Zwischen den Welten

44.

Milan und Jeremis schliefen bis fast in die Mitte des nächstens Tages, den sie mit viel Zärtlichkeit und einem ausgedehnten Liebesspiel willkommen hießen, ehe sie sich endlich dazu aufrafften, aufzustehen. Milan fühlte sich einfach wundervoll, und Jeremis schien es nicht anders zu gehen. Seine Augen strahlten mit jedem Blick, den er ihm zuwarf, er lachte über jeden noch so dummen Scherz, den Milan machte, und dieser fühlte sich trunken vor Glück, weil die dunklen Wolken, die über ihrer Beziehung geschwebt hatten, endlich verschwunden waren, weil Jer bei ihm war, weil er bei ihm bleiben würde. Jeremis, die Liebe seines Lebens. Der Tag verging in diesem Taumel der Gefühle viel zu schnell, auch wenn sie bis tief in die Nacht aufblieben, um ein weiteres Mal mit Raoul und Kenny zu feiern.

Als am nächsten Morgen der Wecker in aller Frühe klingelte, bemerkte Milan knurrig, dass es keine gute Idee gewesen war, bis zum Verblassen der Sterne wach zu bleiben. Er zog sich das Kissen über den Kopf und versuchte, das Schrillen hartnäckig zu ignorieren, bis Jeremis ihm lachend die Decke wegzog. In Anbetracht der Tatsache, dass die Audienz bei Niel am frühen Vormittag war, fügte sich Milan murrend, aber widerstandslos in sein grausames Schicksal.

Als sie jedoch vor dem Palast standen, hatte er die Müdigkeit vollkommen abgeschüttelt. Stattdessen fühlte er leichte Nervosität in sich aufsteigen, die auch Jeremis' Gegenwart nicht allzu sehr mindern konnte. Sie hatten beschlossen, Niel gemeinsam zu erklären, dass Milan nicht auf dieses Angebot eingehen würde und vor allen Dingen warum nicht. Ein Diener mit steinerner Miene prüfte ihre Berechtigung zu dieser Audienz und führte sie dann durch den Prunk und den Reichtum des Schlosses bis in einen kleinen Salon, in dem sie warten sollten.

/Niel wird es verstehen, das weiß ich. Warum bin ich dann so nervös?/ Milan starrte auf das Bild einer Jagdgesellschaft, das über einem großen Kamin hing, um sich dann wieder abzuwenden und zum gegenüber liegenden Fenster zu laufen und hinaus zu sehen. In seinem Magen schienen sich lauter kleine Knoten zu bilden, die sich immer enger zusammen zogen. /Vielleicht, weil es dann endgültig ist. Weil ich dann endgültig keinen Weg mehr nach Hause habe./

Er drehte sich zu Jeremis um, der nach wie vor in seinem feinen Anzug wirkte, als würde er sich nicht übermäßig wohl darin fühlen und lieber auf der Stelle wieder seine Arbeitshosen und eines der robusten Hemden anziehen. Ein Schmunzeln huschte über Milans Gesicht und ließ ihn zumindest ein wenig ruhiger werden. Er trat zu seinem Geliebten, legte ihm die Hände auf die Hüften und zog ihn ein wenig näher, um ihn kurz zu küssen. "Du siehst aus, als wärst du lieber wieder zu Hause."

Jeremis lächelte seinem Schatz ein wenig müde ins Gesicht, aber dann beugte er sich dichter zu ihm und flüsterte "Ja, ich wünschte nun wirklich, dass wir nach Hause fahren könnten, wo ich dich für mich habe. Wir haben viel zu viel mit anderen gefeiert, viel zu wenig miteinander." Er wollte Milan gerade noch einmal küssen, als ein steifer Offizier auf sie zutrat und sie harsch um erneute Vorlage ihrer Audienz bat.

Nachdem Milan ihm den Kristall ausgehändigt hatte, wurden sie durch einige helle, irgendwie kühl abweisende Gänge geführt, bis sie an den Rand der Pyramide kamen, wo ein komplett verglaster Raum voller Pflanzen und Brunnen sich auftat.

Beeindruckt betrachtete Jeremis das ausgefeilte Bewässerungssystem, dank dem die Orchideen und Palmen ausgezeichnet wuchsen. Dann fiel sein Blick auf eine Sitzgruppe in der Nähe einer Quelle, und er verschloss seufzend sein Gesicht.

Dort saß der kleine Kronprinz, mit der für ihn typischen Kleidung nur mangelhaft bedeckt und unterschrieb eher gelangweilt verschiedene Verträge, die ihm von einem humorlosen Jumer vorgelegt wurden.

Niel hob nach der letzten Unterschrift den Kopf und bemerkte Milan und Jeremis, die für Menschen typisch schüchtern zwischen einige Pflanzen auf dem Weg aus hellen Steinplatten standen. Sie hatten beide ihre besten Anzüge an und wirkten so hilflos auf eine Art, dass es Niel schon wieder leid tat, dass er auf eine derart formelle Art mit ihnen treffen musste. "Milan! Jeremis! Kommt näher! Kommt schon! Was möchtet ihr trinken?!"

"Hallo Niel." Milan zögerte einen Moment, dann lächelte er und ging direkt zu dem kleinen Jumer, der ihm entgegen kam, um ihn kurz zu umarmen. Sie waren so intim gewesen, wie man nur sein konnte, hatten eine Menge geteilt und eine Menge miteinander durchgemacht. Zwar kostete es ihn dank der formellen Umgebung einige Überwindung, aber sein Trotz wie er sich eingestand half ihm, das beiseite zu schieben.

"Ist ja mittlerweile wirklich ein Akt, wenn man dich mal sprechen will", sagte er und grinste. "Einfach Tee wäre nicht schlecht."

Niel kicherte und sprang auf, um nach einem Diener zu klingeln. "Wenn man mich nicht zufällig im Dschungel aufliest nicht, da hast du Recht."

Jeremis hielt sich zurück, schien unsicher zu sein, dann riss er sich zusammen und trat einen Schritt auf sie zu, um zu fragen "Kann ich mir wohl die Bewässerungsanlage einmal genauer ansehen, Prinz Hashar?"

Niel nickte eifrig und bat den herbeigeeilten Diener "Bring noch eine Kanne Tee für mich und meine Gäste und sag einem Gärtner, dass sich einer meiner Gäste für die Bewässerungsanlage interessiert." Der Diener verbeugte sich wohltrainiert und entschwand über die verwirrenden Wege in den künstlichen Urwald hinein.

Noch bevor sich Niel und Milan an den zierlichen Tisch hatten setzen können, kam ein Gärtner mit seinem Gehilfen auf sie zugelaufen. Jeremis entschuldigte sich rasch und folgte den beiden. Zwar war es auch ein Vorwand gewesen, um Milan ein wenig Zeit allein zu geben, aber er hatte dabei wirklich ein gewisses Interesse für die Schlauchsysteme, mit denen das Wasser in der Glaskuppel bis zu den hochgelegenen Orchideenbeeten gelangte.

Während er fortging, hörte er noch Niels helle, aufgeregte Stimme "Es tut mir leid, dass ich dir so schrecklich viele Umstände bereiten muss, Milan. Aber..."

Niel betrachtete seinen süßen Menschen seufzend, dann beendete er seinen Satz leiser "Es ist schwieriger für mich geworden, überhaupt ein wenig freie Zeit zu haben. Seit herausgekommen ist, dass jemand mich wirklich hat umbringen wollen, habe ich nicht nur Cahal auf dem Hals, der wie eine Glucke über mich wacht, sondern auch ständig zwei bis drei Offiziere der ajester Spezialeinheit. Die sind so leise und schnell, dass wir sie vermutlich nicht einmal in unserem Bett bemerken würden. Schrecklich ist das. " Er sah sich zwischen den Pflanzen um. "Hier sind sie bestimmt auch... irgendwo..."

Milan, der ein wenig verärgert Jeremis nachgesehen hatte, drehte sich wieder zu Niel um. /Warum ist er überhaupt mitgekommen? Wenn er irgendwo zwischen den Bäumen rumturnt, hätte er ebenso gut bei Raoul bleiben können./

"Das ist wirklich schade, ich würde dich gerne öfter sehen. Aber das ist wohl nicht möglich, bei einem begehrten Prinzen wie dir." Er lachte und beugte sich vor, um Niel ganz unstandesgemäß durch die Haare zu wuscheln, beschließend, dass er sich von der unsichtbaren Gegenwart irgendwelcher Wachhunde nicht einschüchtern lassen würde. Wenn Niel etwas nicht passte, konnte er das selber sagen. Zudem machte der kleine Jumer es ihm heute wirklich einfach, nicht den Prinzen in ihm zu sehen, sondern einen Freund. Er trug keine Galauniform und benahm sich auch nicht sehr hoheitsvoll. "Aber es ist gut, wenn sie auf dich aufpassen. Als ich dich im Fernsehen gesehen habe, bin ich wirklich erschrocken. So mager und blass wie du warst!" Kritisch beäugte er ihn, um dann zu grinsen. "Jetzt ist es wieder deutlich besser. Dein General passt gut auf dich auf. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut."

Niel spürte, wie seine Wangen sich ein wenig erhitzten, dann begannen seine Ohren ein wenig zu wackeln, während er sich auf dem Sessel zusammenrollte. "Ja... ich bin..." Seine Finger begannen mit den Ponyfransen zu spielen, dann atmete er aus und gab zu "... glücklich, weil ich mich komplett in ihn verliebt habe." Er hob die Finger an den Mund und fügte an "Dich hatte ich auch sehr lieb! Es ist mit ihm etwas anderes als mit dir. Er ist viel weniger... verspielt."

Niel grübelte und fand, dass es noch nicht die richtige Umschreibung war, aber wusste keine bessere Möglichkeit, die ernsthaften Gefühle zu beschreiben, die ihn mitunter überkamen, wenn er in Cahals Gesicht blickte.

Milan lächelte und sah sich nach Jeremis um, der jedoch irgendwo zwischen den Pflanzen verschwunden war.

"Ich verstehe", gestand er und strich sich ein paar Strähnen hinter die Ohren, eine fast verlegene Geste. "Geht mir ja irgendwie genauso. Ich liebe Jeremis. Vollkommen und ganz und gar."

Erleichtert machte er eine Pause, als der Diener mit dem Tee zurückkehrte und die Gedecke verteilte, dann einschenkte und wieder verschwand. Milan löffelte gleich drei Portionen Zucker in die kleine Tasse, auch wenn er noch gar nicht probiert hatte, ob er ihn lieber so trinken wollte, rührte umständlich um und sah dann wieder mit einem Seufzen und einem Schulterzucken auf. "Um direkt zur Sache zu kommen... Ich danke dir für dein Angebot mit dem Rückflug zur Erde, ich weiß es wirklich zu schätzen, und ich bin dir sehr, sehr dankbar deswegen. Aber... na ja, langer Rede kurzer Sinn... Ich habe mich dazu entschlossen, hier zu bleiben. Ich liebe ihn einfach zu sehr, um zu gehen."

Niel blinzelte einige Male, dann klatscht er in die Hände und sprang freudestrahlend auf. "Oh... Das ist ja so wundervoll, Milan!" Sofort umarmte er den hübschen Menschen fest, um dann noch einmal auszurufen "Wunderbar! Ich hatte mir schon solche Vorwürfe gemacht, weil ich dir diese Wahl gegeben hatte, obwohl ich hätte wissen müssen, dass du mit Jeremis glücklich bist! Aber wenn du sogar über diese Prüfung hinaus glücklich bist, dann fühle ich mich jetzt auch wieder gut."

Milan lachte und nickte, erwiderte die Umarmung kurz, aber herzlich. "Oh ja, das bin ich." Und zwar mehr, als er beschreiben konnte. Er hatte die Wahl gehabt, sie getroffen und war mit dem Ergebnis wirklich zufrieden, zudem um so mehr, wenn er auch noch Niel damit eine Freude machte.

Dieser stand noch immer dicht vor Milan, aber wich sogleich zurück, als Jeremis sich von den Gärtnern verabschiedend wieder zu ihnen trat. Der ruhige Gutsbesitzer legte seine Hand auf Milans Schulter, während er um dessen Stuhl herumging, um sich dann dicht neben ihn zu setzen.

Milans Ärger war schon längst wieder verflogen, er griff nach Jeremis' Hand und ließ sie auch nicht los, als sein Freund sie von seiner Schulter zog. Sie waren zusammen, sie gehörten zusammen, und just in diesem Moment wollte er das spüren.

Niel lächelte und nickte für sich, während er, nun ganz der Gastgeber in seinem Palast, die eher unpassende Aufgabe übernahm, Jeremis auch einen Tee einzuschenken. "Ich wünsche euch alles nur erdenklich Gute, ihr zwei! Ich will, dass wir uns recht oft wiedertreffen, wäre das in Ordnung? Ja? Könntet ihr nicht ab und zu mal vorbeikommen? Ich weiß, dass Jeremis nicht selten noch im Shaatempel ist."

Jeremis' Kopf flog hoch, und er bedachte den kleinen Prinzen mit einem eisigen Blick, der jedoch mit einem Zwinkern beantwortet wurde. "Ihr habt uns beobachtet, Prinz?"

Er unterdrückte einige härtere Ausdrücke, denn es hätte ihm klar sein müssen, dass Niel Aremeth Hashar alles über ihn wusste, über ihn und über Milan und darüber, was sie verband, aber auch darüber, was sie trennte. Resigniert senkte er den Kopf und starrte in seinen Tee. Er würde Milan von Sian erzählen, hätte es auch so getan, aber zu seiner Zeit. Mal wieder war der Prinz so hastig gewesen.

Niel nickte leichthin und trank einige Schlucke von seinem Tee. Oh ja, das hatte er. Er hatte sich seiner Spione bedient, um sicher zu stellen, dass es Milan gut ging, um sicher zu gehen, dass Milan die richtige Entscheidung treffen würde. Doch die Spione konnten ihm keine andere Information liefern, als dass Jeremis und Milan sich sehr offensichtlich zu lieben schienen. Es gab wirklich keinen Hinweis auf Streit, keinen Moment der Unruhe, die Seher konnten nichts fühlen, das in irgendeiner Art Schlechtes verriet, und so hatte Niel schon beschlossen, dass er sie zusammenbleiben lassen würde, auf jeden Fall. Egal, wie die Entscheidung Milans gewesen wäre. "Ich freue mich, dass ihr beide hier bleiben wollte. Habt ihr Pläne? Kann ich euch anders weiterhelfen?"

Milan, der unwillkommenerweise den brennenden Stich der Eifersucht gespürt hatte, als Niel den Tempel erwähnt und Jeremis so darauf reagiert hatte, schüttelte den Kopf. /Jer wird es erklären. Er ist nun wirklich nicht der Mann für heimliche Liebschaften. Er ist viel zu ehrlich dafür./ Kurz drückte er Jeremis' Hand und kämpfte die Eifersucht zumindest für den Augenblick nieder.

"Wir haben den wirklich guten Plan, in ein paar Tagen nach Hause zurück zu fahren und dort noch mal ausgiebig und nur zu zweit unser Zusammensein zu feiern", erklärte er mit einem Schmunzeln. /Zu Hause... Ja, das bin ich auf dem Gut, bei meinem Schatz./ "Ich bin froh, dass du Zeit entbehren willst, um dich mit uns zu treffen. Prinz hin oder her, du bist mein Freund, und ich würde dich vermissen."

Es freute Niel sehr, dies zu hören. Er erglühte und nickte munter. "Und ich werde mich immer wieder auf eure Besuche freuen. Ah, das ist es! Ich schenke euch einen Gleiter! Dann könnt ihr schneller herkommen, wie ist die Idee?"

Er begann, den Gedanken wirklich gut zu finden. Er wusste, dass Jeremis und Milan Freunde auch in sehr entlegenen Orten auf Jume hatten und Jeremis es nie schaffte, diese einmal zu besuchen, weil er eben zu lange brauchen würde. Doch mit einem eigenen schnellen Gleiter könnten er und Milan bestimmt auch die entlegensten Orte auf Jume besuchen, selbst wenn sie nicht soviel Zeit vom Gut fortgehen wollten.

"Ich werde euch einen Gleiter zukommen lassen, keine Widerrede! Ich hoffe, dass..." Ein jumenischer Bote unterbrach den Prinzen durch sein Auftauchen, und Niel wendete sich ihm seufzend zu, ohne zu Ende zu sprechen.

Der hoch gewachsene Bote verneigte sich leicht. Er trug hellgrüne Kleidung, was bedeutete, dass er direkt vom König kam. Niel ahnte, dass seine Freizeit soeben beendet wurde und seufzte, während er ein Handzeichen gab, um den anderen zum Reden zu bewegen.

"Ihr Vater wünscht Sie zu sprechen. Sofort." Eine weitere Verneigung und schon war der Bote wieder fort. Ein wenig zu unfreundlich, wie Niel fand, aber vermutlich hatte er auf diesen Diener seines Vaters keinen Einfluss, und so vergaß er seinen Ärger gleich wieder.

Bedauernd erhob er sich. "Trinkt den Tee noch aus, ich muss leider fort."

Er umarmte Milan noch einmal schnell und drückte Jeremis die Hand, dann ließ er sich von einem Diener, der aus dem Nichts erschienen war, einen Umhang geben und verschwand über einen der Plattenwege, nachdem er ein letztes Mal gewunken hatte.

Milan seufzte leise, als er ihm hinterher sah. "Ich glaube, wenn ich mal wieder etwas mit ihm führen möchte, was den Namen Unterhaltung wirklich verdient, muss er uns auf dem Gut besuchen. Hier hat er ja alles, nur keine Zeit!"

Er trank seinen mittlerweile nicht mehr allzu warmen, dafür aber sehr süßen Tee aus und zog Jers Hand, die er noch immer hielt, an die Lippen. "Du magst ihn nicht besonders? Ist es, weil ich mit ihm zusammen war?" Sein Blick wurde nachdenklich, für einen Moment war er versucht, den Tempel anzusprechen, den Niel erwähnt hatte, aber dann ließ er es doch. Jer würde darauf zurückkommen, hoffte er, wenn er dafür bereit war und vielleicht nicht unbedingt im Palast. Stattdessen grinste er. "Das klingt fast wie Kenny."

Jeremis beobachtete, wie Milan seine Fingerknöchel mit den Lippen berührte und erschauderte. Langsam erwiderte er endlich "Ich mag ihn... Nicht so gern wie du, aber ich bin nicht gegen ihn, Liebling."

Wenn sie nicht mit Sicherheit von einer nicht unerheblichen Anzahl von Agenten beobachtet würden, dann hätte er seinen Geliebten jetzt an sich gerissen und einige ungezogene Dinge mit ihm angestellt. Er war glücklich wie nie zuvor. Milan hatte Niel gesagt, dass er bleiben wollte. Er hatte es sogar mit seiner Liebe für Jeremis begründet. Was konnte ein Mann sich mehr wünschen?

Er lächelte Milan an und murmelte ihm leise zu "Ich liebe dich... egal wie eifersüchtig du noch werden magst." Er umfing die schmalere Gestalt seines Gefährten mit einem Arm und zog ihn einen der Plattenwege entlang, auf dem bereits ein Diener wartete, um sie zum Tor zu bringen. "Komm, wir fahren jetzt erst einmal nach Hause."

Es stellte sich tatsächlich heraus, dass sie dies in ihrem eigenen Gleiter tun konnten. Der wartete schon am Tor, als der Diener sie nach einem umständlichen Umweg durch sämtliche Gänge des Palastes geführt hatte. Jeremis bemerkte den hellroten, kleinen Gleiter mit den violetten Streifen zuerst und erschauderte. Typisch für ein ajester Modell hatte dieses Gefährt eine Unmenge von Schnickschnack, der in der Sonne glänzte, blinkte und zum Auffallen gemacht war.

Aber es war das Geschenk des Prinzen, der seinen Milan gerettet hatte im Dschungel, der ihn zu seinem Gut gebracht hatte, der es hinbekommen hatte, dass er und Milan sich nun liebten. Dankbarer hatte Jeremis sich nie zuvor gefühlt, als er die schlanke Metallkarte von dem Boten in die Hand gelegt bekam.

"Milan, willst du fahren?" Schmunzelnd beobachtete Jeremis, wie sich Erinnerungen an das Verkehrschaos in Jumelaans Luft in Milans Zügen wiederspiegelten. Rasch öffnete er die Türen ihres Geschenkes und hielt Milan die Beifahrertür auf. "Steig ein, Liebling. Ich wollte dich eh noch zu jemandem bringen." Er würde von Sian erzählen müssen, dann konnte er es auch gleich tun.

Milan lächelte, als er sich in den Sitz fallen ließ. Wenn sich Niel etwas in den Kopf gesetzt hatte, wurde das sofort erledigt. Egal, was es war. Zwar wünschte er sich dringend jemanden, der gut mit Airbrush umgehen konnte, oder wenigstens mit Lack und einem Pinsel, denn er fand die Farbkombination ziemlich schrecklich, aber das war nichts, was sich nicht beheben ließe.

"Also, bevor ich mit einem dieser Dinger fahre, sollte man mir zuvor vielleicht erklären, wie man sie fliegt. Zudem muss ich meine ersten Stunden nicht unbedingt in der Hauptstadt absolvieren." Er lachte und streckte die Beine aus, sah zu Jeremis hinüber, seinem Jeremis, der manchmal so wunderbar Kavalier sein konnte, immer verständnisvoll und viel zu geduldig und damit exakt das, was er selber brauchte. Der ihm gerade schon wieder gesagt hatte, dass er ihn liebte und... Milan beugte sich zu ihm, um ihn zu küssen.

"Und ganz egal, wohin du mich bringst, mit dir fahre ich auch ans Ende der Welt", schmunzelte er und küsste ihn erneut, ehe er sich wieder auf seinen Platz setzte.

Jeremis spürte, wie er entgegen seiner Gewohnheiten direkt einmal rot wurde. "Hör auf, du machst mich ganz verlegen..."

Er betrachtete, um sich abzulenken, erst einmal die Armaturen und stellte fest, dass es im Grunde auch nur der Transportgleiter war, den er von den Minen zur Stadt hatte fahren müssen. Er nahm sich die Zeit, um Milan noch einmal zurück zu küssen, dann stellte er den Gang auf Fahren und gab den Antigravitationsschub drauf. Schon erhob sich das Fahrzeug vom Boden und gondelte schwankend durch das Tor und in Richtung Innenstadt davon.

Während sie im nicht allzu dichten Verkehr dahinglitten, erklärte Jeremis Milan die Regeln, die man beachten musste, wenn man über Jumelaan fliegen wollte. "Siehst du die orangefarbenen Lichter, das sind die Positionslampen. Die meisten neuen Gleiter richten sich automatisch aus, so dass man nicht ständig lenken muss. Die grünen Lichter sind Abbiegepunkte. Kreuzungen wie zu Lande gibt es nicht; wenn man abbiegen will, muss man rasch genug auf grün umschalten, dann fliegt der Gleiter von allein den Bogen. Es ist wirklich lei... Oooh, verdammt! Hier ist unsere Abbiegestelle!"

Mit einem scharfen Manöver konnte Jeremis den Gleiter noch gerade eben so dazu bewegen in die schmale Spur in Richtung des Shaatempels abzubiegen. "Wir fliegen zum Shaatempel. Niel hat es ja schon gesagt, ... Ich vermute einmal, dass er uns hat beobachten lassen. Ich war in den letzten Tagen einige Male im Tempel. Es hat mich dorthin gezogen, weil ich jemanden um Rat fragen wollte... deinetwegen."

Jeremis sah Milan einen Moment lang nachdenklich an. "Ich wollte wissen, ob ich dich verliere." Er parkte ihr auffälliges Gefährt zwischen zwei Mietgleitern, vermutlich von ajester Touristen, die nach der Hochzeit noch immer in Jumelaan umher fuhren, dann drehte er sich zu seinem Freund um.

"Ich hab Angst gehabt in den letzten Tagen. Schrecklich Angst. Nicht davor, dass ich wieder allein bin, wenn du fort fliegen solltest, sondern davor, wieder ohne dich sein zu müssen. Das konnte ich mir nicht mehr vorstellen. Ich hatte so große Angst, dass ich etwas gemacht habe, was ich sonst nie tun würde. Ich habe einen Seher besucht. Sein Name ist Sian."

Er zögerte, aber drückte Milans Finger einmal schnell, bevor er erklärte "Sian ist schon sehr alt, älter als Niel allemal, er weiß sehr viel. Ich habe ihm von dir erzählt, und er war so neugierig, dass ich dich vorstellen möchte. Magst du ihn kennen lernen?"

"Meinetwegen." Doch in dem Moment war Milan dieser Seher vollkommen egal. 'Schrecklich Angst... davor, wieder ohne dich sein zu müssen.' Er hatte gewusst, dass Jeremis Angst gehabt hatte, dass er unter seiner Unentschlossenheit gelitten hatte. Aber dass er es ihm jetzt so direkt, so ehrlich sagte, brachte ihm die furchtbare Lage, in der Jer gesteckt hatte, noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen. /Nicht das Alleinsein, sondern ohne mich zu sein.../

Er konnte einfach nicht anders, er rutschte zu Jeremis, schlang die Arme um seinen Geliebten und drückte ihn an sich.

"Ich lasse dich nie mehr allein, mein Schatz", versprach er mit rauer Stimme und spürte die Enge in seiner Kehle. "Ich verlasse dich nicht. Niemals."

Jeremis schloss die Augen und zog Milan in seine Arme. "Ich will dich auch nie wieder gehen lassen, Liebling." Er drückte Milan noch einmal an sich und streichelte ihm einen Moment lang über die Haare, dann rückte er von ihm ab. "Wir besuchen Sian kurz, dann sagen wir Raoul und Kenny auf Wiedersehen und fliegen so schnell wir können nach Hause! Ja?"

Milan nickte und lächelte. "Nach Hause. Ja. Das klingt gut." Und das tat es wirklich, denn er meinte, was er sagte. Das Gut war jetzt wirklich sein Zuhause. Er schob seine Hand in Jeremis' und folgte ihm in den Tempel.

Der Weg durch die Gärten des Shaatempels war Jeremis schon bekannt. Er war ihn oft gegangen, nie war er jedoch mutig genug gewesen, sich seinem ehemaligen Geliebten zu stellen, bis zum vergangenen Tag. Sian wirklich unter die Augen zu treten, selber deutlich älter geworden, während dieser noch immer so kindlich und unbeschwert wirkte wie vor der ganzen Zeit, hatte Jeremis schwierig gefunden, unmöglich; nun aber, mit Milans Fingern in seinen, waren die Schritte leicht.

Er wollte Sian mit Milan bekannt machen, wollte, dass diese beiden sich trafen und ihre Leidenschaft für Bücher in dem anderen wiedererkannten. Er wollte Milan zeigen, dass es eine Möglichkeit gab, weiterhin zu lernen und zu lehren, auch auf Jume. "Da vorn ist es, dort ist Sian immer zu finden!"

Da war er wirklich. Er saß wieder im Schatten einiger Büsche, erneut in einen Schwarm von Schmetterlingen gehüllt und lächelte ihnen entgegen. "Jeremis und... Milan. Willkommen, willkommen! Gute Güte, er hat wirklich Augen wie Vilasteine! Sie leuchten wie Sonnen. Du bist ein solcher Glückspilz, Jer!"

Sian zwinkerte ihnen zu, flirtete und machte Komplimente, wie alle anderen Ajester, doch hinter seinem unbeschwerten Lachen drang er in ihre Gedanken ein, Jeremis konnte es deutlich spüren. Nervös sah er zu seinem Schatz, ob dieser es auch merkte. Doch Sian unterbrach sie, indem er sich bei Milan vorstellte und ihm sogleich seine Büchersammlung präsentieren wollte.

Milan fühlte sich wohl hier. Er hätte nicht gedacht, dass er sich mit diesem speziellen Ajester gut verstehen würde, nicht nach Niels Andeutungen, doch er war auf jeden Fall viel umgänglicher als jeder Jumer, den er bis jetzt kennen gelernt hatte. Und seine Begeisterung, sein Flirten erinnerte ihn an seinen kleinen Prinzen. Milan fand nicht, dass er so alt wirkte, wie er sein sollte, was auch immer sein genaues Alter war. Einmal abgesehen davon war er Büchern auch nie abgeneigt, und so zeigte er sich sehr begeistert.

Sian und Milan waren schon bald in eine eifrige Konversation um Bücher, deren Inhalte, die verschiedenen Sprachen der Erde und auf Jume und natürlich um die Bestände der Bibliothek des Shaatempels verstrickt. Jeremis wurde augenscheinlich nicht mehr gebraucht und vergnügte sich damit, Milans freudigen Ausrufen zuzuhören und dabei seine Aussprache einiger ajester Worte zu genießen.

Erst nach einigen Stunden ließ Sian sie gehen, aber nicht, ohne Jeremis und Milan zuvor zu umarmen und ihnen augenzwinkernd zuzuflüstern "Ich freue mich so, dass ich nun doch noch einen Menschen von der Erde so kennen lernen durfte, wie ich immer glaubte, dass sie wirklich sind. Es ist wundervoll, Jeremis! Ich liebe diese Neugierde und Freude an den Büchern, die ich an deinem Schatz sofort habe sehen können. Während wir uns hier unterhalten haben, habe ich mir erlaubt, euch ein kleines Geschenk zum Dank für diesen schönen Nachmittag zu machen. Kommt mir recht bald wieder."

Noch einmal umarmte er Jeremis und küsste ihn auf die Wange. Jeremis meinte, seine Gedanken in sich flüstern und lachen zu hören und lächelte auch, bevor er die deutlich besitzergreifenden Finger seines Geliebten spürte, der ihn einmal mehr hitzig gestimmt in Richtung der Parkplätze zerrte.

Als sie an ihrem wundervoll auffälligem Gefährt ankamen, waren gerade einige Novizen damit beschäftigt, die letzten zwei Kisten mit Büchern in den Laderaum zu schieben. "Das sind alle, wir haben es geschafft."

Jeremis blinzelte erstaunt, aber verstand nun, wieso Sian alle Bücher, die Milan hatte lesen können, beiseite gelegt hatte. /Ich danke dir so sehr! Du willst Milans Entscheidung auch belohnen, nicht wahr?/ Er wusste nicht genau, ob Sian ihn hatte hören können, aber nahm sich vor, es ihm beim nächsten Besuch auch noch einmal zu sagen.

Milan schwieg, aber seine Augen leuchteten. Am liebsten hätte er auf dem Absatz kehrt gemacht, um sich bei Sian zu bedanken, doch als Jeremis einstieg, folgte er ihm. Bei ihrem nächsten Besuch in Jume würde er noch ausgiebig Zeit dafür haben.

Sie packten ihre wenigen Dinge recht schnell in den Gleiter und fuhren nach einem kleinen Abschiedsessen mit Raoul und Kenny in der Dämmerung noch von Jumelaan fort, immer an dem orange markierten Hauptweg entlang in Richtung der Berge.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh