Zwischen den Welten

43.

Milan wachte müder auf, als er eingeschlafen war. Für einen Moment war er verwirrt und spürte ein dumpfes Unwohlsein, weil Jeremis nicht neben ihm lag. Dann kam die Erinnerung in seinen schlaftrunkenen Kopf zurück, und er sank mit einem Aufstöhnen wieder in die Kissen. Das war kein Tag, um aufzustehen. Er wünschte sich, auf der Stelle wieder einzuschlafen, bis er sich an Bruchstücke seines letzten Traumes erinnerte und beschloss, dass das keine gute Idee war.

Er richtete sich auf und zog sich das Haarband aus seinem wirren Zopf, band ihn dann erneut. Kurz rieb er sich mit beiden Händen das Gesicht, um die Müdigkeit wenigstens zu einem Teil zu vertreiben und registrierte dabei, dass er immer noch nichts wegen einer Dauerrasur unternommen hatte. /Und je nachdem, für was ich mich entscheide, ist das auch vollkommen unnötig./

Der Gedanke beschwerte ihm bereits am frühen Morgen Magenkrämpfe, weswegen er ihn erst mal von sich schob. Nachdem er sich nach einem kurzen Besuch im Bad in einen Morgenmantel gehüllte hatte, machte er sich auf die Suche nach seinem Geliebten und vielleicht einer guten Tasse Schwarztees.

Jeremis war zuerst gefunden. Er saß im Sonnenschein auf dem Balkon, eine leere Kaffeetasse vor sich auf dem Tisch, starrte auf die gegenüberliegenden Dächer und sah nicht so aus, als hätte er Schlaf gefunden. Er war blass und wirkte irgendwie mehr als nur durch Müdigkeit erschöpft.

Milans Herz krampfte sich zusammen, als er den Anblick in sich aufnahm, jede Linie dieses mittlerweile so vertrauten, geliebten Gesichts mit Blicken abtastete, als wollte er es sich für die Ewigkeit einprägen. /Wenn ich gehe, werde ich ihn vergessen, egal wie sehr ich mir das Gegenteil vornehme./

Er riss sich zusammen und trat auf den Balkon. Unschlüssig blieb er stehen.

"Guten Morgen, Schatz", sagte er leise, während er sich fragte, ob Jer das angesichts dieser Unsicherheit, die mit einem Mal zwischen ihnen stand, überhaupt noch so genannt werden wollte.

Jeremis zuckte leicht zusammen. Hatte er mit offenen Augen geschlafen? Er rieb sich über das Gesicht, dann hob er den Kopf und sah Milan an. Sofort tat es wieder weh. Die hellen Augen leuchteten wie Vilasteine in dem Licht, das nun voll auf den Balkon prallte. /Vielleicht wollte er unbedingt zurück, weil er zu jemandem zurückkehren wollte. Ich nehme ihn jemandem weg.../

Energisch verdrängte Jeremis die Gedanken, die ihn schon den Morgen über gequält hatten und klopfte auf das Sesselpolster neben sich. "Guten Morgen. Ich wollte dich nicht wecken, deswegen hab ich mich raus geschlichen. Hast du dich einigermaßen erholt?"

"Halbwegs." Milan setzte sich zu ihm, zog ein Bein hoch und schlug es halb unter. "Und wie geht es dir? Hast du überhaupt geschlafen?"

Wieder zögerte er, dann legte er seine Hand auf Jeremis'. Dessen Nähe war wie immer tröstend und beruhigend, aber gleichzeitig tat sie mit einem Mal weh, weil er nicht wusste, ob Jer es wollte und ob er bleiben würde. /Mist, ich traue mich nicht mal, ihm mehr einen Guten-Morgen-Kuss zu geben!/

Er presste die Lippen zusammen, dann beugte er sich entschlossen vor und küsste seinen Geliebten dennoch kurz. "Guten Morgen erst mal."

Jeremis lächelte leicht und küsste Milan wieder.

"Guten Morgen, Liebling", murmelte er und streichelte Milan vorsichtig einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. /Er muss sich nun wirklich nicht denken, dass ich ihn ablehne oder dass ich ihn abweisend behandeln werde, nur weil die Zeit knapp wird. Er wird es vergessen, aber es sind doch dann die letzten Tage zusammen, nicht?/

Erleichtert lehnte Milan sich gegen ihn und schloss die Augen. Hier bei Jeremis in der Sonne fühlte er sich wesentlich entspannter als im dunklen Raum allein. "Okay, nein, ich bin nicht erholt und ich werde es die nächsten Tage auch nicht sein. Aber das macht nichts, damit kann ich leben. Außerdem fühle ich mich dumm, unsicher und uneins. Aber auch damit kann ich leben. Womit ich nicht leben kann, ist, dass ich nicht weiß, ... dass ich Angst habe, jetzt Fehler bei dir zu machen. Weil mit einem Mal alles in der Schwebe hängt."

Jeremis strich ihm noch einmal über die Haare, dann sagte er "Ich habe ja die gleiche Angst bei dir, Milan. Aber was du auch tust, ich kann dich verstehen. Ich kann verstehen, wenn du zu deiner Heimat zurückkehren willst." Er starrte direkt in die Sonnen, es schmerzte seine Augen, so dass sie brannten, aber er konnte den Blick nicht abwenden während er hinzufügte "Leider bin ich einfach zu lange hier gewesen, bin zu alt, um noch einmal all meine Erinnerungen zu verlieren."

Er senkte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen. "Ich hab mir fest vorgenommen, dass ich dir sage, dass ich mitkomme, dass die Erde auch für mich eine Heimat sein kann, dass es noch mehr Weinberge gibt und bestimmt auch einige auf der Erde. Aber ich bin dort gewesen. Ich war auf der Erde, und ich habe unter den Menschen gelebt; ich habe mich nicht daheim gefühlt, Milan. Es war schrecklich für mich. Es war nicht, dass ich mich nach meinem damaligen Freund gesehnt habe, es war Sehnsucht nach Jume, nach den Sonnen, nach der Luft, nach den ajester Händlern."

Er wendete sich Milan zu und betrachtete sein Gesicht. "Damals hatte ich diese Sehnsucht, obwohl ich Hame und Kees noch nicht hatte, obgleich ich mein Gut nicht hatte und meine Arbeit, meinen Platz auf dieser Welt. Ich kann nicht mitkommen, denn ich wäre dir nur im Weg."

Er stand auf und trat an das Balkongeländer. "Es tut mir so leid. Ich wünschte, dass ich freiheraus und spontan hätte jubeln und dir folgen können, aber das kann ich nicht." Müde blickte er auf seine Hände auf der Brüstung, dann wiederholte er leise "Das kann ich einfach nicht."

Jeremis' Worte trieben Milan schon wieder die Tränen in die Augen. Er stand auf und trat zu ihm, ehe er ihn von hinten umarmte und sich an ihn lehnte, den Kopf an seine Schulter legte. "Du wärst mir nicht im Weg, mein Schatz. Niemals. Aber... ich verstehe dich. Du hättest nichts außer... außer dir, und ich würde mich nicht erinnern, wer du bist, weil ich dich hier kennen gelernt habe, und du wüsstest nicht, wer ich bin. Du wüsstest einfach gar nichts, weil dein ganzes Leben nur aus Jume besteht. Ich bin nicht traurig deswegen, weil du nicht mitkommen willst oder kannst. Das ist kein Weg. Was ich mir wünsche, ist, dass ich meinen Lieben auf der Erde eine Nachricht zukommen lassen könnte, dass es mir gut geht. Oder dass ich sie besuchen könnte, um dann zu dir zurückzukommen. Doch das geht genauso wenig. Ich habe nur die Wahl, ganz zu ihnen zu gehen und alles zu vergessen oder ganz hier zu bleiben und sie niemals wiederzusehen und sie in der Ungewissheit zu lassen, was mit mir geschehen ist."

Er drückte ihn noch enger an sich und streichelte ihn. "Und ich liebe dich nur noch mehr dafür, dass du es überhaupt in Erwägung gezogen hast", flüsterte er. "Bitte, mach dir keine Vorwürfe. Wenn jemand an dieser vertrackten Situation nicht schuld ist, dann bist das du. Es ist nicht an dir, eine Antwort zu finden oder eine Lösung. Und es gibt eben nur dieses Entweder-Oder. Keinen Mittelweg. Nichts anderes..."

Dann lachte er mit einem Mal auf, auch wenn seine Wangen tränennass waren. "Noch vor ein paar Wochen hätte ich glücklich zugesagt, aber ich bin dir dankbar dafür, dass es mir heute so schwer fällt, Jeremis." Er drehte ihn zu sich um, um ihn hilflos und voller Liebe zu küssen.

"Du bist so einmalig, so besonders, und ich liebe dich so sehr... Ich will dich nicht vergessen." Er verstummte und sah ihm in die tiefen, grünen Augen, entdeckte die helleren Fleckchen darin aufs Neue. "Ich glaube nicht, dass ich dieses Gefühl vergessen kann", murmelte er. "Die Liebe zu dir... Ich glaube, es wird weh tun, und ich werde nicht wissen wieso."

Jeremis nickte leicht. "Das habe ich heute Morgen auch gedacht. Wenn man mir noch einmal mein Gedächtnis nehmen würde, ich könnte die Gefühle nicht vergessen, die mich zu dir gezogen haben, von der ersten Sekunde an. Ich könnte einfach nicht wirklich vergessen wie deine Haut sich anfühlt, deinen Geruch, wie deine Umarmung ist. Es wäre alles wie ein Nachhausekommen."

Er senkte den Kopf "Aber dennoch glaube ich, dass es mir auch mit dem Gut so gehen würde. Ich würde nirgends auf der Erde eine Heimat finden, denn überall würde ich nach dem Gut suchen. Überall würde ich den Geruch der Steppe, das Gefühl der Sonnen auf der Haut, das Rascheln meiner Rebenblätter und den schweren Boden unter meinen Füßen rasend vermissen. Genau wie ich dich rasend vermissen würde... egal ob mit oder ohne eine Erinnerung an die Dinge, die wirklich geschehen sind."

Er drehte sich langsam zu Milan um und betrachtete dessen trauriges Gesicht. "Warum nur habe ich früher immer wieder um eine Wahl gekämpft, habe immer wieder versucht, die Priester dazu zu bringen, den Menschen die Erinnerung nicht zu nehmen, ihnen einen Wahl zu geben. Wie konnte ich nur? Es ist viel grausamer, wenn man selbst verantwortlich sein muss, nicht wahr? Es tut weh, wenn man weiß, dass man die falsche Entscheidung treffen kann."

Er sah, wie Milan zusammenzuckte und legte rasch die Fingerspitzen auf dessen Lippen. "Deswegen will ich dir sagen, dass ich weiß, dass du nur die richtige Entscheidung treffen kannst. Du kannst nur gewinnen, Milan. Entscheide allein für dich. Egal wie du zu einer Lösung kommen magst, egal wie die Lösung aussieht, es wird die richtige sein. Versprich mir, dass du dich hinterher nie wieder fragst, was gewesen wäre wenn."

"Das kann ich nicht versprechen", wisperte Milan und senkte den Kopf. /Wenn ich gehe, ist es gleich, dann werde ich mich an all das hier ohnehin nicht mehr erinnern. Nur noch vermissen. Und wenn ich hier bleibe, werde ich mich mit Sicherheit hin und wieder fragen, was wäre, wenn ich gegangen wäre. Und ich werde traurig sein, weil ich nicht wüsste, wie es meinem Schwesterchen, wie es Jens oder meinen Eltern geht./

Jeremis ließ seinen Freund langsam los und warf einen Blick in die Küche, in der Raoul gerade auftauchte, um sich Kaffee zu kochen. "Komm, lass uns frühstücken, Liebling."

Milan nickte und folgte ihm nach drinnen, hinter ihm, ohne ihn zu berühren, und es tat genauso weh, als wenn er in seinem Arm gewesen wäre. 'Es ist viel grausamer, wenn man selbst verantwortlich sein muss, nicht wahr?' Das war es.

 

Die Tage schlichen mit quälender Langsamkeit vorbei und schienen im Rückblick doch gerast zu sein. Aus jedem Morgen war unvermittelt der Abend geworden, jede Nacht war plötzlich schon wieder Morgen, ohne dass Milan der Lösung auch nur einen Schritt näher gekommen wäre.

Mit jedem vergangenen Tag rückte die Stunde der Entscheidung unaufhaltsam näher, ohne dass er hätte sagen können, was er wollte, ohne dass er auch nur etwas gefunden hätte, was ihm helfen würde.

Jeremis war immer da, blass und erschöpft und doch wieder so stark und ruhig, immer für ihn da, immer bereit, ihn in den Arm zu nehmen, zu halten, zu trösten und ebenso bereit, selbst gehalten zu werden. Sie redeten viel und dann wieder gar nicht, saßen stumm beieinander oder konnten kein Ende finden.

Raoul und Kenny schlichen um sie herum, versuchten zu trösten und zu helfen und wussten doch nicht wie, denn es gab nichts, was sie wirklich hätten tun können. Die ganze Situation machte Milan regelrecht wahnsinnig, und er wusste, dass es sich erst ändern würde, wenn er eine Entscheidung getroffen hätte, in die eine oder in die andere Richtung.

/Noch zwei Tage... In zwei Tagen geht der Flug zur Erde, und ich weiß noch immer nichts!/ Blicklos starrte Milan auf die Teetasse in seinen Händen, deren Inhalt schon längst eiskalt war, ohne dass er etwas getrunken hätte.

Von unten drang Kennys leise Stimme zu ihm hoch, der mit einem Kunden verhandelte, während Raoul sich zu Jeremis auf den Balkon gesetzt hatte, um ihm zumindest zu zeigen, dass er für ihn da war, auch wenn Milan wusste, wie hilflos er sich fühlte. /Ich mache mich verrückt, und für Jer ist das ganze unendlich schlimmer. Er will mich nicht einschränken, er will mich nicht beeinflussen und kann damit noch viel weniger tun, um es für sich oder mich leichter zu machen. Himmel, womit habe ich einen Mann wie ihn überhaupt verdient? Ich bringe ihm nichts als Scherereien./

Plötzlich war die Wohnung, in der er die letzten Tage größtenteils verbracht hatte, zu eng. Kennys Stimme war zu laut, mit Jer und Raoul waren zu viele Leute hier. Milan stellte die Tasse auf den Tisch und stand auf. Hastig zog er in seine Stiefel an, warf sich eine leichte Jacke über und verließ das Haus, nachdem er Kenny ein kurzes "Bis nachher!" zugerufen hatte.

Die Luft war längst nicht kühl, aber sie kam ihm wesentlich frischer vor als in der kleinen Wohnung. Zügig schritt er voran, ohne zu wissen, wohin er überhaupt wollte und ohne, dass es ihn auch nur interessiert hätte. Hauptsache weg von dem Geschäft, weg von der düsteren Stimmung dort, weg von Jer, weil sein schlechtes Gewissen ihn immer mehr zu erdrücken drohte. /Warum erträgt er mich überhaupt?/ Ein kurzes, sarkastisches Lächeln zuckte über sein Gesicht, als er sich die Antwort gab. /Er liebt mich. So sehr, dass ich ihn jeden Tag aufs Neue verletze, weil ich ihm nicht sagen kann, dass ich bei ihm bleibe. Wenn ich nur wenigstens irgendetwas sagen könnte!/

Zum tausendsten Male ging er im Geiste durch, was für welche Lösung sprach. Jer gegen seine Familie, die Erde gegen Jume. Ein nagendes Gefühl des Vermissens gegen das Bewusstsein, dass er Jens und seine Familie nie wieder sehen würde. Jeremis, der wusste, dass er sicher zu Hause war gegen seine Familie und Jens, die nicht die geringste Ahnung hatten, was mit ihm passiert war. Die Liebe, die Jer und er für einander empfanden... und nichts auf der anderen Seite.

Erschöpft blieb er stehen, lehnte sich gegen eine weiß getünchte Wand und blickte zu dem schmalen Streifen blauen Himmels empor, der zwischen den Dächern der schmalen Gasse zu sehen war. /Egal, wie ich mich entscheide, es wird immer ein Fehler sein. Ich mache immer jemanden unglücklich, und egal, was ich tue, ich werde immer jemanden vermissen. Oh ja, es wäre so viel einfacher gewesen, wenn ich keine Wahl gehabt hätte. Aber will ich das wirklich?/

Mit einem Mal erkannte er, wo er sich befand. Direkt gegenüber lag der kleine Torbogen, der in den Hinterhof führte, in dem er und Jer sich geküsst hatten. Eine Weile starrte Milan auf den Brunnen in dessen Mitte, ohne sich auch nur zu rühren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, ehe er genügend Willen ansammeln konnte, um sich von der Wand abzustoßen und hinein zu gehen.

Es war längst nicht so heiß wie an jenem besonderen Tag vor einigen Wochen, doch als er die Augen schloss, konnte er die Sonnen wieder genauso intensiv spüren. Er konnte die Insekten hören und den Duft der Holztür in der Mittagshitze riechen. Selbst an Jers Geruch an diesem Tag konnte er sich mit einem Mal wieder erinnern.

Langsam ging er zu der Tür, hinter der sie sich versteckt hatten, ließ seine Finger sacht über das rissige Holz streichen, während er die tiefen, grünen Augen wieder vor sich sah, aus denen das Glück heraus geleuchtet hatte, das Jeremis in dem Moment empfunden hatte. Er erinnerte sich an seine eigene Atemlosigkeit und dann an das Gefühl von Jeremis' Lippen auf seinen. Dieses Gefühl von absoluter Richtigkeit in dem Kuss. Und dass sie zusammen gehörten.

Abrupt riss Milan die Augen auf, starrte auf die Rankpflanzen über der Tür und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Plötzlich wusste er, dass Jeremis recht hatte. Egal, was er tat, die Lösung würde die richtige sein. Denn für einen winzigen Moment konnte er fast greifbar spüren, dass es nur eine gab.

'Es ist viel grausamer, wenn man selbst verantwortlich sein muss, nicht wahr?' Das war es. Aber nur zum Teil. Ja, er konnte eine falsche Entscheidung treffen, aber immerhin konnte er es selber tun. Es war seine Wahl und wäre auch sein Fehler, aber er konnte sich entscheiden. Allein. Für das, was ihm wichtiger war. Selbst wenn er nur diese eine Chance hatte.

Regungslos blieb er stehen und spürte die Erleichterung, die ihn mit einem Mal durchfloss. Die Erleichterung, endlich zu wissen, was er zu tun hatte, zu wissen, wohin er gehörte, zu wissen, wo er daheim war. Und auch wenn es einen Abschied bedeutete, einen endgültigen Abschied, so wusste er doch, dass es richtig war.

Die schreckliche Anspannung der vergangenen Tage fiel von ihm ab, und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich entschlossen umdrehte, um den Hof zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Selbst wenn er vermutete, dass er später deswegen wieder Tränen vergießen würde, konnte er in dem Moment nicht traurig sein.

 

Jeremis hatte in den vergangenen Tagen unter der zermürbenden Atmosphäre zwischen Milan und ihm gelitten. Milan selber litt so sehr, dass Jeremis es sich jedoch nicht anmerken lassen wollte. Er versuchte sich vorzustellen, wie er sich mit einer solchen Wahl fühlen würde und schaffte es nicht. Alles, was er fertig brachte, war sich vorzusagen, dass er an Milans Stelle mit Sicherheit fliegen würde, den alten, knurrigen Gutsbesitzer doch auf seinem langweiligen Gut lassen, um sich mit den Freunden in der so lang vermissten, gewohnten Umgebung wieder zu amüsieren.

Er versuchte, für Milan da zu sein, ohne sich ihm dabei aufzudrängen. Die verbleibende Zeit zu genießen, war er nicht wirklich im Stande, da er sich immer wieder fragte, wieso es gerade ihm passieren musste, dass er sich verliebte, mit allem, was dazu gehörte. Dazu noch in einen wundervollen Menschen, der ihn auch zu lieben schien, und er dann trotzdem nicht glücklich werden durfte.

Am Nachmittag, zwei Tage vor der Audienz, die Niel Milan verschafft hatte, besuchte Jeremis endlich, weil er es nicht mehr aushielt und Milan anscheinend auch unterwegs war, seinen ehemaligen Geliebten, den Shaapriester Sian.

Der Shaatempel in der jumenischen Oberstadt nahe am Palast stand allen immer offen, und Jeremis wusste, wo er Sian treffen würde. Der zierliche Halbajester würde mit seinen geliebten Büchern an einer der Quellen sitzen und lesen. Wie ein Wesen nur so viel lesen konnte, war Jeremis früher ein Rätsel gewesen, bevor er Milan kannte, bevor dieser ihm abends vorlas.

Die künstlichen Quellen gluckerten wie die echten am großen Shaatempel in den Bergen und waren genauso von Orchideen umgeben. Nahe an einem Busch saß im Halbschatten ein kleiner Priester, dessen lange dunkelblonde Haare von mehreren violetten Bändern gehalten in ein Netz zusammen gesponnen wurden. Das Haar fiel über eine weiße Robe, die das Licht blendend reflektierte. Nicht so blendend wie das Lächeln, das sich sofort auf dem eckigen Gesicht zeigte, als der Priester Jeremis entdeckte. "Jer! Mein Süßer! Wie lang ist es her?!"

Jeremis lächelte und ließ sich umarmen und küssen. "Für dich ein paar Stunden, Sian, für mich bestimmt schon zehn Jahre."

Sie nahmen wieder unter dem Busch Platz, und Sian betrachtete Jeremis' Gesicht eingehend, seine Mundwinkel zuckten amüsiert, während er seine geheimen Feststellungen traf. Niemand schaffte es, so nebenbei derart wissend auszusehen, wie Sian, der Seher.

"Zehn Jahre schon? Du sieht älter aus, das ist wahr. Wie geht es dir?" Tiefviolette Augen hielten seinen Blick, drangen mit Fragen in seine Gedanken ein. Sian war indiskret und erfuhr durch seine Gaben immer mehr, als Jeremis preiszugeben bereit war. "Ah, Jer. Du hast dich mal wieder verliebt?"

Da es eh schwer war, Sian etwas zu verheimlichen und da er zu ihm gegangen war, um einen Rat zu erhalten, erzählte Jeremis so freimütig, wie er konnte, wie er Milan getroffen hatte, wie die Verwirrungen entstanden waren und in welcher Lage sein Geliebter nun steckte.

Sian spielte mit einigen Schmetterlingen, die ihn umtanzten und hörte zu. Nachdem Jeremis geendet hatte und von einem Novizen ein Glas mit Saft entgegen genommen hatte, fragte Sian "Soll ich mal in die Zukunft träumen für dich? Was erwartest du denn nun von mir, Jer?"

Jeremis seufzte und betrachtete die schlanken Hände seines ehemaligen Geliebten und Auftraggebers. Auf Sians Order hin war er damals auf der Erde gewesen. Nur für ihn und seinen Wissensdurst hatte Jeremis die Reise unternommen. "Du bist ein Seher, was siehst du denn?"

"Ich sehe, dass Niel Aremeth Hashar sich wieder einmal zu wenig überlegt hat, was er einem Menschen für eine Entscheidung in die Hand legt."

"Sei nicht arrogant!"

Sian kicherte. "Aber, aber, mein Süßer. Ich doch nicht. Es ist die Wahrheit. Niel denkt selten, bevor er handelt. Ein ajester Benehmenszug, dessen Abwesenheit bei mir ich gewiss nicht beklage."

"Was siehst du für mich, verdammt! Du siehst was, das weiß ich, und ich will wissen, was das ist."

Sian verzog den Mund zu einer spöttischen Geste der Überheblichkeit, typisch für ihn. Mal wieder wollte er Jeremis reizen, was ihm natürlich auch gelang. "Deine Entscheidung wird falsch sein, Jer. Das sehe ich. Lass ihn entscheiden. Wie heißt er denn? Es ist ein Mensch mit Vilaaugen, mehr kann ich nicht sehen. Du hast ihm einen besonderen Platz in dir eingeräumt, einen Platz, in den ich nicht eindringen kann."

Es erfüllte Jeremis mit Zufriedenheit, dass Sian nicht zu seinen Gefühlen für Milan vordringen konnte. Dennoch knurrte er abweisend "Milan, er hat Vilaaugen, das ist wahr. Er ist auch sonst sehr..."

"Hm... dunkelhaarig und so schlank und", Sian grinste, "leidenschaftlich, nicht wahr?"

Jeremis stand auf und fuhr ihn ungehalten an "Betrüger! Du wolltest doch nur, dass ich an ihn denke!"

Sian lachte leise auf, dann erhob er sich und stellte sich auf die Zehenspitzen. "Aber, aber, entschuldige meine Neugierde, Jeremis. Ich wünsche dir ein wunderschönes Leben." Er küsste ihn sachte auf den Mundwinkel. "Bis zu deinem nächsten Besuch? Wirst du wieder zehn Jahre vergehen lassen, Süßer?"

"Nein, nein. Ich werde... Ach herrje! Entschuldige, Sian! Ich hab deinen Geburtstag vergessen, war es dreitausend?"

Sian lachte verlegen. "Nein, es war zweitausend, aber ich danke dir dennoch. Süß von dir, dass du daran gedacht hast. Grüß mir deinen vilaäugigen, leidenschaftlichen Freund." Mit einem Zwinkern verbeugte er sich traditionell, und Jeremis machte es ihm nach, bevor er seltsam ruhig die Palastgärten verließ.

 

Als Milan das kleine Geschäft von Raoul und Kenny erreichte, war er frisch rasiert und hatte seine Haare um ein gutes Stück einkürzen lassen, was ohnehin mal wieder fällig gewesen war. Er trug ein neues, farbenfrohes Oberteil, das er sich spontan in einem ajester Laden gekauft hatte, während sich sein altes Hemd den Platz in einer bunten Einkaufstasche mit einer großen Flasche des teuersten Sekts teilte. Er wusste, wie sehr sein Schatz sowohl diese Sorte als auch diesen Jahrgang liebte, und in dem Augenblick war ihm der Preis vollkommen egal gewesen.

Als er eintrat, konnte er Kenny durch die geöffnete Tür im hinteren Bereich des Ladens sehen, wie er sich über seine Nähmaschine beugte, während Raoul ihn kaum bemerkte, so sehr forderten ihn seine beiden Kunden, zwei Ajesterinnen, die nicht nur seine Stoffe, sondern offensichtlich auch ihn sehr bemerkenswert fanden.

Milan grinste und verschwand möglichst unauffällig nach oben. Während er die Tür hinter sich schloss, stellte er seine Tasche ab und zog seine Stiefel aus. Leise betrat er das Wohnzimmer und entdeckte Jeremis dort, wo er ihn erwartet hatte. Sein Geliebter saß wie so oft in letzter Zeit auf dem Balkon, doch dieses Mal brütete er nicht mit düsterer Miene. Sein Gesicht war entspannt, auch wenn man ihm nach wie vor die dunklen Gedanken ansah, die ihn seit Tagen plagten. Aber die Müdigkeit der vergangenen Tage hatte ihn offensichtlich eingeholt, und er wirkte regelrecht friedlich in dem Moment.

Milan lächelte, spürte die warme, überwältigende Welle an Liebe, die ihn bei dem Anblick überflutete und die ihn sich sehnlichst wünschen ließ, dass Jer ihn jetzt sofort in den Arm nehmen und ihn küssen würde. /Wie habe ich nur jemals zweifeln können, was das Richtige ist?/ Trotzdem überlegte er, ob er ihn schlafen lassen sollte. Doch als er den Balkon betrat, regte sich Jeremis wieder, und so schlang er seine Arme von hinten um ihn.

"Hallo, mein Liebster", flüsterte er ihm ins Ohr und küsste ihn sacht auf den Hals.

Jeremis zuckte zusammen. Nach dem Besuch im Tempel hatte er eigentlich mit Milan reden wollen, aber nun schien er eingeschlafen zu sein. Nach dem Stand der Sonnen war es bereits später Nachmittag. Gähnend streckte er sich, dann sah er zu Milan auf und murmelte "Hallo, mein Herz. Warst du.... oh, beim Friseur?"

Milan lachte und nickte. "Ja, die Spitzen mussten mal wieder runter. Außerdem", er strich sich über die glatten Wangen, "habe ich etwas erledigt, was ich ohnehin schon länger machen lassen wollte. Stoppelbart steht mir nicht, und du hast nicht laut genug protestiert, als ich gefragt habe." Übermütig packte er Jeremis an den Händen und zog ihn auf die Beine, um ihn dann zu umarmen und zu küssen und ins Wohnzimmer zu führen.

"Ich habe dir etwas mitgebracht." Er lächelte und löste sich von ihm, um noch einmal in den Flur zu verschwinden und mit der in ihren hübschen Karton verpackten Sektflasche wiederzukommen. "Hier, den magst du doch so gerne."

Jeremis machte große Augen, dann nickte er leicht. "Ja, den mag ich schon...", rasch lehnte er sich vor und zog Milan zu sich auf den Sessel, "aber nicht so sehr wie dich! Danke, mein Liebling!" Überschwänglicher als er sich fühlte, küsste Jeremis Milan auf die weichen Wangen. "Hm, du riechst lecker und so nett rasiert ist er auch." Jeremis küsste eine Spur über Milans Wangen zu seinem Hals hinunter und genoss es, seinen Freund zu spüren, so warm, lebendig, dicht bei ihm.

Milan seufzte leise auf und schloss für einen Moment die Augen, spürte Jeremis' zarten, liebevollen Berührungen nach, die jedes Mal aufs Neue dieses atemberaubende Prickeln in ihm hervorriefen.

"Jer, mein Schatz", murmelte er und legte den Karton neben sich ab, um die Arme um ihn zu schlingen. Er hatte sich überlegt, wie er es ihm sagen wollte, doch all die schönen Worte waren vergessen. "Ich habe sie gekauft, weil ich dachte, dass es ein angemessenes Tröpfchen für den Anlass ist, weißt du? Ich habe mich entschieden. Ich werde bleiben. Bei dir bleiben. Ich liebe dich so sehr... mehr als alles andere."

Jeremis erstarrte und war sprachlos. Sian hatte Recht gehabt. Sein Glück hing davon ab, dass er Milan zuerst reden ließ, und das hatte dieser nun getan, und mit seinen leise gesprochenen Worten Jeremis' Leben gerettet. Jeremis konnte nicht mit Worten antworten, aber umarmte Milan statt dessen deutlich fester, presste ihn regelrecht an sich. Von dem Glücksgefühl überwältigt, das ihn überrollte, schloss er die Augen und vergrub sein Gesicht an Milans Schulter. /Danke... dankedankedanke.../ In einer Endlosschleife dachte er nur immer wieder das eine Wort.

Endlich hatte er sich wieder gefasst und sah Milan ins Gesicht. "Danke... das... Wollen wir das jetzt sofort feiern? Irgendwie bin ich gerade zu... erschöpft dazu." Erschrocken senkte er den Kopf und dachte /Na toll, kaum entscheidet er sich, schon bist du langweiliger als je zuvor! Idiot!/

"Nein, vergiss es, lass uns gleich feiern, Schatz!", rief er deswegen hastig und versuchte, sich aufzusetzen, was mit Milan auf dem Schoß nicht so leicht war.

Milan lachte. Er konnte nicht anders, als er den erschrockenen Ausdruck in Jers Gesicht sah; er musste einfach laut lachen. Laut und glücklich und so erleichtert wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Seine Hände zausten durch das kräftige, wirre Haar seines Geliebten, dann zog er dessen Gesicht zu sich und küsste ihn, noch immer kichernd, bis er verstummte, um ihn fast zu verschlingen. Jeremis' Geschmack war noch köstlicher als sonst, jetzt wo er wusste, dass er bei ihm blieb, wo er ihn fast durch seine dumme Unentschlossenheit verloren hätte. Und er küsste ihn, bis er keine Luft mehr hatte.

Atemlos löste er sich dann von ihm und sah lächelnd auf ihn hinab, in seine wunderschönen grünen Augen, die nur für ihn leuchteten.

"Ich liebe dich", wiederholte er, konnte es ihm gar nicht oft genug versichern. "Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um zu erkennen wie sehr." Wieder küsste er ihn kurz und zart auf die Lippen. "Ich bin nicht böse, wenn du müde bist. Ich bin ja daran Schuld. Mir reicht es, wenn ich heute einfach nur bei dir sein kann, in deinen Armen, und spüren, dass du da bist."

Erleichtert grinste Jeremis, dann gab er zu "Ich hab schlecht geschlafen in den vergangenen Nächten. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Zeit mit dir verschwende, verpasse, wenn ich mich schlafen lege." Er betrachtete Milans freudiges Gesicht, dann streichelte er ihm rasch über die Haare und Wange, bevor er ihn wieder an sich zog. "Ich freue mich so sehr, dass ich... es nicht beschreiben kann, Liebling."

Jeremis und Milan wurden allerdings gleich darauf von Raoul und Kenny unterbrochen, weil diese, nachdem der Laden geschlossen worden war, ebenfalls nach oben kamen und sogleich in Kenntnis gesetzt wurden, dass Milan nun wirklich ein Jumer geworden war. Jeremis und Milan mussten daraufhin natürlich eines der spontanen Freudenfeste mit Freunden und Nachbarn über sich ergehen lassen, die für das ajester Viertel von Jumelaan typischerweise auf dem großen Balkon abgehalten wurden.

Schon bald, noch während die fröhliche Gesellschaft auf die beiden anstieß und sich auf Kosten von Raoul und Jeremis betrank, die natürlich etwas ausgeben mussten, schlich Jeremis sich in das Schlafzimmer. Er zog sich leise und schnell um und warf sich erschöpft, aber unendlich glücklich auf das Bett, um dort auf Milan zu warten, der sich noch alle möglichen Ratschläge zum Zusammenleben mit dem knurrigen und übervorsichtigen Jeremis anhören musste.

Endlich gelang es jedoch auch Milan, sich loszueisen und ins Schlafzimmer zu seinem Schatz zu verschwinden. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er bemerkte, dass Jer sich zu ihm umdrehte, um ihn anzusehen. Offensichtlich hatte er auf ihn gewartet. Rasch schlüpfte Milan aus seiner Kleidung und in seinen Schlafanzug, ehe er zu Jeremis unter die Decke kroch, die dieser bereitwillig für ihn anhob.

Milan schmiegte sich an den warmen Körper seines Geliebten, der ihn noch enger an sich zog und ihm einen sanften Gute-Nacht-Kuss gab. Zu mehr waren sie beide an diesem Abend nicht mehr in der Lage, aber es war genug. Noch immer umspielte das Lächeln Milans Gesicht, als er müde und leicht betrunken, aber glücklich einschlief.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh