Zwischen den Welten

41.

Niel wachte genau so auf, wie er es sich gewünscht hatte. Die Sonne schien durch die Blätterkronen der riesenhaften Topfpflanzen umher auf das Bett und kitzelte ihn an der Nase, er war ausgeschlafen und neben ihm schlief Cahal, eine Hand lag locker noch immer auf Niels Hüfte.

Er streckte sich ein wenig, dann begann er, Cahal die verwuschelten Haare aus dem entspannten Gesicht zu streicheln, bevor er ihn sachte auf die Schläfe küsste. "Wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, dann würde ich dich jetzt mit den zarten Worte 'Guten Morgen, Prinzessin' wecken, mein Stern." Er grinste. "Da es aber so ist, wie es ist, wirst du mich bestimmt gleich erschlagen, nicht, Prinzesschen?"

Er robbte vorsichtig rückwärts von Cahal fort und begann schon über dessen verzogenen Mund zu kichern. Mit der Anrede Prinzessin konnte man den General immer so herrlich auf die Palme bringen.

Cahal rollte herum, schnappte sich seinen Geliebten und kitzelte ihn durch.

"Strafe muss sein", meinte er mit strenger Miene, doch seine blitzenden Augen straften ihn Lügen. Er genoss es, dass Niel sich lachend wand und kitzelte gnadenlos weiter, bis dieser außer Atem war. Dann zog er ihn auf sich und küsste ihn, wenn auch nur kurz, um ihn wieder zu Luft kommen zu lassen. "Guten Morgen übrigens, mein Liebling."

Niel rettete sich keuchend auf die andere Seite des Bettes und stellte seinen Pyjama richtend fest "Ich hasse dich, das ist schon einmal sicher." Doch dann krabbelte er zu Cahal zurück und schmiegte sich an ihn, bevor er leise und träge fragte "Wenn ich eine Art Dummheit begangen hätte, würdest du mich dann auch hassen?"

Cahal lachte leise und streichelte gemächlich Niels Rücken. Er fühlte sich wesentlich besser als die Tage zuvor, und so hatte er schon lange mal wieder aufwachen wollen."„Fein, dass du mich hasst. Das ist auf jeden Fall auch ein sehr heftiges Gefühl. Besser als ignoriert zu werden." Dann zog er eine Braue hoch, brachte aber nicht genug Energie auf, um den Kopf zu heben und Niel anzusehen. "Aber dass ich dich liebe, sollte dir klar sein, egal, welche Dummheiten du begehst."

"Ich habe Milan und Jeremis eine Einladung auf den Gutshof geschickt. Auf der Hochzeitsfeier wollte ich Milan dann das Ticket für den nächsten Flug zur Erde geben. Es war nicht richtig, ihn hierher zu bringen, und ich finde es nur fair, wenn wir ihm helfen, zu seiner Familie zurückzukommen." Er schlug seine Augen zu seinem Geliebten auf und fragte vorsichtig "War das schlecht?"

Cahal zog beide Brauen hoch und erwiderte Niels Blick jetzt doch. "Nein, schlecht war das nicht. Aber wenn du ihm hilfst, müsstest du allen Menschen helfen wollen. Sie sind alle auf die gleiche Art hergekommen wie dieser Milan." Er schnaubte verärgert. "Glaub mir, ich finde es gut, wenn dieser Mensch weg ist. Aber sie haben es hier gut, es hat sich bis auf ihn noch niemand beschwert. Und er ist sogar reichlich ausgelohnt worden, obwohl er nicht einen Handschlag gearbeitet hat."

Niel kaute auf einer Haarsträhne, die ihm ins Gesicht fiel herum und erklärte dann langsam "Ja, es ist schon richtig, dass andere Menschen auch so hierher kommen. Aber andere haben nicht dem Prinzen das Leben gerettet, und alle anderen haben keinerlei Erinnerung auch nur an das Wort Erde. Einzig die Auserwählten wie zum Beispiel Jeremis durften überhaupt Wissen darüber erlangen. Wir müssten Milan die Erinnerung an die Erde nehmen, dazu ist es hier aber schon wieder zu spät. Es wäre einfacher, ihm die Erinnerung an Jume wieder zu löschen. Einfacher und auch sicherer, Cahal."

"Das heißt, du gibst ihm die Rückreisekarte mit der Bedingung, alles über Jume zu vergessen? Meinst du, das wird er wollen?" Interessiert sah Cahal seinen Geliebten an. "Nicht, dass ich dagegen wäre. Beileibe nicht. Ich dachte nur, du hättest anderes vor. Auf der Erde würde man ihn ohnehin für einen Spinner halten, wenn er von Jume erzählt."

Niel seufzte und schloss die Augen. "Ich werde ihm die Entscheidung in die Hand geben. Er kann die Fähigkeiten, die er hier erworben hat, durchaus behalten, aber Jume und all seine Bewohner muss er vergessen. Anders geht es nicht. Mein Vater würde mich sonst wirklich umbringen."

Cahal zauste ihm liebevoll durch die Haare. "Dann ist es in Ordnung, und du musst dir keine trüben Gedanken darüber machen." Insgeheim hoffte er, dass der Mensch gehen würde, auch wenn er nicht mehr wirklich von ihm als Konkurrenten denken konnte. Er küsste seinen Geliebten auf die Stirn und lächelte. "Das ist einer der Gründe, warum du so beliebt bist, mein Schatz. Du machst dir immerzu Gedanken um die, die dir etwas bedeuten – nur im Gegensatz zu allen anderen des Adels bedeutet dir fast jeder was." Ein weiteres Mal küsste er ihn, dann wand er sich aus Niels Armen, um ein Frühstück zu ordern, das sie im Bett genießen würden können.

 

Der Tag der Hochzeit kam schneller als gedacht. Es war soviel zu tun gewesen, dass es für Niel beinahe unwirklich erschien, als er eines Morgens in der mehr als auffälligen ajester Galauniform verkleidet in den Palast gefahren wurde, um den Zeremonien beizuwohnen.

Bis jetzt war der Abend der Feier erstaunlich ruhig verlaufen, besonders wenn man bedachte, dass fast die Hälfte der Gäste der Hochzeitsfeier Ajester waren und ebenfalls außergewöhnlich viele Menschen eingeladen worden waren. Doch die Meldungen, die Cahal über das kleine, unauffällige Empfangsgerät in seinem Ohr bekommen hatte, waren nicht ungewöhnlich oder gar Besorgnis erregend.

Ein paar junge, leicht betrunkene Adlige hatten eine Prügelei angefangen, die aber schnell beendet worden war, eine Fürstin war in einen der zahlreichen Brunnen gefallen, man hatte ein kleines Grüppchen vermeintlicher Attentäter abgefangen und festgesetzt, nur um sie eine Stunde später wieder auf freien Fuß zu lassen, weil die angeblichen Waffen Attrappen waren, die zu der Kleidung passen sollten.

Gemächlich schlenderte er durch die Gäste, wechselte ein paar Worte mit diesem Adligen, ein paar Höflichkeitsfloskeln mit jenem Priester, lauschte auf weitere Meldungen seiner Offiziere und kämpfte sich zielsicher zurück zu Niel vor, den er nach drei Tänzen an eine ajester Dame hatte abgeben müssen, weil sowohl der Kronprinz als auch er noch andere Verpflichtungen hatten, als nur miteinander zu tanzen.

Er entdeckte ihn abseits des Haupttrubels, wo er sich offensichtlich angeregt mit einem jungen Jumer unterhielt, der an seinen Lippen zu hängen schien und der, wie Cahal fand, unangemessen nah zu dem Prinzen aufrückte.

Cahals Brauen zogen sich unmerklich ein wenig zusammen, als er dein feinen Stachel der Eifersucht spürte. Er beschleunigte seinen Schritt unmerklich, trat dann hinter Niel, um ihm besitzergreifend einen Arm um die Schultern zu legen, während er knapp zur Begrüßung nickte. "Ich habe dich schon gesucht, Niel. Deine privaten Gäste sind eingetroffen und stehen ein wenig verloren in der Nähe des Eingangs herum."

Niel versteckte ein Grinsen, bevor er sich mit einem höflichen Abschied von den Adeligen aus den kleineren umliegenden Provinzen trennte.

Leise erklärte er Cahal auf dem Weg durch die Hallen "Kein Grund zur Eifersucht, Cahal. Ich möchte dich bitten, mich mit Milan allein zu lassen." Er warf einen scharfen Blick auf einige Agenten, die sich unauffällig unter die tanzenden Ajester mischten. "Gänzlich allein. Soviel Vertrauen möchte ich schon in Anspruch nehmen können."

Er wusste, dass Cahals Sorgen meistens begründet waren, aber bei Milan wollte er mehr Privatsphäre, um die richtigen Worte finden zu können. /Es wird auch so schwer genug werden, ihm wieder gegenüber zu stehen, in seinen Augen zu sehen./ Seufzend passierte Niel den Säulengang zum Garten, dort verharrte er und bat Cahal "Kannst du Milan allein zu mir in den Wassergarten schicken? Dort werden nicht so viele Gäste sein um diese Uhrzeit."

Cahal presste kurz die Lippen zusammen, wollte verneinen und widersprechen, doch dann nickte er. Per Kommunikator gab er den kurzen Befehl, den Wassergarten zu sichern, ehe er sich wieder Niel zuwandte.

"Der letzte Anschlag liegt mir noch nicht weit genug zurück", erklärte er entschieden. "Es gärt nach wie vor, nicht alle sind glücklich, dass du überlebt hast und könnten wieder etwas versuchen. Das riskiere ich nicht." Er grinste, sah sich kurz um und wuschelte Niel durchs Haar, als er registrierte, dass sie nicht beobachtet wurden. "Auch aus persönlichen Gründen." Dann zuckte er mit den Schultern. "Ich bringe dich hin, bis dahin sind meine Leute fertig. Anschließend kann dieser Mensch zu dir; ich lasse ihn holen."

Niel seufzte, aber musste sich Cahals Bemühen um seine Sicherheit beugen und mit ihm zu den Wassergärten gehen, anstelle allein, wie er es sich eigentlich gewünscht hatte, um seine Worte zu überdenken, um sich zu beruhigen, um so zu sein, wie er es vorhatte.

Die kleinen Teiche, Brücken, versteckten Buchten und in zierlichen Booten entlang gleitenden Lichter beruhigten Niel wieder, und er konnte Cahal mit gutem Gewissen losschicken, um Milan zu ihm zu bringen, nachdem er den kleinen Wassertempel erreicht hatte.

Dort ließ er sich auf eine schmale Bank nieder, zog seine Beine an und schlang die Arme darum. Er trug die Farben der Ajester, um deren Position anzuerkennen. Das war leider ein schreiendes Orange kombiniert mit grellem Lila, das sich in ausladenden, aufregenden Mustern über seine Hosen und das knappe Oberteil ausbreiteten und ihn sich zu schrill fühlen ließ.

 

"Wirklich wohl fühle ich mich hier nicht", wisperte Milan Jeremis zu, als er sich möglichst unauffällig in dem großen Saal umsah, in den sie langsam geschlendert waren, nachdem man ihre Pässe am Eingang des Palastes und dann noch mal an dem zu den Festhallen kontrolliert hatte.

Adlige Jumer und Ajester in zum Teil sehr extravaganten, zum Teil schlichten Uniformen und Gewandungen waren überall, und er hatte nicht nur einmal das Gefühl, als würde man ihn verächtlich ansehen, auch wenn sie größtenteils ignoriert wurden. Vermutlich hielten die meisten Gäste sie schlicht für Diener.

Sein Geliebter sah in der eleganten Festkleidung sehr ungewohnt aus, und Milan konnte, obwohl er ihm darin wirklich gefiel, eindeutig sagen, dass er ihn in seinen normalen Sachen lieber mochte. Man sah auch ihm an, dass es nicht wirklich seine Welt war.

Milan hielt sich dicht bei ihm, froh, dass er überhaupt hier war, und wünschte, Niel hätte einen leuchtenden Blinkpunkt über seinem Kopf schweben, der in bunten Lettern 'Prinz hier' kund gab. Doch das war leider Utopie, und Milan wagte nicht, einen der ernsten Jumer zu fragen, die nur unter ihresgleichen zu lachen oder zu lächeln schienen. Und auch die ajester Adligen wirkten mehr mit allem anderen beschäftigt, als das sie auf zwei Menschlein geachtet hätten. Das einzig positive daran, ignoriert zu werden, war, dass man sich alles in Ruhe ansehen konnte. Zudem gab es wirklich gutes Essen.

"Milan?" Die unterkühlte Stimme des Generals, die er nicht vergessen hatte, ließ ihn sich umdrehen und in das abweisende Gesicht sehen. "Ihre Hoheit, der Kronprinz Niel Aremeth Hashar wünscht dich zu sehen."

Ohne auch nur auf eine Antwort zu warten, wandte sich der große Jumer ab, offensichtlich ganz selbstverständlich davon ausgehend, dass er ihm hinterher lief. /Höflich und zuvorkommend wie immer. Komm, Fiffi!/

Milan schnitt innerlich eine Grimasse und warf Jer einen unsicheren Blick zu, dann zuckte er mit den Schultern und seufzte.

"Bis gleich, Schatz. Treffpunkt hier, dann finde ich dich nachher wieder", murmelte er, ehe er sich beeilte, dem General zu folgen.

Er wurde in einen Park geführt, in dem Wasser die Hauptrolle zu spielen schien. Bächlein, Teiche, plätschernde Brunnen bildeten ein beruhigendes, großes Ganzes, das von kleinen Lichtern malerisch erleuchtet wurde. Die Stimmen der Hochzeitsgäste blieben zurück, und Milan fühlte sich etwas wohler, auch wenn der General ihm ein wenig unheimlich war und er sich ärgerte, dass er Jeremis allein zurücklassen musste. /Hoffentlich fühlt er sich nicht zu verloren, so ganz allein./

Der schwarzuniformierte Mann machte eine knappe Geste den Weg hinab, der sich um ein paar Büsche wand. "Hier entlang. Er erwartet dich."

"Danke", erwiderte Milan, auch wenn er sich sicher war, dass der General ihn lieber sonst wohin als zum Prinzen geführt hätte. Er folgte dem Pfad, froh, allein zu sein, ohne Adlige oder sonstige hochnäsige Jumer, während er sich gleichzeitig wahnsinnig darüber freute, Niel wiederzusehen. Mit jedem Schritt stieg die Freude – und gleichzeitig seine Nervosität – weiter an, bis er seinen kleinen Elfen auf einer leicht verborgen liegenden Bank erblickte. Fast hätte er gelacht, als er die schreiend bunte Kleidung bemerkte, in die man ihn gesteckt hatte.

"Niel?", fragte er leise und lächelte, während er sich fragte, was er ihm nur sagen sollte. /Er hat mich eingeladen, hierher zu kommen. Ich hoffe nur, dass er nicht will, dass wir... dass wir wieder zusammen kommen./

Niel fuhr herum, er hatte doch tatsächlich zu träumen angefangen. "Milan..." Merkwürdig, jetzt war er um Worte verlegen, fühlte sich unwohl in der Situation. Rasch sprang er deswegen auf und umarmte seinen ehemaligen Geliebten kurz.

"Ich freue mich, dass du der Einladung folgen konntest. Außerdem freue ich mich, dass es überhaupt möglich war, dass wir uns hier treffen. Es ist fürchterlich voll, nicht?" Er ließ sich wieder auf der Bank nieder und machte eine kleine Geste, um Milan aufzufordern, sich neben ihn zu setzen.

"Wie geht es dir? Was hast du in den letzten Wochen gemacht? Hast du die Nachrichten gesehen? Ja? Grausam, wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Kirale die Macht an sich reißen wollte!" Niel hob seine Hand vor den Mund und lachte leise. "Entschuldige, ich bestürme dich hier, ich sollte erst einmal zuhören, nicht?" Aufmerksam sah er in das hübsche Gesicht des Menschen vor ihm.

Milan musste grinsen, der kleine Jumer war so lebhaft wie eh und je, und er spürte, dass er ihn immer noch sehr gerne hatte. "Ich bin so froh zu sehen, dass es dir gut geht, Niel." Er nahm neben ihm Platz, wandte sich halb zu ihm. "Auf Jers Gut bekommt man Nachrichten irgendwie nur mit Verspätung und irgendwie auch nie vollständig mit. Ich habe mich unheimlich erschrocken, als ich gehört habe, dass du vergiftet worden bist – und war gleichzeitig erleichtert, dass es dir schon wieder gut geht. Ich habe mir wirklich gewünscht, bei dir sein zu können in der Zeit."

Er streckte die Hand aus, um Niels Haar zu zausen und hielt sich im letzten Moment zurück. Nach wie vor fand er es schwer, den Kronprinzen in dem zierlichen Mann vor sich zu sehen. Aber es war nicht fair, jetzt, wo sie nicht mehr zusammen sein würden. Wer wusste schon, wie Niel noch für ihn fühlte? "Ich hoffe, die Zeit mit deinem kühlen General war nicht zu anstrengend."

Niel senkte den Blick auf seine Finger, die nun begannen miteinander zu kämpfen. "Ich... Man hält es nicht für möglich, aber ich hab... mich tatsächlich in ihn verliebt." Er grinste. "Zum Glück hat er sich auch in mich verliebt. Es ist passiert, als wir in seinem Haus waren, niemand war umher, anscheinend hat er mich schon immer geliebt, es nur nicht gewagt, mir davon etwas zu verraten."

Schüchtern und unsicher sah er in Milans Gesicht. "Ich hoffe, dass du jetzt nicht... traurig bist, das würde ich nicht wollen, Milan." Hastig sprach er weiter, bevor Milan etwas erwidern konnte. "Ich habe mich deswegen für dich eingesetzt und habe erreicht, dass du zur Erde zurückfliegen kannst. In nur zehn Tagen!"

Milan hatte den Mund gerade aufgemacht, um etwas zu dem General zu sagen, Niel zu erklären, dass er sich keine Gedanken machen sollte, weil er selber mit Jer zusammen war, ihm zu sagen, wie sehr er sich darüber freute. Doch die Worte erstickten einfach. Ihm war mit einem Mal schwindlig, und er war froh zu sitzen, als er Niel einfach nur vollkommen fassungslos anstarrte.

"Oh mein Gott", brachte er schließlich fast tonlos hervor, dann noch mal lauter "Oh mein Gott!"

Abrupt setzte er sich auf, beugte sich vor und packte Niel, wie um sich davon zu überzeugen, dass der andere wirklich vor ihm saß. Er starrte ihm in die dunklen, großen Augen. "Niel... Meinst du das ernst? Du meinst, ich kann... Ich darf zur Erde zurück?"

Noch ehe der kleine Jumer antworten konnte, sprudelte er bereits weiter "Kann Jer mit? Würde ich meine Erinnerungen an Jume aufgeben müssen? Meinst du das wirklich ernst? Kein Scherz?"

"Ja, das meine ich ernst, Milan. Leider ist es wirklich so, dass du Jume würdest vergessen müssen. Jeremis kann leider aus dem Grund nicht mit... Hey, wieso soll Jeremis mit? Seid ihr etwa... Habt ihr etwa...?" Neugierig sah Niel den aufgeregten jungen Mann vor sich an.

Milan atmete tief durch und versuchte, seinen mit einem Mal rasenden Herzschlag zu beruhigen. /Nach Hause... Ich kann nach Hause! Gott, ich danke dir! Nach Hause! Zu Jens! Zu meiner Familie, zu... Jeremis.../ Der Gedanke ernüchterte ihn ein wenig und half ihm, sich auf Niels Frage zu konzentrieren. Er ließ den anderen los und grinste, strich sich fahrig das Haar aus dem Gesicht. "Ja, das wollte ich dir gerade sagen, als du mit dieser unglaublichen... Wir sind ein Paar. Oh Gott, ich... deswegen... Ich kann nicht einfach..."

Er erinnerte sich an das, was er Jeremis an jenem Abend gesagt hatte, als sie zusammengekommen waren. 'Aber ich würde bleiben... gerne bleiben und ohne es zu bereuen, wenn... wenn es bedeuten würde, bei dir zu bleiben.' In seinem Magen begann sich Kälte zu sammeln. /Ich liebe ihn! Ich kann nicht... kann ihn nicht allein lassen. Er liebt mich auch. Aber ich kann nach Hause zurück. Zu allen, die ich... Sie wissen nicht mal, wo ich stecke./ Die übersprudelnde Freude wandelte sich in etwas, das er nicht mal definieren konnte, aber es bereitete Schmerzen. "Niel, würdest du es einrichten können, dass Jer mit mir kommen kann?" Falls sein Geliebter das überhaupt wollte.

Niel lächelte, weil er es liebte, wie Milan sich aufregte, wie er sich freute. Er wirkte so unheimlich lebendig. Sanft umarmte er seinen ehemaligen Geliebten. "Jeremis weiß, was es kostet, wenn er für immer auf die Erde gehen will. Wie wäre es, wenn ihr das erst einmal besprecht? Ich muss gleich rüber zum Feuerwerk."

Milan nickte überwältigt und drückte Niel kurz an sich. "Du bist einfach ein Engel", sagte er leise, ehe er ihn wieder losließ. Ihm eine Möglichkeit zur Rückkehr zu geben... "Ich danke dir, danke dir so sehr." Auch wenn er beim besten Willen nicht wusste, ob er es wahrnehmen würde.

"Ich gebe euch eine Audienz mit, Milan. Warte mal." Niel fuhr sich mit den Händen an den Hosentaschen entlang, aber fand nicht den Gegenstand, den er suchte. "Cahal? Schatz? Bist du in der Nähe?"

Fast lautlos trat der General ein wenig entfernt aus der Dunkelheit der Büsche, außer Hörweite für die Lautstärke einer normalen Unterhaltung, aber nah genug, um Niels lauteren Ruf gehört zu haben. Mit wie üblich unberührter, und wie Milan fand, abweisender Miene kam er zu ihnen, würdigte den Menschen keines Blickes. "Ja?"

Niel hüpfte von der Bank herunter und tanzte beinahe schon auf ihn zu. Milan war glücklich, ob auf Jume oder auf der Erde, also konnte er es auch endlich sein. Er zwinkerte seinem Geliebten neckend zu, während er auf Cahal zulief, dann fragte er ihn leise "Ich hab dir doch diese kleinen grünen Kristall gegeben oder nicht? Mit der Audienz? Ich würde Milan gern einige Tage geben, bevor er sich entscheidet, für oder gegen den Flug zur Erde."

Cahal griff in seine Westentasche, holte das kleine Kästchen hervor, in dem sich der Kristall befand, und reichte es Niel. Er warf einen Blick zu dem Menschen, der noch immer auf der Bank saß und misstrauisch zu ihm herüber sah, dann wandte er sich wieder Niel zu. "Wie du willst. Ich werde dir nicht dazwischen reden. Aber denk dran, dass du jetzt nicht allzu viel Zeit hast. Ich warte am Eingang des Wassergartens auf dich."

Damit trat er in die Schatten zurück, für einen Moment schimmerte noch sein helles Haar in der Dunkelheit, dann war er verschwunden.

Niel kicherte leise, dann überreichte er Milan rasch das kleine Kistchen mit dem hellgrünen Kristall. "Melde dich doch einfach bei der Wache an der östlichen Pyramide. Du warst ja schon einmal dort, als sie dich zu mir gebracht haben, nicht?" Er umarmte Milan rasch und zuckte zusammen, als die ersten Kanonenschläge den Beginn des Feuerwerkes ankündigten. "Oh, oh, ich muss mich beeilen. Wenn ich zum Ende nicht auf dem Balkon bin, wenn mein Vater mit der Rede beginnt, dann habe ich verloren!“

Hastig wendete er sich von Milan ab und lief den Weg über die schmalen Brücken in Richtung des Schlosses davon. Schon bald wurde er von der Dunkelheit verschluckt.

Milan sah ihm hinterher, bewegungslos auf der Bank sitzend, und drehte das kleine Kästchen zwischen den Fingern, das seinen Weg nach Hause darstellte, wenn er sich dafür entschied. Die Audienz mit Niel, bei der er ihm sagen konnte, dass er zurück zur Erde wollte.

/Audienz... Ich brauche jetzt Audienzen, wenn ich mit meinem ehemaligen Geliebten sprechen will/, dachte er für einen winzigen Augenblick amüsiert und gleichzeitig leicht verärgert, doch seine Gedanken wanderten fast im gleichen Moment wieder zurück zu der Möglichkeit, die sich ihm so unvermittelt offenbart hatte.

"Ich kann nach Hause zurück", wisperte er. "Zurück zu Jens, zu meinen Eltern, zu meinen Freunden, zu meiner Schwester. Ich würde Jume vergessen, nichts vermissen, außer ein paar Monate in meinem Gedächtnis." Und außer der Liebe seines Lebens.

Allein daran zu denken, dass Jer nicht mehr bei ihm sein sollte, tat weh. Allein zu wissen, wie sehr dieser ihn vermissen würde, machte es nahezu unerträglich. Wie frierend schlang Milan die Arme um sich und hatte plötzlich das unstillbare Verlangen, seinen Geliebten bei sich zu haben.

Hastig stand er auf und lief schnellen Schrittes auf den Ausgang des Wassergarten zu, während er das Kästchen sorgfältig in einer Tasche verstaute. /Vielleicht... vielleicht kommt er mit?/ Doch wie sollte er das von ihm verlangen? Sollte Jer für eine unsichere Zukunft das aufgeben, was er hier hatte? Das zurücklassen, was Milan jetzt so schmerzlich vermisste? Seine Freunde, seine Familie, Raoul. Das Gut verlassen für nichts. /Und seine Erinnerung an Jume! Aber er hat doch nur diese! Es gibt sonst nichts in seinem Leben außer diese Erinnerung./ Ihm würden ein paar Wochen fehlen, Jer sein ganzes Leben. /Er musste bereits einmal vergessen!/

In dem Moment wusste er, dass ganz egal, wie er sich entscheiden würde, er dieses nicht von Jer verlangen würde. /Es gibt nur die zwei Möglichkeiten. Entweder sehe ich meine Lieben nie wieder, oder ich werde Jer verlieren und ihm weh tun. Aber immerhin weiß er, wo ich sein werde. Dass es mir gut gehen wird. Meine Eltern und Jens wissen das nicht. Sie wissen nur, dass ich verschollen bin.../

Langsam wich die Ruhe des Gartens den fröhlichen Stimmen der Feiernden, dessen angenehme Dunkelheit, die Milan fast tröstend verborgen und umfangen hatte, den hellen, bunten Lichtern des Festes. Milan war nicht mehr nach feiern, er wollte nur noch weg, in Ruhe über diese vertrackte Situation nachdenken, weg von diesen Adligen, die ihn als etwas Unwertes ansahen oder im Zweifelsfall noch als einen Diener. Weg von den Stimmen, von der hellen Fröhlichkeit. Und er wollte zu Jeremis. Wollte sich in seine Arme schmiegen, sich an ihn lehnen.

/Wenn ich ihm das erzähle, wird er selber Trost brauchen. Oh Gott, Jer, es tut mir so leid! Aber ich muss es dir sagen. Verheimlichen kann ich es nicht, bis ich zu einer Entscheidung gelangt bin. Ich will dich nicht verlassen! Ich liebe dich./ Müde stellte er fest, dass es sich ganz anders anfühlte, als er es sich vorgestellt hatte. Es tat weh, egal in welche Richtung er dachte, und er freute sich nicht wirklich darüber. Er war Niel dankbar, wirklich dankbar, dass er ihm diese Wahl geöffnet hatte, einfach, weil es ihm zeigte, dass der andere ihn noch immer mochte, dass er sich um ihn sorgte.

Und gleichzeitig wünschte er sich, sie nicht bekommen zu haben. Er hatte sich damit angefreundet, für immer hier bleiben zu müssen. /Feigling. Immerhin kannst du jetzt wirklich tun, was du möchtest. Du hast Zeit bekommen. Denke darüber nach./ Für was immer er sich entscheiden würde, es würde seine Wahl sein. Das, was er wollte. Nicht das, was ihm jemand aufgedrängt hatte. /Wenn ich mich für Jer entscheide, dann weil ich ihn liebe. Auf jeden Fall. Und wenn gegen ihn... Dann werde ich mich ohnehin nicht mehr daran erinnern./ Und dieser Gedanke war verlockend und erschreckend zugleich. /Aber ich will ihn nicht vergessen! Himmel noch mal, ich will nicht!/ Er presste die Lippen zusammen. /Ich kann nicht alles haben, so gerne ich das hätte./


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