niel hatte sich in einem der großen Sessel zusammengerollt und sah aus halb geschlossenen Augen der Holographie eines Akrobaten zu, während er gedankenlos Schokoladenkekse aß.

Unhörbar trat Cahal hinter ihn und beugte sich dann über die Lehne, um in einem Überraschungsangriff die Arme um ihn zu schließen.

"Hallo, mein Liebling. Werde ich gar nicht mehr begrüßt, wenn ich nach Hause komme?", grinste er.

Niel fuhr herum und hatte aus Reflex nach seiner Peitsche gegriffen, die leider... oder zu Cahals Glück, nicht an der Halterung seiner leichten Hose befestigt war. "Cahal, fast hätte ich dir den Kopf abgeschlagen, tu doch so etwas nicht mit mir!"

Er rappelte sich auf und kniete sich auf den Sessel, um Cahal ausgiebig zu küssen, während er ihm quasi auf den Arm krabbelte.

"Wir haben kaum noch Zeit füreinander, wären wir doch bloß in deinem Haus geblieben", nörgelte er effektlos und grinste dann. "Ich hab in den letzten Tagen trotz der vielen Zeremonien zugenommen, bist du stolz auf mich, Liebling?"

"Wahnsinnig stolz! Und du wirst auch fleißig weiter zunehmen, hoffe ich!" Cahal lachte und streichelte Niels Rücken, der nicht mehr ganz so knochig war. "In der Villa kann jetzt dank Kirale aber niemand mehr wohnen, also keine Chance." Spielerisch zauste er ihm durchs Haar, dann hob er ihn hoch, um ihn zum Sofa zu tragen, wo sie sich nebeneinander kuscheln konnten.

"Aber ehe du mich mit der Peitsche hättest erwischen können, wärst du sie schon losgewesen", grinste er. "Meinst du wirklich, ich wäre so unvorsichtig?"

Niel grinste unbeeindruckt, während er dem General ein Klappmesser aus seiner Beintasche an die Kehle hielt, bevor er es über dessen Brust hinabgleiten ließ und dann auf den Tisch hinüber warf. "Natürlich denke ich, dass du so unvorsichtig wärst."

Lasziv folgte er mit den Fingern, dann mit den Lippen der unsichtbaren Spur, die er mit der Messerspitze nachgezogen hatte und knöpfte das Hemd seines Geliebten von oben her langsam auf, aber unterbrach sich nach der Hälfte, weil er einfach für mehr noch zu müde war. Stattdessen küsste er Cahal auf den Mund und schmiegte sich anschließend in seine Arme, um ihn lediglich zu streicheln.

Müde schloss Cahal die Augen und legte den Kopf in den Nacken, während er Niel sanft weiter streichelte. "Ich bin froh, wenn diese Hochzeit endlich vorbei ist. Nicht nur, dass uns jetzt einiges an guten Leuten fehlt, wo die Generäle weg sind und der Ersatz noch nicht wirklich eingearbeitet ist, nein, die Feier verlangt auch noch den Einsatz von doppelt so vielen Leuten zur Sicherheit des Adels und aller Gäste. Ich weiß bald nicht mehr, wo mir der Kopf steht."

Er blinzelte auf Niel herunter. "Ich habe noch einen Wunsch frei bei dir, erinnerst du dich?" Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. "Ich würde morgen gerne lange ausschlafen, dann ein paar Stunden mit dir und nur mit dir allein im Bett verbringen und ausgiebig das machen, was ich schon seit Wochen vermisse. Dann ein gutes Frühstück, ein ausgiebiges Bad, natürlich mit dir zusammen. Und wenn ich dann in den Palast komme, haben sich alle Pläne von selber erstellt. Ist das machbar, prinzliche Hoheit?"

"Wenden Sie sich an meine Protokollabteilung, Herr General", erwiderte Niel schläfrig, aber stimmte ihm innerlich deutlich zu. Ausschlafen, das war schon einmal herrlich. Dann auch noch Zeit mit Cahal allein verbringen, das entsprach seinem neusten Wunschtraum. "Bringst du mich ins Bett? Je eher ich mit dir einschlafe, desto eher werde ich neben dir aufwachen, um mich dann auf dich stürzen zu können."

Cahal knurrte ungehalten, ohne sich zu rühren. "Ich bin extra früher nach Hause gekommen, um noch etwas Zeit mit dir zu haben. Und jetzt bin ich trotzdem hundemüde, und nichts ist mehr mit mir anzufangen. Ich glaube, ich werde alt."

Dann lachte er, küsste Niels Scheitel und raffte sich auf, um seinen leichten Geliebten hochzuheben und ins Schlafzimmer zu tragen. "Das hat mich sonst nicht gestört, bis fast zum nächsten Morgen durchzuarbeiten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich einen wundervollen Schatz mein eigen nenne und mir erst jetzt auffällt, dass ich keine rechte Ruhe für ihn habe."

Er legte Niel ins Bett, küsste ihn erneut sacht, richtete sich dann aber wieder auf. "Ich will wenigstens noch mal ins Bad. Bin gleich bei dir."

Nach einer kurzen, entspannenden Dusche und einem schnellen Zähneputzen kehrte er dann auch hastig zurück, kuschelte sich zu ihm unter die Decke und schaltete das Licht aus. Er nahm ihn in den Arm, zog den noch immer viel zu schmalen Körper eng an sich.

"Gute Nacht", murmelte er leise und schloss die Augen. Nur Momente später war er auch schon eingeschlafen.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh