Zwischen den Welten

45.

Cahals Gesicht war äußerst zufrieden, als er den Bildschirm ausschaltete. Es hatte ihn einiges an Diplomatie und Geschick gekostet, doch das Ergebnis war mehr, als er erwartet hatte. Zumal das beste daran war, dass Niel noch nichts davon wusste.

Er streckte sich und gähnte, sah zu dem Fenster seines Arbeitszimmers hinaus und in den blauen Himmel, über den wie meistens in Jumelaan nur ein paar kleine Wölkchen zogen. Mit einem Lächeln stand Cahal auf. /Wunderbar.../ Es hatte ihm nie viel ausgemacht, auch monatelang durchzuarbeiten. Und es hatte Zeiten gegeben, da hatte er Jahre am Stück nichts genommen, was Urlaub auch nur im Entferntesten glich.

Doch seit er mit Niel zusammen war, merkte er unangenehm, wie wenig Zeit er im Grunde genommen hatte. Er sah seinen Schatz für seinen Geschmack viel zu selten. Dann war jetzt auch noch die Hochzeit des Königs dazu gekommen, was natürlich einen besonderen Einsatz erforderte und nun hatte er vier Wochen Urlaub. Ebenso wie Niel.

Gut gelaunt lief er ins Wohnzimmer, wo sein Geliebter müde auf dem Sofa lümmelte und sich von den morgendlichen Ritualen zu erholen versuchte, indem er sich durch das uninteressante Programm schaltete und Saft trank. Schlafen lohnte sich nicht mehr, in einer halben Stunde musste er sich für den nächsten Termin fertig machen wie er dachte.

Cahal lachte leise, als er die orangefarbenen Roben sah, die unordentlich über den Boden verteilt waren. Er stützte sich mit den Ellbogen auf der Rückenlehne ab und sah auf seinen nackten Liebling hinab, der mittlerweile wieder ein einigermaßen normales Gewicht erreicht hatte, so dass nicht jede Rippe anklagend unter seiner blassen Haut hervorstach.

"Du siehst müde aus, Engelchen", lächelte er und verlagerte das Gewicht ein wenig, als Niel träge zu ihm hoch sah. Er streckte einen Arm aus und wuschelte ihm durch das dunkelblonde, schon wieder vollkommen zerzauste Haar. "Dann habe ich jetzt eine traumhafte Nachricht für dich. Der nächste Termin ist abgeblasen, ebenso wie alle anderen diesen Tag. Verlegt, um genau zu sein." Er tippte auf Niels kleine Nase, während sich sein Lächeln vertiefte. "Und zwar um vier Wochen."

Niel gähnte hinter einem Lächeln, weil er es mochte, wenn Cahal ihn 'Engelchen' nannte. Er wollte ursprünglich wegwerfend erwidern 'Ja, ist mir auch recht', weil er annahm, dass Cahal einen kürzeren Zeitraum nennen würde. Als dieser jedoch mit dem Ausdruck 'Wochen' endete, riss Niel seine Augen auf und blinzelte seinen Geliebten fassungslos an.

"Waaaaas? Wie hast du das denn hinbekommen?" Mit einem Mal erheblich wacher sprang er auf und zog Cahal noch einmal an sich, um ihn zu küssen. Es war kein übler Scherz, denn Cahal pflegte nicht zu scherzen, das war ihm schon klar. "Vier Wochen? Sind wir so lange frei? Ja?"

Cahal lachte, vollkommen zufrieden mit der Wirkung, die diese Überraschung auf seinen Geliebten hatte. Er drückte ihn an sich und erwiderte dessen Küsse eine Zeitlang regelrecht übermütig, ehe er ihn ein wenig auf Abstand schob. "Vier Wochen. Ja. Ich habe hier ein paar Gespräche gehabt, dort ein paar Diskussionen, aber schließlich konnte ich alle davon überzeuge, dass wir beide uns ein wenig Ruhe verdient haben."

Spielerisch stupste er Niels Nase mit seiner an und grinste. "Irgendwann hat sogar dein Vater eingesehen, dass er und das Reich eine Zeitlang ohne uns überlebensfähig sind. Vier Wochen Ruhe, mein Schatz. Vier Wochen nur du und ich. Es sei denn natürlich, du wehrst dich jetzt mit Händen und Füßen dagegen."

Den empörten Aufschrei, der in ein glucksendes Lachen überging, und die versuchte Kitzelattacke wertete Cahal als Zustimmung zu seinem Plan und revanchierte sich mit einem Gegenangriff. Und die darauf folgende Jagd quer durch den gesamten privaten Komplex war nicht wirklich dazu angetan, das seriöse, strenge Bild des großen Generals und das des pflichtbewussten Thronfolgers aufrecht zu erhalten. Doch es sah sie keiner.

 

Jeremis bemerkte das neue Problem mit dem Gleiter erst, als sie schon auf den Hof einflogen. Wohin sollte man ihn denn abstellen? Er hatte niemals damit gerechnet, sich einen derartigen Luxus leisten zu können. Endlich entschloss er sich, das neue Gefährt zu den Erntemaschinen in die Scheune zu fahren, bevor Schnapper noch durchdrehte.

Das dunkle Gebell und die überall im Haus eingeschalteten Lichter zeigten ihm jedoch sehr deutlich, dass der Rest der Familie bereits von ihrer Rückkehr informiert war. Seufzend stellte er den Antrieb aus und drehte sich zu Milan, der merkwürdig still geblieben war.

Jeremis lächelte leicht und seufzte unbewusst. Sein Schatz schlief, war durch das Gerumpel und die Lichter noch nicht aufgeweckt worden. Vorsichtig nahm Jeremis ihm das Buch vom Schoß und legte es in den Karton auf der Ladefläche zurück. Dann lehnte er sich dichter zu Milan hinüber und streichelte ihm einige Haarsträhnen aus der Stirn.

"Aufwachen, Schlafmütze", flüsterte er und betrachtete das entspannte Gesicht liebevoll.

Milan musste wirklich erschöpft gewesen sein, denn er gähnte, aber rührte sich noch immer nicht wirklich, wehrte sich anscheinend gegen das Aufwachen. Jeremis seufzte erneut, dann ging er um den Gleiter herum und öffnete die Beifahrertür. Vorsichtig zog er Milan aus dem Sitz und bewegte ihn zum Aufstehen, was dieser im Halbschlaf auch tat. "Mein Liebling, wir sind Zuhause, komm schon."

Milan blinzelte müde, doch dann huschte ein schläfriges Lächeln über sein Gesicht, und er lehnte sich an Jeremis, ohne sich jedoch auch nur einen Schritt von der Stelle zu bewegen.

"Zu Hause klingt gut", murmelte er. "Mein Bett. Mit meinem Jeremis. Kuscheln. Schlafen."

Jeremis lachte leise, dann klemmte er sich ihre Tasche unter den einen und seinen müden Geliebten unter den anderen Arm. Er brachte Milan ins Zimmer hoch, wo dieser schläfrig im Bad verschwand. Dann ging er die Treppe wieder hinunter und begrüßte Schnapper, anschließend erst Hame und Kees, die beide erst einmal den Gleiter in Augenschein genommen hatte.

"Wir hatten doch gesagt, dass du kein Geld verschwenden sollst, Jer!"

"Toll! Toll! Ich finde es großartig, so können wir endlich einmal wieder unsere Verwandten besuchen fahren!"

Die Meinungen seiner beiden Angestellten waren einmal mehr so unterschiedlich, wie es ging.

Jeremis erzählte in einer ultrakurzen Form, wie sie in Jumelaan zu dem Gleiter gekommen waren, dann bat er Ruhe am nächsten Morgen für sich und Milan aus, worauf Hame schnippisch und verdammt frech bemerkte "Wenn ihr auch ruhig seid... Gute Nacht."

Kees huschte flüsternd hinter ihr her, und Jeremis konnte ihr Lachen noch hören, während sie schon ihre Flurtür demonstrativ schlossen. Ebenfalls lächelnd prüfte Jeremis die Türen wie an jedem normalen Abend, bevor er zu seinem Schlafzimmer hinaufging.

Milan hatte es mittlerweile geschafft, sich zu duschen und umzuziehen und war in Folge des vielen Wassers doch noch einmal erstaunlich wach geworden. Er hatte Jer bereits einen frischen Schlafanzug raus gelegt und wartete schon im Bett auf ihn. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als sein Geliebter die Tür öffnete. "Ich bin zu Hause. Ich habe mein Bett. Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch eines zu meinem Glück. Oder eher einer."

Jeremis lächelte ihm müde zu und murmelte die Hose abstreifend "Ich bin gleich bei dir. Aber eine Dusche werde ich auch noch brauchen, Schatz." Er legte seine Kleidung auf den Stuhl neben der Tür zum Bad und streckte seinen Rücken durch. "Das war doch eine lange Tour, nicht so langweilig wie mit dem Transportschiff, aber mein Rücken bedankt sich."

Unwillkürlich glitten Jeremis' Finger über seine Hüfte und über die Narben, die sich von dort zur Wirbelsäule zogen, aber sein nächster Gedanke lautete /Milan findet sie nicht schlimm... Ein Teil von mir, hat er gesagt./ Er drehte sich in der Tür um und blickte noch einmal zurück, wo Milan zwischen den frischen Laken lag und ihm mit halb geschlossenen Augen zusah.

/Verdammt, wie kann man jemanden wie mich nur so sehr lieben?! Womit hab ich soviel Glück nur verdient?/ Aber er ging, statt Milan nach einer Antwort zu fragen, ins Bad und duschte sich mit heißem Wasser die Schmerzen aus dem Kreuz.

Jeremis hatte es trotz seiner Müdigkeit und seiner Sehnsucht nach Milan nicht eilig, sondern genoss es mit einem Mal, zu Hause zu sein. Er strich die Rahmen um seine Spiegel liebevoll entlang, legte die Handtücher über den Trockner und räumte die Seifen in das Regal, ohne es wirklich zu müssen.

Am nächsten Morgen würde Milan wieder durchwirbeln und sie alle rausholen, alle Flaschen aufdrehen, weil er sich immer erst, nachdem er daran gerochen hatte, für eine Seife entscheiden konnte. Jeremis lächelte bei dem Gedanken und ging schließlich zu seinem Schatz ins Schlafzimmer rüber, um sich endlich zu ihm zu legen.

Milan hob die Decke an und ließ Jeremis darunter kriechen und sich zurecht rücken, ehe er sich zu ihm rollte und sich an ihn schmiegte, an Jers Schulter gekuschelt, einen Arm über dessen Brust. Er nahm dessen vertrauten Geruch wahr, spürte seine Wärme, hörte seinen Herzschlag und seinen Atem.

Zufrieden seufzte er auf und streckte sich noch einmal, um ihn zu küssen. Dann sah er auf ihn hinab, und sein Glück und die Zufriedenheit leuchteten aus seinen Augen.

"Ich habe die einzig mögliche Wahl getroffen, mein Schatz", sagte er schließlich mit einem Lächeln, während er in das offene Gesicht seines Freundes sah und all die Kleinigkeiten registrierte, die er so sehr liebte. "Wenn ich zurück zur Erde gegangen wäre, wäre ich auf ewig allein geblieben und hätte immer nach dir gesucht, ohne zu wissen, dass ich dich niemals finden kann."

Jeremis schloss die Augen und versenkte sein Gesicht in Milans dichten Haaren. Sachte streichelte er über den Rücken und die Schultern seines Geliebten, bevor er leise flüsterte "Sian hat mir gesagt, dass der Richtige für mich aus dem Nichts herabfallen würde." Jeremis lächelte. "Dann hat er gesagt, dass es gleich dem Feuer der Vila sein würde, mit ihm, in ihm und in mir und... Verdammt noch mal, er hat so sehr Recht!"

Er zog Milan noch fester in seine Arme und flüsterte direkt an sein Ohr "Ohne dich wäre es eisig geworden in mir." Er ließ seinen Worten vorsichtige Küssen folgen, mit denen er Milans Hals, seine Wangen und schließlich seinen Mund abtastete.

Milans Lider drifteten langsam zu, als er sich auf die wundervollen Worte konzentrierte, die Jeremis ihm sagte und auf die sanften Zärtlichkeiten, mit denen dieser ihn bedachte. Er erwiderte sie behutsam und ausgiebig, bis sie sich in einem langen, tiefen Kuss wiederfanden.

Als sie sich endlich wieder voneinander lösten, konnte Milan nicht anders als lächeln. Er schmiegte sich erneut eng an seinen Geliebten, während Jeremis nach dem Schalter angelte und das Licht löschte, um ihn dann wieder in den Arm zu nehmen. Und mit Jeremis' Herzschlag in seinem Ohr, mit dem sanften Auf und Ab von dessen Atem und den gleichförmigen Bewegungen der zärtlichen Hände auf seinem Rücken glitt Milan allmählich in den Schlaf.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh
~ Ende ~